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Was machen eigentlich die Choukas?

von Florian Flade

Die Bonner Brüder Yassin und Mounir Chouka galten jahrelang als die bekanntesten deutschen Dschihadisten. Aus den Bergen Nordwest-Pakistans veröffentlichten sie beinahe im Monatsrythmus neue Propagandavideos. Inzwischen ist es still geworden um das islamistische Bruderpaar.

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Sie sind so etwas wie Bonnie und Clyde des deutschen Dschihadismus. Die Brüder Yassin und Mounir Chouka, Deutsch-Marokkaner aus Bonn Bad Godesberg. Vor mehr als fünf Jahren kehrten die beiden Deutschland den Rücken und wanderten nach Waziristan aus,  in das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und dem Nordwesten Pakistans. Das Bruderpaar schloss sich der “Islamischen Bewegung Usbekistans” (IBU) an, einer multi-ethnischen Dschihadisten-Truppe, die an der Seite diverser Taliban-Fürsten in Waziristan ihr Unweisen treibt und auch in Teilen Afghanistans, insbesondere in den nördlichen Provinzen Kunduz und Baghlan, aktiv ist

Für die IBU waren die Brüder aus Deutschland zumindest propagandistisch ein echter Glücksgriff. Sowohl Mounir (“Abu Adam”) als auch Yassin Chouka (“Abu Ibrahim”) traten in den vergangenen Jahren in Dutzenden Videos auf, in denen sie in deutscher Sprache für den bewaffneten Dschihad warben und auch zu Terroranschlägen in Deutschland aufriefen. Zeitweise, so haben deutsche Sicherheitsbehörden aus Verhören mit Dschihadisten erfahren, sollen die Choukas sogar die Propagandaabteilung der IBU, das “Jundullah Studio”, geleitet haben.

Es waren auch die Videos der Choukas, da sind sich deutsche Terrorermittler sicher, die im Jahr 2009 für eine regelrechte Ausreisewelle kampfeswilliger Islamisten aus Deutschland an den Hindukusch sorgte. In mehreren Gruppen, teilweise auch alleine, reisten Extremisten in die Terrorcamps in den Bergen Waziristans und wurden dort von den Choukas empfangen. Nicht immer freundlich, wie Rückkehrer berichten. Oftmals habe man den Neuankömmlinge misstraut. Die Choukas, allen voran Mounir, sollen aus Angst vor Spionen und Verrätern regelrechte Verhöre abgehalten haben. Herablassend und herrisch hätten sich die Brüder aus Bonn aufgeführt. In einigen Fällen sei das der Grund für angereiste Islamisten gewesen, die IBU zu verlassen.

Tauchten in den vergangenen Jahren nahezu jeden Monat neue Lebenszeichen der Chouka-Brüder in Form von Propagandabotschaften im Internet auf, so ist es aktuell sehr ruhig um sie geworden. Lediglich sieben Videos veröffentlichten die Bonner Dschihadisten im auslaufenen Jahr. Nur drei davon erschienen allerdings unter dem offiziellen Logo ders IBU-Propagandazweiges “Jundullah Studio”.

Vier Videos, darunter auch die beiden letzten von Ende November, sind mit den Logos anderer Dschihadisten-Gruppierungen versehen. Ein Umstand, der auch Sicherheitsbehörden beschäftigt. Ich habe bereits im Mai in einem Blog-Eintrag auf diese Merkwürdigkeit hingewiesen.

Damals ging es um zwei Videobotschaften, die mit dem Logos von “Badr Tawheed”, der Medienabteilung der “Islamic Jihad Union” (IJU), und “Islam Awazi”, dem Propagandaflügel der “Islamic Party of Turkestan”, versehen waren.

Die neueste Veröffentlichung von Yassin Chouka alias “Abu Ibrahim” trägt nun das Symbol der “Al-Khandaq Media Productions”. Die wiederum gilt als Medienabteilung pakistanischer Terrorgruppen.

Was steckt hinter den ständig wechselnden Logos der Chouka-Videos?

Wie bereits erläutert, kommen mehrere Gründe in Betracht. Entweder die Choukas gehen tatsächlich auf Propagandaebene engere Kooperationen mit anderen Terrorgruppen in der Region ein. Oder aber sie müssen sich für ihre Videobotschaften andere Veröffentlichungskanäle und Plattformen suchen, weil sie innerhalb der IBU nicht mehr in der Lage sind, die Medienabteilung zu führen.

Es ist davon auszugehen, dass sowohl Mounir als auch Yassin Chouka noch am Leben sind. Fraglich ist allerdings, ob sie überhaupt noch in den Reihen der IBU aktiv sind. Denkbar ist, dass das Bruderpaar innerhalb der Organisation aus irgendwelchen Gründen in Ungnade gefallen ist und nun auf eigene Faust Dschihad-Propaganda aus Waziristan heraus betreibt.

Die Führungsebene der IBU hat in den vergangenen Jahren empfindliche Rückschläge hinnehmen müssen. Ein US-Drohnenangriff im August 2009 tötete den langjährigen Emir und Gründungsvater der Gruppe, Tahir Yuldashev. Nachfolger wurde ein junger Usbeke namens Usman Adil, den wiederum im April 2012 das gleiche Schicksal ereilte wie Yuldashev. Aktuell soll Usman Ghazi der Anführer der IBU sein, ein rund 40 Jahre alter Islamist, der lange Jahre in den zentralasiatischen Drogenhandel involviert gewesen sein soll.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Chouka-Brüder mit der neuen IBU-Führung zerstritten und anschließend die Gruppe verlassen haben. In Waziristan würde es wohl kaum geduldet werden, wenn die deutschen Dschihadisten weiter unter dem Label der IBU ihre Botschaften im Netz veröffentlichen würden. Sie müssten sich demnach Alternativen suchen.

Ein Verzicht der Propaganda-Aktivitäten der Choukas ist trotz all der offenen Fragen nicht zu erkennen. In einem pakistanischen Dschihad-Forum findet sich seit einigen Tagen der Aufruf den “deutschen Brüdern in Waziristan” Fragen zu stellen, die diese dann beantworten werden. Bis zum 26.Dezember noch können Fragen fragen eingeschickt werden. Man darf gespannt sein.

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Zu Gast bei Feinden

von Florian Flade

Zwölf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 leben ranghohe Al-Qaida-Mitglieder in Iran. Geschützt vom Regime in Teheran.

www.fbi.gov 2013-9-25 9 11 40

Es ist der 8.Januar 2000. Auf dem Gelände der Tarnak-Farm, eines ehemaligen sowjetischen Agrarbetriebes nahe der afghanischen Stadt Kandahar, kommen Dutzende Islamisten zusammen. Osama Bin Laden, Gründer und Anführer der Terrororganisation Al-Qaida, hat sie zu sich auf das weitläufige Gelände gerufen, wo er zu dieser Zeit mit seiner Familie und engsten Vertrauten lebt. Einige seiner Gefolgsleute tragen Kalaschnikows. Andere haben ihre Kinder auf dem Schoß.

Ein Video dokumentiert die Ansprache Bin Ladens. Als die Kamera ins Publikum schwenkt, ist für wenige Sekunden ein Mann mit weißem Turban und krausem Bart zu sehen. Er grinst. Sein Name: Saif al-Adel. Der Ägypter ist schon damals einer der ranghöchsten Führungskader der Al-Qaida. Daran hat sich bis heute formal nichts geändert, er gehört weiterhin zu den meistgesuchten Terroristen der Welt. Allein: Seit Jahren gibt es keine Spur von ihm. Immer wieder gab es widersprüchliche Angaben über seinen Aufenthaltsort.

Nach Informationen der „Welt“ lebt Saif al-Adel aktuell im Iran, zusammen mit einer Gruppe langgedienter Al-Qaida-Kader und Weggefährten Bin Ladens. Sie sind die Führungsreserve des Terror-Netzwerks. Zwölf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gilt Al-Qaida-Führungsstruktur als entscheidend geschwächt. Unzählige mittlere und hohe Kader wurden getötet, allen voran Terrorchef Osama Bin Laden, den ein US-Elitekommando im Mai 2011 in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad erschoss. Doch der Fall al-Adels und anderer Al-Qaida-Kommandeure zeigt: Wichtige Strategen und Ideologen des Terrornetzwerkes konnten Amerikas Anti-Terror-Krieg entkommen. Heute leben sie, sicher geschützt vor den tödlichen CIA-Drohnen und US-Kommandoaktionen unter der Protektion des iranischen Mullah-Regimes. Die Terroristen, auf die mehreren Millionen US-Dollar Kopfgeld ausgesetzt wurden, leben seit Jahren beschützt von den iranischen Revolutionsgarden in Wohnkomplexen im Norden des Landes und im Süden von Teheran.

Nach Gesprächen mit mehreren Geheimdienstlern kann die „Welt am Sonntag“ nun nachzeichnen, wie es zu der sicherheitspolitisch sensiblen Konstellation gekommen ist. Begonnen hat das Leben der Al-Qaida im iranischen Exil kurz nach den Anschlägen von 9-11. Als der amerikanische Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan begann, zog es die meisten Al-Qaida-Kämpfer fluchtartig in den Osten des Landes. Die Gotteskrieger um Bin Laden verschanzten sich zunächst in den Höhlen von Tora Bora. Sie leisteten den anrückenden US-Einheiten und ihren afghanischen Alliierten noch einigen Widerstand, bevor sie vor dem Flächenbombardement der US-Luftwaffe über die Grenze nach Pakistan flohen.

In den dortigen Stammesgebieten von Süd- und Nordwaziristan fanden die zumeist arabischen Dschihadisten Unterschlupf bei den einheimischen Paschtunen-Stämmen. Weitestgehend autonom etablierte sich in den unzugänglichen Bergdörfern Nordwest-Pakistans eine Hochburg radikaler Islamisten. Über die Jahre formierten sich hier unter dem Schutz der diversen Taliban-Fraktionen zahlreiche Terrorgruppen. Wie einst in Afghanistan entstanden in Waziristan terroristische Ausbildungslager für die nächsten Generationen von Al-Qaida-Attentätern – fernab von den US-Truppen im benachbarten Afghanistan.

Jedoch siedelten sich längst nicht alle Al-Qaida-Führungskader in Pakistan an. Einige Terroristen, unter ihnen auch Ehefrauen und Kinder von Osama Bin Laden, traten die Flucht aus Afghanistan in Richtung Westen an. Sie zog es in den Iran. Im Herrschaftsgebiet des amerikafeindlichen Mullah-Regimes wähnten sich die Dschihadisten sicher vor den US-Terrorjägern.

Eine paradoxe Entscheidung. Denn eigentlich gelten Al-Qaida und das iranische Regime als Todfeinde. Aus Sicht der extremistischen Sunniten gelten schiitische Muslime, wie sie mehrheitlich im Iran leben, aus historischen Gründen und aufgrund ihrer religiösen Traditionen als Abtrünnige und Ketzer. Die iranische Führung wiederum sieht in Al-Qaida eine aus Saudi-Arabien finanzierte und von den USA geförderte Terrormiliz, die eingesetzt wird, um in muslimischen Ländern Chaos zu stiften und so westliche Interventionen zu rechtfertigen.

Trotzdem glaubte das Al-Qaida-Personal, im iranischen Exil unbemerkt untertauchen zu können. „Bis 2003 konnten sie sich im Iran relativ frei bewegen“, sagte ein westlicher Geheimdienst-Analyst der „Welt am Sonntag“. Dann realisierte die iranische Regierung offenbar, dass die Terroristen ein Risiko darstellen und womöglich amerikanische Aktionen gegen den Iran rechtfertigen könnten. Es setzte eine Verhaftungswelle ein. „Das Teheraner Regime nahm zumindest einige Al-Qaida-Mitglieder fest und stellte sie unter Hausarrest“, sagte der Geheimdienst-Analyst. Die Kontrolle der Terroristen, so das Kalkül in Teheran, würden Washington die Gründe für Angriffe entziehen.

Und tatsächlich hatte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Frühjahr 2003 den Druck auf das iranische Regime erhöht. Iran habe „mehreren führenden Köpfen von Al-Qaida Unterschlupf gewährt“, so Rumsfeld. Ein Sachverhalt, den Teheran im Juli 2003 offiziell einräumte. Etliche Al-Qaida-Terroristen seien festsetzt worden.

Bewacht von Mitgliedern der „Hamza“-Einheit der iranischen Revolutionsgarden wurden die Al-Qaida-Mitglieder und Angehörige der Bin Laden-Familie in Wohnhäuser rund um die iranische Hauptstadt Teheran und im Norden des Landes einquartiert. Sie fristen seitdem ein Leben in einer Art offenem Vollzog. Während die Frauen bewacht von iranischen Sicherheitskräften die Häuser zum Einkaufen verlassen dürfen, stehen die Terror-Kommandeure unter Hausarrest.

„Die Beziehungen zwischen Al-Qaida und Iran waren schon immer sehr angespannt“, sagt der Terrorismus-Experte Peter Bergen der „Welt am Sonntag“. Osama Bin Laden habe den Iranern nie vertraut, wie Briefe aus seinem Versteck in Pakistan belegen.

Die „Sicherheitsverwahrung“ der Al-Qaida-Mitglieder erwies sich für Iran allerdings als äußerst glücklicher historischer Zufall: Das Mullah-Regime setzte die Führungsreserve des Terrornetzwerkes als Tauschobjekt ein. Am 13.November 2008 entführten Islamisten im pakistanischen Peschawar den iranischen Diplomaten Heshmatollah Attarzadeh-Niyaki und verschleppten ihn in die Stammesregion Süd-Waziristan. Der Konsul befand sich zuerst in Hand einer Taliban-Gruppierung. Dann kam Al-Qaida ins Spiel.

Für das Terrornetzwerk war der entführte Iraner eine günstige Gelegenheit die im Iran festgehaltenen Mitglieder freizupressen. Teheran zögerte anfänglich, willigte dann aber in den strenggeheimen Geiselaustausch ein. Als erste durfte eine Gruppe Al-Qaida-Terroristen der unteren Führungsebene gehen. „Als dann der Diplomat Attarzadeh-Niyaki im März 2010 in den Iran zurückkehren durfte, ließen die iranischen Behörden auch die mittlere Führungsebene der Al-Qaida ziehen“, berichtet ein westlicher Geheimdienstler. Im Zuge des geheimen Geiselaustausches kamen auch Bin Ladens Sohn Saad und die damals 18-jährige Tochter Iman frei. Saad fügte sich in die Terrorstrukturen des Netzwerkes im pakistanischen Waziristan ein und starb im Sommer 2009 bei einem US-Drohnenangriff.

Heute stehen nach Informationen der „Welt“ noch immer mindestens sechs Al-Qaida-Kader unter iranischem Hausarrest. Einer von ihnen ist der Ägypter Saif al-Adel. Der 53-jährige gilt als ein Al-Qaida-Mann der ersten Stunde. Er diente im ägyptischen Militär, schloss sich dann in den 1980er Jahren einer islamistischen Terrorgruppe in Ägypten an. In Afghanistan kämpfte Al-Adel gegen die Sowjet-Truppen und lernte dabei auch den wohlhabenden Saudi-Araber kennen, der Islamisten aus aller Welt um sich sammelte: Osama Bin Laden.

Innerhalb der Al-Qaida stieg der ägyptische Ex-Soldat zu einem führenden Strategen für die internationale Terrorplanung auf. Al-Adel konnte wohl auch die 9-11-Todespiloten um Mohammed Atta. Nachdem der Militärchef des Terrornetzwerkes, der Ägypter Mohammed Atef, im November 2001 durch eine US-Rakete ums Leben kam, trat al-Adel nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste offenbar dessen Nachfolge an. Kurze Zeit später verschwand al-Adel in den Iran. Einzige Lebenszeichen waren seitdem seltene ideologische Schriften, die der Terrorist im Internet veröffentlichte und E-Mail-Wechsel mit arabischen Journalisten.

Wie die „Welt am Sonntag“ aus westlichen Geheimdienstkreisen erfuhr, soll sich Saif al-Adel entgegen bisheriger Medienberichte weiterhin in einem Wohnkomplex nahe der Hauptstadt Teheran aufhalten. Dort hat der Extremist, auf den die USA ein Kopfgeld von 5 Millionen US-Dollar ausgesetzt haben, wohl auch problemlos Zugang zum Internet. Per E-Mail gab Al-Adel in den vergangenen Jahren einige wenige Interviews, in denen er sich zu Al-Qaidas globaler Dschihad-Strategie äußerte. „Solche Angriffe“, schrieb Saif al-Adel im Jahr 2005 in einer E-Mail über die 9-11-Anschläge, „zwingen sie (die Amerikaner) wahllose Aktionen zu starten und provoziert sie ernste und oftmals fatale Fehler zu begehen (…) die erste solche Reaktion war der Einmarsch in Afghanistan.“

Ebenfalls noch im Iran arrestiert ist offenbar ein Al-Qaida-Mann namens Abdullah Ahmed Abdullah alias „Abu Mohammed al-Masri“. Der Ägypter soll genau wie Saif al-Adel dabei geholfen haben, Terrorstrukturen der Al-Qaida in Ostafrika aufzubauen. Abdullah gilt als einer der Drahtzieher der Al-Qaida-Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998. Die USA führen ihn deshalb auf einer Liste der meistgesuchten Terroristen der Welt.

Beim US-Geheimdienst CIA geht man nach Informationen der „Welt am Sonntag“ davon aus, dass Al-Qaida in den vergangenen Jahren unabhängig von den unter Hausarrest stehenden Kadern ein funktionierendes Netzwerk auf iranischem Territorium aufgebaut hat. Unter Führung des Kuwaiters Muhsin al-Fadhli und des Saudi-Arabers Adel Radi Saker al-Wahhabi al-Harbi entstand eine Struktur aus Schleusern und Kurieren, die nach nach Erkenntnissen des amerikanischen Geheimdienstes angeblich sowohl Terrorgruppen in Afghanistan und Pakistan als auch im Irak mit Kämpfern und Geld versorgen und unterstützen – mit Wissen und Duldung des iranischen Regimes.

„Es gibt keine Beweise dafür, dass al-Qaida und die iranische Regierung jemals bei einem Terroranschlag kooperiert haben“, sagte Terrorismus-Experte Peter Bergen. Dies bedeute jedoch nicht, dass das Al-Qaida Personal in Iran nicht eigenständig Anschläge geplant habe. „Laut saudischen Geheimdienstlern haben die Al-Qaida-Führer in Iran eine Reihe von Terroranschlägen in Saudi-Arabien genehmigt, bei denen zahlreiche Saudis und westliche Ausländer im Jahr 2003 getötet wurden“, so Bergen.

In europäischen Geheimdienstkreisen heißt es, das Al-Qaida-Netzwerk habe inzwischen mit dem iranischen Regime ein inoffizielles Abkommen geschlossen. Die Terroristen sollen davon absehen, im Irak, in Pakistan und anderenorts gezielt Schiiten zu ermorden, so die Forderung der iranischen Führung. Im Gegenzug soll es dem Terrornetzwerk erlaubt sein, auf einem niedrigen Level auf iranischem Staatsgebiet zu agieren.

So konnte noch bis vor kurzem der Syrer Izzadin Abdel Asis Khalil alias „Yassin al-Suri“, Al-Qaidas Statthalter im Iran, frei umherreisen. Der Islamist gilt als eine Art „Kassenwart“ des Terrornetzwerkes. Er soll Spendengelder in den arabischen Golfstaaten eingetrieben und an Al-Qaida-Strukturen in Pakistan vermittelt haben. Zudem soll Al-Suri Kontakte zu Irans wichtigstem Geheimdienst VEVAK gehalten haben.

„Die Iraner wissen sehr genau um die Aktivitäten der Al-Qaida in ihrem Land“, sagt ein europäischer Geheimdienstler. „Und sie wissen, wie sehr die USA davon genervt sind.“

Dschihadistische Verschlüsselung

von Florian Flade

Seitdem bekannt wurde, dass der US-Geheimdienst NSA weltweit millionenfach E-Mail-Verkehr und Chats mitliest, steigt die Nachfrage nach Verschlüsselungsprogrammen. Islamistische Terroristen haben die Vorteile von Krypto-Software längst als nützliches Werkzeug zur geheimen Kommunikation entdeckt.

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Vor zwei Wochen war plötzlich ein Gespenst wieder in aller Munde, das längst totgeglaubt war – Al-Qaida. Das US-Außenministerium ließ schlagartig mehr als 20 Botschaften und Konsulate weltweit für mehrere Tage schließen. Von Algiers über Kairo, Sanaa und Amman bis Kabul und Malé. Deutsche Behörden folgten der Maßnahme. Die deutsche Botschaft im Jemen machte kurzfristig dicht.

Grund für die Panik war eine Warnung der US-Geheimdienste vor einem möglicherweise kurz bevorstehenden Terroranschlag der Al-Qaida. Der Chef des Terrornetzwerkes, Ayman al-Zawahiri, soll – so berichten US-Medien – in einer Art Online-Konferenzschaltung aus seinem Versteck im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet heraus mit mehreren seiner regionalen Kommandeure im Jemen, Nordafrika und Irak über entsprechende Pläne gesprochen haben.

Angeblich schlug der jemenitische Al-Qaida-Führer Nasir al-Wushayshi seinem Chef in Pakistan vor, „etwas Großes“ zum Ende des Fastenmonats Ramadan durchführen zu wollen. Die US-Behörden waren alarmiert. Plante Al-Qaida womöglich ein spektakuläres Attentat auf eine US-Einrichtung irgendwo in Nahost?

Terrorismus-Experten weltweit äußerten zunächst Zweifel an den Berichten über eine Al-Qaida-Telefonkonferenz. Der meistgesuchte Terrorist der Welt soll sich einfach vor einen Laptop gesetzt haben und anschließend mit Gleichgesinnten rund um den Globus zu chatten und live zu sprechen? Kaum glaubwürdig.

Mittlerweile hat sich herauskristallisiert, dass es sich bei der von den Geheimdiensten abgefangenen Kommunikation offenbar keineswegs um ein normales Telefonat gehandelt hat. Vielmehr sollen die Al-Qaida-Vertreter verschlüsselt in einem abgeschotteten Chatroom miteinander diskutiert haben . Offiziell bestätigt ist das zwar nicht, aber die Geheimdienste diesseits und jenseits des Atlantiks dementieren entsprechende Berichte immerhin nicht.

Der Fall zeigt: islamistische Terrornetzwerke haben nicht erst seit Bekanntwerden des PRISM-Überwachungsprogramms des US-Geheimdienstes NSA die Vorzüge von Verschlüsselungssoftware erkannt. Al-Qaida nutzt unterschiedliche Krypto-Programme seit Jahren und empfiehlt seinen Anhängern nur noch verschlüsselt E-Mails zu verschicken, zu Chatten oder Dateien zu transportieren.

Im Juli 2010 veröffentlichte die jemenitische Al-Qaida-Filiale (AQAP) einen Artikel in ihrem englischsprachigen Online-Magazin „Inspire“ mit dem Titel „Wie man Asar al-Mujahideen benutzt: Senden & Empfangen von verschlüsselten Nachrichten“. Es handelt sich um eine Anleitung zur Nutzung einer angeblich eigens für Dschihadisten entwickelten Krypto-Software namens „Asrar al-Mujahideen 2.0“ („Geheimnis der Gotteskrieger“).

„Also wie verschickt man wichtige Nachrichten ohne dass es der Feind mitbekommt?“, fragen die Autoren des Artikels und geben vermeintlich sichere Antworten für eine E-Mail-Kommunikation, die für Geheimdienste unerreichbar sein soll.

Bei der Software, die Al-Qaida seinen Anhängern weltweit empfiehlt, handelt es sich um eine einfache Form der PGP-Verschlüsselung für E-Mails. Lediglich im Design und der Gestaltung der Nutzungsoberfläche haben offenbar radikale Islamisten dem Programm einen dschihadistischen Anstrich verpasst. Zusätzlich bietet die Software die Möglichkeit, Dateien angeblich rückstandslos zu schreddern und von einem USB-Stick aus heraus gestartet zu werden. In der zweiten Version kann „Asrar“ außerdem Chat- und Foreneinträge verschlüsseln.

Dass die Instruktion der Krypto-Software durchaus ernstgemeint ist, daran lässt die jemenitische Al-Qaida keinen Zweifel. In sämtlichen Ausgaben des „Inspire“-Magazins findet sich eine Art Kontaktformular der Terrorgruppe mit mehreren E-Mail-Adressen. Dazu der Hinweis: „Wir raten euch dringend das „Asrar al-Mujahideen“-Programm zu nutzen, um mit uns in Kontakt zu kommen.“ Es folgt der für die PGP-Verschlüsselung notwendige Public-Key des Terrornetzwerkes.

Seit Februar diesen Jahres existiert mit „Asrar al-Dardashah“ eine zweite dschihadistische Verschlüsselungssoftware, die angeblich ein verschlüsseltes Chatten mit etablierten Diensten wie Yahoo, Google Talk, ICQ und MSN ermöglicht. Die Software wurde von der „Global Islamic Mediafront“ (GIMF) entwickelt und funktioniert als Plug-In.

Dschihadistische Terrorgruppen, so bestätigen westliche Geheimdienstler, setzen schon mindestens seit 2008 auf Software zur Verschlüsselungen von Dateien oder Kommunikation. Insbesondere Al-Qaida ist sich des Verfolgungsdrucks durch die Geheimdienste und der Gefahren offener Internetkommunikation bewusst. So verwundert es nicht, dass in den terroristischen Ausbildungslagern im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet neue Terrorrekruten auch in der Nutzung entsprechender Programme geschult werden.

So erzählten beispielsweise die beiden Hamburger Terrorverdächtigen Rami M. und Ahmad S. dem Bundeskriminalamt (BKA) im Verhör, dass sie während ihrer Zeit im pakistanischen Stammesgebiet Waziristan von Al-Qaida Trainingskurse im Umgang mit Verschlüsselungssoftware erhalten hätten.

Der ranghohe Al-Qaida-Kommandeur Sheikh Younis al-Mauretani soll den beiden Terrorrekruten geraten haben, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland einen neuen Laptop zu kaufen, der nicht an das Internet angeschlossen werden sollte und nur dazu dienen dürfe, Nachrichten zu ver – und entschlüsseln. Auf diesem Computer sollten zwei Programme installiert werden.

„Das war einerseits das Verschlüsselungsprogramm “Mujahedin-Secret” (Asrar) , das der Kryptierung von Textnachrichten dient, sowie andererseits das Programm „Camouflage““, heißt es in der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft gegen das mutmaßliche Al-Qaida-Mitglied Ahmad S.. Zum Erlernen des konspirativen Kommunikationssystems seien Ahmad S. und Rami M. durch Scheich Younis Anfang Juni 2010 eine Woche im Umgang mit den Programmen zur Verschlüsselung „intensiv geschult“, so die Ermittler weiter.

Die Software „Camouflage“ dient laut Bundeskriminalamt dazu, Textnachrichten mit oder ohne Passwort in einer Bild-Datei zu verstecken. Wer das Bild öffnet, erkennt auf den ersten Blick nicht, dass damit eine nicht sichtbare Textdatei verbunden ist.

Eine Art „Tarnkappen“-Technik, die Al-Qaida offenbar besonders begeistert, wie ein Fall aus Berlin vor zwei Jahren zeigt. Am 16.Mai 2011 nahmen Fahnder gegen 9 Uhr morgens den damals 22-jährigen Österreicher Maqsood L. am Zentralen Busbahnhof der Hauptstadt fest. Der Sohn afghanischer Einwanderer hatte im pakistanischen Waziristan eine Terrorausbildung erhalten und kehrte gemeinsam mit dem Berliner Islamisten Yusuf O. im Frühjahr 2011 nach Europa zurück. Yusuf O. sollte in Wien alte Bekannte von Maqsood L. für den Dschihad gewinnen. Maqsood L. wiederum versuchte ähnliches in der Berliner Heimat seines Mitstreiters.

In der Unterhose von Maqsood L. fand die Polizei einen USB-Stick und eine SD-Speicherkarte. Darauf waren zunächst harmlos wirkende Ordner – darunter einer mit der Bezeichnung „Sexy_Tanja“ – voller Kinofilme gespeichert. Die eigentlichen Filmdateien waren mit der Software „Camouflage“ bearbeitet worden und hatten einen weitaus brisanteren Inhalt, als zunächst erkenntbar war. Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) analysierten den Fund und fanden in der Datei „Kick_Ass“ insgesamt 142 Dokumente mit Titeln wie „Report_on_operations“, „Future_Work“ oder „Lessons_learned_from_previous_operations“.

Es handelte sich um geheime Strategiepapiere und Schulungsmaterial der Al-Qaida. Die Schriften, viele davon in englischer Sprache, enthielten Anschlagspläne der Al-Qaida-Führung in Pakistan. Etwa sollten die Dschihadisten in Europa Geiseln nehmen und diese noch während der Geiselnahme, am besten vor einer Kamera, enthaupten. Auch die Sprengung von Staudämmen, Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe im Mittelmeer oder die Erstürmung von Luxushotels wie in Mumbai 2008 wurden empfohlen.

In der Unterhose des österreichischen Al-Qaida-Lehrlings Maqsood L. befand sich eine verschlüsselte Schatztruhe für Terrorermittler. Seltenes und weltweit exklusives Material, das in Deutschland detailliert analysierten wurde und auch die amerikanischen Kollegen faszinierte.

Westliche Geheimdienste wissen durch die Fälle der vergangenen Jahren – hinzu kommt noch die Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle, die wohl ebenfalls über Verschlüsselungssoftware in Internetcafes mit Terroristen in Pakistan kommunizierte – wie begeistert die Terrornetzwerke von den technischen Möglichkeiten der Kryptologie sind. Terror zu planen, ohne dass Geheimdienste mitlesen können, ist ein Traum der seit der Nutzung des Internets an sich, in der islamistische Szene existiert.

Und so rüsten auch die Terrorfahnder auf. Sie analysieren die von radikalen Islamisten genutzten Online-Werkzeuge und entwickeln eigene Gegenmaßnahmen. „Es ist einfacher, wenn man weiß, dass man solche Verschlüsselungen zu erwarten hat“, sagt ein Ermittler, der an einem Verfahren gegen einen mutmaßlichen Al-Qaida-Terroristen beteiligt war. „Trotzdem kann man solche Dateien nicht immer knacken. Aber immer öfter.“

Längst können sich Al-Qaida & Co. nicht mehr auf die Nutzung der Verschlüsselungsprogramme allein verlassen. Die berechtigte Angst ist groß, dass Geheimdienste die Software schon im Vorfeld manipulieren.

„Bei Asrar al Mujahidin gibt es keinerlei Kontrollmöglichkeit für den Nutzer um herauszufinden, was er sich da gerade auf den Rechner zieht“, warnt ein Nutzer eines deutschen Islamisten-Forum.

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Dieser Artikel erschien am 16.August 2013 bei Heise Telepolis

http://www.heise.de/tp/artikel/39/39712/1.html