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Von Waziristan nach Syrien

von Florian Flade

Mounir C Abu Adam FBPBonner Islamist Mounir Chouka – Auf dem Weg nach Syrien?

Syrien ist derzeit ein äußerst beliebtes Reiseziel. Nicht für erholungsuchende Pauschaltouristen. Sondern für kampfeswillige junge Männer. Tausende radikale Islamisten aus ganz Europa haben sich inzwischen der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen. Sie ziehen mordend durch Syrien und den benachbarten Irak, töten Sicherheitskräfte, Soldaten, Journalisten und Andersgläubige, vergewaltigen und versklaven Frauen und Mädchen.

Wer das Terrorhandwerk erlernen möchte, der reist in Gebiete, die der IS kontrolliert. Mehr als 450 Islamisten aus Deutschland sollen diesen Weg bislang gegangen sein. Per Billigflug in die Türkei, mit dem Bus oder Mietwagen. Syrien ist der absolute Hotspot für angehende Gotteskrieger.

Noch vor Jahren zog es die religiösen Fanatiker aus Hamburg, Berlin, Frankfurt oder Bonn an den weit entfernten Hindukusch. Bis zu 100 Islamisten reisten teilweise mit Frau und Kind in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet Waziristan. Regelrechte “Dschihad-Kolonien” entstanden rund um die Terrorcamps von al-Qaida und anderen Gruppierungen in den Bergdörfern im Nordwesten Pakistans.

Jetzt aber hat sich der Fokus verlagert. Waziristan ist out, Syrien liegt im Trend. Al-Qaida hat massiv an Attraktivität eingebüßt. Der Islamische Staat, mit seiner äußersten Brutalität und seiner ausgereiften Propagandakampagne, gewinnt immer mehr Anhänger. Die Weltöffentlichkeit blickt täglich nach Syrien und in den Irak. Afghanistan und Pakistan scheinen nahezu vergessen. Aus sicherheitspolitischer Sicht wohl ein Fehler. Denn noch immer halten sich dort Dutzende Terroristen aus Europa auf, darunter rund zwanzig Personen aus Deutschland.

Wie ergeht es den deutschen Islamisten im fernen Waziristan? “Der Bürgerkrieg in Syrien und die Terrorgruppe Islamischer Staat üben aktuell die größte Anziehungskraft für kampfeswillige Islamisten aus”, sagte mir ein Vertreter der Sicherheitsbehörden. “Auch die noch in Pakistan ansässigen Dschihadisten aus Deutschland wollen sich offenbar in Syrien betätigen.”

Die Extremisten in Pakistan warben noch vor Jahren mit der Utopie eines paradiesischen Lebens nach Koran und Scharia. Es gebe “Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser”, hieß es in den Propagandavideos aus den Bergen Waziristans. Es klang nach Lagerfeuer-Idylle und Dschihad-Romantik. Die Realität aber war eine andere. Den Islamisten mangelte es an fast allem. In Geldnot kontaktierten sie Angehörige und Glaubensbrüder in der Heimat und bettelten um Spenden.

Nun scheinen sich die “Dschihad-Kolonien” vollends aufzulösen. Nach meinen Informationen gehen Sicherheitsbehörden davon aus, dass sich viele deutsche Dschihad-Kämpfer mittlerweile von Waziristan nach Syrien und in den Irak abgesetzt haben. Darunter auch die Deutschmarokkaner Yassin und Mounir Chouka, deren Ehefrauen Nele Ch. und Luisa S., die Hamburgerin Seynabou S. sowie mehrere Kinder, die teilweise in den Terrorcamps geboren wurden.

Die Brüder Chouka aus dem Bonner Stadtteil Kessenich waren vor sechs Jahren nach Waziristan gereist. In Deutschland hatten sie eine katholische Grundschule und später das Gymnasium besucht. Sie spielten in Fußballvereinen, waren beliebte Schüler und galten als gut integriert. Nach einer Pilgerreise radikalisierte sich das Bruderpaar offenbar schrittweise. In Pakistan schließlich schlossen sie sich der Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistans (IBU) an, die auch für Anschläge gegen die Bundeswehr in Afghanistan verantwortlich gemacht wird.

Als “Abu Ibrahim” und “Abu Adam” tauchten Yassin und Mounir Chouka in den Folgejahren in zahlreichen Propagandavideos der IBU auf. Sie verherrlichten getötete Mitstreiter als “Märtyrer” und riefen Glaubensbrüder in Deutschland zu Terroranschlägen auf. Kampflieder der Bonner Brüder inspirierten wohl auch den Attentäter vom Frankfurter Flughafen Arid U. und eine Gruppe von radikalen Salafisten, die sich derzeit in Düsseldorf für einen geplanten Mordanschlag auf einen Politiker der islamfeindlichen “Pro NRW”-Gruppierung verantworten muss. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt seit Jahren gegen die Choukas. Mehr als 20 Aktenordner umfasst das Verfahren inzwischen.

Zuletzt war es ruhig geworden um die Bonner Brüder. Im Januar tauchte das letzte Video mit Bezug zu den Choukas auf. Darin verkündeten sie den Tod eines deutschen Konvertiten bei einem amerikanischen Drohnenangriff. Seitdem herrschte Funkstille. In der islamistischen Szene gab es Gerüchte, Yassin und Mounir Chouka könnten bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet worden sein. Auch ein Streit unter den Dschihadisten oder ein Ausschluss aus der Terrorgruppe hielten deutsche Ermittler für möglich.

Beides scheint nicht der Fall zu sein. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes (BKA) sollen Yassin und Mounir Chouka zwischenzeitlich sogar in die Führungsebene der Terrorgruppe IBU aufgestiegen sein. Außerdem sollen die Brüder in den vergangenen Monaten intensiv versucht haben, mit der Terrorgruppe Islamischer Staat in Kontakt zu kommen. Letztendlich wohl auch erfolgreich.

Inzwischen sollen sich die Choukas samt Ehefrauen und Kinder in Richtung Syrien aufgemacht haben. Ob sie bereits dort angekommen sind und nun vielleicht sogar an Gräueltaten des Islamischen Staates beteiligt sind, ist unklar. Ihre Vorgängerorganisation IBU jedenfalls hatte erst vor wenigen Tagen ihre Loyalität gegenüber den IS-Extremisten verkündet.

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Dieser Text erschien am 04. Oktober 2014 in Die WELT

http://www.welt.de/politik/deutschland/article132910243/Fuer-deutsche-Gotteskrieger-ist-Syrien-Reiseziel-Nr-1.html

“Will euch einladen, die Kuffar zu schlachten”

von Florian Flade

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Bundesinnenminister Thomas de Maizière fand klare Worte am vergangenen Donnerstag, als er das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin-Treptow besuchte. Er ließ sich dort von den Experten des Verfassungsschutzes, des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesnachrichtendienstes (BND) über radikale Islamisten informieren, die von Deutschland aus nach Syrien und in den Irak reisen. Und teilweise wieder zurückkehren.

“Wir müssen verhindern, dass diese radikalisierten Kämpfer ihren Dschihad erfolgreich in unsere Städte tragen”, sagte der Innenminister anschließend. Mehr als 450 Islamisten hätten Deutschland bereits verlassen, mit dem Ziel sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Tendenz steigend.

Wie real die Gefahr durch den islamistischen Terrorismus ist, verdeutlicht ein am Montag aufgetauchtes Propagandavideo der IS-Dschihadisten. Darin ruft ein offenbar aus Deutschland stammender deutschsprachiger Islamist seine Glaubensbrüder hierzulande auf, die “Ungläubigen zu schlachten”.

Das Video, das am Montag auf einschlägigen Internetseiten auftauchte, zeigt wohl die Vorbereitungen zum muslimischen Opferfest Eid ul-Adha in der nordsyrischen Stadt Ar-Raqqah, die als Hochburg des Islamischen Staates gilt. Im Video taucht auch ein dunkelblonder junger Mann auf, der in perfektem Deutsch in die Kamera spricht.

“Meine lieben Geschwister im Glauben, ich bin hier im Kalifat Islamischer Staat, in der Region Rakka”, sagt der Dschihad-Kämpfer, dessen Name nicht genannt wird. “Wir haben uns heute hier versammelt, um die Schafe zu schlachten. Und ich will euch dazu einladen die Kuffar (Ungläubigen) zu schlachten im Dar ul-Kufr (bezeichnet nicht-muslimische Länder).”

Zudem seien alle Muslime dazu aufgerufen, sich dem Islamischen Staat anzuschließen, erklärt der Dschihadist. “Kommt alle her! Ich lade euch dazu ein, hier her zu kommen und die Kuffar zu schlachten!”

Der Aufruf zum Mord an “Ungläubigen” in deren Heimatländern ist eine neue Qualität in der Propaganda des Islamischen Staates. Eine, vor der Behörden und Experten seit Wochen warnen. Europäische Staaten, die sich dem Kampf gegen die Terroristen verschrieben haben, geraten nun ins Visier der selbst ernannten Gotteskrieger.

Auch die Bundesrepublik droht nun zum Terrorziel zu werden. Die Unterstützung der Bundesregierung für die kurdischen Milizen im Nordirak, insbesondere durch Waffenlieferungen, könnte IS-Terroristen und ihre Sympathisanten hierzulande zu Gewalttaten anstacheln.

“Deutschland steht nach wie vor im Fokus des dschihadistischen Terrorismus”, erklärte am vergangenen Wochenende ein Sprecher des Bundesinnenministeriums auf Nachfrage. Betonte allerdings, dass es derzeit keine Hinweise auf eine konkrete Anschlagsgefahr gebe.

Schüler einer Berufsschule in Wien erkannten inzwischen den blonden Dschihadisten aus der Videobotschaft. Es soll sich um den 16-jährigen Oliver N. handeln, der zum Islam konvertiert war und sich offenbar in kürzester Zeit radikalisiert hatte.

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Dieser Artikel erschien am 07. Oktober 2014 in Die WELT:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article132968809/Deutscher-Islamist-ruft-zur-Toetung-Unglaeubiger-auf.html

Der Durchschnitts-Dschihadist

von Florian Flade

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“Underdog”, Schulabbrecher, Problemfamilie, Drogenvergangenheit – all dies hört und liest man immer wieder, wenn es um radikale Islamisten geht, die Deutschland verlassen und sich in ein Dschihad-Gebiet begeben haben. Aus gesellschaftlichen Verlierern werden gefährliche Extremisten, so die Annahme.

Aber stimmt das? Wie sieht es tatsächlich aus bei den Dschihad-Reisenden? Wer sind sie?

Eine Studie der Bund-Länder-Gruppe im Auftrag des Bundesinnenministeriums sollte genau diese Frage klären. Insgesamt wurden 378 Islamisten analysiert, die nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden von Juni 2012 bis Ende Juni 2014 mutmaßlich nach Syrien ausgereist sind, um sich dort am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Entstanden ist die bislang umfangreichste Erfassung von Alter, Herkunft und Bildungsgrad von Dschihadisten aus Deutschland. Gespeist durch Informationen der Verfassungsschutzämter, der Polizeien und

Das Ergebnis der Studie: “Es gibt kein typisches Profil”.

Im Durchschnitt ist ein Dschihadist aus Deutschland jedoch wohl männlich, zwischen 21 und 25 Jahre alt, wurde in Deutschland in einer muslimischen Familie geboren, besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft, hat keinen Schulabschluss, hat vor der Ausreise Straftaten begangen, verkehrte in der salafistischen Szene und reist gemeinsam mit Freunden aus.

Ein Blick auf die Zahlen lohnt in jedem Fall.

Von den nach Syrien ausgereisten Islamisten sind…

89 % sind Männer
88 % lebten vor ihrer Ausreise in einer Stadt, der Rest in ländlichen Gegenden

125 von 378 Personen waren bei ihrer Ausreise zwischen 21 und 25 Jahren alt.

Die jüngste Person war 15 Jahre, die älteste 63 Jahre alt.

Insgesamt stammen die Ausgereisten aus 31 Nationen.

61 % wurden in Deutschland geboren
8 % in Syrien
6 % in der Türkei
3 % im Libanon
3 % in der Russischen Förderation

37 % besitzen ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft
24 % besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft (mehrheitlich marokkanisch, türkisch, syrisch und afghanisch)

14 % sind türkische Staatsbürger
5 % sind syrische Staatsbürger
4 % sind russische Staatsbürger

64 % wuchsen in Familien auf, mit mindestens einem muslimischen Elternteil
14 % sind Konvertiten
77 % der Konvertiten sind Männer, 23 % sind Frauen

Es sind etwa gleich viele ledige wie verheiratete Personen darunter. Mehr als 100 der 378 Personen haben eigene Kinder.

26 % besuchten zum Zeitpunkt der Ausreise eine Schule, davon mehr als ein Viertel ein Gymnasium

33 % haben einen Schulabschluss, davon etwa ein Drittel das Abitur
6 % haben eine Ausbildung abgeschlossen
2 % haben ein Studium abgeschlossen

21 % waren arbeitslos
12 % waren berufstätig
65 % haben Straftaten begangen, hauptsächlich Drogendelikte und Diebstahl

84 % werden der salafistischen Szene zugerechnet
4 Personen gelten “explizit nicht als Salafisten”
30 % waren vor der Ausreise in Moscheegemeinden aktiv
6 % radikalisierten sich in weniger als einem Jahr
12 % radikalisierten sich in ein bis weniger als zwei Jahren

52 % sollen “dschihadistisch” motiviert sein
19 % sollen aus “humanitären Gründen” ausgereist sein

37 % reisten gemeinsam mit Freunden
18 % reisten mit Familienmitgliedern
14 % reisten alleine

120 Personen kehrten zurück, davon befinden sich 6 Personen in Haft