Wo ist al-Qaidas General?

von Florian Flade

Neun Jahre nach 9-11 fehlt von al-Qaidas Führungsriege weiterhin jede Spur. Während sich Bin Laden, Zawahiri und andere irgendwo im pakistanischen Waziristan vor der Drohnen-Offensive der CIA verstecken, hat sich al-Qaidas Militärchef Saif al-Adel im Iran eingenistet. Der Autor von al-Qaidas 20-Jahre-Plan zur Eroberung der Welt, gilt als hochgefährlich, Geheimdienstler fürchten seine Rückkehr in die Kommandozentrale al-Qaidas. Im Iran stand al-Adel unter dem Hausarrest der Sicherheitskräfte – bis jetzt.

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Der 08.Januar 2000. Tarnak-Farm, ein ehemalig von den Sowjets und ihren afghanischen Kommunisten-Alliierten genutztes Gelände nahe Kandahar. Eine Gruppe von etwa 100 bärtigen Männern sitzt auf dem Boden unter freiem Himmel. Sie unterhalten sich, einige habe ihre Söhne auf dem Schoss, andere ihre Kalaschnikov. Es wird geplaudert und in die Kamera gelacht.
Plötzlich erscheint ein hochgewachsener Saudi in langem weißen Gewand, umringt von Leibwächter, und tritt vor dem versammelten Publikum an das Rednerpult – es ist Osama Bin Laden.

Noch während er seine Ansprache beginnt, schwenkt die Kamera der al-Qaida Propagandafilmer auf einen Mann im Publikum, einen bärtigen Ägypter mit weißem Turban Er grinst für wenige Sekunden in die Kamera, im Hintergrund spricht Bin Laden. Die kurze, tonlose Filmsequenz, die US-Truppen auf Videokassetten in Afghanistan fanden, sind die letzten bekannten Aufnahmen von Saif al-Adel, dem ehemaligen, eventuell noch aktuellen Militärchef des Terrornetzwerkes al-Qaida.

Al-Adel, geboren im April 1960 oder 1963, gilt als einflussreiche Größe des globalen Dschihadismus, obwohl er seit Jahren untergetaucht, beinahe verstummt ist. Der Ägypter, dessen wahrer Name Mohammad Ibrahim Makkawi lauten soll, hatte die Nachfolge des al-Qaida Militärchefs Mohammad Atef alias „Abu Hafs“ übernommen, nachdem dieser im November 2001 durch eine US-Rakete in Kabul getötet worden war. Seitdem steht Said al-Adel weit oben auf den Fahndungslisten der USA (5 Millionen US Dollar Kopfgeld) und gilt als gefährlicher Drahtzieher verschiedener al-Qaida Anschläge, u.a. in Saudi-Arabien und im Irak.

Im Jahr 1987 entließ die ägyptische Armee den Oberst einer militärischen Spezialeinheit, Saif al-Adel, und nahm ihn sowie hunderte weitere Männer unter Terrorverdacht im Zuge des „National Security Case 401“ fest. Al-Adel sympathisierte mit der islamistischen Bewegung „Al Jihad“ und hatte einem ägyptischen Abgeordneten berichtet, es gäbe Pläne ein Flugzeug auf das ägyptische Parlament stürzen zu lassen. Dies bewegte ein ägyptische Gericht al-Adel am 06.Mai 1987 zu einer Gefängnisstrafe für einen Putschversuch zu verurteilen.
Nach kurzer Haft kehrte Saif al-Adel Kairo den Rücken. Er überlebte in die USA auszuwandern und dort in das Militär einzutreten.

Stattdessen aber schloss er sich jenem Strom junger Araber an, die in den 1980er Jahren nach Afghanistan aufbrachen, um gegen die sowjetische Invasion zu kämpfen. Über Saudi-Arabien reiste al-Adel 1988 nach Pakistan, das zur damaligen Zeit Basis für all jene ausländischen Freiwilligen war, die in Afghanistan in den Dschihad ziehen wollten.

Im April 1988 machte sich der erfahrene Soldat an die Front in Ost-Afghanistan. Dort hatte ein Saudi namens Osama Bin Laden eine Gruppe arabischer Dschihad-Kämpfer, das sogenannte „Ansar-Battallion“ geformt. Unter der Führung eines weiteren Ägypters, Abu Ubaidah al-Banshiri, gesellte sich Saif al-Adel zu Bin Ladens Einheit.
Anders aber als die anderen Islamisten blieb al-Adel weiterhin glatt rasiert, entsprechend der Tradition des Militärs. Auch in seinem Verhalten unterschied er sich von den übrigen Arabern, fiel sogar negativ auf. Al-Adel galt als unausgeglichen, leicht erregbar und dabei extrem herabweisend.

„Die anderen Araber hassten ihn, weil er sich wie ein Offizier aufführte“, berichtet ein ägyptischer Kameramann der die arabischen Mujaheddin damals begleitete. In der Schlacht von Khost, als arabische Kämpfer den von Sowjets besetzten Flughafen angriffen, erregten die amateurhaften und wenig militärisch erfahrenen Mitkämpfer al-Adels Gemüt. „Das ist ein Krieg der Ziegen“, soll der Ex-Oberst gesagt haben, und beklagte sich bei Bin Laden über die stümperhaften Dschihadisten.

Als die Sowjets Afghanistan 1989 verließen, ging auch Saif al-Adel. Der Ägypter blieb zunächst im pakistanischen Peshawar und wurde ein Organisator der verbliebenen arabischen Kämpfer am Hindukusch. Bis 1992 soll er zudem als Ausbilder in einem Dschihad-Lager nahe Khost gedient haben.

Im Tross um Osama Bin Laden reiste al-Adel 1992 in den Sudan und wurde zum militärischen Vordenker für das Terrornetzwerk al-Qaida. Somalia erschien dem ehemaligen Elitesoldaten als passendes neues Aktionsfeld für die internationalen Dschihadisten. Gerade war der Bürgerkrieg ausgebrochen, und westliche Truppen würden das Land bald besetzen. Al-Adel entsandte Mitstreiter ans Horn von Afrika, um dort Allianzen mit lokalen Gruppen zu schließen und neue Trainingscamps aufzubauen.
Im Oktober 1993 diskutierte al-Adel mit seinem Vorgesetzten, dem Militärchef Mohammed Atef, al-Qaida Ausbildungslager in der Region Ogaden und im Süden Somalias einzurichten. Die Route von Nairobi nach Kamboni, so schrieb al-Adel später selbst aus Somalia, sei ideal um Kämpfer von Ost-Afrika in das Bürgerkriegsland zu bringen.

Mitte der 1990er Jahre hielt sich al-Adel vermutlich eine Zeit lang im Jemen auf, wo er den späteren 9/11-Chefplaner Khalid Sheikh Mohammad traf. Nach Bin Ladens Rückkehr aus dem Sudan nach Afghanistan, 1996, bei der al-Adel als Copilot des Flugzeuges fungiert haben soll, stieg Saif al-Adel zum militärischen Chefplaner von al-Qaida auf.

Nahe Kabul, im „Mes Aynak Camp“ des Terrornetzwerks, bildete al-Adel bis 1999 eigenhändig Terrorrekruten aus. Zu dieser Zeit verließ im weit entfernten Jordanien gerade ein berüchtigter Straßengangster und nun radikalisierter Islamist das Gefängnis. Der junge Jordanier nannte sich „Abu Mussab az-Zarqawi“ und verließ seine Heimat prompt mit Ziel Afghanistan.

Saif al-Adel traf den fanatischen Extremisten, und sah ihn als willkommene Möglichkeit al-Qaida Nachwuchs in Jordanien, Syrien und dem Libanon zu werben, einer Region in der das Terrornetz bislang kaum Fuß gefasst hatte. Ein Großteil seiner Rekruten kam bislang aus den Golfstaaten, Nord- und Ostafrika.

In Kandahar bat al-Adel Osama Bin Laden und dessen Vize Ayman az-Zawahiri, den energiegeladenen Abu Mussab az-Zarqawi zu unterstützen. Die Überredungsversuche gelangen und der Jordanier bekam mit al-Qaidas Segen ein eigenes Trainingscamp im westafghanischen Herat. Saif al-Adel machte es sich zur Aufgabe im Iran Kontakte zu kämpfen und eine Schleuserroute über den Nord-Irak und Nord-Iran nach Herat zu erstellen um Zarqawi mit Rekruten zu versorgen.

Als im Sommer 2001 die Pläne zum 9/11-Anschlag auf Hochtouren liefen, stellte sich Saif al-Adel gegen seine Chefs Bin Laden und Zawahiri. Einen Großanschlag in den USA auf Zivilisten sah der ägyptische Ex-Oberst als nicht sinnvoll, er fürchtete brutalste Gegenschläge, die al-Qaidas Infrastruktur in Afghanistan zerstören würden. Ähnlich sahen es auch andere Mitglieder des Führungsgremiums al-Qaidas. Doch die Warnungen wurden ignoriert.

Der 11.September 2001 brachte die befürchtete Reaktion von Seiten der USA. Afghanistan war als Basis für al-Qaida nicht mehr haltbar und die Anhänger des Netzwerks flohen in alle Himmelsrichtungen.
Während sich eine Gruppe, rund um Bin Laden und Zawahiri in Richtung Osten, in die pakistanischen Stammesgebiete aufmachte, wählte Saif al-Adel Ende 2001 die Route gen Westen. Er floh über die Grenze in den Iran. Mit ihm kamen mehrere Mitglieder der Bin Laden Familie, darunter die drei Söhne des al-Qaida Führers, Saad, Mohammad und Uthman Bin Laden, sowie seine Tochter Iman und mindestens eine Ehefrau.

Seit Ende 2001 soll sich Saif al-Adel, der mit der Tochter eines ägyptischen Dschihad-Veteranen aus den 1980er Jahren verheiratet ist und mindestens fünf Kinder haben soll, in der Islamischen Republik Iran aufhalten. Wo genau ist ebenso unklar wie die Umstände, etwa ob es sich um einen Hausarrest handelt oder ob Irans Behörden überhaupt wissen wo der al-Qaida Militärchef haust.

Dass al-Qaida Mitglieder im Iran leben, bestreitet nichtmal das Teheraner Regime. Namen der Personen zu nennen, die sich angeblich in Haft oder unter Hausarrest befinden, weigerte sich die iranische Regierung bislang.
Aus Sicht der CIA steht fest: der schiitische Gottesstaat beherbergt einen Teil der Terror-Elite, darunter Saif al-Adel. Die Ermittlungseinheit „RIGOR“ sollte noch unter der Bush-Administration herausfinden, wieviel al-Qaida im Iran präsent ist, und welche Aktivitäten von den Personen ausgehen.

Saif al-Adel jedenfalls dürfte nicht in einem iranischen Kerker dahinvegetieren. Als am 12.Mai 2003 in der saudischen Hauptstadt Riad ein Gebäudekomplex, in dem auch Ausländer angesiedelt waren, Ziel eines al-Qaida Anschlages wurde, hörte der saudische Geheimdienst ein Telefonat zwischen den Drahtziehern und einer Person ab, die sich offenbar im Iran aufhielt: es war die Stimme Saif al-Adels.

Seinem ehemaligen Zögling Zarqawi gab al-Adel zum Dschihad-Karrierehöhepunkt im Irak, Ratschläge, keinen Bürgerkrieg mit schiitischen Milizen zu riskieren. Der Zarqawi-Biograf Fuad Hussain kontaktierte Saif al-Adel über islamistische Kreise und erhielt von ihm ein ausführliches Strategiepapier zu al-Qaidas Zukunftsplänen. „Al Qaidas Strategie 2010“, so der Titel des Dokuments, beweist dass al-Adel weiterhin aktiv am globalen Terrorgeschäft beteiligt ist.

Im Gegensatz aber zu all jenen al-Qaida Kadern, die es in den letzten Jahren nach Waziristan zog, hat Saif al-Adel im Iran ein mehr oder weniger sicheres Versteck gefunden. Unter den Augen des verhassten Schiiten-Regimes hat der Islamist keine amerikanischen Drohnenangriffe zu befürchten. Außerdem herrscht im Iran kein Krieg wie in Afghanistan oder dem Irak, es besteht also keine Gefahr mehr oder weniger per Zufall zum Märtyrer zu werden.

Unbestätigten Berichten zufolge sollen die Iraner al-Adel jüngst Bewegungsfreiheit erteilt haben (US-Geheimdienstberichte gehen sogar von Reisen in die arabischen Golfstaaten aus). Der Ägypter könnte sich also wieder Richtung Pakistan aufmachen und in der al-Qaida Führung mitmischen. Ob der militärische Stratege diese Möglichkeit wahrnimmt, bleibt zu bezweifeln.
Schon in den 1980er Jahren war er schockiert von den Amateur-Gotteskriegern im Dschihad gegen die Sowjets – was würde al-Qaidas oberster General heute erst zu dem versprengten Haufen ausländischer Terror-Jünger sagen, die sich in militärischen Crashkursen in Waziristan als Soldaten Allahs versuchen?

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