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Deutsche Dschihadisten festgenommen 2012

von Florian Flade

In den vergangenen Monaten ging es Schlag auf Schlag. Ein Dschihadist mit Deutschland-Bezug nach dem anderen wurde irgendwo auf der Welt festgenommen. Darunter so terroristische Cosmopoliten wie Naamen Meziche und Emrah Erdogan.

Da einige Leser offenbar mit den Namen, Orten und Daten nicht hinterher kommen und eine Übersicht wünschten, hier nun die Liste der Dschihadisten mit Deutschland-Bezug, die in den letzten Monaten festgenommen wurden:

  • Mohamed D. – 1.Mai – Somalia (vermutlich Al-Shabaab)
  • Fatih T. – Anfang Juni – Türkei (Deutsche Taliban Mudschaheddin)
  • Emrah Erdogan – 10.Juni – Tansania (IBU, Al-Qaida, Al-Shabaab)
  • Naamen Meziche – Mitte Juni – Pakistan (Al-Qaida)
  • Peter B. – 27.Juni – Türkei (IBU)

Plötzlich Top-Terrorist

von Florian Flade

Es war der 16. Juni, als Hamid A. (Name geändert) zum ersten Mal jenes Foto sah, das eigentlich einen weltweit gesuchten Islamisten zeigen sollte – stattdessen aber ihn abbildete. Ein Freund hatte ihm den Link zu einem Online-Nachrichtenartikel geschickt. Dort waren zwei Fahndungsfotos zu sehen, die denselben Mann zeigen sollten: Emrah E., den meistgesuchten deutschen Terroristen . Allerdings war nur auf einem der beiden Bilder der Al-Qaida-Mann E. zu sehen. Auf dem anderen: Hamid A.

Wie konnte sein Foto, das nicht nur “Welt Online” verwendete, sondern das über die Nachrichtenagentur AFP in die ganze Welt verbreitet worden war, zum Fahndungsfoto für einen gefährlichen Terroristen werden?

Kenianische Polizei präsentiert falsches Foto

Die Geschichte des falschen Fotos beginnt in Kenia. Dort fahndete die Polizei im Mai und Juni nach dem Islamisten Emrah E. aus Wuppertal, der im Frühjahr 2011 von Pakistan nach Somalia gereist war. Die Geheimdienste in der Region vermuteten, dass der deutsche Terrorist im Mai dieses Jahres über die Grenze nach Kenia eingereist war, möglicherweise um Anschläge zu begehen.

Bei einer Pressekonferenz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi präsentierte die Polizei zwei Fahndungsfotos des gesuchten Deutschen – wobei das eine eben nicht Emrah E., sondern Hamid A. zeigte.

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) lichtete die Bilder ab und übernahm den Hinweis der kenianischen Polizei wortwörtlich: “Eine Kombo von undatierten Fahndungsfotos, veröffentlicht von der kenianischen Polizei am 13. Juni 2012, zeigt Emrah E., einen deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft, der in Kenia aufgrund von Verbindungen zur somalischen Al-Schabaab Miliz gesucht wird.” Das Foto gelangte in die internationale Datenbank von AFP und wurde als Doppel-Portrait dutzendfach verbreitet, nicht nur in Afrika, sondern auch in englisch- und arabischsprachiger Presse weltweit.

“Ich kenne Emrah E. nicht”

Seither quält Hamid A. die Frage, wie es zu dieser verhängnisvollen Verwechselung kam. Bis heute vermag er das Bild nicht zuzuordnen. “Ich kann mich nicht erinnern, wo oder wann das Foto gemacht wurde”, sagt A. “Es ist auf jeden Fall nicht mit meinem Einverständnis entstanden.”

Wie also entstand das Bild des Stuttgarter Studenten, der nebenbei bei einem großen Sportfachhandel arbeitet? Wer hat es aufgenommen? Wer gab es weiter an kenianische Sicherheitsbehörden? Und warum wurde es weitergegeben?

Eine Möglichkeit ist, dass Hamid A. vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Verdächtige Personen verdeckt zu fotografieren, ist nicht unüblich, sondern eher das Alltagsgeschäft der Geheimdienste. Beim Gespräch im Café, im Restaurant oder in der Moschee können solche Fotos entstehen. Weshalb aber sollte sich der Verfassungsschutz für Hamid A. interessieren?

Einen wirklich nachvollziehen Grund gibt es dafür nicht. Hamid A.s Familie hat keine Kontakte in die Terroristenszene, wie der Student beteuert. Ja, mehrfach sei er mit der Familie nach Saudi-Arabien gereist, um dort die Umrah zu machen, die sogenannte “Kleine Pilgerfahrt”. Doch das ist nichts Ungewöhnliches, hunderte Muslime aus Deutschland machen die spirituelle Reise jedes Jahr. Gläubig sei er, so A., aber auf keinen Fall ein Extremist.

“Mir ist völlig schleierhaft, warum mich ein Geheimdienst observieren oder fotografieren sollte”, sagt A. “Welt Online”.” Ich kenne Emrah E. nicht, habe ihn nie getroffen. Ich habe keine Terroristen-Freunde und war noch nie in Somalia oder Kenia.” Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

BKA gab Foto nicht weiter

Dann ist da noch die Frage, wie das Foto vom “falschen” Emrah E. nach Ostafrika kam. Auch das ist nicht leicht nachzuvollziehen. Der direkte Dienstweg wäre wohl über das Bundeskriminalamt (BKA). Das BKA verfügt über sogenannte Verbindungsbeamte in zahlreichen Ländern. Diese Polizisten sind zuständig, sollte eine Fahndung über die Landesgrenzen hinaus verlaufen, oder eine Person mit Deutschlandbezug gesucht, verhaftet, entführt oder getötet werden.

Übermittelte also das BKA versehentlich echte Fotos von Emrah und das Foto von Hamid A.? Verwechselte der zuständige Beamte die Aufnahmen, weil sich beide Männer auf den ersten Blick leicht ähnlich sehen?

“Welt Online” fragte beim BKA nach, doch dort winkt man ab.”Wir haben das Foto nach ersten Erkenntnissen nicht weitergegeben”, erklärte ein Sprecher des BKA. Nach Informationen von “Welt Online” schickte das Amt allerdings sehr wohl die echte Fotoaufnahme von Emrah E. nach Kenia. Woher aber stammt das Foto von Hamid A.?

“Etwas gewaltig schief gelaufen”

Es scheint ausgeschlossen, dass die kenianischen Geheimdienste eigenständig an das Foto von A. gelangten. Möglich ist, dass ein Geheimdienst eines dritten Landes über Erkenntnisse zu A. und auch über ein verdeckt aufgenommenes Foto verfügt. Aufgenommen etwa während der Pilgerfahrt des Stuttgarters in Saudi-Arabien.

Es sei keine Frage, so heißt es in Sicherheitskreisen: “Da ist etwas gewaltig schief gelaufen”.

Was auch immer schief lief, Hamid A. erhofft sich eine Klarstellung. Er fürchtet um seine berufliche Zukunft und fühlt sich diffamiert. “Ich wünsche mir, dass es aufgeklärt wird und erwarte eine Erklärung”, so der Stuttgarter. Nur weiß er bis heute nicht, von wem die kommen soll.

Berliner Dschihadist Fatih T. in der Türkei gefasst

von Florian Flade

Fatih T. – Von Berlin-Steglitz in den Dschihad

Es waren keine guten Wochen für deutsche Dschihadisten. Drei Islamisten aus der Bundesrepublik wurden seit Monatsbeginn in Ostafrika, Pakistan und der Türkei festgenommen. Der erste war Emrah E., der am Flughafen der tansanischen Haupststadt Dar-es-Salam am 10.Juni festgenommen wurde. Mit der Verhaftung fand die beispiellose Terrorkarriere eines Wuppertaler Islamisten ein jähes Ende.

Vor wenigen Tagen folgte die Nachricht, dass Naamen Meziche, ein Hamburger mit französischem Pass, in Pakistan gefasst wurde. Meziche gilt als Bekannter der Todespiloten von 9/11 und hatte sich im März 2009 der Al-Qaida in Pakistan angeschlossen. In der Metropole Quetta verhafteten pakistanische Sicherheitskräfte Meziche und weitere Al-Qaida Mitglieder bei einer Razzia.

Am Wochenenden nun die Meldung: der Berliner Islamist Fatih T. wurde in der Türkei gefasst. Der 27-jährige Deutsch-Türke aus Berlin-Steglitz war im Frühjahr 2009 gemeinsam mit seinem Freund Yusuf O. nach Pakistan ausgereist. Im Grenzgebiet Waziristan wurden die beiden Berliner zunächst Teil einer usbekischen Terrorgruppe, spalteten sich schließlich ab und gründeten gemeinsam mit anderen Islamisten aus Deutschland die “Deutschen Taliban Mujahideen” (DTM). Fatih T. alias “Abdul Fettah al-Mujahir” war zuletzt Anführer der Splittergruppe.

Im Oktober 2010 meldeten dschihadistische Websites der DTM-Emir sei bei einem US-Drohnenangriff ums Leben gekommen. Der Bericht erwies sich als falsch.

Nachdem die DTM durch Gefechte und die Flucht von frustrierten Kämpfern stark an Mitgliedern einbüßte, setzte sich Fatih T. offenbar Ende 2011 in den Iran ab. Von dort aus verhandelte er mit Anwälten in Deutschland über die Möglichkeiten einer Rückkehr nach Deutschland. Er gab der “New York Times” ein Telefon-Interview und erklärte er und weitere europäische Islamisten hätten genug vom Dschihad in Pakistan. Der Iran nutze sie nun als Faustpfand gegen den Westen und lasse die Gotteskrieger nicht ausreisen.

Anfang Juni gelang es Fatih T. dann offenbar doch sich vom Iran aus in die Türkei abzusetzen. Dort klickten die Handschellen. T. sitzt seitdem in Untersuchungshaft und hofft offenbar auf eine Auslieferung nach Deutschland.

Lesen Sie hier mein Portrait über den Gotteskrieger aus Berlin-Steglitz.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article12508451/Fatih-T-der-islamistische-Fanatiker-aus-Berlin.html