„Die NATO muss mit Mullah Omar reden“ – Interview mit Rahimullah Yusufzai

by Florian Flade

Die Vereinten Nationen (UN) sollen nach dem Willen der afghanischen Regierung fünfzig ranghohe Taliban-Führer von ihrer „Schwarzen Liste“ der international geächteten Terroristen streichen, und somit den Weg für Friedensverhandlungen mit den Islamisten frei machen. Mit der symbolischen Geste sollen die Taliban zu langfristigen Gesprächen mit Nato-Vertretern motiviert werden.

Rahimullah Yusufzai (56), einer der bekanntesten Journalisten Pakistans, gilt als ausgewiesener Kenner der Taliban. Er interviewte etliche hochrangige Islamistenführer, traf als erster Journalist Taliban-Chef Mullah Omar und führte Ende 1998 das letzte Interview mit Osama Bin Laden.
Im Interview mit „Welt Online“ erklärt Yusufzai weshalb Frieden in Afghanistan ohne Mullah Omar nicht möglich ist und warum der Tod von Bin Laden eine Erlösung für die Taliban bedeutet.

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Herr Yusufzai, die Vereinten Nationen (UN) planen offenbar eine Reihe von Taliban-Führen von ihrer „Schwarzen Liste“ der Terroristen zu streichen. Halten Sie diesen Schritt für sinnvoll und richtig?

Ich denke es ist ein sehr kleiner positiver Schritt in die richtige Richtung, aber diese Maßnahme wird nicht zum Durchbruch für Friedensverhandlungen führen. Die Taliban interessieren sich nicht wirklich für diese „Schwarze Liste“. Diese Liste wurde in den letzten Jahren nicht überarbeitet, einige Leute darauf sind nicht mehr am Leben, andere sind Teil der afghanischen Regierung, manche sind gar nicht mehr aktiv in der Taliban-Bewegung engagiert. Es war von Anfang an keine besonders intelligente Liste.

Aber ist die Botschaft nicht sehr eindeutig und positiv: der Westen hat offenbar eingesehen dass nicht alle Taliban „Terroristen“ sind. Ist das eine positive Entwicklung?

Wenn man einige Jahre zurückblickt, dann ist es eine sehr positive Entwicklung. In der Vergangenheit wurden die Taliban dämonisiert, man hat sie pauschal als Terroristen bezeichnet, gesagt es könne keine Verhandlungen mit ihnen geben, sie könnten niemals Teil der Lösung in Afghanistan sein. Was jetzt stattfindet ist eine große Veränderung. Es ist eine positive Botschaft an den Feind. Dennoch: die wichtigsten Personen für Friedensverhandlungen wurden von der UN-Liste noch nicht gestrichen. Man nicht wirklich etwas erreichen, solange Leute wie Mullah Omar noch auf der Liste sind.

Muss die Nato mit Mullah Omar verhandeln wenn sie Frieden in Afghanistan will?

Ich denke nicht dass Frieden möglich ist, wenn mit irgend einer anderen Person außer Omar verhandelt wird. Er ist der Gründer und Anführer der Taliban. Er ist die größte Authorität. Die Taliban die jetzt von der Terror-Liste entfernt wurden, sind nicht wirklich wichtig als Partner für den Frieden. Im Gespräch sagen mir die Taliban immer wieder, alle Namen, auch der von Omar, müssen von der Liste verschwinden.

Glauben Sie es gibt eine Spaltung innerhalb der Taliban? Gibt es einen Teil der Bewegung, der bereit ist für Friedensgespräche mit der NATO – sozusagen die „guten Taliban“?

Ich denke nicht, dass es einen großen Bruch innerhalb der Taliban gibt. Es gibt verschiedene Meinungen und Ansichten, wie vorgegangen werden sollte. Diejenigen Taliban die nicht mit Mullah Omars Kurs übereinstimmen, haben sich längst verabschiedet. Der ehemalige Taliban-Außenminister Wakil Ahmed Muttawakil zum Beispiel lebt jetzt in Kabul. Andere sind Teil der Karsai-Regierung geworden, andere haben den Kampf aufgegeben. Ich denke, die Taliban die der NATO in Afghanistan die größten Probleme bereiten, stehen weiterhin geschlossen hinter Mullah Omars.

Ende Mai gab es Berichte, wonach Mullah Omar bei einem Schusswechsel in Pakistan getötet worden sein soll. Was halten Sie von diesen Meldungen?

Ich denke diese Berichte sind falsch und ohne jede Grundlage. Sogar der afghanische Geheimdienst sagt er sei lediglich nicht mehr in seinem Hauptquartier in Quetta, zuerst hatten sie behauptet er sei tot. Ich glaube es steckt kein Funken Wahrheit in den Berichten über Omars Tod. Er ist garantiert am Leben.

Die Taliban sind heute auf die Rückzugsgebiete in Pakistan angewiesen, sie bekommen Hilfe von pakistanischen Islamisten und der al-Qaida. Wie eigenständig sind die afghanischen Taliban heute?

Die pakistanischen Taliban werden von den afghanischen beeinflusst, nicht andersherum. Sie sehen Mullah Omar und nehmen sich die afghanischen Taliban als Vorbilder. In Pakistan haben die Taliban durch die blutigen Terroranschläge alle Sympathien bei den Menschen verloren. Keiner unterstützt sie. Die afghanischen Taliban versuchen sich daher ganz klar von den pakistanischen zu distanzieren.

Nach der Tötung von Al-Qaida Führer Osama Bin Laden sollen einige Taliban in Afghanistan ihre Waffen niedergelegt haben. Hat Bin Ladens Tod die Islamisten demoralisiert?

Diesen Berichten sollte man keinen Glauben schenken. Die gezielte Tötung Osama Bin Ladens hat den Taliban vielleicht sogar mehr Raum gegeben zu agieren. Sie waren jahrelang an ihn gekettet, sie haben für Bin Laden alles geopfert. Bin Laden war ein Hindernis für Friedesgespräche mit den Amerikanern. Ich denke viele Taliban fühlen sich jetzt geradezu befreit. Sie sagen das natürlich nicht öffentlich, aber ich denke Bin Laden war eine große Belastung für sie. Die Taliban waren durch ihn unter ständigem Druck. Dieser Druck ist jetzt weg.

Der Tod Bin Ladens ist also das Ende einer „Zwangs-Ehe“ zwischen al-Qaida und den afghanischen Taliban?

Die jüngsten Ereignisse sprechen für sich: die pakistanischen Taliban haben neun oder zehn große Anschläge verübt und gesagt es sei die Rache für Bin Laden. Die afghanischen Taliban hingegen haben in den vergangenen Wochen sogar noch größere Anschläge in Afghanistan verübt – aber keinen einzigen davon haben sie als Rache für Bin Ladens Tod bezeichnet. Ich denke die afghansichen Taliban sind sehr viel pragmatischer als die Islamisten in Pakistan. Sie kümmern sich nicht mehr um Bin Laden.

Seit Monaten gibt es geheime Gespräche zwischen Washington und den Taliban. Mitte Mai sollen in Deutschland Verhandlungen zwischen Amerikanern und Vertretern von Mullah Omar stattgefunden haben – wie Erfolg versprechend sind solche Gespräche?

Ich kenne einige der Teilnehmer dieser Verhandlungen, die zuerst in Dubai und dann in Deutschland stattgefunden haben. Ich weiß dass der frühere Sekretär von Mullah Omar, Tayyeb Agha, dort nicht anwesend war (DER SPIEGEL berichtete dies). Die Taliban-Gesprächspartner waren eher weniger wichtige Anführer. Dies könnte sich durchaus ändern wenn die Verhandlungen fortgesetzt werden. Bislang aber sind es nur „low-level“ Gespräche.

Wenn Sie der Nato-Gesprächspartner wären: Mit wem würden sie über Frieden in Afghanistan verhandeln?

Ich würde nicht mit den pakistanischen Taliban reden. Sie sind nicht das Problem in Afghanistan. Ich würde nicht mit al-Qaida reden. Ich müsste mit Mullah Omar über Frieden sprechen. Alles hängt von ihm ab.

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