Monthly Archives: January 2013

Nachtrag zu “Salafistische Zahlenspiele”

von Florian Flade

PHOENIX_2013-1-30 16:59:9

Quelle: Phoenix

Vor rund zwei Wochen schrieb ich an dieser Stelle etwas zu den vielerorts kursierenden Zahlen bezüglich des salafistischen Personenspektrums hierzulande.

Aus den Meldungen und Äußerungen von Vertretern der Sicherheitsbehörden in den vergangenen Monaten war abzulesen: offenbar ist die salafistische Szene im Jahr 2012 angestiegen. Mancherorts, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, teils massiv. Von einer Verdopplung der Salafisten war dort die Rede.

Dass es sich hierbei tatsächlich, um einen bundesweiten Trend handelt, bestätigte heute nun auch offiziell der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen.

Im “Kamingespräch” des TV-Senders “Phoenix” sagte Maaßen, das Anwachsen der salafistischen Szene auf nunmehr 4.500 Personen, werde von den Behörden sorgsam beobachtet.

“Wir hatten 2011 rund 3.800 Salafisten in Deutschland. Im vergangenen Jahr waren es 4.500. Wir beschäftigen uns mit dieser Gruppe, weil sie sich auch als gewaltaffin gezeigt hat”, sagte Deutschlands ranghöchster Verfassungsschützer. “Das ist eine rapide wachsende Gruppe, die aus unserer Sicht gewaltaffin ist und die möglicherweise auch Einzelanschläge in Deutschland durchführen könnte.”

Wer an den Details zu den neuen Salafisten-Zahlen interessiert ist, sollte vielleicht einen Blick auf meinen Blogeintrag vom 06.Januar werfen:

Salafistische Zahlenspiele

Twitter löscht Al-Shabaab-Account

von Florian Flade

shabaab_twitter_2013-1-25 9:45:4

Das hatte nicht einmal Al-Qaida. Einen eigenen Twitter-Account. Die somalische Terrorgruppe “Harakat Al-Shabaab Al-Mujahidin” besaß genau das. Über Monate twitterten die Islamisten in englischer Sprache. Bekennerschreiben, Videolinks, angebliche Erfolgsnachrichten ihres Siegeszuges in Somalia. Zuletzt folgten über 21.000 Twitter-User der Al-Shabaab, die unter “HSM Press Office” twitterte.

Doch jetzt ist Schluss. Wer heute versucht, den Twitter-Account der somalischen Extremisten aufzurufen, der wird die Nachricht erhalten: “Account suspended”.

Offenbar hat sich der Kurznachrichtendienst nach Monaten der islamistischen Terror-Tweets dazu durchgerungen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Aus gutem Grund. Denn Al-Shabaab nutzte Twitter nicht nur um ihre extremistische Ideologie zu verbreiten.

Die Islamisten twitterten vor kurzem mehrere verstörende Fotoaufnahmen. Unter anderem von der blutverschmierten Leiche eines getöteten französischen Elitesoldaten. Der Mann starb während einer missglückten Befreiungsaktion, bei der ein von Al-Shabaab verschleppter französischer Geheimdienst-Agent befreit werden sollte.

In den vergangenen Tagen veröffentlichte Al-Shabaab ein Geiselvideo, das sechs entführten kenianische Soldaten zeigt. Über Twitter rief die Terrorgruppe die kenianische Regierung auf, einem Gefangenenaustausch zuzustimmen. Anderenfalls würden die Soldaten-Geiseln exekutiert.

“Die kenianische Regierung hat 3 Wochen, beginnend am 24.01.2013 um Mitternacht, um auf die Forderungen von HSM einzugehen, falls die Gefangene am Leben bleiben sollen”, heißt es in einem Tweet.

Möglicherweise war das Ultimatum und die quasi Live-Übertragung einer möglichen Hinrichtung Grund genug für Twitter, den Account der somalischen Dschihadisten zu löschen. Der letzte Tweet von Al-Shabaab war: “Das Ultimatum läuft am 14.02.2013 aus….die Uhr tickt”

Die Youtube-Botschaften von “Alpenkuh1″

von Florian Flade

In Stuttgart steht ein russisches Agentenpärchen vor Gericht. Zwei Jahrzehnte lang soll es spioniert haben. Kommuniziert wurde mit Moskau über Youtube-Kommentare – vor allem zu Fußballthemen.

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Wo würden Sie geheime Nachrichten verstecken? Vielleicht in einem Schließfach oder in verschlüsselten E-Mails? Wohl dort, wo sie keiner vermuten würde. Oder dort, wo sie angesichts tausender anderer Nachrichten nicht auffallen. Wo die Botschaften in der unendlichen Masse der Nachrichten untergehen.

Heidrun und Andreas Anschlag wählten beide Wege. Seit dem 15.Januar muss sich das Paar  vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht verantworten. Der Vorwurf der Bundesanwaltschaft wiegt schwer: Spionage für Russland.

Die Anschlags, deren wahre Identitäten bis heute nicht bekannt sind, leben seit mehr als 20 Jahren in der Bundesrepublik. Er arbeitete als Ingenieur, sie war Hausfrau. Das Paar lebte zuletzt in Marburg und hat eine gemeinsame Tochter.

Für die Ermittler der Abteilung Spionageabwehr im Bundesamt für Verfassungsschutz steht fest, dass die Anschlags nach außen hin jahrzehntelang eine Lüge lebten. In Wahrheit sollen sie Agenten des russischen Auslandsnachrichtendienstes SWR sein. Ihre Aufgabe war das Gewinnen von Informanten und das Beschaffen von brisanten Dokumenten, etwa über die Pläne der Nato.

Nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden kommunizierten die Anschlags regelmäßig mit ihren Auftraggebern in Russland. Während Andreas Anschlag seinem zivilen Beruf nachging, soll Heidrun Anschlag für die Kontaktaufnahme mit dem russischen Nachrichtendienst SWR zuständig gewesen sein.

Wie ein Satellit tief über dem Feindesland übermittelte sie an die “Bodenstation” in Moskau Berichte und empfing wohl auch genaue Anweisungen. Die Kommunikation erfolgte meist per Kurzwellenempfänger, der an den heimischen Computer der Anschlags angeschlossen war. Er decodierte die Nachrichten aus Moskau.

“Das ist alte Schule”, sagt ein Ermittler der deutschen Spionageabwehr der “Welt”, “so hat schon der KGB seinen Agenten Anweisungen übermittelt.”

Was der KGB für seine operative Arbeit noch nicht kannte, war das Internet. Doch genau auf diesem Weg tauschten die Anschlags kurz vor ihrer Verhaftung im Oktober 2011 geheime Botschaften mit dem russischen Auslandsnachrichtendienst SWR aus. Sie nannten diesen Kommunikationsweg “Linie D1″.

Das russische Agentenpärchen nutzte dazu die beliebte Videoplattform Youtube. Am 8. Mai 2011 soll Heidrun Anschlag dort unter dem Namen “Alpenkuh1″ ein Nutzerkonto eröffnet haben. Sie verbreitete keine neuen Videoclips sondern kommentierte lediglich die Filme anderer. Mal auf Englisch. Mal auf Deutsch. Bis zu ihrer Festnahme hinterließ “Alpenkuh1″ bei fünf verschiedenen Videos Kommentare.

Dabei hatte die russische Agentin wohl ein Faible für eine bestimmte Art von Videos. Solche über den portugiesischen Fußballstar Cristiano Ronaldo. Videoclips die Millionenfach angeklickt und zehntausendfach kommentiert wurden. Ihre Hinterlassenschaften fielen hier nicht weiter auf.

Die Kommentare von “Alpenkuh1″ allerdings, so sagen die Ermittler, waren geheime Botschaften an den russischen Auslandsnachrichtendienst SWR. Moskau las, was “Alpenkuh1″ auf YouTube hinterließ.

Und nicht nur das. Der SWR antwortete wohl auch, indem der Nachrichtendienste selbst Kommentare unter den Videos schrieb – unter dem Pseudonym “Cristianofootballer”. Genau einen Monat vor “Alpenkuh1″ hatte sich dieser Nutzer bei Youtube registriert und exakt immer die gleichen Videos kommentiert.

“Es ist ein sehr nettes Video und das Lied ist auch sehr gut”, schrieb “Alpenkuh1″ beispielsweise unter ein Youtube-Video über Fußballstar Cristiano Ronaldo. “Ein großartiger Dribbelkünstler und Fußballer in der Welt”, kommentierte “Cristianofootballer”.

An einem anderen Tag schrieb “Alpenkuh1″: “Er rennt und spielt wie der Teufel”. “Cristianofootballer” kommentierte “Na klar ist es nicht echt, aber sehr gute Werbung.”

Völlig banale Sätze und als Dialog gesehen, absolut harmlos. Nicht jedoch nach Erkenntnis der deutschen Spionageabwehr. Für die Ermittler steht fest: Hier schickten Spione und deren Auftraggeber Informationen hin und her. Öffentlich und trotzdem unauffällig.

Ein Ermittler berichtete in der vergangenen Woche vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht, die sinnfrei erscheinenden YouTube-Kommentare der russischen Agenten beruhten offenbar auf einer komplexen Codesprache. Die Abfolge der Satzzeichen, so der Ermittlungsführer des BKA, lasse sich in eine Zahlenfolge übertragen. Hinter jeder Zahl stecke eine abgesprochene Botschaft.

Die Anschlags und ihre russischen Vorgesetzten gaben sich bei ihrem Austausch über Youtube nicht einmal besondere Mühe ihre Wohnsitze zu verschleiern. “Alpenkuh1″ gab, an aus Deutschland zu stammen. “Cristianofootballer” registrierte sich als Nutzer aus Russland.

Durch die Berichterstattung über den spektakulären Fall der Anschlags sind inzwischen zahlreiche YouTube-Nutzer auf die mutmaßlichen Konten der Spione und des russischen SWR aufmerksam geworden. Hämisch und humoristisch hinterlassen sie Kommentare auf den Videokanälen.

“Hahaha genial! Hallo an den Geheimdienst!”, schreibt jemand an “Alpenkuh1″. “Alpha 3 an Alpha 5, bitte kommen”, spottet anderer YouTube-Nutzer. Während es an anderer Stelle eine gewisse Anerkennung mitschwingt: “Eins muss man den Russen lassen. Die Idee ist gar nicht mal so übel.”

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Der Artikel erschien ursprünglich am 18.Januar 2013 auf Welt.de

http://www.welt.de/politik/deutschland/article112870150/Die-Vorliebe-von-Alpenkuh1-fuer-Cristiano-Ronaldo.html