Auf der Spur eines Berliner Gotteskriegers

von Florian Flade

Im beschaulichen Berlin-Steglitz wuchs ein junger Deutsch-Türke auf, der als gut integriert galt, Parties, Alkohol und Mädchen liebte. Irgendwann wandelte sich Fatih T. zu einem islamistischen Fanatiker – heute ist er der Anführer einer deutschen Dschihadisten-Gruppe in Afghanistan. Die Geschichte eines Berliner Gotteskriegers.

Fatih T. – Vom Partygänger zum Dschihadisten

Ein unscheinbares Haus in Berlin-Lankwitz, Stadtteil Steglitz. Der Deutsch-Türke Fatih T., geboren und aufgewachsen in Berlin, nannte das mehrstöckige Haus jahrelang sein Zuhause. Im Erdgeschoss lebten die Eltern, bis sie vor über einem Jahr wieder in die Türkei zogen. Das Stockwerk darüber teilte sich Fatih mit seiner älteren Schwester. Die Familie galt nicht als besonders religiös, die Mutter trug zwar Kopftuch, die Schwester hingegen nie.

Fatih, geboren 1985, stammt aus einem gut integrierten Elternhaus. Der Vater hatte einen Job, die Familie lebte nicht in der Unterschicht. Der einzige Sohn des Ehepaares lebte das Leben eines typischen Berliner Jugendlichen. Sein Freundeskreis war groß, bestand mehrheitlich aus Deutschen. Die Clique feierte gerne, Parties und Disco-Besuche bestimmten die Wochenenden. Beim Feiern war Alkohol für Fatih kein Tabu, im Gegenteil, oftmals ein Muss. Einmal, so erinnern sich Freunde, organisierte er selbst eine „All you can drink“-Party, einmal bezahlen und trinken ohne Limit. Auch Mädchen soll der Deutsch-Türke viele kennengelernt haben Zeitweise hatte er eine Freundin, dann ging die Beziehung wieder in die Brüche.

Als Teenager sei er nie besonders auffällig gewesen, weiß seine ehemalige Clique zu berichten. Politisch interessiert sei er gewesen, aber nicht übermäßig. Manchmal habe er mit den „Grauen Wölfen“, den türkischen Nationalisten, sympathisiert. Religion habe dabei aber keine große Rolle gespielt, nie waren Koran, Moschee oder Dschihad Thema, von Fundamentalismus keine Spur. Fatih war zwar häufig der einzige, der sich im Kreis von Freunden mit Stolz als Muslim bezeichnete, aber Außenstehende erkannte in ihm nie einen gottesfürchtigen Diener Allahs. Der Glaube aber entwickelte sich zunehmend zu einem Teil von Fatihs Identität.

„Nicht besonders selbstbewusst“ sei er früher gewesen, berichtet ein guter Freund, „nicht von seinem Auftreten her, aber er wirkte innerlich hilflos.“ Er sei, so hört man im Gespräch mit Personen die jahrelang mit ihm befreundet waren, „auf der Suche nach etwas gewesen.“ Häufig habe er die Gruppendynamik gesucht, wollte Teil einer Gemeinschaft sein. Im Kampfsport, den er begeistert ausübte, fand Fatih diese Gruppenzugehörigkeit.

„Vielleicht wegen seines orientalischen Aussehens wurde er einmal nicht in eine Diskothek gelassen“, erinnert sich ein ehemaliger Klassenkamerad. Ob Fatih solche Diskriminierung häufiger erlebte, ist unklar. Unter den eigenen Freunde jedenfalls war er einer von ihnen. Zusammen mit zehn Freunden fuhr er im Juni 2003 nach Hamburg und besuchte ein Rap-Konzert. Von Ausgrenzung war im Freundeskreis nichts zu spüren.

Fatihs Interesse für Parties, Hip-Hop-Musik und das Abhängen in der Clique wurde sogar derart stark, dass er die Schule immer stärker vernachlässigte. Seine schulische Leistungen ließen rapide nach, so dass er noch im Jahr 2003 das Gymnasium wechselte. Auf der neuen Schule bestand Fatih T. im Folgejahr erfolgreich sein Abitur.

Was nach der Schule kommen sollte, wusste Fatih nicht genau. Er jobbte in einer Filiale der amerikanischen Fastfood-Kette „Burger King“ und spielte mit dem Gedanken sich bei der Bundeswehr verpflichten zu lassen. Weiterhin gab es keinerlei Anzeichen, dass aus dem erfolgreichen Abiturienten mal ein radikalislamischer Extremist werden würde. Er hatte weiterhin die Freunde aus seiner Schulzeit um sich, mit einem seiner besten Kumpels machte er Urlaub in der Türkei.

In der Schule waren die naturwissenschaftlichen Fächer Fatihs Stärke, nun wollte er erweitertes technisches Wissen erlernen und anwenden. Er schrieb sich an der Technischen Universität (TU) Berlin ein und begann ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens.

Kommilitonen berichten, eines Tages sei er plötzlich mit Bart und Häkelmütze in der Uni aufgetaucht. Von diesem Zeitpunkt an suchte er regelmäßigen den Gebetsraum der Uni auf und traf sich dort mit Glaubensbrüdern. Innerhalb kurzer Zeit war in ihm eine Religiosität herangewachsen, die er nun offen zur Schau trug. „Der läuft jetzt mit Bart und Kaftan rum“, erzählten sich die Freunde aus Schulzeiten. Ein Fundamentalist sei er aber zu diesem Zeitpunkt nicht gewesen. Der junge Mann war weiterhin nett, höflich und pflegte Umgang mit nichtmuslimischen Freunden. Fatih, so schien es, praktizierte nun den Islam ernsthafter als je zuvor. Für sein Umfeld war er bislang nie „Fatih der gläubige Muslim“ sondern „Fatih der Kampfsportler“ oder „Fatih der Rapper“ gewesen. Nun zierte die Kabaab von Mekka seine Profilseite in sozialen Netzwerken und begann er Videolinks zu Vorträgen des salafistischen Predigers Pierre Vogel an Freunde zu verschicken.

Die Freunde rätseln heute, wie aus dem kampfsportbegeisterten Partygänger in so kurzer Zeit ein Glaubenskrieger wurde. Die Antwort, so vermuten sie, liegt in den Hinterhof-Moscheen im Berliner Kiez und am dortigen, radikalen Umfeld. Als ihn alte Bekannte bei einer Zufallsbegegnung 2009 fragten, von wo er denn gerade komme, antwortete Fatih: „Aus´m Wedding, von der Moschee.“ Sein Leben laufe momentan gut. Eines aber bereite ihm Sorgen, so der Student. Es sei schade, dass er seiner älteren Schwester nicht sagen könne, wie sie sich zu verhalten haben und was sie machen dürfe, und was nicht. Die Freunde wurden stutzig. War das Macho-Gehabe, oder Ausdruck eines immer radikaleren Islam-Verständnisses?

Genau konnten sie es nicht einschätzen, denn die alten Freunde verloren Fatih zunehmend aus den Augen. Oft hing er bei der Moschee rum, baute dort unter Glaubensbrüdern einen neuen Freundeskreis auf, zu welchem wohl auch Yusuf O. gehörte. Der ebenfalls in Berlin geboren und aufgewachsene Yusuf O. verschwand genau wie Fatih T. im Mai 2009 spurlos.

Im April 2010, ein Jahr nach Fatihs Verschwinden aus Berlin, stieß ein Freunde aus Teenager-Tagen im Internet auf ein islamistischen Propagandavideo aus Afghanistan. Produziert hatten es die „Deutschen Taliban Mujaheddin“ (DTM), eine Terrorgruppe aus dem pakistanischen Waziristan der sich in den vergangenen Jahren Islamisten aus Deutschland angeschlossen hatten. Ein bärtiger Dschihadist namens „Abdel Fattah al-Almani (der Deutsche)“ tauchte an mehreren Stellen des Internet-Videos auf. Er hatte eine Panzerfaust geschultert und stapfte durch die Wrackteile eines abgeschossenen Militärhubschraubers im Osten Afghanistans. Angeblich kamen vier Soldaten beim Abschuss des Hubschrauber ums Leben. „Wie krass diese Abtrünnigen stinken“, sagt der deutsche Dschihad-Kämpfer, „sie liegen erst ein paar Tage herum und fangen schon an zu stinken – sie sind kuffar (Ungläubige).“

Das Gesicht des deutschen Islamisten war verpixelt und unerkenntlich, doch sein Berliner Akzent stach hervor. Der Freund schickte das Video über das Internet an die alte Clique. „Ist das nicht Fatih?“, wollte er wissen. Sicher war sich keiner von ihnen, die Stimme aber klang wie die ihres Kumpels – „Abdel Fattah“ aus dem Video war Fatih T. aus Steglitz.

Als die Freunde die Berliner Behörden informierten, wusste man dort längst von den Reisebewegungen Berliner Islamisten in die Ausbildungslager im pakistanischen Waziristan. Muslimischer Migranten der zweiten und dritten Generation und eine Reihe von Konvertiten, sogar einige schwangere Frauen, waren in den letzten Jahren nach Pakistan aufgebrochen, um in den Dschihad zu ziehen. Bis zu 20 Islamisten aus der Hauptstadt sollen sich zeitweise in den Terrorcamps aufgehalten haben – Fatih T. ist einer von ihnen. Zusammen mit Yusuf O. war er offenbar im Frühjahr 2009 über die Türkei und Iran nach Pakistan gereist, hatte sich in den Stammesgebieten Waziristans den Deutschen Taliban angeschlossen und wurde zu einem Kämpfer im Heiligen Krieg. Fatih T. trainierte längst in den pakistanischen Terrorcamps, da erhielt er weiterhin Bafög-Überweisungen. Zuhause in Deutschland war der Berliner weiterhin als Student registriert, nicht als fanatischer Gotteskrieger.

Wie sich herausstellte, hatte Fatih T. seinen ersten Propagandaauftritt bereits im September 2009. Damals bedankte er sich unter dem Kampfnamen „Abdel Fattah“ in einem Video der DTM für die vielen Ramadan-Spenden aus Deutschland. „Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns weiterhin im Kampf gegen die Ungläubigen befinden“, sagte T. mit leiser, zögerlicher Stimme, „Obwohl wir uns im gesegneten Monat Ramadan befinden, geht der Kampf ständig voran.“

Im letzten Videoauftritt des Berliner Deutsch-Türken aus dem Arpil 2010, ruft er deutsche Muslime auf, sich dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen. Auf dem Boden sitzend, vor ihm zwei Maschinengewehre platziert, erklärt Fatih T.: „Ich rufe die Muslime auf, für die Religion Allahs zu kämpfen. Ich rufe euch auf, in die besetzten Länder zu kommen und gegen die Ungläubigen zu kämpfen, so wie sie gegen uns kämpfen“. Auch finanzielle Unterstützung und Missionsarbeit sei willkommen, so der Islamist: „Wir werden auf jeden Fall siegen, die Frage ist nur, ob ihr euren Teil dazu beitragen wollt!“

Zum Zeitpunkt als das Video im Internet auftauchte, war ein großer Teil der „Deutschen Taliban“ bereits nicht mehr am Leben. Eric Breininger, der Berliner Konvertit Danny R. sowie Ahmet M., der ehemalige Anführer der DTM, starben im April 2010 in einem Feuergefecht mit pakistanischen Soldaten. Der ebenfalls aus Berlin stammende Konvertit Thomas U. und seine schwangere Ehefrau verließen die Gruppe im Spätsommer 2010 und wurden im vergangenen September in der Türkei festgenommen. Sie hatten genug vom Leben in Waziristan und wollten zurück nach Deutschland.

Trotz der Verhaftungen und etlicher Todesfälle in den Reihen der deutschen Dschihadisten, wagen deutsche Behörden noch nicht von einem Ende der DTM-Gruppe zu sprechen. Fatih T. und Yusuf O. kämpfen weiter, sie sollen gar an Angriffen auf das US-Militär in Afghanistan beteiligt gewesen sein.
Auch der in Berlin-Neukölln geborene Hayrettin S., vor dem jüngst das US-Militär eindringlich warnte, soll sich in der afghanisch-paksitanischen Grenzregion aufhalten. Abgehörte Chat-Gespräche belegen, dass S. sich der DTM angeschlossen hatte und möglicherweise sogar bereit ist Anschläge in Deutschland durchzuführen.

Nach Monaten ohne ein propagandistisches Lebenszeichen, tauchte vor wenigen Wochen ein Schreiben der „Deutschen Taliban Mujaheddin“ auf einer türkischsprachigen Islamisten-Webseite auf. Darin heißt es, Fatih T. alias „Abdel Fattah al-Almani“ sei zum neuen Emir der Gruppe ernannt worden. Seine Dschihad-Karriere scheint demnach noch nicht beendet zu sein. Eine Rückkehr ins heimatliche Berlin kommt für den heute 26jährigen wohl nicht mehr in Frage. Er ist nun der Anführer der „Berliner Taliban“, gilt als gefährlicher Terrorist und wird per Haftbefehl gesucht.

In der Berliner Heimat sind Fatihs Freunde entsetzt über dessen Werdegang. Nie hätten sie gedacht, der freundliche HipHop-Fan würde eines Tages zu einem islamistischen Terroristen mutieren. Der Prozess seiner Radikalisierung bleibt für sie unerklärlich. Nie hatte er Hass auf den Westen, auf die USA oder auf Deutschland erkennen lassen, oder sein Umfeld in Gläubige und Ungläubige eingeteilt.

Fatihs ehemalig bester Freund hatte es indes vor einigen Jahren auch an den Hindukusch verschlagen – als Soldat der Bundeswehr.

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