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Hussams Tod

von Florian Flade

Jede Revolution hat ihre Ikone. In Syrien könnte sie ein 25-jähriger Medizinstudent werden. Hussam A. starb im Kampf gegen die Schergen Assads. Zuvor hatte er jahrelang in Deutschland gelebt und bei friedlichen Protestkundgebungen gegen das Regime von Damaskus demonstriert. Jetzt wird Hussam von Freunden und Mitstreitern als Märtyrer der syrischen Revolution verehrt.

Rückblende: Hussam A. kam vor vor Jahren zum Studium nach Deutschland. Der gebürtige Syrer stammt aus Aleppo, jener Stadt, die in diesen Tagen Schauplatz blutigster Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Oppositionskämpfern ist. Hussam schrieb sich an der Universität Greifwald ein und lebte fortan in einem Studentenwohnheim. Als in Syrien der Aufstand gegen das Regime von Baschar al-Assad begann, wuchs in Hussam der Wunsch, die Revolution in seinem Heimatland zu unterstützen.

Er rief eine Facebook-Gruppe ins Leben, um den Protest in Syrien zu unterstützen. Aus der Ferne wollte er teilhaben am Kampf des syrischen Volkes gegen den Diktator. Im März 2011 zog es Hussam schließlich in sein Heimatland. Um den Arabischen Frühling nach Syrien zu tragen, verteilte der Student in Aleppo Flugblätter gegen Assad. Sein Wunsch: die Revolution sollte seine Heimatstadt erreichen. Doch das Regime bekämpfte seine Gegner schon damals mit aller Härte. Hussam wurde 17.März 2011 verhaftet und landete in einem Folterkeller von Assads Milizen. Die Sicherheitskräften des Regimes hätten ihn 30 Tage lang festgehalten. Er sei verprügelt worden, geschlagen mit Kabeln und Stöcken, hätten Zigaretten auf seiner Haut ausgedrückt.

“Das hat nichts gebracht, dass sie meinen Körper gequält haben” sagte Hussam dem ARD-Magazin “Weltspiegel”, damals noch anonym. Als seine Eltern ihn baten das Land zu verlassen, kehrte Hussam nach Deutschland zurück. Das Medizinstudium aber wurde augenscheinlich zur Nebensache. Hussam war nun ein begeisterter Aktivist einer Revolution, die in Syrien von Monat zu Monat wuchs. Er nahm an Protestkundgebungen in Berlin, Frankfurt und anderenorts teil, oft als Wortführer am Megafon.

“Wir demonstrieren immer noch. Wir bleiben auf diesem Weg, bis das Regime stürzt”, sagte Hussam am Rande einer Demonstration in Berlin im Juli 2011, “Wir wollen unsere Freiheit zurück haben! Bis das Regime stürzt bleiben wir auf der Straße, egal ob hier oder in Syrien!”

Irgendwann Ende 2011 entschloss sich Hussam nicht länger mit Plakaten und Sprechchören gegen den Machthaber von Damaskus ins Feld zu ziehen. In ihm wuchs offenbar die Frustration über die Zustände in seinem Heimatland. Das Regime versuchte mit immer brutalerer Härte den Aufstand des Volkes niederzuschlagen.

Hussam entschied, dass es nun Zeit war, zu handeln. Er kehrte nach Syrien zurück, heimlich, über die türkische Grenze. Seinen Eltern verriet er nichts von seiner Rückkehr. In Idlib schloss sich Hussam im Februar der “Freien Syrischen Armee” an, der größten Rebellengruppe des Landes. Viele desertierte Soldaten gehören zu ihr, aber auch religiöse Fundamentalisten.

Am 22.Juli kam Hussam mit seinem Kampfgefährten nach Aleppo. In den Straßen der Stadt patrouillierte er fortan in Kämpfermontur, mit Flecktarn-Uniform und Sturmgewehr. Er trug gefallene Kameraden zu Grabe, hielt feurige Reden und rief die Stadt auf, sich gegen Assad zu erheben. Aus dem friedlich demonstrierenden Studenten war ein Aufständischer geworden.

In Aleppo tobten schon bald heftige Gefechte zwischen Regierungstruppen und Milizen auf der einen Seite, und den Rebellen auf der anderen Seite. Assad ließ die Stadt von Kampfhubschraubern beschießen, in den Straßen und Gassen lieferten sich Hussam und die anderen Gefechte mit den Soldaten des Diktators.

Es war in den frühen Morgenstunden des 31.Juli, einem Dienstag, als Hussam einen verletzten Kameraden aus der Schusslinie ziehen wollte. So berichten Kampfgefährten im Internet. Dabei traf den 25-jährigen die Kugel eines Scharfschützen in den Kopf. Hussam war sofort tot.

Wenige Tage später tauchten die ersten Meldungen über den Tod eines Studenten aus Deutschland in Aleppo auf. Bald schon Fotos kursierten in Internetforen und bei Facebook. Sie zeigten ganz unterschiedliche Bilder von Hussam A.. Mal beim Skiurlaub mit Freunden, mal lächelnd mit Winterjacke und Schal oder mit dem Palästinensertuch bei Demonstrationen in Berlin. Doch da waren auch die anderen Bilder. Auf ihnen ist ein anderer Hussam zu sehen. Mit Bart und Gebetsmütze. Mit Sturmgewehr und Patronengürtel.

Und dann gibt es noch die verstörenden Aufnahmen seiner Leiche, veröffentlicht unter anderem bei Youtube. “Er verließ Deutschland und ging nach Syrien, um sich der Freien Syrischen Armee anzuschließen”, sagt ein Mann, der den Kopf des getöteten Studenten in einem Video streichelt, “Er ging gegen den Willen seiner Familie, um für die Freiheit seines Landes zu kämpfen.”

Im Internet feiern die Revolutionäre den “Märtyrer Hussam A.”. Der Medizinstudent aus Deutschland wird zu einer Ikone des Widerstandes. In unzähligen Kommentaren heißt es “Allah möge ihm die höchsten Paradiesstufen geben!” oder “Allah akzeptiere sein Märtyrertum”. Freunde und Sympathisanten änderten ihre Profilbilder bei Facebook. Sie zeigen jetzt Hussam den Märtyrer.

Bahrain´s Neda – Revolt Takes Violent Turn

by Florian Flade

Ahmad Farhan – Bahrain´s Revolutionary Symbol

Two days ago, the Kingdom of Saudi-Arabia invaded Bahrain by sending about 1,000 troops, tanks and armored vehicles into the small island state to help the Bahraini government fight the Shia-dominated uprising which began some weeks ago in the aftermath of the Egyptian, Tunisian and Libyan revolts.

Bahrain´s Royal family had requested support from their Saudi-Arabian neighbors in the crackdown of the anti-regime demonstrations which are labeled as a “Iranian led” insurgency. Saudi-Arabia, fearing its own internal turmoil and quickly isolating their own Shiite population from world media attention, finally decided to sent the army to Bahrain.

Yesterday, the King of Bahrain, announced a three-month emergency rule. The Bahrain revolt has now taken a more violent turn, reports of heavy fighting and casualties are coming not only from the capital Manama but also from Sitra, east of the main island.

Seven protesters and at least two or three Bahraini and Saudi-Arabian soldiers and policemen are reported to have been killed in recent days. One of the first casualties of the Bahrain uprising is now becoming a symbol figure similar to Iran´s Neda, Egypt´s Khalid Said or Tunisia´s Mohammed Bouazizi.

Ahmad Farhan, a 24 year-old from Sitra, was shot in the head by security forces on March 15 and died in the hospital, Dr.Ibrahim Youssef of Sitra Health Center said. A video showing the young men with his head shattered by bullets was distributed on the Internet, calling the young Bahraini a “Martyr of the Revolution”.

Bahrain, which the Iranian government sometimes calls its “14th province” is now becoming a bloody battlefield of the larger war between Sunni and Shia superpowers in the region.

Das “Grüne Buch” – Gaddafis Weltbild

by Florian Flade

Was ist Gaddafis „Grünes Buch“? Bei jeder Gelegenheit liest der libysche Despot aus seinem eigenen Werk – so auch bei einer Fernsehansprache am Dienstag. Doch was steckt hinter der mysteriösen Schrift, für die einst sogar eine deutsche Eishockey-Mannschaft warb?

Das “Grüne Buch” stets zur Hand – Muammar al-Gaddafi in TV-Ansprache am 22.Februar

Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi trotzt dem Volksaufstand in seinem Wüstenreich. Während in den Straßen Libyens Menschen sterben und das Regime stückweise aufzulösen beginnt, droht Gaddafi, er werde notfalls als “Märtyrer” sterben. Bei einer Fernsehansprache aus seinem einst von den USA bombardierten Anwesen, verhöhnte er die libyschen Demonstranten am vergangenen Dienstag als “Ratten” und “Drogenabhängige”.

Wie so oft, nahm Gaddafi bei dieser Gelegenheit ein grünes Buch zur Hand, aus dem er wie ein Pastor während der Predigt, vorlas. Die Schrift, vom Despoten selbst verfasst, bietet einen Einblick in die wirre Gedankenwelt des libyschen Herrschers.

Das legendäre “Grüne Buch” wird als Revolutionsschrift, als eine Art libysche Mao-Bibel, verstanden. Gaddafi veröffentlichte das dreiteilige Werk zwischen 1976-1979 und ernannte es zum Leitfaden seiner panarabischen Politik. Es sollte über Libyen hinaus zu einer globalen Kampfschrift einer abstrusen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Utopie werden, die ähnlich wie das “Kommunistische Manifest” Völker weltweit inspirieren sollte.

Das “Grüne Buch” beschreibt Gaddafis Deutung von politischen Systemen, Gesellschaft und Volkswirtschaft. Es enthält seine Theorien zu einem neuen Ordnungssystem. Der Despot nennt das Werk selbst die “Dritte Universaltheorie”, seine Vorstellung von einer Alternative zu Marxismus und Kapitalismus. “Das Grüne Buch präsentiert die ultimative Lösung des Problems des Instruments Regierung”, so erklärt Gaddafi seine angeblich wegweisende Schrift, “es zeigt den Massen den Weg, den sie einschlagen können, von einer Zeit der Diktator zu der einer wahrhaften Demokratie.”

Gaddafi publizierte das “Grüne Buch” in drei Teilen. Am 02.Februar 1976 erschien der erste Teil mit dem Titel “Die Autorität des Volkes”, und dann im Abstand von jeweils einem Jahr folgten “Die Lösung des ökonomischen Problems: Sozialismus” und “Die soziale Basis der Dritten Internationalen Theorie”.

An einigen Stellen beschreibt Gaddafi in seinem Buch tatsächlich politische und ökonomische Ansätze. Beispielsweise heißt es, eine parlamentarische Demokratie sei in Wahrheit eine Diktatur, weil ein Kandidat bei einer Wahl bereits mit 51 Prozent der Stimmen über das Schicksal des Volkes bestimmen könne. Als Alternative führt Gaddafi sein Konzept der “Volkskonferenzen” und “Volkskommittees” an, eine Form der Massendemokratie, die er formal in Libyen einführte, jedoch nie praktisch umsetzte.

In seiner Beschreibung einer Ideal-Gesellschaft erläutert der Despot unter anderem die Stellung von Frauen, die Rolle von Sport, Erziehung und Musik. “Der Stamm” wird in diesem dritten Teil des “Grünen Buches” von Gaddafi als “besser als die Nation” beschrieben. Nur Familienbände seien noch wichtiger als die Stammeszugehörigkeit.

Teils wirr und widersprüchlich, führt Gaddafi an mehreren Stellen des “Grünen Buches” offensichtlich überflüssige und kaum näher erläuterte Feststellungen an. Zum Beispiel heißt es über die Geschlechter: “Frauen sind Weibchen und Männer sind Männchen. Laut der Gynäkologen menstruieren Frauen jeden Monat während Männer, die ja männlich sind, nicht menstruieren oder unter der monatlichen Periode leiden.”

In Libyen wurde dem “Grüne Buch” Verfassungsrang verliehen. Die Schrift ist Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten. In der Hauptstadt Tripolis rief Gaddafi gar ein “Internationales Institut zur Erforschung und Verbreitung des Grünen Buches” ins Leben, das mit Staatsgeldern an der globalen Publikation der “Grünen Buches” mitarbeitete. Eine deutsche Übersetzung der Schrift erschien bereits 1988 und wurde im Jahr 2000 unverändert neu aufgelegt. Im Internet findet sich das “Grüne Buch” inzwischen in englischer Übersetzung im Volltext frei verfügbar.

Der deutsche Eishockey-Club ECD Iserlohn warb kurioserweise in der Spielseason 1987 auf seinen Trikots für das “Grünes Buch”. Heinz Weifenbach, der Präsident des Clubs, flog mit einer Gruppe ausgewählter Journalisten nach Libyen, um für den von Steuerschulden angeschlagenen Sportverein, einen neuen Sponsor zu gewinnen. Staatschef Muammar al-Gaddafi versprach den deutschen Sportlern über eine Millionen Mark, sollten diese auf ihren Trikots künftig Werbung für das “Grüne Buch” machen.

Am 04.Dezember 1987 trugen die Spieler des ECD Iserlohn dann auch tatsächlich bei einem Spiel gegen Rosenheim die Revolutionsschrift des libyschen Diktators zur Schau. Was folgte war harsche Kritik, vor allem von Seiten des damaligen Innenministers Friedrich Zimmermann (CSU), der die Neutralität des Sportes mit diesem politischen Statement gefährdet sah. Daraufhin verzichtete der Eishockey-Club im folgenden Spiel auf die Gaddafi gesponserten Trikots. Nur eine Woche, nach dem geglückten PR-Coup, gab ECD Iserlohn bekannt, finanziell am Ende zu sein und keine Spiele mehr bestreiten zu können.

Dr.Heiner Lohmann, Islamwissenschafter und Soziologe aus Münster, übersetzte das “Grüne Buch” ins Deutsche und verfasste seine Dissertation über das Werk des libyschen Despoten. Er kennt die utopischen Gedanken Gaddafis und hält das “Grüne Buch” für ein eindeutiges Zeugnis des vorzeitlichen Weltbildes des libyschen Staatschefs.

Das “Grüne Buch” sei lange fälschlicherweise für eine politische Kampfschrift gehalten worden, sagte mir Dr.Lohmann. Tatsächlich aber sei das Buch nicht vergleichbar mit den Schriften von Marx, Mao oder Hitler. “Was Gaddafi geschaffen hat, ist ein beduinischer Mythos der Herrschaftsfreiheit und der Subsistenzwirtschaft und der gegenseitigen Hilfe unter Verwandten”, so Dr.Lohmann, “Das „Grüne Buch“ ist etwas regionales, ein narrativer, sehr auf Libyen bezogener Mythos.”

Das Buch beinhalte Widersprüche und sei beinahe unverständlich geschrieben. “Es ist wie ein religiöser Text: undurchsichtig und sehr inspirierend”, erklärt der 59jährige Islamwissenschaftler. “Das “Grüne Buch” ist eine illusionäre Weltdeutung. Die Botschaft ist: die ganze Welt besteht aus Stämmen”, so Dr.Lohmann, “Gaddafi kann überhaupt nicht unterscheiden, zwischen einer beduinischen Stammesgesellschaft und den parlamentarischen Demokratien bei uns. Das versteht Gaddafi überhaupt nicht.”

Das als Revolutionsfibel propgagierte “Grüne Buch” floss letztendlich auch kaum in die reale politische Entwicklung Libyens unter Gaddafi ein. Eine Volksdemokratie, wie er sie im “Grünen Buch” preist, schuf Gaddafi nie, regierte stets als alleiniges Oberhaupt des libyschen Staates und verteilte Machtpositionen an Mitglieder seines Familienklans.

“Gaddafi hat immer behauptet: was ich in Libyen mache, ist das was ich im „Grünen Buch“ geschrieben habe”, so Dr.Lohmann,, “Aber er hat es auf keinen Fall umgesetzt. Er hat genau das Gegenteil gemacht (..) Die Realpolitik die er betrieben hat, steht im krassen Widerspruch zu seiner Weltanschauung, die im „Grünen Buch“ hinterlegt ist.”

Der libysche Diktator präsentiere das Buch, wie ein “Evangelium, dem man nicht widersprechen kann”, so der Islamwissenschaftler Dr.Lohmann. Gaddafi sei davon überzeugt, das von ihm beschriebene System sei die Heilslehre für die gesamte Menschheit. “Das ist eine illusionäre Weltdeutung, total naiv, auf dem Niveau eines siebenjährigen Kindes”, meint Dr.Lohmann, “Daher kann er das argumentativ auch nicht begründen.”