“Beteiligt euch am Dschihad!” – Deutsche Islamisten in Somalia

von Florian Flade

Somalia entwickelt sich zu einem Hort des islamistischen Terrors. Auch Islamisten aus Deutschland tummeln sich am Horn von Afrika und werden dort zu Terroristen ausgebildet. Hiesige Sicherheitsbehörden beobachten diesen Trend mit großer Sorge.

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Solingen – Mittwoch, 29.Februar 2012: Eine Hundertschaft der Polizei rückte an. Die Beamten durchsuchten eine Hinterhof-Moschee an der Konrad-Adenauer-Straße im Zentrum von Solingen und zeitgleich drei Privatwohnungen im Großraum Düsseldorf. Sie waren auf der Suche nach einem brisanten Dokument – dem Testament eines Islamisten. Der Staatsschutz hatte wenige Tage zuvor einen Hinweis erhalten: ein junger Islamist aus Nordrhein-Westfalen, der häufig in einer Solinger Moschee verkehrte, plane vermutlich eine Reise in ein terroristisches Ausbildungslager im Ausland. Er habe bereits ein Testament verfasst, das nach seiner Ausreise der Familie übergeben werden soll, erfuhren die Ermittler.

Die Staatsschützer reagierten umgehend. Sie starteten eine Suche nach dem mutmaßlichen Islamisten und dem besagten Testament. Und sie wurden fündig. In der Solinger “Millatu Ibrahim – Moschee”, einem vor Wochen in die Schlagzeilen geratenen Islamisten-Treff, stießen die Ermittler auf eine Kopie des Testaments. Angaben zu etwaigen Terror-Plänen fanden sich darin allerdings nicht. Lediglich religiöse Floskeln zum Märtyrertod und den Pflichten eines Muslims waren in dem Dokument verfasst.

Dennoch hatten die nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden allen Grund zur Sorge. Der Verfasser des Testaments, ein junger Deutsch-Türke, den die Polizisten bei der Razzia in seiner Privatwohnung antrafen, stand offenbar tatsächlich kurz vor der Reise in den Dschihad, in den “Heiligen Krieg”. Nach Informationen der “Welt”, besaß der Islamist bereits ein Flugticket nach Ostafrika. Die Ermittler vermuten, der Mann wollte sich nach Somalia absetzen.

Der Solinger Fall weist auf einen neuen Trend hin, der deutsche Sicherheitsbehörden beunruhigt: Junge Islamisten wandern nach Somalia aus. Jahrelang war das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet Waziristan beliebteste Anlaufstelle für Islamisten aus Deutschland, die sich in Terrorlagern ausbilden lassen wollten. Dutzende radikale Muslime aus Hamburg, Bonn, Berlin oder dem Saarland reisten – teilweise mit Familie – über die Türkei und den Iran nach Pakistan.

Doch die Bergwelt Waziristans scheint mittlerweile erheblich an Attraktivität für die Terror-Rekruten aus Deutschland verloren zu haben. Der Traum vom Dschihad in Pakistan hat sich in den vergangenen Jahren zum Albtraum entwickelt. Die Lebensbedingungen in den dortigen Terrorlagern haben sich als derart katastrophal erwiesen, dass viele Dschihadisten die Region frustriert und desillusioniert verlassen haben. Zusätzlich, so stellen deutscher Ermittler fest, zehren die tödlichen Drohnenangriffe der USA an der Moral der islamistischen Gotteskrieger.

In Ostafrika hingegen entsteht derzeit ein neues Schlachtfeld für die Kämpfer der Al-Qaida & Co.. Seit zwei Jahrzehnten fehlt in dem von Bürgerkrieg und Dürre-Katastrophen gebeutelten Somalia jegliche staatliche Ordnung. Der gescheiterte Staat bietet daher islamistischen Fanatikern ein ideales Rückzugs- und Trainingsgebiet.

Die radikalislamische Miliz “Al-Shabaab” kontrolliert weite Landesteile und hat sich inzwischen als afrikanischen Ableger des Terrornetzwerkes Al-Qaida etabliert. Im Februar schworen die somalische Extremisten dem Al-Qaida Führer Ayman az-Zawahiri offiziell die Treue. Westliche Geheimdienste beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge. Somalia, so berichten deutsche Ermittler der “Welt”, hat Waziristan inzwischen als Trainingsstätte für Dschihad-Kämpfer aus Europa abgelöst.

Ausländische Islamisten kämpfen bereits seit Jahren in den Reihen der Al-Shabaab. Gotteskrieger aus Deutschland waren dabei bislang allerdings eher eine Ausnahme. Unter den sogenannten “Al-Muhadschirun” (ausländische Dschihadisten) befanden sich vor allem Exil-Somalier aus Großbritannien, Skandinavien, den USA und den Niederlanden sowie arabische und pakistanische Islamisten.

Wie aus deutschen Sicherheitskreisen zu erfahren ist, bemühen sich die Terrornetzwerke seit einigen Monaten verstärkt in der deutschen Islamisten-Szene Kämpfer für Somalia zu gewinnen. Obwohl bislang deutschsprachige Propagandavideos aus Somalia, wie sie seit Jahren aus dem pakistanischen Waziristan bekannt sind, ausblieben, gelingt die Rekrutierung deutscher Muslime mit einigem Erfolg. So sollen beispielsweise in somalischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen einige junge Männer erfolgreich angeworben worden sein. Ob ihnen bereits die Ausreise gen Somalia gelang, ist nicht bekannt.

Alarmierend sind die Zahlen der Dschihad-Touristen aus Deutschland aber bereits jetzt. Im vergangenen Jahr gab es nach Informationen der Sicherheitsbehörden sechs Ausreiseversuche deutscher Islamisten in Richtung Pakistan – nach Somalia hingegen zwölf. Die meisten jungen Männer scheiterten allerdings bei ihrem Trip in die Terrorausbildungslager. Sie strandeten in Ägypten oder Kenia. Nur vier von ihnen gelang nach Informationen der “Welt” 2011 tatsächlich die Reise nach Somalia.

Einer von ihnen ist Emrah E. aus Wuppertal, einer der meistgesuchten Terroristen Deutschlands. Gegen ihn ermittelt seit Oktober 2010 die Bundesanwaltschaft. Er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Der 24jährige Deutsch-Kurde hatte Deutschland im Sommer 2010 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Bünyamin verlassen und war nach Pakistan gereist. In den Terrorcamps im Stammesgebiet Waziristan schlossen sich Emrah und Bünyamin E. einer Terrorgruppe an und wurden zu islamistischen Kämpfern ausgebildet. Bünyamin E. und der Hamburger Islamist Shahab D. starben am 4.Oktober 2010 durch den Angriff einer US-Drohne. Das unbemannte Flugzeug der CIA hatte Raketen auf das von Emrah E. angemietete Haus nahe der Ortschaft Mir Ali abgefeuert, in dem die Islamisten gerade zu Abend gegessen hatten.

Emrah E., dessen damals schwangere Ehefrau und sein kleiner Sohn, überlebten den Drohnenangriff nur durch Zufall. Der Islamist hatte das Gebäude wenige Minuten vor dem Einschlag der Raketen verlassen. Ehefrau und Kind hatten in einem Nebenraum überlebt.

Angeblich gefrustet vom Dschihad meldete sich Emrah E. nur wenige Wochen nach dem tödlichen Raketenangriff mehrfach per Telefon beim Bundeskriminalamt (BKA) in Deutschland. Er verlangte als Kronzeuge behandelt zu werden und forderte Geld. Im Gegenzug bot er Insider-Wissen über angebliche Al-Qaida Anschlagspläne für Deutschland an. Die deutschen Behörden misstrauten dem Wuppertaler, der vor seiner Ausreihe mit einer Reihe von kleinkriminellen Delikten aufgefallen war, und lehnte das Angebot ab.

Emrah E.s brisante Informationen über angeblich kurz bevorstehende Terroranschläge sorgten dennoch dafür, dass der damalige Innenminister Thomas de Maizere am 17. November 2010 in einer eilig einberufenen Pressekonferenz eine landesweite Terrorwarnung erließ. Polizisten patrouillierten daraufhin verstärkt an deutschen Flughäfen und Bahnhöfen. Sogar der Berliner Reichstag wurde kurzfristig für Besucher gesperrt.

Auch wenn kein Anschlag stattfand, verteidigen Sicherheitsbehörden die damalige Reaktion auf die Anrufe von Emrah E. aus Pakistan. Dessen Hinweise auf eine angeblich in Deutschland aktive Terrorzelle der Al-Qaida passten erschreckend gut in das damalige Bild der Gefährdungslage, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Aus Angst von der Al-Qaida als Verräter gejagt und getötet zu werden, verließ der Verursacher der Terror-Panik, Emrah E., Anfang 2011 die pakistanischen Stammesgebiete. Seine Ehefrau schickte er samt Sohn zurück nach Deutschland. Er selbst aber flog mit einem Linienflugzeug von Pakistan über den Iran nach Kenia. Am Flughafen von Nairobi verloren deutsche Geheimdienste die Spur des Mannes, der ganz Deutschland im Herbst 2010 in Terrorangst versetzt hatte.

Jetzt ist er wieder aufgetaucht. Emrah E. lebt nach Informationen der “Welt” aktuell in Somalia und ist dort weiterhin als islamistischer Kämpfer aktiv. Den Kampf gegen die Ungläubigen hat der deutsche Islamist offenbar nicht abgeschworen. Im Gegenteil. Über das Internet hält Emrah E. nach Erkenntnissen der “Welt” weiter Kontakt zu Islamisten in Deutschland und wirbt hierzulande neue Kämpfer für den Dschihad an.

“Ich lese und verfolge die Nachrichten aus Deutschland”, schrieb Emrah E. vor kurzem in einer Internetbotschaft aus Somalia, “Beteiligt euch am Dschihad (…) und vergesst euren Bruder nicht! Macht Bittgebete, dass ich wieder gesund werde. Habe mich ein wenig verletzt.”

Neben dem Dschihad-Veteranen Emrah E. zeigten in jüngster Zeit auch vermehrt deutsche Islam-Konvertiten Interesse, Terrorcamps in Somalia zu besuchen – so etwa der 24-jährige Sascha B..

Vor zwei Jahren machte sich der zum Islam konvertierte Deutsche auf den Weg in den somalischen Dschihad – und scheiterte. B. reiste im September 2010 zunächst von Frankfurt am Main nach Kenia. Deutsche Sicherheitsbehörden, die den blonden Konvertiten als radikalen Islamisten einstuften, waren angesichts seiner Reisebewegungen alarmiert. Sie vermuteten B. plane sich nach Somalia abzusetzen. Bestärkt wurde der Verdacht durch einen Abschiedsbrief, den Sascha B.s Mutter nach der Abreise des Sohns gefunden hatte. Darin war zu lesen, er werde vermutlich nicht mehr lebendig nach Deutschland zurückkehren und wolle als “Märtyrer” sterben.

Die deutschen Behörden informierten umgehend die kenianischen Kollegen und gaben eine Warnung vor dem mutmaßlichen Islamisten aus Deutschland heraus. Sascha B. wurde daraufhin landesweit gesucht. In einem Hotelkomplex nahe der Küstenstadt Mombasa wurde er schließlich aufgespürt und festgenommen. Per Linienflug wurde Sascha B. nach Deutschland abgeschoben, allerdings hierzulande nie angeklagt. B. bestritt mit der Absicht ausgereist zu sein, in Somalia ein Terrorcamp zu besuchen. Heute lebt der deutsche Konvertit wieder in der Bundesrepublik.

Ähnlich wie Sascha B. scheitern derzeit noch viele deutsche Islamisten bei ihrer Reise in die Terrorcamps am Horn von Afrika. Doch dies könnte sich schon bald ändern, warnen Terrorexperten. Sobald feste Schleusernetzwerke etabliert und sichere Reiserouten abgeklärt seien, könnte der Strom der Terror-Rekruten aus Deutschland zunehmen.

Aktuell, so ist aus Sicherheitskreisen zu erfahren, stoßen deutsche Islamisten bei ihren Reisen nach Ostafrika noch auf beachtliche Schwierigkeiten: mangelnde Sprachkenntnisse, die Tatsache dass hellhäutige Personen in der somalischen Bevölkerung besonders auffallen und das Chaos der Stammesloyalitäten und undurchsichtigen Machtverhältnisse vor Ort. Unter Sicherheits- und Komfortaspekten für die westlichen Dschihadisten könnte sich Somalia also auch als ein zweites Waziristan herausstellen.

Die Strapazen der Anreise und die Herausforderungen vor Ort scheinen dennoch einige Dschihad-Enthusiasten nicht abzuschrecken. Erst jüngst gelang einem weiteren deutschen Islamisten die Reise nach Somalia – samt Ehefrau und Kind.

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