Der Gentleman im Wolfspelz

von Florian Flade



„Ein Gentleman beleidigt nie jemanden unabsichtlich“ – dieser Satz von Oscar Wilde könnte passender nicht sein, für die Beschreibung dessen, was wohl im Kopfe des Thilo Sarrazin umhergeisterte als er beschloss ein Buch über seine Ansichten zur Immigrationspolitik, zur Ausländer-Intelligenz und zur Islamisierung Deutschlands zu schreiben.

In all jenen Talkshows, Zeitungsinterviews und Presseterminen wirkt das (noch) Bundesbank-Vorstandsmitglied Sarrazin, als könne er gar nicht begreifen, weshalb sein Werk „Deutschland schafft sich ab“ so hohe Welle schlägt. Beinahe überraschend, ein wenig verlegen, wirft er den Kritikern bei „Hart aber Fair“ oder „Beckmann“ seine Argumente entgegen, die er bereits auf 450 Seiten ausführte (die augenscheinlich etliche Talkshow-Gäste in Rekordzeit gelesen haben) und gebetsmühlenartig wiederholen muss. Besser und unschlagbarer werden sie dadurch nicht.

Sarrazin wusste genau, welche Reaktionen sein Buch haben würde, in allererster Linie von Seiten der Politik, die mit Ausnahme der rechtsextremen Zwerge, zum Gegenschlag ausholte und kollektiv ins gleiche Rohr blies: So etwas geht einfach nicht.

Im Provokateur Thilo Sarrazin findet sich ein leichtes Opfer für jene Vertreter der Political Correctness, die auch jetzt wieder am lautesten nach einem Parteiausschluss des ehemaligen Berliner Finanzsenators und nach der Abberufung aus dem Vorstand der Bundesbank rufen. Ein Rassist sei er, ein „Nazi in Nadelstreifen“ gar, wie es ein muslimischer Verband erklärte, jemand der die Integrationsdebatte um Jahrzehnte zurückwerfe, der keine Verbesserungsvorschläge für Immigrationspolitik liefere, sondern billig auf die Argumente der Nationalisten aufspringe, die Ausländer in Deutschland in Intelligenz-Klassen einteilen.

Letztendlich aber geht es im Fall Sarrazin nicht um die Thesen eines Mannes, der jahrelang in Berlin verfehlte Integrationspolitik ankreidete, jedoch selbst nichts daran änderte. Es geht nicht um die Ansichten eines Populisten, der Methoden der Statistiken bemüht, die aus prä-weltkriegslichen Zeiten stammen und Soziologie- und Psychologie-Experten zitiert, deren fachliche Arbeiten er selbst nicht so ganz verstanden zu haben scheint, und die ihm jetzt – nach Buchveröffentlichung – vehement widersprechen, weil sie nicht zum Lager Sarrazin gehören wollen.

All jene Probleme, die Sarrazin in seinem Buch anspricht, die kulturellen Besonderheiten muslimischer Einwanderer, die Verweigerung, die deutsche Sprache zu lernen, das Gewaltpotenzial arabischer und türkischer Teenager…all das sei doch nicht neu, so die ersten Reaktionen auf die sarrazinsche Bestandsaufnahme. Alles bekannt, alles nicht mehr aktuell. Damit aber verweisen SPD & Co. nicht auf die weiterhin bestehende, wenn nicht sogar wachsende Relevanz der Problematik, sondern gestehen sich ein, bereits vor Jahren erkannte Herausforderungen nicht bewältigt zu haben. „Nicht neu“ ist kein Argument gegen Sarrazin, sondern allenfalls ein Eingeständnis eigenen Versagens.

Ja, Thilo Sarrazin legt lineare Statistiken vor, in denen eine muslimische Unterwanderung Deutschlands erkennbar wird, die aber von Fachseite nicht haltbar, und längst widerlegt ist. Das Bevölkerungswachstum, auf das sich Sarrazin beruft, geht nicht von der Anti-Babypille aus, nicht von einem neuen Familienbild, und schon gar nicht von den neuesten sozialpolitischen Erkenntnissen wonach Immigranten in Deutschland sich in ihrer Fortpflanzung der Geburtenrate der Deutschen angleichen. Gerade „Kopftuchmädchen“ nehmen Bildungschancen verstärkt wahr, junge Türken eignen sich schneller gute Deutsch- als Türkisch-Kenntnisse an, iranischer Einwanderer integrieren sich mindestens genauso gut wie Deutsch-Russen, Ost-Asiaten oder Afrikaner.
Dennoch bleibt das Faktum: Integration ist in Deutschland vernachlässigt worden und war zu lange eine einseitige Bitte an jene, die in ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben freiwillig nicht leisten wollen.

Dass Herr Sarrazin die Kerngedanken, die sehr wohl seit Jahren durch die politische Debatte geschoben werden, nun untermauert mit Aussagen zum angeblich wissenschaftlich nachweisbarem Intelligenzmangel von Arabern und Türken, schadet nicht nur der notwendigen Diskussion über das Einwanderungsland Deutschland, sondern schadet in erster Linie dem Autor selbst. Wer sich in jene Sphären begibt, in denen Juden eine 15% höhere Intelligenz attestiert und gleich noch dazu behauptet wird, Mitglieder dieser Volksgruppe teilten weltweit ein bestimmtes, ein jüdisches Gen, der darf sich weder wundern noch beklagen darüber, dass seine ernstzunehmenden Thesen verstummen und tot geprügelt werden, in einem Land, in dem staatlich verordnete Rassenhygiene vor weniger als 100 Jahren das Todesurteil für Millionen Menschen bedeutete.

Aber was ist eigentlich so schlimm daran, dass ein Bundesbanker, der offen erklärt nie wieder in die Politik zurückkehren zu wollen, ein Buch veröffentlicht und darin seien Meinungen und Überzeugungen kundtut?
Das Fatale ist die Balance, die nun seit Tagen immer offensichtlicher wird. Volksparteien aller Couleur stempeln Sarrazin zum Ausländerfeind und untragbaren Parteigenossen ab, während der Stammtisch und die Strasse applaudiert. Das Verhältnis der Pro- und Contra-Sarrazin-Leserbriefe und E-Mails schockiert die PC-Vertreter. „Endlich sagt´s mal einer von denen da oben“ – so in etwa ließe sich Volkes Meinung zum sarrazinschen Werk zusammenfassen.

Erste Umfragen zeigen dass der Ex-Finanzsenator aus Berlin als Vorsitzender einer eigenen Partei auf anhieb im zweistelligen Bereich liegen würde. Sarrazin könnte aufspringen auf die „Anti-Islam“-Kampagnen der Wilders, Le Pens, Haiders und Blochers Europas und Immigration zum alleinigen Wahlprogramm machen. Nicht nur deshalb buhlen die Rechten um den bald suspendierten Bundesbank-Vorstand.
Sarrazins Buch steht für ein Tabu, das – auch wenn aus allen Richtungen behauptet wird, es weder neu geschweigedenn gut – ein Tabu ist. Wir wissen es alle, aber so wie Sarrazin sagen darf man es nicht. Wir wissen es alle, aber von einem wie Sarrazin wollen wir es nicht hören.

Als suizides Opferlamm des politischen Friedens präsentiert sich Sarrazin und trabt mit jedem weiteren Interview-Satz näher Richtung Schlachtbank. Geschlachtet wird der Autor von „Deutschland schafft sich ab“ zu einem extrem hohen Preis. Von politischer Seite mischte man sich noch vor der letztendlichen Entscheidung seines Arbeitgebers, der deutschen Bundesbank, in die Frage ein, ob Sarrazin ein semi-öffentliches Amt weiter inne haben darf, ein. Er muss gehen, hat Berlins Polit-Elite vor Tagen schon entschieden und den Druck erhöht.

Zum Schweigen gebracht hat man Sarrazin damit sicher nicht, der sich gerade durch die Zustimmung aus dem Volk, das seiner Meinung nach bald nur noch aus „Gemüsehändlern“ und deren „Kopftuchmädchen“ bestehen wird, beflügelt sieht, und sich vor Interview-Anfragen sicherlich kaum retten kann.

Mit Sarrazin als Bundesbank-Vorstand verschwindet letztlich auch die gesellschaftlich-angespornte, nicht die gesetzliche Meinungsfreiheit. Ist es nicht zu einfach, die Nazi-Keule zu schwingen gegen einen Buch-Autor, der ohnehin keine politische Macht mehr besitzt? In welche Kultur der politischen Debatten rutscht die Bundesrepublik ab, sollten wir kontroverse Themen ersticken in billigen Alarm-Rufen vor dem rassistischen Multi-Kulti-Feind?

Jeder der Thilo Sarrazin in den Fernsehauftritten der vergangenen Tage beobachten durfte weiß, dass das Noch-SPD-Mitglied kein Meister der freien Rede ist. Seine Wortwahl ist dürftig, sicherlich bedingt durch den Tanz im Minenfeld der Political Correctness, seine Argument langatmig und flach. Vielleicht aber meint er es richtig, findet nur offenbar nicht die Worte es gesellschaftlich angemessen zu transportieren. Möglicherweise aber ist er doch ein türkenhassender Provokateur, der sich hinter Pseudo-Politwissen und der Angst vor der „Moslem-Republik Deutschland“ versteckt.

Es spielt überhaupt keine Rolle, denn der Fall Sarrazin ist zur Prüfung für Deutschlands Meinungsfreiheit geworden. Ertragen wir eine Meinung, egal wie falsch sie ist? Warum opfern wir Sendezeit und Druckerschwärze, wenn doch sowieso alles Nazi-Müll ist was aus Thilo Sarrazins Feder stammt? Weshalb die Aufmerksamkeit für einen, der angeblich nur Unsinn redet?

Die Freiheiten, die Sarrazin versucht für das Deutschland seiner Enkel zu verteidigen (die Freiheit keinen Muezzin in den Straßen zu hören, weiterhin Deutsch und nicht Arabisch im Kindergarten zu sprechen…) müssen nicht verteidigt werden, denn sie werden nicht bedroht. Eine andere Freiheit aber wird durch die Medien-Mühle um Sarrazin gedreht und zerrieben.

Sich einen Satz, der fälschlicherweise Voltaire zugeschrieben wird, ins Gedächtnis zu rufen, könnte hilfreich sein, um nicht aus den Augen zu verlieren, worum es beim Thema Sarrazin geht. Von wem die Aussage wirklich stammt, ist vollkommen egal. Sie spiegelt meine Überzeugung als Journalist, als Demokratie-Verfechter und als Freund von Meinungs- und Pressefreiheit wieder.

„Ich verdamme was du sagst, aber ich würde sterben um dein Recht zu verteidigen, es sagen zu dürfen.“ – Voltaire (?)

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