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Dein Freund und Kiffer – Afghanistans Sicherheitskräfte

by Florian Flade

Drei deutsche Soldaten starben vor wenigen Tagen durch die Kugeln eines afghanischen Kameraden. Lange schon ist bekannt, dass Afghanistans Sicherheitskräfte für die westlichen Truppen ein kaum kalkulierbares Risiko darstellen. Eines der größten Probleme der afghanischen Polizei und Armee – der eigene Drogenkonsum.

Afghanischer Soldat läuft zu den Taliban über

Joshua Birchfield ist ein Opfer der Drogen. Der 24jährige US-Marine aus Westville, Indiana, starb vor knapp einem Jahr, am 19.Februar 2010, in der südafghanischen Unruheprovinz Helmand. In einem Standard-Schreiben des Pentagon zu Birchfields Tod heißt es, er sei „bei der Unterstützung von Kampfhandlungen“ ums Leben gekommen Die wahren Hintergründe des Todes des US-Soldaten sind sehr viel erschreckender und weit weniger heroisch als die erste Darstellung des Militärs.

Lance Corporal Birchfield befand sich am Morgen seines Todes, auf einer Routinepatrouille, nur etwa einen Kilometer vom Außenposten seiner Einheit entfernt. Plötzlich fielen Schüssen. Birchfield wurde am Kopf getroffen und verstarb kurze Zeit später. Seine Mörder waren keine Taliban oder al-Qaida Terroristen, sondern afghanische Sicherheitskräfte, angeheuert und bezahlt vom Pentagon.„Er wurde von einem Sicherheitsangestellten ermordet, der an diesem Morgen zugedröhnt war mit Opium“, berichtete ein Kamerad Birchfields, „Diese Männer sind bewaffnet bis an die Zähne und sind angeblich zu unserer Sicherheit hier.“

Sieben afghanische Wachleute, die damit beauftragt worden waren, die Zufahrtswege zur US-Basis zu überwachen, wurden nach dem tödlichen Angriff auf die US-Patrouille festgenommen. Der drogensüchtige Todesschütze trug bei seiner Verhaftung große Mengen Opium bei sich.

Joshua Birchfields tragischer Tod ist nur einer von vielen Vorfällen, in denen die Zusammenarbeit zwischen afghanischen Sicherheitskräfte und internationalen Truppen zum lebensgefährlichen Risiko für Soldaten und Polizeiausbilder der Nato-Koalition wurden.

Jüngst starben drei Bundeswehrsoldaten durch die Kugeln eines afghanischen Soldaten, der offenbar mit den Taliban sympathisierte. Mohammed Afzai schoss im militärischen Außenposte „OP North“ in der nordafghanischen Provinz Baghlan auf deutsche Soldaten, die gerade auf einem Panzerfahrzeug arbeiteten. Sechs Bundeswehrsoldaten wurden bei dem Angriff teilweise schwer verletzt. Der 26jährige Todesschütze wurde im Schusswechsel getötet, er hatte als Soldat der „Afghan National Army“ im Bundeswehrlager Wachdienst geleistet.

Um die westlichen ISAF-Truppen zu entlasten und den Übergang zur staatlichen Ordnung zu ermöglichen, setzt die Nato in Afghanistan seit einiger Zeit vermehrt auf gemeinsame Patrouillen mit afghanischen Soldaten und Polizisten. Auch deutsche Soldaten, so der Beschluss aus dem vergangenen Jahr, sollen künftig häufiger Seite an Seite afghanischer Soldaten Einsätze durchführen. „Partnering“ heißt dieses neue Konzept, das bereits nach einem tödlichen Angriff auf eine deutsch-afghanische Patrouille in der Region Baghlan im April 2010, in die Kritik geriet.

Die afghanischen Kameraden, so beklagen Bundeswehrausbilder seit längerer Zeit, seien bereits während ihres Einsatztrainings ein Sicherheitsrisiko für deutsche Soldaten. Viele afghanische Rekruten würden den Dienst verweigern und seien zudem korrupt, die meisten seien Analphabeten und ihre Loyalität oftmals unklar. Einige verkaufen ihre Armeeausrüstung, teilweise sogar ihre Uniformen an Aufständische. Oftmals sympathisierten afghanische Sicherheitskräfte mit lokalen Taliban-Kräften aus ihren Heimatdörfern., berichten Beobachter der Ausbildungsprogramme.

Bislang kaum öffentlich diskutiert wird die Tatsache, dass ein beachtlicher Teil jener Sicherheitskräfte, die im neuen Afghanistan Bevölkerung und Staat schützen sollen – sowohl die Afghan National Army, als auch die Afghan National Police – offenbar drogenabhängig ist. Westliche Polizei- und Militärausbilder berichten, dass afghanische Rekruten berauscht im Dienst erscheinen, dabei mit Waffen hantieren und zu Sicherheitsrisiko werden. Wie viele Zwischenfälle, bei denen Nato-Soldaten durch “friendly fire” von Seiten der afghanischen Kollegen ums Leben kamen, auf das Konto Drogensüchtiger gehen, ist nicht bekannt.

Ein Blick auf den Zustand der afghanischen Nationalpolizei lässt erahnen, welche Herausforderungen die Ausbildung und Zusammenarbeit mit einheimischen Sicherheitskräften für ISAF-Soldaten am Hindukusch bietet. Derzeit befinden sich knapp 200 deutsche Polizeibeamte in Afghanistan zur Ausbildung der „Afghan National Police“ (ANP), nach dem Willen der Bundesregierung soll diese Zahl weiter wachsen.

Konrad Freiberg, der Vorsitzender der „Gewerkschaft der Polizei (GdP)“, übte Anfang 2010 scharfe Kritik an der Afghanistan-Strategie der Polizeiausbildung. Es sei „unverantwortlich“, so der GdP-Vorsitzende, dass deutsche Beamte zusammen mit afghanischen Rekruten zwecks Ausbildung auf die Straßen und in die Dörfer gingen. Die Ausbildung der afghanischen Polizei müsse weiterhin in gesicherten Feldlagern der Bundeswehr stattfinden.

In Süd-Afghanistan, dem Hauptanbaugebiet des Schlafmohns, aus dem der Heroingrundstoff Opium gewonnen wird, verzeichnen derweil europäische und amerikanische Polizeiausbilder eine erschreckend hohe Zahl drogenabhängiger Rekruten, die ein unkalkulierbares Risiko für Nato-Truppen darstellen. „Rekruten sitzen manchmal mit geladenen entsicherten Kalaschnikows im Unterricht und “spielen” mit den Waffen“, so ein deutscher Beobachter, „Der einzige Trost der internationalen Ausbilder ist, dass ohne dieses Engagement noch weniger oder gar nichts passiert.“

Der Heroin- und Opiumkonsum ist in der ländlichen Bevölkerung weit verbreitet, Haschisch ist vielerorts zur Volksdroge geworden. Junge Afghanen für die Polizeistreitkräfte zu rekrutieren, die nicht regelmäßig Opium oder Haschisch rauchen, erscheint nahezu unmöglich.

Der gefährliche Polizei-Alltag in den Provinzen Helmand und Kandahar übt auf die oft noch jugendlichen Rekruten einen zusätzlichen Druck aus, sich täglich nur berauscht in den Dienst zu begeben. Ganze Einheiten und Dienststellen der afghanischen Polizeikräfte in Südafghanistan wurden schon bekifft oder unter Heroineinfluss vorgefunden, berichten mir Ausbilder. US-Militärs weisen eigene Soldaten eindringlich darauf hin, den Drogenmissbrauch der afghanischen Kollegen unverzüglich zu melden, um das Sicherheitsrisiko im Einsatz zu verringern.

Seit Jahren warnen Untersuchungskommissionen im Auftrag der britischen, französischen und amerikanischen Regierung davor, in Afghanistan mit hohem finanziellen und personellen Aufwand, einen Sicherheitsapparat der Junkies und Kiffer auszubilden. Regelmäßige Drogentests und Präventionsprogramme seien nötig, um nicht weiter Gelder zu verschwenden. Sogar von der Einrichtung von Rehabitilations-Zentren in den Polizeistationen im Süden des Landes, ist die Rede.

Regierungsinterne Dokumente aus Großbritannien, die mir vorliegen, zeichnen ein erschreckendes Bild der afghanischen Polizeirekruten. Es sind die bislang umfangreichsten Untersuchungsergebnisse zum Drogenmissbrauch in den Reihen der Afghan National Police (ANP). Durch sie wird deutlich, vor welchen Herausforderungen der Westen steht, wenn das erklärte Ziel erreichen werden soll, bis Ende 2011 etwa 280.000 afghanische Polizisten auszubilden.

Um die Suchtproblematik innerhalb der ANP genauer zu erfassen, führten die britischen Ausbilder zwischen Juli und September 2008 eine umfangreiche Testreihe durch. Das damalige Ergebnis war erschütternd. In den Regionen Kandahar, Herat und Shauz wurde etwa ein Drittel der Polizeirekruten positiv auf Drogen getestet, davon rund 70 Prozent auf THC, den Cannabis-Wirkstoff. Etwa 14 Prozent der drogenabhängigen Polizisten konsumierten sowohl Cannabis als auch Opium, 10 Prozent ausschließlich Opium und vier Prozent Heroin.

Die britischen Untersuchungen beinhalten auch eine Befragung der Drogensüchtigen nach ihrem individuellen Suchtverhalten. Eine überwältigende Mehrheit gab an, die Rauschmittel zu rauchen, nur etwa ein Prozent spritzte sich Heroin. Etwa 38 Prozent der Rekruten erklärte, sie seien erst seit Beginn ihres Polizeidienstes süchtig. Über 60 Prozent der Befragten waren jedoch nach eigener Aussage schon vor ihrer Zeit bei der Afghan National Polce abhängig.

Als Gründe für ihren Drogenkonsum nannte etwa ein Drittel der Polizisten den Druck und Stress durch ihre Arbeit. Knapp 24 Prozent erklärten, sie konsumierten Rauschmittel aus „Freude und Genuss“ zu sich.

In der südafghanischen Provinz Helmand, dem wichtigsten Opium-Exportgebiet der Welt, lieferten Drogentests bei afghanischen Sicherheitskräften vergleichbare Resultate. Von 198 Polizeirekruten testeten 62 positiv auf THC, Opium, Heroin, Amphetamine oder eine Kombination dieser Stoffe.

Unangekündigte Stichproben lieferten noch erschreckendere Ergebnisse. Britische Ausbilder ließen zum Jahresbeginn 2010 im südlichen Helmand bei 25 Rekruten spontan einen Urin-Test durchführen. „Drei wurden positiv auf Amphetamine und Opium getestet. Fünfzehn auf den Konsum von Haschisch“, berichtete Cpt.Pete Alexander. Dabei wiesen die Tests nur den Konsum der vergangenen drei Tage nach. Nur ein Rekrut der bei einem wiederholten Test durchfiel, wurde gefeuert.

„Wenn es um Heroin geht, wollen wir diese Kerle nicht“, erklärte ein afghanischer Polizeioffizier nach den fatalen Stichproben-Resultaten vom Februar 2010, „es schadet nicht nur ihnen selbst, es ist auch ansteckend.“

Das Fazit der britischen Untersuchungskommission war schon Ende 2008 eindeutig: „Drogentests bei ANP-Rekruten zeigen, dass der Drogenmissbrauch der afghanischen Polizeikräfte weitreichende Auswirkungen hat.“

Von diesen Auswirkungen berichten afghanische Zivilisten. Die Rede ist von berauschten Polizisten und Soldaten, die ohne Verantwortungsbewusstsein mit Schusswaffen agieren. Es wird berichtet dass Schüsse auf Kinder abgegeben wurden, die sich auf ihrem Schulweg befanden, von Checkpoints an denen Schutzgelder erpresst und Händler ausgeraubt werden. Gegenüber britischen Soldaten beklagten Dorfälteste zudem, die Polizei verhafte keine bekannten Drogenhändler, sondern bestrafe stattdessen Süchtige mit einem Bußgeld.

„Die afghanische Polizei leidet an vielen Problemen“, resignierte eine britische Delegation schon 2008 vor der Parlamentarischen Versammlung der Nato: „Von den formal 82.000 im Dienst befindlichen Kräften, sind nur 60.000 tatsächlich im Einsatz. Wir schätzen etwa 70 Prozent von ihnen sind Analphabeten und Drogenmissbrauch ist ein Problem.“

Noch direkter formulierten es im Oktober 2009 die Verfasser eines Informations-Schreibens an einen britischen Politiker: „Das Ausmaß der Herausforderungen ist immens. Die meisten Polizisten sind Analphabeten, Drogenmissbrauch und Korruption grassieren. Eine unabhängige, professionelle und verantwortungsvolle Polizeitruppe aufzubauen wird Jahre dauern und braucht internationale Unterstützung.“

Nur einen Monat später, am 03.November 2009, tötete ein drogensüchtiger afghanischer Polizist in Helmand fünf britische Soldaten. Als unmittelbare Reaktion forderte das britische Militär vom afghanischen Innenministerium umgehend Drogentests bei allen Polizei-Beamten der südlichen Provinzen.
Die Tests auf Rauschmittel sind seitdem Pflichtbestandteil bei der Rekrutierung neuer Polizeibeamter im britischen Sektor.

„Die afghanischen Polizisten in Helmand und sechs weiteren Provinzen wurden neu registriert und auf Drogen getestet“, heißt es in einer Notiz vom 07.Dezember 2009 an den britischen Premierminister Gordon Brown. Etwa 10 Prozent der Polizisten sei anschließend aufgrund der positiven Opium-Tests entlassen worden.

Längst hat das verantwortliche afghanische Innenministerium die Drogenproblematik innerhalb der Sicherheitskräfte erkannt. Aus diesem Grund wurden mittlerweile Aussteigerprogramme in den großen Ausbildungszentren entwickelt und Drogen-Aufklärung ist Bestandteil der Rekrutenausbildung.

In der nordostafghanischen Provinz Takhar sortierte die lokale Polizeiführung im Mai 2010 nach zwei Monaten Tests, drogenabhängige Polizeibeamten aus. Zuvor hatte die Zivilbevölkerung Übergriffe berauschter Polizisten gemeldet. Von den 1,200 getesteten Ordnungshütern aus Takhar, waren 113 heroin- oder opiumsüchtig und mussten ihren Posten räumen. Weitere 160 Polizisten, die als Haschisch-Konsumenten identifiziert wurden, befanden sich danach weiterhin im Dienst.

„Wir wollen hochqualifizierte Rekruten“, mahnten britische Polizeiausbilder im Juni 2009, „das bedeutet, den Maßstab nach unten zu verschieben, was Schreib- und Lesefähigkeiten angeht, aber ihn zu halten was den Drogen-Grenzwert angeht.“

Verlässliche Daten zum Suchtverhalten der Polizei-Rekruten in den deutschen Ausbildungszentren von Mazar i-Sharif, Kundus, Kabul und Faizabad liegen bislang nicht vor. Der Sprecher der europäischen Polizeimission Afghanistans EUPOL, Harald Händel, erklärte mir: „Das Afghanische Innenministerium arbeitet an dieser Problematik. Dazu gehören Drogentests für Polizeibewerber, eine 3-monatige Suspendierung für schwer Heroinabhängige, mit der Chance, den Test nach dieser Zeit zu wiederholen, sowie Entzugsprogramme“.

Ein deutscher Polizeiausbilder, der bis zum Herbst 2009 in Afghanistan tätig war, berichtet hingegen, die Drogenthematik werde „ohne solide Daten oder Lagebilder innerhalb der Polizeiführung und bei den Internationalen behandelt.“ Er selbst habe zwar nie drogenabhängige Rekruten erlebt, heißt es in einer E-Mail an mir, kenne aber Kollegen, die solche Erfahrungen in ländlicheren Regionen gemacht haben.

Die Bundeswehr stellte auf Nachfrage von mir im vergangenen Jahr klar, dass keine afghanischen Sicherheitskräfte, die mit der deutschen Truppe zusammenarbeiten, Drogentests absolvieren müssen. „Wir testen Angehörige der afghanischen Streitkräfte (Afghan National Army), die zusammen mit Bundeswehr-Einheiten im Einsatz operieren, nicht auf Drogen“, erklärte ein Bundeswehrsprecher. Auch bei „afghanischem Personal, das als Wachpersonal für die Bundeswehr in Afghanistan tätig ist, wird durch uns keine Drogentest durchgeführt“.