„Ich hoffe dass Gaddafi entmachtet wird“

by Florian Flade

Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi tötet nicht nur sein eigenes Volk. Gaddafis Terror kostete 1988 fast 200 Amerikaner das Leben. Ich sprach mit Hinterbliebenen des Lockerbie-Attentats. Sie hoffen nach über zwei Jahrzehnten endlich auf Gerechtigkeit – durch den Sturz Gaddafis.

Am 21.Dezember 1988 startete in London Heathrow der Flug Pan Am 103 in Richtung New York. An Bord des Flugzeugs vom Typ Boing 747 befanden sich 16 Crew-Mitglieder und 243 Passagiere, unter ihnen ein großer Teil Studenten, die ein Auslands-Semester in Großbritannien verbracht hatten und nun Weihnachten mit der Familie in die Heimat feiern wollten.

Die vollbesetzte Passagiermaschine befand sich nur knapp eine halbe Stunde nach dem Start in 9,400 Metern Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie, als sie von einer gewaltigen Explosion zerrissen wurde. Eine Bombe, versteckt in einem Koffer, zerstörte die Maschine in der Luft und ließ einen Trümmerregen auf Lockerbie niedergehen. Insgesamt starben durch das Attentat 270 Menschen, darunter 190 Amerikaner.

Wer für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich war, war zunächst unklar. Der erste Verdacht fiel auf den von Ayatollah Khomeini regierten Iran und das syrische Regime. Erst drei Jahre nach dem Anschlag fanden Ermittler eine Spur nach Libyen und erhoben Anklage gegen den inzwischen in den Niederlanden lebenden libyschen Geheimdienst-Agenten Abdel Basset Ali al-Megrahi. Er soll im Auftrag des libyschen Diktators Gaddafi den Sprengsatz an Bord von Pan Am Flug 103 gebracht haben.

Im Januar 2001 wurde Al-Megrahi wegen des Lockerbie-Anschlages zu lebenslanger Haft verurteilt. Aufgrund einer Krebserkrankung wurde er jedoch im August 2009 vom britischen Justizminister begnadigt und anschließend nach Libyen ausgeflogen, wo er von Staatschef Gaddafi persönlich empfangen wurde. Gaddafi übernahm offiziell nie die Verantwortung für das Attentat vom Dezember 1988, der libysche Despot gilt aber als Drahtzieher und Auftraggebers Al-Megrahis.

Opfer Theodora Cohen – „Gaddafi ist ein Monster“

Eines der Opfer von Lockerbie ist Theodora Cohen. Die 20jährige Theaterstudentin aus Port Jervis (New York), von der die Eltern sagen, sie habe Schauspielerin werden wollen und eine sagenhafte Sopran-Stimme gehabt, hatte wie viele Passagiere des Fluges Pan Am 103 ein Studiensemester in Großbritannien verbracht. Am 21.Dezember 1988 saß Theodora auf Platz 21H der Pan Am Maschine als diese über dem schottischen Lockerbie von einer Bombe zerstört wurde.

An jenem Tag verloren Susan und Daniel Cohen ihre einzige Tochter. In den Folgejahren nach dem Bombenattentat verlor das Paar auch zunehmend die Hoffnung dass die Mörder von Theodora endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Dass die politischen Führer der Welt Gaddafi aus der Isolation holten, hält Susan Cohen für unerträglich.

„Ich erinnere mich noch genau an die Worte von Bush kurz vor dem Jahrestag“, so Cohen gegenüber Welt Online, „Wir hatten unsere Differenzen mit dem libyschen Führer – Diese Worte haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir hatten unsere Differenzen? Eine zivile Passagiermaschine in die Luft zu jagen war der schlimmste Akt des Terrorismus vor dem 11.September 2001 und du redest von Differenzen?“

Damals, kurz nach dem Attentat verlangte Susan Cohen, die sich selbst eher als links-liberal bezeichnet, Militärschläge gegen Gaddafi. „Sie hätten ihn spätestens dann ausschalten sollen, als er Pan Am 103 bombte“, so Cohen, „Meine Tochter war noch ein Kind, gerade einmal 20 Jahre alt. Dieser Mann hat sie einfach so getötet, so wie man einen Käfer auf dem Boden zerquetscht.“

Die Verhaftung und Verurteilung des Geheimdienstagenten Megrahi, war für die Cohens „ein winziger Schimmer Gerechtigkeit“ im Fall Lockerbie. „Letztendlich hatten wir nicht einmal mehr das“, zürnt Susan Cohen, „Gaddafi wollte Megrahi zurück – und er hat ihn bekommen.“ Dass Muammar al-Gaddafi Drahtzieher von Lockerbie war, steht für die Cohens, die eine 5- Millionen US-Dollar Zahlung für den Tod ihrer Tocher ablehnten, außer Frage: „Es geht nicht darum, wer schießt, sondern wer für die Kugel bezahlt.“

Der Westen habe Gaddafi durch seine Öl-Gier erst zu dem gemacht, was er heute ist, meint die 73jährigen. „Ich habe damit gerechnet dass ich sterben werde und er mich überlebt nur aus dem einzigen Grund weil der Westen ihn so nett behandelt“, sagt Susan Cohen. Die westlichen Regierungen, in erster Linie die USA, Großbritannien, Italien und Frankreich, hätten Gaddafi politisch rehabilitiert und ihn völlig falsch eingeschätzt. „Er ist ein Monster, das wir zwar nicht direkt geschaffen haben“, so Cohen, „aber wir haben das Monster möglich gemacht.“

Nun seien die westlichen Regierungen in der Verantwortung das Morden Gaddafis zu beenden und ihn nach Jahren zur Rechenschaft für seine Terrorakte zu ziehen. „Plötzlich – und zwar nicht Dank unserer Regierungen, sondern Dank des libyschen Volkes – sehen wir diese Ereignisse in Libyen“, erklärt Susan Cohen gegenüber Welt Online, „Ich mag diese jungen Libyer wirklich sehr. Sie sind sehr mutig und ganz anders als alle Stereotypen die man von Arabern hat. Ich fühle mich mit ihnen verbunden. Wir sind alle Opfer Gaddafis.“

Präsident Obama habe die Verantwortung, die militärische Operation nun bis zum Sturz des libyschen Diktators durchziehen, sagt die Mutter eines Lockerbie-Opfers, schießlich habe Gaddafi Amerikaner auf dem Gewissen. Diesmal dürfe es keine Spielchen um Öl geben. „Gaddafi ist geisteskrank und gefährlich“, meint Susan Cohen, „Tötet ihn! Es gibt nichts was es rechtfertigen würde, dass es einen Muammar al-Gaddafi auf diesem Planeten gibt.“

Was würde sie tun, sollte Gaddafi bei den Luftangriffen auf Libyen ums Leben kommen? „Ich könnte dann morgens aufstehen und sagen: Gott sei Dank!“, entgegnet die 73jährige Amerikaner, „Es ist furchtbar, all die Jahre zu Leben ohne Gerechtigkeit zu erhalten.“

Opfer Thomas Ammerman – „Gaddafi muss gehen!“

Bert Ammerman aus Northvale (New Jersey) verlor am 21.Dezember 1988 am Himmel über Lockerbie seinen 36 Jahre alten Bruder Thomas J.Ammerman, einen Manager der von einer Geschäftsreise zurückkehrte. Als Gaddafis Verbindung zum Lockerbie-Attentat bekannt wurde, unterstütze Bert Ammermann eine militärische Vergeltungsaktion gegen den libyschen Despoten. „Von jenem Moment, als Gaddafis Verbindungen zum Staats-Terrorismus nachgewiesen wurden, hätten wir alles mögliche versuchen müssen, ihn zu stürzen“, so Ammerman gegenüber „Welt Online“, „Was er getan hat, war ein Akt des Krieges gegen uns. Aber nichts ist passiert.“

Die USA, so Ammerman, hätten nach Lockerbie niemals einen politischen Neuanfang mit einem Libyen unter Gaddafi starten sollen. „Die Feinde von heute, sind unsere Alliierten von morgen, siehe Deutschland und Japan“, erklärt der inzwischen pensionierte Schulleiter, „Aber wir hätten heute doch auch keine Beziehungen mit Deutschland, hätten wir damals gesagt: Hitler du kannst an der Macht bleiben. Aber als er entmachtet war, haben wir Wiederaufbau geleistet und wurden starke Alliierte.“

Das aktuelle militärische Vorgehen der USA und anderer Staaten begrüßt der Bruder eines Lockerbie-Opfers. „Ich bin froh dass die USA und andere Länder begonnen haben zu intervenieren“, sagt Ammerman, „Ich hoffe nur dass Gaddafi tatsächlich entmachtet wird.“ Sobald dies geschehen sei, sollten sich die USA zurückziehen: „Wir sollten aus Libyen kein Irak oder Afghanistan machen.“

Enttäuscht zeigt sich Ammerman von einer passiven Haltung der deutschen Regierung im Fall Libyen: „Sie sollten sich daran beteiligen wie andere Länder auch.“

Angesichts der revoltierenden Massen in Libyen, müssten die USA nun auch über die Bewaffnung der Oppositionsbewegung nachdenken. „Das libysche Volk revoltiert gegen einen brutalen Diktator, einen Mann der Amerikaner in 9,400 Meter Höhe getötet hat“, erklärt Bert Ammerman, „Das Mindeste was wir jetzt tun sollten ist, eine Flugverbotszone einzurichten und den Rebellen militärische Waffen zu geben, damit sie den Kampf fortsetzen können.“

Sollte Gaddafi in naher Zukunft militärisch entmachtet werden, müssten auch seine Söhne sein Schicksal teilen, fordert Ammerman. „Was mich beunruhigt sind diese Kriegsgegner, die sagen: macht mal langsam“, so der 62jährige, „Gaddafi und seine Söhne haben bewiesen, dass sie ihr eigenes Volk massakrieren werden. Und das einzige was man jetzt tun kann, und was Präsident Obama jetzt endlich sagt: Gaddafi muss gehen!“

Ob der libysche Diktator für das Lockerbie-Attentat vor Gericht gestellt wird oder im Zuge einer militärischen Operation getötet wird, ist für Bert Ammerman keine relevante Frage. „Ich würde sowohl das eine, als auch das andere akzeptieren“, sagte er Welt Online, „Wenn Sie ihn lebendig fangen, super. Wenn sein Leben genommen wird, damit das libysche Volk eine Chance auf Freiheit hat, heiße ich das noch mehr willkommen.“

Opfer John Flynn – „Wir wollen Gerechtigkeit“

Der 21jährige Austauschstudenen John Patrick Flynn aus Monteville (New Jersey) war Teil jener amerikanischen Studentengruppe, die in London Auslands-Semester absolvierte. Auch für ihn wurde Pan Am 103 zum Todesflug.

„Mein Sohn studierte als Teil des Syracuse Programms in London und war auf seinem Weg nach Hause zu Weihnachten“, erzählt Johns Mutter Kathleen. Für sie ist es unverständlich, dass die USA den libyschen Auftraggeber des Lockerbie-Attentats so lange ungeschoren davon kommen ließen: „Hätten wir ihn schon vor langer Zeit ausschalten sollen? Ja, aber wir haben es nicht gemacht.“

Ihre Wut sei nach dem Tod ihres Sohnes derart groß gewesen, so Kathleen Flynn, „Ich wäre selbst dorthin gegangen, und hätte Gaddafi getötet.“ Die jüngsten Entwicklungen in Libyen begrüßen die Flynns. Sie hoffen auf Gerechtigkeit. „Wir wollen keine Rache, wir wollen Gerechtigkeit“, sagt der Vater Jack Flynn, „Ich würde ihn gerne vor dem Internationalen Gerichtshof sehen für das war er mit Pan Am 103 gemacht hat.“

Muammar al-Gaddafi bei Staatsempfängen zu sehen, habe über all die Jahre, die Wut nur noch größer gemacht, berichten die Flynns. „Es war eine unfassbare Beleidigung“, so Kathleen Flynn, „Ich wollte mich übergeben, jedesmal wenn ich ein Staatsoberhaupt gesehen habe, das Gaddafi die Hand schüttelte.“ Ziehe man den Diktator jetzt nicht zur Verantwortung für seine Taten, werde es für die Lockerbie-Opfer bis in alle Ewigkeit keine Gerechtigkeit geben. „Es interessiert mich nicht, wer wen bewaffnet“, so die Mutter von Lockerbie-Opfer John Flynn, „Werdet Herr der Lage und holt ihn da raus.“

In der Vergangenheit spielte Gaddafi häufig den Büßer, gab Atomwaffenprogramme auf, entschädigte Opfer von Terroranschlägen. Eine Entschuldigung für Lockerbie, ist für Kathleen Flynn völlig inakzeptabel, sagte sie im Gespräch mit Welt Online. „Ich will keine Entschuldigung von Muammar al-Gaddafi, ich würde ihm eher ins Gesicht spucken.“

http://www.welt.de/politik/ausland/article12970218/Wir-haben-das-Monster-moeglich-gemacht.html

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s