Monthly Archives: December 2012

“MyJihad” – US-Muslime kämpfen gegen Extremisten

von Florian Flade

In den USA kämpfen Muslime mit einer ungewöhnlichen Kampagne gegen Extremismus im Namen der Religion. “MyJihad” ist ein Projekt, das für mehr Toleranz unter Religionsgruppen wirbt.

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Quelle: myjihad.org

Wer dieser Tage in Chicago unterwegs ist, der wird auf einigen Bussen eine ungewöhnliche Werbekampagne entdecken. Junge Männer und Frauen, manche dunkelhäutig, einige mit Kopftuch, lächeln freundlich von Plakaten. Daneben Sätze wie: “Mein Dschihad ist es, Freundschaften über Differenzen hinaus zu bilden – Was ist deiner?”.

“MyJihad” heißt die Werbekampagne, die US-amerikanische Muslime des “Council on American-Islamic Relations” am 11.Dezember in Chicago starteten. Es ist ein bislang beispielloses Projekt im Kampf gegen Extremisten und Fanatiker in der Religion. Gerichtet gegen all jene, die den Islam missbrauchen und theologische Texte zum Zwecke der Gewalt und des Terrorismus interpretieren.

“Taking Back Islam”, den Islam zurück zu gewinnen, so das Hauptanliegen der Initiatoren. Gleichzeitig wollen sie für mehr Toleranz zwischen den Religionsgemeinschaften werben. Die Kampagne richtet sich dabei sowohl an Muslime als auch an Nicht-Muslime. Sie alle sollen mit dem Begriff “Dschihad” eben nicht jenen gewaltsamen Krieg gegen die “Ungläubigen” verbinden, wie ihn Al-Qaida, Hamas & Co. verwenden. Dschihad bedeute schließlich in allererster Linie nichts anderes als “Anstrengung”, “Einsatz” und den “Kampf mit sich selbst”, erklären die Initiatoren auf ihrer Webseite.

Und tatsächlich soll der islamische Prophet Mohammed einst erklärt haben, es gebe drei Kategorien von Dschihad. Den gegen sich selbst, den Kampf gegen den Teufel und den Kampf gegen den sichtbaren Feind. Wobei letzter als “kleiner Dschihad” bezeichnet wird. Oder wie es der Prophet nach einer Schlacht gesagt haben soll: “Wir kehren vom kleineren Dschihad zum größeren Dschihad zurück – dem Kampf gegen uns selbst.”

Das Projekt “MyJihad” erhält im Internet, bei Facebook, Youtube und Twitter, beachtlichen Zuspruch. Über 5.000 Fans zählt die “MyJihad”-Facebookseite mittlerweile. Auf Twitter nutzen User den Hashtag “#MyJihad” um kundzutun, was sie als ihre heilige Pflicht empfinden. Sie kreieren ihre eigenen Slogans.

“Mein Dschihad ist es, für dich zu beten, selbst wenn du gegen mich betest”, schreibt beispielsweise Twitter-Nutzerin. “Mein Dschihad ist es, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu bewerten”, lautet eine andere Twitter-Nachricht. Wieder andere twittern aus dem Ausland: “Mein Dschihad ist es, Demokratie nach Ägypten zu bringen.”

Die Kampagne, die bislang nur im Internet und auf Bussen in Chicago für Aufmerksamkeit sorgt, trifft bereits jetzt auf Gegenwind. Islamkritische Aktivisten der “American Freedom Defense Initiative (AFDI)” haben angekündigt eine Gegen-Kampagne zu starten. Sie sollen planen, Werbeflächen auf Bussen zu mieten und diese mit Zitaten von islamischen Extremisten wie Osama Bin Laden versehen.

 

Angriff in Bonn: Islam oder Zunge ab

von Florian Flade

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Bonn-Endenich. Der Stadtteil im Zentrum der ehemaligen Bundeshauptstadt gilt als nicht als Islamisten-Hochburg. Keine Gegend in der man eine Attacke islamistische Extremisten erwarten würde. Anders als beispielsweise in Bad-Godesberg, Kessenich oder in Tannenbusch.

Und doch wurde hier offenbar ein 24-jähriger Gaststudent Opfer eines Angriffs radikaler Salafisten. Der Inder war an Heiligabend gegen 22:10 Uhr auf dem Weg in eine Bar im Stadtteil Poppelsdorf, als er auf der Sebastianstraße von zwei Männern angesprochen wurde.

Wie der Mann der Polizei später erzählte, fragten ihn die Unbekannten nach seiner Religion. Er solle zum Islam konvertieren forderten sie anschliessend. Falls er dies nicht täte, müsse man ihm als Ungläubigen die Zunge abschneiden, drohten sie.

Der indische Student lehnte ab und ging weiter. Plötzlich, so berichtet er, schlugen ihn die beiden Unbekannten nieder. Einer der Männer habe ihn am Kopf gepackt, ein Messer gezückt und ihm in die Zunge geschnitten.

Anschliessend flohen die Angreifer mit einem Auto. Eine aufmerksame Passantin rief einen Rettungswagen als sie den am Boden liegenden, blutenden Studenten bemerkte.

Im Krankenhaus wurde der verletzte Inder stationär behandelt und konnte dann wieder entlassen werden.

Die Bonner Polizei hält die Schilderung des 24-jährigen zum Tathergang für glaubwürdig. Es sei von einem islamistisch motivierten Angriff auszugehen, heisst es. Daher hat der Bonner Staatsschutz und die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen übernommen.

Haben tatsächlich zwei Bonner Salafisten an Weihnachten versucht einen “Ungläubigen” zwangskonvertieren? Islam oder Zunge ab?

Noch steht nicht fest aus welchem Milieu die Täter tatsächlich stammen. Die Polizei sucht derzeit nach Zeugen. Einer der Täter soll circa 35 Jahre alt und 1,80m gross sein, soll lange, lockige Haare und einen langen Kinnbart haben. Zur Tatzeit trug der Mann dunkle Kleidung. Den zweiten Täter hat der indische Student nicht beschreiben können.

Dem Angriffsopfer zeigten die Polizeiermittler inzwischen Videoaufnahmen salafistischer Demonstranten, aufgenommen im Frühjahr. Sie hofften der Student könne darauf womöglich den oder die Täter identifizieren.

Wieder einmal gerät die Ex-Hauptstadt in die Schlagzeilen: Bonn und die Islamisten. Seit Jahren ist bekannt, dass sich junge Männer aus der Islamisten-Szene der Stadt nach Pakistan, Afghanistan und Somalia zogen um dort im Dschihad zu kämpfen.

Dutzendfach finden sich dschihadistische Propagandavideos im Netz, in denen die Bonner Brüder Yassin und Mounir Chouka, die Ex-Beamtin und Konvertitin Luisa S., oder das Al-Qaida-Mitglied Bekkay Harrach aus Bonn-Tannenbusch ihre Glaubensbrüder in der Heimat zu Terror und Auswanderung aufrufen.

Dann sind da die Bilder aus dem Mai dieses Jahres. Hunderte Salafisten attackierten Polizisten bei einer Demonstration rechter Islamhasser. Der radikale Deutsch-Türke Murat K. aus Hessen ging mit einem Messer auf Polizisten los, verletzte eine Beamtin und ihren Kollegen schwer. Dschihad auf deutschen Strassen, gegen Vertreter des Staates.

Zuletzt sorgte der Fund einer funktionsfähigen Bombe am Bonner Hauptbahnhof für Aufsehen. Die Rohrbombe war in einer blauen Reisetasche entdeckt worden und explodierte nur dank zu schwacher Batterien nicht. In Ermittlerkreisen werden Salafisten für den versuchten Anschlag verantwortlich gemacht. Die Fahndung nach den Bombenlegern läuft.

“Belastbare Hinweise”

von Florian Flade

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Neunzehn Sekunden Videoaufzeichnung einer McDonalds-Überwachungskamera, Zeugenbeschreibungen durch zwei Jugendliche und eine von der Polizei zerstörte Bombe – das sind die Hinweise, mit denen Ermittler seit zwei Wochen versuchen zu ermitteln, wer der mysteriöse Bombenleger vom Bonner Hauptbahnhof sein könnte.

Dass die Spur ins islamistische Milieu führt, scheint in Sicherheitskreisen weit mehr als nur ein Verdacht zu sein. Verfassungsschutzämter und Staatsschutzabteilungen sind angesetzt die Szene auf die möglichen Täter zu durchleuchten. Videoaufnahmen verdeckter Überwachungen wurden ausgewertet, Einzelpersonen in den Tagen nach dem Bombenfund teils rund um die Uhr überwacht. Insbesondere in den salafistischen Hochburgen im Rheinland, in Bonn und Solingen, hielten die Dienste Augen und Ohren besonders weit auf. Bislang ohne Erfolg.

Der terroristische Hintergrund des versuchten Anschlags hat inzwischen dazu geführt, dass der Generalbundesanwalt am 14.Dezember die Ermittlungen an sich gezogen hat. Die Bonner Bahnhofs-Bombe ist nun ein Fall für Deutschlands ranghöchsten Staatsanwalt und das Bundeskriminalamt. In Karlsruhe scheint man sich sicher zu sein, dass die Bombenleger radikale Islamisten sind. So heißt es in der Pressemitteilung vom 14.Dezember:

“Es liegen nunmehr zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich bei dem Geschehen um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung handelt (…) Es liegen belastbare Hinweise dafür vor, dass die verdächtige Person über Verbindungen in radikal-islamistische Kreise verfügt.”

Interessant wird es bei der Formulierung des Anfangsverdachts gegen jene tatverdächtige Person.

“Aufgrund dieser Umstände besteht der Anfangsverdacht, dass er als Mitglied einer terroristischen Vereinigung einen Sprengstoffanschlag verüben wollte (§ 129a Abs. 1, § 211, § 308 Abs. 1 bis 3, §§ 22, 23 StGB).”

Wer das Phänomen Terrorismus in Deutschland in den vergangenen Jahren aufmerksam beobachtet hat, dem wird auffallen, dass der GBA im aktuellen Fall offenbar nicht davon ausgeht, dass Terrorgruppen wie Al-Qaida, die “Islamische Bewegung Usbekistans” (IBU) oder die “Islamische Jihad Union” (IJU) das Attentat von Bonn in Auftrag gegeben, geplant oder durchgeführt haben. Der Verdacht liegt explizit auf § 129a.

Darin heißt es:

§ 129a
Bildung terroristischer Vereinigungen

(1) Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind,
1. Mord (§ 211) oder Totschlag (§ 212) oder Völkermord (§ 6 des Völkerstrafgesetzbuches) oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit (§ 7 des Völkerstrafgesetzbuches) oder Kriegsverbrechen (§§ 8, 9, 10, 11 oder § 12 des Völkerstrafgesetzbuches)

Der GBA wirft dem und den Tätern demnach vor, eine inländische terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Und nicht etwa Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung gewesen zu sein. Das lässt aufhorchen. Hieß es in doch in den Terrorprozessen der vergangenen Jahre stets, die Angeklagten seien Mitglieder von Terrrorgruppen im Ausland gewesen. Im Fall der “Sauerland-Gruppe” und der “Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle” beispielsweise wurde dies angeführt. Dort kam meist der § 129b StGB zum Tragen – der “Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland” umfasst. In den Anklagen lautete es häufig: “§ 129b i.V.m. (in Verbindung mit) § 129a”.

In Bonn scheint der Fall anders gelagert. Bislang jedenfalls liegen dem GBA offenbar keine Hinweise darauf vor, dass der Bombenleger Verbindungen ins Ausland etwa nach Somalia, Pakistan, Libyen oder Ägypten habe könnte oder von dort instruiert worden wäre. Und noch etwas ist durch die Formulierung des Anfangsverdachts klar: in Karlsruhe geht man von mindestens drei Tätern aus. Anders wäre eine terroristische Vereinigung in Deutschland juristisch nicht begründbar. Sie muss drei Mitglieder haben, um eine Vereinigung zu sein.