PBS Frontline – Das grausame Schicksal der IS-Sklavinnen

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Es ist eines der düstersten Kapitel in der Geschichte der Terrorherrschaft des “Islamisches Staates” (IS) – die Versklavung und Vergewaltigung von hunderten jesidischen Mädchen und Frauen.

Bei ihrem blutigen Feldzug durch Syrien und große Teile des Nordiraks haben die Dschihadisten des IS nicht nur tausende irakische Regierungssoldaten, feindliche Sunniten-Stämme, Schiiten und Kurden ermordet. Sie nahmen auch zahlreiche Jesidinnen gefangen. Auf Sklavenmärkten verkaufen sie die Frauen und Mädchen seitdem als “Kriegsbeute”.

Die Kollegen von PSB Frontline haben sich dieser Thematik angenommen. Im Norden des Irak begleiten sie Jesiden, die ein Netzwerk etabliert haben, um die verkauften Ehefrauen, Töchter und Schwestern ausfindig zu machen und zu befreien. Einige werden von den IS-Terroristen freigekauft, andere wiederum fliehen. Unter Lebensgefahr retten Helfer in den IS-Hochburgen die Gefangenen und bringen sie über die Grenze in sicheres Territorium.

Die äußerst sehenswerte Reportage “Escaping ISIS” gibt es hier online zu sehen:

http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/escaping-isis/

Von Göttingen in den Tod

von Florian Flade

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Das Foto könnte eine Toyota-Werbung sein. Vier Geländewagen stehen in einer Reihe. Der Lack glänzt, die Autos sehen frisch poliert aus. Daneben stehen Männer – der jüngste ist wohl gerade siebzehn Jahre alt, der älteste wohl jenseits der Vierzig.

Die Männer sind Selbstmordattentäter des “Islamischen Staates” (IS). Ihre Wagen sind Autobomben. In der vergangenen Woche haben sie damit den Stützpunkt einer schiitischen Miliz in Al-Hajjaj, südlich irakischen Stadt Baiji, attackiert. Es gab mindestens elf Tote.

Die Attentäter stammten laut IS aus unterschiedlichen Ländern: Großbritannien, Kuwait, den Palästinensergebieten – und aus Deutschland.

Auf einem Propagandafoto feiert der IS den deutschen Selbstmordbomber als “Märtyrer Abu Ibrahim al-Almani”. In Deutschland trug der Dschihadist noch einen anderen Namen: Jacek S.. Der gebürtige Pole lebte zuletzt im niedersächsischen Göttingen. Anfang 2014 soll er zum Islam konvertiert sein. Zuvor fiel der 26-jährige der Polizei durch Drogen- und Fahrzeugdelikte auf.

Im Oktober 2014 schließlich wurde der Verfassungsschutz auf Jacek S. aufmerksam. Aufgrund seines Facebook-Profils und den dortigen, radikalen Äußerungen. Wenige Monate später gab es erste Hinweise auf eine mögliche, bevorstehende Ausreise nach Syrien.

Irgendwann im April verschwand Jacek S. schließlich und reiste offenbar über Antalya zunächst nach Syrien, anschliessend in den Irak, wo er sich schließlich in die Luft sprengte.

pic160615_2Jacek S. aus Göttingen

Deutsche Sicherheitsbehörden identifizierten den Islam-Konvertiten am Montag anhand der Fotos, die der IS über Twitter am Wochenende verbreitet hatte. Wie zu erfahren ist, führt auch die Staatsanwaltschaft in Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen S. und hat die Polizei beauftragt, den Fall aufzuklären.

Aus Niedersachsen waren bislang keine Islamisten als prominenten Akteure des IS in Erscheinung getreten. Die Zahl der nach Syrien und in den Irak ausgereisten Extremisten ist mit rund 30 Personen, die der Verfassungsschutz registriert hat, im bundesweiten Vergleich eher gering. Insgesamt gehen deutsche Sicherheitsbehörden von mindestens 780 Islamisten aus Deutschland aus, die sich zumindest zeitweise in der Bürgerkriegsregion aufgehalten halten, um sich am Dschihad zu beteiligen.

Der Göttinger Jacek S. ist nur der letzte Attentäter aus Deutschland, der bislang in den Reihen des IS einen Selbstmordanschlag verübte. Mindestens 15 Islamisten zählen Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt (BKA) inzwischen in dieser Kategorie.

Erst im Mai gab der IS den Tod von Yannick P. bekannt, einem weiteren 23-jährigen Konvertiten aus Freiburg im Breisgau. Der Islamist war polizeibekannt, fiel wegen Körperverletzung und Drogendelikten auf, lebte zeitweise als Obdachloser auf der Straße. Dann geriet P. in salafistische Kreise und radikalisierte sich.

pic160615_3Yannick P. aus Freiburg

Im Oktober 2014 reiste P. über die Türkei schließlich nach Syrien. Vor wenigen Wochen vermeldete die Terrorgruppe IS, der Freiburger mit Kampfnamen “Abu Muhammed al-Almani” habe – genau wie nun der Göttinger Jacek S. – in der irakischen Stadt Baiji einen Autobombenanschlag verübt.

 

Verwendungszweck “Teich” – Terroralarm in Hessen

von Florian Flade

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Wasserstoffperoxid ist eine hellblaue, unscheinbare Flüssigkeit. Mit ihr lassen sich Haare blondieren, Zähne bleichen, Gartenteiche desinfizieren – oder Bomben bauen. Vermengt mit Säure kann aus dem Peroxid die Grundsubstanz für Hexamethylentriperoxiddiamin (HMTD) oder Triacetontriperoxid (TATP) gewonnen werden. Hochexplosive Sprengstoffe, besonders beliebt bei islamistischen Terroristen.

Ob das der wachsamen Mitarbeiterin des Hornbach-Gartencenters an der Züricher Straße 11 in Frankfurt am Main bewusst war, ist unklar. Etwas jedenfalls kam ihr komisch vor, als am 30. März, gegen 16.30 Uhr ein bärtiger Mann mit kahlrasiertem Kopf, seine vollverschleierte Begleiterin und zwei Kinder das Geschäft betraten. Und sich für erstaunlich große Mengen, insgesamt drei Liter, hochprozentiges Wasserstoffperoxid interessierten. Die Frau erklärte, man benötige die Substanz als Desinfektionsmittel für Gartenteiche. Außerdem bräuchten sie noch Spiritus.

Schon seit Jahren gilt in Deutschland eine Regelung: Wer große Mengen des hochprozentigen Wasserstoffperoxids erwerben möchte, muss seine Personalien hinterlegen. Schon zu oft hatten Terroristen versucht im Chemiegroßhandel oder über Apotheken gefährliche Mittel zu kaufen.

Die Frankfurter Hornbach-Mitarbeiterin fragte nach Namen und Anschrift. Der Mann der verschleierten Käuferin trug einen Namen ein. Als Verwendungszweck für das Wasserstoffperoxid gab er an: “Teich”.

Offenbar misstraute die Verkäuferin im Gartencenter den dubiosen Chemikalien-Käufern trotzdem. Sie meldete sich bei der Polizei. Dort gingen alle Alarmglocken an. Hatten ein islamistisches Pärchen etwa die Grundstoffe für eine Bombe in einem Gartencenter erworben?

Die Ermittler fanden schnell heraus, dass der hinterlegte Name erfunden war. Einzige sachdienliche Hinweise waren die Bilder der Überwachungskamera aus der Hornbach-Filiale sowie Handydaten aus der Umgebung. Und die führten in die Salafisten-Szene. Erste Hinweise, wonach es sich um ein Salafisten-Pärchen aus Nordrhein-Westfalen handeln könnte, erwiesen sich jedoch als falsch.

Schließlich identifizierte das hessische Landeskriminalamt (LKA) gemeinsam mit dem Verfassungsschutz zwei Verdächtige: Halil Ibrahim D. (35) und seine Ehefrau Senay D. (34), wohnhaft in einem unscheinbaren Mietshaus in Oberursel im Taunus.

Halil D., ein ehemaliger Chemie-Student der Universität Frankfurt, gehört der salafistischen Szene im Rhein-Main-Gebiet an. Seit einigen Jahren stufte ihn der Verfassungsschutz als Randfigur mit engen Kontakten zur Szene ein. Als islamistische “Gefährder” galt der Deutsch-Türke allerdings nicht. Er kennt wohl relevante Personen aus dem dschihadistischen Spektrum, darunter Kerim S., einen Bekannten von Adem Yilmaz, verurteiltes Mitglieds der “Sauerland-Gruppe”. Bei einer Verkehrskontrolle soll in Halil D.´s Auto zudem der Student Ali A. festgestellt worden sein, der anschließend nach Syrien ausreiste und dort wohl als Dschihadist ums Leben kam.

Als die Ermittler Halil D. und seine Ehefrau observierten war schnell klar: Herr und Frau D. besitzen keinen Gartenteich, wie sie beim Kauf des Wasserstoffperoxids angegeben hatten. Wofür also die Chemikalien?

Mit Erstaunen beobachteten die Ermittler wie Halil D. in ein Waldstück unweit von Oberursel, am Freiberg, fuhr und dort für eine halbe Stunde verschwand. Genau an dieser Stelle, der sogenannten “Applauskurve”, sollten schon bald zahlreiche Radsportfans jubeln.

Am 1. Mai findet im Großraum Frankfurt das alljährliche Radrennen “Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt” statt. Eine Sportveranstaltung an der hunderte Radfahrer und zehntausenden Zuschauer teilnehmen. Das augenscheinliche Interesse von Halil D. am Streckenverlauf des Radrennens beunruhigte die Polizei-Ermittler zutiefst. Suchte der Islamist möglicherweise nach einem geeigneten Anschlagsziel? Das Szenario, das den Ermittlern vorschwebte: Boston.

Vor zwei Jahren hatten in der Metropole an der US-Ostküste zwei tschetschenische Brüder Bombenanschläge auf den Marathonlauf verübt und drei Menschen getötet, mehr als 260 weitere teils schwer verletzt.

Für die Ermittler in Hessen wurde das Risiko zu groß. Sie entschieden sich für den Zugriff. Als Halil D. am 29. April, gegen 22.30 Uhr unerwartet die Wohnung in der Hohemarkstraße in Oberursel verließ, nahmen ihn Beamte des Mobilen Einsatzkommandos fest. Kurze Zeit später stürmte ein Sondereinsatzkommando die Wohnung, verhaftete die Ehefrau Senay D. und brauchten die Kinder des Salafisten-Paares in ein Kinder- und Jugendheim.

Bei der Durchsuchung der Wohnung stießen die Ermittler schließlich auf Teile eines G3-Sturmgewehrs, rund 100 Schuss Munition des Kalibers 9mm und große Mengen Chemikalien. Im Keller, versteckt in einer Bananenkiste, entdeckten sie zudem den wohl brisantesten Fund: eine fertiggestellte Rohrbombe, präpariert mit Nägeln.

“Es sieht nach einer Anschlagsplanung aus”, ist aus Ermittlerkreisen zu vernehmen. “Wir gehen davon aus, dass dieses Material eingesetzt werden sollte.”

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) erklärte nach den Festnahmen in Oberursel, die Behörden hätten vermutlich einen Terroranschlag verhindert. “Es besteht der Verdacht, dass es sich um einen salafistischen Hintergrund handelt”, so Beuth.

Während eine Tatortgruppe des Bundeskriminalamtes (BKA) die Wohnung des mutmaßlichen Salafisten-Pärchens untersuchte, gingen zwei Hundertschaften der hessischen Polizei im Wald nahe Oberursel auf die Suche nach möglichen Bomben, die bereits an der Radstrecke deponiert worden waren. Ergebnislos. Dennoch sagten die Behörden aus Angst vor unentdeckten Sprengsätzen oder etwaigen Mittätern das traditionelle Radrennen aus Sicherheitsgründen ab.

Zwei Wochen laufen nun die Ermittlungen bereits. Und noch immer ist unklar, ob Halil D. und seine Ehefrau Komplizen bei ihrem mutmaßlichen Anschlagsvorhaben hatten oder nicht. Es spricht einiges für ein Unterstützernetzwerk. Etwa die Summe von rund 24.000 Euro in Bar, die bei der Wohnungsdurchsuchung gefunden wurde. Halil D. und seine Frau gingen keiner geregelten Arbeit nach. Woher also stammt das viele Geld?

Hinzu kommen Hinweise auf Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Qaida. So wurde Halil D. bereits im November 2012 in Spanien von Sicherheitsbehörden observiert. Er traf sich dort mit Führungspersonen des salafistischen Netzwerkes “Sharia4Spain”, darunter auch Abdelnahet H., der Kämpfer für die “Al-Qaida im Islamischen Maghreb” (AQIM) rekrutiert haben soll.

In Hessen galt der Terrorverdächtige nicht als Führungsperson der Salafisten-Szene. Er steht auch nicht im Verdacht nach Syrien gereist und sich dort am Dschihad beteiligt zu haben. “Da hat sich jemand unter dem Radar radikalisiert”, fasst es ein Verfassungsschützer schon fast resigniert zusammen. Die Aufmerksamkeit einer Gartencenter-Verkäuferin hat am Ende vielleicht einen schwerwiegenden Terroranschlag verhindert.