Der Tod eines Unsterblichen

by Florian Flade

Osama Bin Laden and the 9/11 Hijackers in Afghanistan

„Gerechtigkeit wurde Genüge getan“ – so nannte es US-Präsident Barack Obama: das Ende einer mehr als 10jährigen Jagd auf einen saudischen Milliardärssohn der aus einer Lehmhütte Afghanistans der letzten verbliebenen Weltmacht den Krieg erklärte und seither dem Begriff „Terror“ prägt wie kein anderer.

In einem Anwesen in der nordpakistanischen Ortschaft Abbottabad, unweit einer militärischer Akademie, eines Golfplatzes, Flughafens und mehrerer Hotels sowie Residenzen pensionierter pakistanischer Militärs, töteten US-Spezialeinheiten Osama Bin Muhammad Bin Awad Bin Laden, den meistgesuchten Terroristen der Welt und sicherlich eine der bekanntesten Personen seit Hitler, Elvis, Michael Jackson und John F.Kennedy.

Bis zu fünf Jahre soll der Emir der Al-Qaida, zusammen mit mindestens neun Frauen, 23 Kindern und zwei engen Vertrauten, in der dreistöckigen Villa, umgeben von meterhohen Mauern, geschützt von Stacheldraht und Sicherheitsschleusen, in Abbottabad residiert haben. Die CIA spürte Bin Laden durch die Identifizierung eines kuwaitischen Kuriers auf, der seit August 2010 verfolgt wurde und die Terrorjäger schließlich zum Anwesen im Viertel Bilal Town von Abbottabad, führte.

Zwei Dutzend US-Elitesoldaten der Navy Seals bereiten sich wochenlang auf den vom Präsidenten befohlenen Zugriff vor. In der Nacht von Sonntag auf Montag dann war es soweit: Vier Hubschrauber näherten sich dem Gebäudekomplex, während über ihm Überwachungsdrohnen kreisten. Die Soldaten sprengten wohl ein Loch in eine der Außenmauern und verschafften sich zutritt zu dem eigentlichen Gebäude.

Es kam zu Schusswechseln als die US Navy Seals Zimmer für Zimmer durchsuchten. Der Kurier und sein Bruder wurden getötet, ebenso Osama Bin Laden selbst, dessen Ehefrau sich den Soldaten in den Weg gestellt haben soll. Zwei Schüsse in den Kopf und die Brust töteten den Al-Qaida Chef, dessen Leiche später anhand von DNA und Fotovergleiche identifiziert wurde.

Chinook-Hubschrauber brachten die Elitesoldaten sowie den Leichnam Bin Ladens und Überlebende des nächtlichen Angriffs „Operation Geronimo“ nach Afghanistan. Von dort aus wurde die Bin Ladens Leiche auf See gebracht und dort bestattet.

Pakistans Regierung war von den USA im Vorfeld nicht über die bevorstehende Militäroperation unterrichtet worden. Die Geheimdienstinformationen der vergangenen Monate waren offenbar als so wertvoll eingeschätzt worden, dass man sie nicht einmal mit vermeintlichen Verbündeten teilen wollte.

Die Ära eines Mannes geht zu Ende, der für seine Anhänger spätestens seit jenem Dienstmorgen des 11.September 2001 zum unsterblichen Helden, zum Che Guevara unserer Zeit wurde, und für seine Feinde zu einem Albtraum, einem Gespenst das gebraucht und missbraucht wurde, um Kriege zu rechtfertigen und dessen Fortbestehen für die Opfer all jener grausamen Anschläge der Al-Qaida eine unerträgliche Wunde gewesen sein muss, die jetzt wenigstens ein Stück verheilen darf.

Niemand wird ernsthaft glauben das Phänomen des dschihadistischen Terrorismus wird mit der Person des Osama Bin Laden sterben – das Gesicht ist Tod und wird von zehntausenden Anhängern beerdigt im virtuellen Grab der islamistischen Internet-Propaganda. Sein Werk allerdings hat längst gefestigte Strukturen verlassen und ist zu einem Kult geworden, der Grenzen, Kulturen und Sprachen überschreitet und lange Zeiten überdauern wird.

Für den Kern der Al-Qaida und all ihrer Jünger weltweit war und bleibt die Grundessenz ihres Handels nicht der Befehl, die Idee oder Agenda eines einzelnen Mannes oder auch einer Gruppe. Wer im Namen Al-Qaida´s tötete, tötete im Auftrag Gottes – so der Glaube der Dschihadisten. Nicht Bin Laden, Zawahiri oder andere gaben aus ihrer Sicht den entscheidenden Befehl, sondern Koran und Sunnah.

Krieg, Diktatur, Armut und Elend haben in der muslimischen Welt einen Nährboden geschaffen, in dem auch der Dschihadismus gedeihen kann. Sein wohl tüchtigster Gärtner war Osama Bin Laden. Er formierte ein Netzwerk um die Regierungen der Welt zu stürzen und seine Version einer Gottesherrschaft zunächst in primär muslimischen Ländern, dann auf die ganzen auszudehnen. Getrieben wurde er von der ständigen Angst, Gottes Auftrag nicht auszufüllen und dafür im Höllenfeuer zu landen.

Osama Bin Laden schrieb mit Al-Qaida nicht nur Geschichte sondern ein perfides Drehbuch. Al-Qaida ist und bleibt in erster Linie eine Reaktion, keine feste politische Ideologie und schon gar keine Massenbewegung der Unterjochten. Für Bin Laden war seine „Basis“ die Verwirklichung der Ummah, die real gelebte Einheit von Muslimen aller Kulturen, geeint im Kampf gegen die Ungläubigen.

Diese Idee wird fortbestehen, selbst wenn Osama Bin Laden auf dem Grund des Arabischen Meeres sein Ende findet. Wie Krebs hat sich sein Erbe verbreitet in der Welt, ein Virus das den Verstand zahlloser junger Männer und Frauen infiziert hat, das ihnen vermittelt sie könnten zu modernen Helden und gefeierten Märtyrern werden, durch blutige Taten im Namen des Islam.

Einzelne Islamisten weltweit rufen bereits jetzt zur Rache, während die Mehrheit stillschweigt, wartet auf vermeintliche Leichen-Fotos um den endgültigen Beweis zu haben. Bis dahin herrscht Ungewissheit bei den Dschihadisten. Al-Qaidas Fußvolk trauert und feiert, es rast vor Wut und verklärt den Tod ihres spirituellen Führers zu einem Sieg und zur Niederlage für die USA.

Tatsächlich bleibt den Jüngern Bin Ladens ein nicht unerheblicher Trost. Was für ein Tod wäre es für einen selbsternannten Krieger Gottes als alter, gebrechlicher Greis in den Bergen Afghanistans an einer Lungenentzündung oder gar Altersschwäche zu sterben? Durch sein Abwesendsein, durch das ewige Versteckspiel, durch das Verhöhnen der Feinde (George W.Bush, Donald Rumsfeld, Musharraf usw.), die gingen, während er blieb, wuchs der Mythos Bin Laden. Geboren aber wurde er spätestens am Tag, als die Welt nach New York blickte, auf die brennenden Türme des World Trade Center. Die Krönung der Karriere des Osama Bin Laden war unweigerlich der Märtyrertod.

Er werde sich nicht gefangen nehmen lassen, so hatte Bin Laden immer wieder betont. Leibwächter berichten, er habe ihnen befohlen im Fall einer eventuellen Gefangennahme sollten sie ihn erschießen. Nun fand Bin Laden den Tod, nicht in einer Höhle Afghanistans oder Lehmhütte in Waziristan, sondern in einer pakistanischen Residenz weniger als 100km nördlich der Hauptstadt Islamabad.

Die USA schrieben für Bin Laden das letzte Kapitel seines Lebens, und sie folgten seinen Weisungen. Ein Mythos wird unsterblich somit und fortan von seinen Bewunderern als einer der größten Märtyrer gefeiert. Bleibt zu hoffen, dass der Tod Bin Ladens wenigstens einen Teil all jener Hoffnungen erfüllt, die nun in vielen Amerikanern und generell Menschen wächst, die seit dem 11.September islamistischen Terrorismus am eigenen Leib erfuhren, Freunde, Bekannte oder Familie verloren.

Al-Qaida, die Hydra des Terrorismus, wird nicht sterben. Ob sie wachsen wird, ist fraglich. Lange schon wankt sie wie ein getroffenes Tier, zelebriert selbst kleinste Erfolge als gigantische Siege. Wie es um das Netzwerk, das inzwischen von Nordafrika über Somalia, den Jemen bis nach Südostasien reicht, tatsächlich steht, ist kaum präzise zu analysieren.

Das Monster hat sich gelöst von Form und Farbe und die Struktur ist eine geistige geworden, eine Geisteshaltung, die in Individuen wächst und immer seltener organisatorische Merkmale aufweist.

Zuletzt hatte Bin Laden, ob er nun Anschläge befahl oder nicht, die Kontrolle über diese Ausbreitung seiner Sekte verloren. Wer will, kann durch die Tat heute Teil Al-Qaidas sein. Damit halten die Führer der einstigen Organisation die Fäden nicht mehr in der Hand. Das Geschwür wuchert ohne dass es noch von den Anführern eingedämmt werden könnte. Um es zu behandeln, müssen wir zunächst verstehen was, wie, wer und wo es ist – und dabei stehen wir gerade erst am Anfang.

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