Diplomaten-Tratsch

by Florian Flade


Nichts würde mehr so sein wie es mal war, hieß es. US-Außenministerin Hillary Clinton würde höchstwahrscheinlich einen Herzinfarkt erleiden, auf Jahre werde das Verhältnis der Supermacht Amerika zu seinen Verbündeten vergiftet. Die Veröffentlichung von 251,287 sogenannten „cables“, diplomatischen Depeschen von US-Botschaften, durch die Online-Plattform WikiLeaks wurde als nichts geringeres als ein Erdbeben auf weltpolitischer Diplomatie-Bühne angekündigt. Die hunderttausenden vertraulichen und teils geheimen E-Mails, Protokolle, Lageberichte, Analysen oder nur Einzeiler, gesendet an das Außenministerium in Washington D.C., sind eine peinliche, und historisch wohl unvergleichliche Katastrophe für Amerikas Außenpolitik – so das Urteil der Weltpresse.

Doch was soll all der Wirbel um die „cables“? Anstatt sich wie Geier auf das Aas zu stürzen, hinterfragten die wenigsten Medien, ob das, was WikiLeaks als Sensation, als Revolution im Journalismus und als weltbewegendes historisches Ereignis pries, tatsächlich auch nur ansatzweise den behaupteten Stellenwert hat.

Wie üblich ließ WikiLeaks über ausgewählte Medien, diesmal über SPIEGEL, Le Monde, Guardian und El Pais, eine Auswahl der über einer Viertel Millionen Botschaftsdepeschen veröffentlichen. Erst nachdem diese Tages- und Wochenzeitschriften am vergangenen Sonntag die Nachricht von der Kette ließen, schaltete WikiLeaks das komplette Datenarchiv auf seiner eigenen Webseite online, und machte den gigantischen Haufen elektronischen Schriftverkehrs für jedermann zugänglich.

Zum Erstaunen des aufmerksamen Lesers wird schnell klar: geheim, wie es WikiLeaks und seine Alliierten behaupteten, sind nur die wenigsten Berichten. Auch ist längst nicht alles brisant, geschweige denn für Otto-Normal-Leser interessant. Natürlich pickten die WikiLeaks-auserwählten Medienvertreter die für ihre Länder interessantesten Fetzen aus dem Datenhaufen heraus und präsentierten – wie beispielsweise der SPIEGEL – das zutage geförderte als Skandal. „Wie Amerika die Welt sieht“, titelte das deutsche Wochenmagazin und zitierte aus den Depeschen Berichte der US-Botschaft in Berlin, die an Washington meldete, wie sie deutsche Politiker einschätzte. Bundeskanzlerin Angela Merkel sei „kaum kreativ“, wirke „wie aus Teflon“, Finanzminister Wolfgang Schäuble sei ein „zorniger alter Mann“, Vize-Kanzler Guido Westerwelle „unerfahren“, „aggressiv“ und „kein Genscher“ und Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg ein „Freund Amerikas“ – so die persönliche Analyse, versendet im Namen von US-Botschafter Philip Murphy.

Fragt sich nun worin der Skandal liegen soll. Ein Blick auf das Auftreten von Frau Merkel im politischen Alltag des deutschen Bundestages, und nicht nur als Amerikaner könnte man den Eindruck bekommen, die Bundeskanzlerin agiere wenig risikofreudig und geradezu emotionslos. Dass Guido Westerwelle keinerlei Erfahrung im außenpolitischen Feld hat, ist alles andere als ein Staatsgeheimnis. Im Gegenteil. Genau dies war einer jener Kritikpunkte, die kurz nach seiner Ernennung zum Außenminister nach der Bundestagswahl im Herbst 2009, am häufigsten in der Presse zu lesen waren. Den Zorn Schäubles findet man indes nicht nur als etwaiges Hirngespinst der US-Diplomaten, sondern er war jüngst vor den Live-Kameras während einer Pressekonferenz für jeden erkenntlich. Und spätestens seit der medial perfekt inszenierten Fred Astaire Pose am New Yorker Times Square im März 2009 dürfte klar sein, dass Herr zu Guttenberg dem American Way of Life nicht ganz abgeneigt sein dürfte.

Im Bezug auf Deutschland brachte WikiLeaks demnach keine neuen, kontroversen Erkenntnisse, keine geheimen US-Analysen wie mit dem Verbündeten Deutschland umzugehen ist. Und was ist mit dem Rest der Welt? Was erfährt der aufmerksame WikiLeaks-Leser? Hier nur ein Teil jener bahnbrechenden, „neuen“ Informationen…und der Beleg warum hier nur kalter Kaffee als heiße Geheimware verkauft wird:

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Die USA sehen im Atomstaat Pakistan ein gewaltiges Sicherheitsrisiko für die gesamte Region – außer Pakistans Staatsführung sieht das wohl jeder so.

Die arabischen Golfstaaten, allen voran das Königreich Saudi-Arabien, sehen Iran als immer mächtigeren Gegenspieler, einen Erzfeind der nach Atomwaffen strebt und den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Israel teilt diese Einschätzung – die Information zu diesem „Arab-Israeli-Amerika“- Pakt, geboren aus der Angst vor der persischen Atombombe, ist alles andere als neu.

Die US-Regierung soll verschiedenen Ländern Geld für die Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen geboten haben – auch dies ist nicht neu. Palau soll 200 Millionen US-Dollar erhalten haben.

Nordkorea ist aktiv am globalen Waffenhandel beteiligt, und rüstete auch das Mullah-Regime von Teheran mit Raketen aus – nichts was nicht schon seit Monaten oder gar Jahren durch die Weltgeschichte geistert.

Jemens Präsident Abdullah Saleh hat den USA versichert, er werde weiterhin behaupten es fielen nie US-Bomben auf al-Qaida Ziele in seinem Land, sondern es wären die der jemenitischen Streitkräfte. Außerdem bereite ihm der Schmuggel an den jemenitischen Küsten Sorgen – im Bezug auf die Qualität seines geliebten Whiskeys. – Amnesty International hat in einem Bericht aus diesem Jahr Fotobelege für den Einsatz amerikanischer Cruise Missiles bei einem Luftangriff im Jemen vorgelegt.

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Abgesehen von diesen weltpolitischen Ereignissen, Absprachen und Plänen, findet sich tatsächlich allerhand interessantes Material in den „cables“, nur die Relevanz der Informationen ist eher mäßig. Oder überrascht es, dass kaukasischer Öl-Adel Luxus-Hochzeiten feiert, bei denen Kindertänzer mit Geld überhäuft werden und die Partygesellschaft volltrunken Jetski-Rennen auf dem Kaspischen Meer veranstaltet? Dass kasachische Oligarchen Elton John für eine Geburtstagsfeier einfliegen lassen? Muss es die Regierungen dieser Welt interessieren, dass Libyens Staatschef offensichtlich Flugangst hat und ein Faible für ukrainische Blondinen mit großer Oberweite? Ist es ein Geheimnis dass die russische Führung geschlossen und verstärkt autoritär agiert, dass Silvio Berlusconi ein sizilianischer Partylöwe ist oder dass Nicolas Sarkozy leicht napoleonische Züge aufweist? Ein Blick auf die Gattin des aserbaidschanischen Staatsoberhauptes genügt um zu wissen, dass die plastische Chirurgie hier eventuell ein Limit überschritten hat. Wer das leidvolle Schicksal Simbabwes in den vergangenen Jahren verfolgt hat weiß, dass Robert Mugabe trotz mehrerer Doktortitel keine Ahnung von Wirtschaft und Volksernährung hat. Dazu Bedarf es nicht des schriftlichen „gossip“ amerikanischer Diplomaten.

Denn genau das sind die WikiLeaks „cables“ – nichts als diplomatischer Tratsch, keine Geheimabsprachen, keine Beweise dafür, dass die Einschätzungen der US-Botschafter und Gesandten tatsächlich politische Aktionen ausgelöst haben oder auch nur im Entferntesten in Entscheidungen in Washington einflossen. Sie sind schriftliche Zeugnisse von teilweise unqualifizierter, manche mögen sagen beleidigender, Einschätzungen amerikanischer Diplomaten. Aber sie sind sicher weder überraschend noch brisant. Amerika fühlt sich nicht wirklich blamiert sondern allenfalls peinlich ertappt, wie der Teenager der von seiner Mutter beim Masturbieren überrascht wird oder das Kleinkind, das beim Klauen erwischt wurde.

Aufdeckt hat WikiLeaks lediglich Kanäle, zu denen ohnehin bis zu 800.000 Menschen Zugang hatten. Ein Wunder dass nicht bereits früher „cables“ dieser Art an die Öffentlichkeit gelangten – und ein Beweis dafür dass jener Schriftverkehr vielleicht gar nicht derart brisant ist, wie andere ihn verkaufen möchten.

WikiLeaks ist, seitdem die Plattform im Frühjahr mit dem „Collateral Murder“-Video aus dem Irak in das Spotlight der Weltpresse trat, eine „One-Man-Show“. Man könnte den Eindruck bekommen, WikiLeaks Mitbegründer Julian Assange führe die Organisation von einem Coup zum nächsten und ohne ihn sei das System WikiLeaks nur die Hälfte wert. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Sicherlich profitieren die Hacker, Pazifisten, Aktivisten und Journalisten hinter WikiLeaks von ihrem charismatischen Anführer, den so mancher Schreiberling und Blogger bereits zum Helden der Meinungs- und Pressefreiheit geadelt hat. Dennoch sind die nackten Tatsachen weit weniger mystisch und heroisch. Vom „Collateral Murder“-Video, über die „Afghan War Diaries“ im Juli und die „Iraq War Diaries“ im Oktober bis zu den jetzt veröffentlichen „Diplomatic Cables“ gehen die großen „Leaks“ auf eine einzige Quelle zurück – den 23jährigen US-Soldaten Bradley Manning. Er hat die Welle von etlichen Gigabyte an Daten besorgt, auf denen WikiLeaks nun im Blick der Weltöffentlichkeit reitet. Manning ist der „whistle-blower“, er ist die eine Person, der WikiLeaks seinen Erfolg zu verdanken hat.

Doch anstatt den Amerikaner, der als Nachrichtendienstler im Irak im Einsatz war und irgendwann offenbar genug vom Krieg und eventuell auch vom Mobbing durch seine Kameraden (Manning ist homosexuell) hatte, und die Daten illegal herunter geladen hat und an WikiLeaks schleuste, als Helden zu feiern, schweigt Assange zum Fall Bradley Manning. Eisern wird weiterhin von „sources“ gesprochen, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass es für die bislang wohl spektakulärsten WikiLeaks-Veröffentlichungen nur eine „source „gibt. Und die sitzt seit Mai in den USA in Haft und könnte bei Verurteilung wegen Geheimnisverrats eine Haftstrafe von bis zu 52 Jahre Gefängnis erhalten. Für seinen Mut, sein Heimatland, dessen politische und militärische Führung zu blamieren und bloßzustellen, wird Bradley Manning höchstwahrscheinlich einen sehr hohen Preis zahlen, während WikiLeaks sich zu einem einflussreichen Online-Medien katapultiert und auf der journalistischen Weltbühne hofiert wird.

Wer hat schon  vor dem Apache-Video aus Bagdad Notiz genommen von WikiLeaks, vor den hunderttausenden Militärdokumenten aus Afghanistan? US-Soldat Manning ist der wahre Superstar von WikiLeaks, eine tragische Heldenfigur. Er ist der lebende Beweis, dass die Organisation Quellen weder schützen kann noch will. Keiner soll einen Gesamtüberblick haben, woher Material stammt soll unklar bleiben, undurchsichtige Kanäle, Server in verschiedenen Ländern, Daten-Verschlüsselungen und absolute Diskretion – so beschreibt Assange selbst die Arbeit von WikiLeaks.

Um dies zu untermauern muss die tatsächliche Arbeit gepaart werden mit einer gewissen Prise Paranoia, gelebt und propagiert von Julian Assange himself. Dieser Verfolgungswahn, die permanente Erwähnung ständig verfolgt und gejagt zu werden, sind mittlerweile Image der Organisation. Egal welcher Staat, welches Militär, welches Unternehmen vertuscht, lügt und verschweigt – sie alle müssen den weißhaarigen Australier fürchten, so will WikiLeaks vermitteln. Gehetzt von Land zu Land, die Verwendung und Verschwendung mehrerer Mobiltelefone, nie zwei Nächte im gleichen Hotel zu übernachten und als Staatsfeind Nr.1 der Weltmächte inszeniert zu werden hilft dabei ungemein den eigenen Mythos zu verkaufen. Manning war der unsichtbare Königsmacher, Assange ist das Herz und Gesicht von WikiLeaks.

Diesen Status Quo zu erhalten erweist sich zunehmend als schwierig. WikiLeaks Mitarbeiter verließen die Organisation, berichten von einer autoritär geführten Gruppe. Mit jedem „Leak“ wächst zudem die reale Gefahr für Assange Opfer staatlicher Justiz zu werden. Erst heute forderte die US-Republikanerin Sarah Palin, der WikiLeaks-Chef solle „gejagt werden wie ein Terrorist“.

Assange selbst sieht sich als Ritter für das Gute, er folgt dem Leitsatz, den ihm bereits sein Vater vermittelt haben soll „edle Männer versorgen Waisen, sie machen keine“. Sein Werk soll die Welt verbessern, soll Gerechtigkeit schaffen, Kriegslügen entlarven, Regierungen erzittern lassen, sie sollen den Schwachen ein Instrument geben, Weltmächte ins Wanken zu bringen und den Mächtigen zeigen, dass nichts Geheimes geheim bleibt. Transparenz um jeden Preis, Zugang für alle auf alles, keine Zensur, 100%ige Enthüllung. Journalismus nennt Assange diese Tätigkeit inzwischen. Als Hacker will er sich lieber nicht mehr bezeichnen, obwohl er auf seine Vergangenheit als Computer-Hacker in Australien stolz zurückblickt. Seit dem ersten großen Leak vom Jahresanfang scheint Assange eingesehen zu haben, dass er sich und seine mysteriöse Aktivistentruppe nicht als seriöse Journalisten verkaufen kann. In kleinen Erklärfilmchen, die ein wenig an Apple-Werbevideos erinnern, hatten Assange und andere noch im Fall des „Collateral-Murder“-Videos versucht, selbst Publizist zu sein. Für die großen Datenmengen der Kriegstagebücher aus Afghanistan und Irak wagte WikiLeaks schließlich den Schulterschluss mit Mainstream-Medien Jedoch nur streng selektierten.

Wer die WikiLeaks Daten erhält, bekommt einen klaren Auftrag: Aus hunderttausenden Dokumenten muss gefiltert werden was relevant scheint, was brisant sein könnte, was gefährlich ist, und was die Kasse klingeln lässt. Ausgebildete Vollzeit-Journalisten verschiedener Zeitungen und Nachrichtensender werden angesetzt die Geschichten hinter den Daten zu recherchieren, Fakten zu prüfen, herauszufinden ob die Ereignisse stattgefunden haben, ob Opferzahlen stimmen oder neu geschrieben werden müssen. Dies klingt wahrlich nach einer neuen Form von Journalismus wie WikiLeaks ihn ankündigt. Geheimes Datenmaterial wird öffentlich, zuvor durch die fachmännischen, journalistischen Mühlen gedreht und lesergerecht präsentiert – alle zur gleichen Zeit, alle in eigener Form der Präsentation.

Doch so einfach ist es nicht. WikiLeaks setzt Deadlines. Die Organisation will selbst bestimmen wann was veröffentlicht wird, die Medien haben diesem Diktat zu folgen, sie müssen in Akkordzeit recherchieren, prüfen, schreiben. Bleibt überhaupt noch Zeit für das kritische Hinterfragen der oft hunderttausendfach präsentierten angeblichen Fakten? Wer weiß ob der Urheber jener ist, den WikiLeaks angibt? Woher sollen die Redaktionen in London, Berlin, Hamburg, Madrid, Paris und New York wissen ob Datensätze fehlen, andere hinzugefügt oder gefälscht wurden? Welche Experten werden herangezogen um Militärsprache in Lesersprache zu übersetzen? Wer schätzt Kriegshandlungen ein? Wer beurteilt in Protokollen beschrieben Situationen die teilweise Jahre zurückliegen?

Über allem schwebt WikiLeaks moralische Position, die es nicht zu hinterfragen gilt. Krieg kann nur schlecht sein, der Mächtige, der Besatzer, Invasor oder Akteur ist zu verurteilen. Ob dabei Hubschrauber-Piloten eine bestimmte Situation, in der offensichtlich Schusswaffen und schusswaffenähnliche Gegenstände vor Ort waren, falsch einschätzen können, steht nicht zur Debatte. Die Wahrheit ist das Gut, das WikiLeaks an den Mann und die Frau bringen will. Dass es mehrere Wahrheiten geben könnte, kommt kaum zur Sprache.

Sollte nicht die Frage erlaubt sein, welche Aktion der WikiLeaks-Krieger bislang ganz real Leben retten konnte? Welcher Zivilist in einem Konfliktgebiet wurde gerettet, welcher US-Soldat zögerte beim Schuss auf potentielle Gegner, weil er sich an WikiLeaks erinnerte? Wie viele Drohnenangriffe im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet blies US-Präsident Barak Obama in letzter Minute ab aus Angst vor Julian Assange? Welcher afghanische oder kongolesische Politiker wird es sich aufgrund des WikiLeaks-Damoklesschwert zweimal überlegen bevor er Schmiergelder annimmt?

Zumindest das Gegenteil, dass Personen durch die WikiLeaks-Dokumente Schaden nehmen könnten, könne mittlerweile ausgeschlossen werden, versicherte Julian Assange kürzlich. Dies sehen diverse Regierungen, Militärs, Geheimdienstler und sonstige Beobachter – zu Recht – anders. Die US-Kriegstagebücher enthalten Namen von afghanischen und irakischen Informanten, Personen die nun um ihr Leben und das ihrer Familien fürchten müssen. Al-Qaida erklärte bereits durch den amerikanischen Sprecher Adam Gadahn, durch die Veröffentlichungen von WikiLeaks sei man nun in der Lage Verräter zu jagen. Abwegig allerdings erscheint das Argument, WikiLeaks erzeuge ein unnötiges Risiko für amerikanischen Soldaten. Deren Gefährdung dürfte sich wohl kaum steigern lassen durch die Belege jener Taten und Untaten, die durch die ehemals geheimen Dokumente zwar nicht enthüllt, wohl aber bestätigt werden.

Hier liegt die nächste Crux. WikiLeaks stellt im Prinzip eine historische Datenbank dar, eine Fundgrube für Militär- und Politikhistoriker, aber wirklich aufgedeckt wurde durch die Dokumente mit Kriegsbezug bis dato nichts. Sicher wurde durch das „Collateral-Murder“ Video ersichtlich auf welch brutale Weise die beiden irakischen Reuters-Journalisten in Bagdad starben, doch ihr Tod, so wie der Tod der meisten Opfer, die in den Kriegstagebüchern vorkommen, stand bereits fest. US-Soldaten, die beim Vorfall in Bagdad dabei waren und die Szenerie kurz nach dem Hubschrauber-Einsatz aufsuchten, berichteten darüber. Den Tod der beiden Journalisten leugnete niemand ernsthaft. Es war klar dass und wann Namir Noor-Eldin und Said Chmagh starben, auch das Wie war weitestgehend geklärt. WikiLeaks lieferte lediglich den Live-Video Beweis – aufgeblasen und 2010-gerecht online serviert. Hunderttausende Opfer, die der Irakkrieg seit 2003 forderte, waren schon lange vor der Enthüllung der Militärdokumente im vergangenen Oktober errechnet worden, schreckliche Einzelschicksale gab und gibt es weiterhin zuhauf, auch ohne die kühle, emotionslose militärische Codiersprache der WikiLeaks-Daten.

Was also ist das Phänomen WikiLeaks, wenn es nicht wirklich neues zu Tage fördert? Was es gerne wäre, ist klar: der Enthüllungsjournalismus des 21.Jahrhunderts. Julian Assange wäre gerne Teil der nächsten Generation der Daniel Ellsbergs, Bob Woodwards und Seymour Hershs, ein journalistischer Robin Hood der heldenhaft das Leben eines ständig Gejagten führt um eine pazifistische Non-Profit-Organisation junger, engagierter Aktivisten aus aller Welt zu führen. Wer sich in diese moralischen Sphären begibt und nicht nur Botschafter sondern auch Richter wird, muss aufpassen in welch gefährliche, und ideologischen Gewässer er segelt.

Hauptangriffsziel von WikiLeaks bleiben die USA, bleiben westliche Großmächte, korrupte Politiker und skrupellose Konzerne. „Jeder schreit bei der Verletzung von Menschenrechten in China, aber keinen interessieren Menschenrechtsverletzungen in den USA“, mahnte Assange in einem Interview, „Korruption in Afrika verurteilen alle, aber Korruption in Europa spricht niemand an.“ Kann WikiLeaks ernsthaft verurteilen, was es gleichzeitig propagiert und heraufbeschwört? Die wahre Botschaft die die Organisation in den vergangenen elf Monaten medial mitteilte wird nicht missverstanden bleiben: Daten bedeuten Macht – und Geld. Es wird eine Jagd auf sensible Daten einsetzen, die sich speist aus dem medialen Echo der WikiLeaks-Veröffentlichungen. Wenn New York Times, SPIEGEL, Guardian und andere bereitwillig Zeit, Personal und hohen Aufwand investieren um Informationen zu verarbeiten, die letztendlich doch über WikiLeaks frei zugänglich und kostenlos im Netz landen, was ist dann erst wenn solches Material exklusiv an den meistbietenden feilgeboten wird? Ob Manning die Daten nun vollkommen selbstlos und ohne einen Dollar zu erhalten weitergab, oder sie verkauft hätte spielt dann letztendlich nur noch im Strafmaß eine Rolle. Attraktiv für Datendiebe ist die Entwicklung angetrieben von WikiLeaks allemal.

Auch die moralische Frage an Assange muss erlaubt sein. WikiLeaks existiert nur in freien Gesellschaften, in demokratischen Staaten mit liberaler Gesetzgebung, Meinungs- und Pressefreiheit, die bislang sogar dem Treiben von WikiLeaks, sprich dem Verbreiten von Hehlerware, zusah ohne einzugreifen. Lediglich zwei Anzeigen wegen Vergewaltigung in Schweden könnten dem WikiLeaks-Chef in Europa gefährlich werden. Wäre WikiLeaks in China denkbar? Oder in Nordkorea, im Sudan, auf Kuba, in Syrien, Myanmar, Venezuela, Simbabwe oder Usbekistan? Nicht einmal Facebook oder Google werden dort ohne Eingriff und Zensur hingenommen, WikiLeaks wäre dort undenkbar. So gesehen nistet die Organisation also in freien Staaten, deren Freiheit logischerweise mit einem Preis verbunden ist. WikiLeaks treibt diesen Preis in die Höhe und gefährdet das Nest in dem es sitzt…

Festzuhalten bleibt zudem, dass WikiLeaks vermehrt als Gönner auftritt, eventuell um den Wert seiner „Ware“ zu steigern. Durfte im Oktober im Fall der Kriegstagebücher aus dem Irak noch der arabische Fernsehsender Al-Jazeera bei der großen Enthüllung dabei sein, erhielt der in Katar ansässige TV-Sender diesmal kein Material. Was mag der Grund sein? Möglicherweise liegt er in einer Twitter-Meldung vom Oktober. Damals hatte WikiLeaks wissen lassen, dass Al-Jazeera zu früh (etwa eine halbe Stunde vor der eigentlichen Absprache) mit dem Material öffentlich gegangen war. Wurde Al-Jazeera diesmal abgestraft?

Interessant ist dass bei den jüngsten Veröffentlichungen auch die New York Times dabei war, obwohl WikiLeaks diesmal keine Daten an die amerikanischen Medien geliefert hatte. Der britische Guardian hatte die New Yorker Kollegen mit den „cables“ versorgt – sehr zum Unmut von WikiLeaks. Wieder fehlt eine Erklärung weshalb die New York Times nicht mehr zum Kreis der Auserwählten zählte. Sie hatte im Oktober ein Portrait von Julian Assange gedruckt, das als wenig schmeichelhaft aufgefallen sein dürfte. Traf auch hier der Zorn von WikiLeaks?

Eine peinliche Auslieferungspanne am vergangenen Sonntag ermöglichte es für wenige Stunden Kunden am Bahnhof im schweizerischen Basel die neuste Ausgabe des SPIEGEL mit WikiLeaks-Inhalt noch vor der eigentlichen Veröffentlichung um 22:30 Uhr zu erwerben. SPIEGEL reagierte, stoppte den Verkauf sofort und das Material ging frühzeitig online. Kostet diese Panne dem Magazin in Zukunft die Kooperation mit WikiLeaks? Man wird sehen. Gestern kündigte Julian Assange in einem Interview mit Forbes Magazine an, im kommenden Jahr werde WikiLeaks brisante Dokumente einer großen US-Bank veröffentlichen. Dann wird der australische Ex-Hacker wohl endgültig zum Helden der modernen Anarchos, Linksradikalen und Globalisierungsgegner mutieren. Doch in Assanges Schatzkammer schlummert noch mehr. Ein Video eines US-Luftangriffs in Afghanistan, bei dem über 100 Zivilisten getötet wurden, soll bereit liegen, sowie Aufnahmen der strenggeheimen CIA-Drohneneinsätze in Pakistan – Quelle dürfte erneut Brad Manning sein.

Eine Antwort zu “Diplomaten-Tratsch

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