Gastbeitrag: Die Propagandabotschaften von „Islambruederschaft.com“

von Oliver Dengg

„Aus für deutsche Dschihad-Seiten“. So lautete im Juli die Schlagzeile des auf taz.de erschienen Artikels. Die Website bzw. der Blog Islambruederschaft.com wurde vom Netz genommen und der 21-jährige Betreiber, der als „Mustafa al-Farsi“ für die meisten der Postings verantwortlich zeichnete, wurde verhaftet. Das Netzwerk „Islambruederschaft.com“ zählte zweifellos zu einem der engagiertesten islamistischen Vereinigungen im deutschen Online-Sprachraum, das durch seine radikal-islamische Propagandatätigkeit auffiel. Obwohl die „Basis-Website“ im Frühjahr 2011 stillgelegt wurde, verbreitete die Islambrüderschaft ihre Botschaften gekonnt unter Nutzung crossmedialer Kommunikationstechniken weiter. Neben dem Blog, dem Facebook- und dem Twitter-Account spielte insbesondere ein Portal eine zentrale Rolle für das Online-Netzwerk: der YouTube-Channel. Aber auch dieser Kanal, der zwar noch abrufbar ist, weist nur mehr einen Bruchteil jenes Propagandamaterials auf, das früher verfügbar war.

In der deutschsprachigen Publikation „Islambruederschaft.com – Bekenntnisse eines radikal-islamischen Online-Netzwerkes“ wurde von mir der Versuch unternommen, die Kerninhalte und die damit zusammenhängenden Botschaften des YouTube-Channels der Islambrüderschaft zu identifizieren und darzustellen. Im Mittelpunkt der Ausführungen stehen dabei jene in den Videos gezeigten Inhalte, die den Protagonisten des Online-Netzwerks offenbar besonders wichtig erschienen, an die „Endverbraucher“ auf YouTube weitergegeben zu werden. Mit der Publikation wird aber auch das Ziel verfolgt, jene interessierten Leser zu informieren, die sich mit dieser Online-Materie sonst nicht so intensiv auseinandersetzen.

Im Zuge der Befassung mit den Inhalten des YouTube-Channels ging es mir vor allem um die Frage, welche Videos bzw. Inhalte auf dem Channel der Islambrüderschaft transportiert werden bzw. abrufbar sind und darum, wofür diese Organisation steht und wie sie verstanden werden möchte. Zur Bewertung dieser Inhalte wurden die Videos der Kategorie „Favoriten“ herangezogen. Die in den Favoriten abgebildeten Inhalte spiegeln vermutlich, so die These, das zentrale Islamverständnis der Islambrüderschaft wider, jenes Verständnis, das auch die virtuellen Sympathisanten erreichen und inspirieren soll.

Die Auswertung der Kerninhalte der Videos ließe freilich eine Vielzahl an Kategorisierungen zu. Drei Bereiche, die ich in diesem Artikel anhand von Video-Beispielen auszugsweise darstelle, haben sich aber als besonders bedeutsam erwiesen: erstens der Umgang mit bzw. die Beziehungsgestaltung zu Nicht-Muslimen („Ungläubigen“) und zweitens die Kritik an bzw. die Ablehnung von demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien („menschlicher Gesetzgebung“). In beiden Fällen spielen die Ideenkonstrukte der Organisation „Die wahre Religion“ – insbesondere vertreten durch die Person Abu Dujana – eine zentrale Rolle. Die Akteure der Organisation „Die wahre Religion“ werden von den deutschen Behörden der salafistischen Szene, dem sogenannten „Mainstream-Salafismus“ zugeordnet. Die Gruppe, die vorwiegend in Deutschland aktiv ist, versucht offensichtlich auch in Österreich stärker Fuß zu fassen. Zwischen Weihnachten und Neujahr 2010 sollte ein „Islam-Seminar“ in der Moschee am Hubertusdamm in Wien stattfinden. Die Protagonisten dieser Organisation, allen voran Abu Dujana und Abu Nagie, wollten in Wien ihre salafistischen Ansichten in der größten Moschee Österreichs verbreiten.

Nach mehreren Hinweisen von der zuständigen Bezirksvertretung, aber auch von innermuslimischer Seite, wurde die Veranstaltung abgesagt – zumindest in der Moschee. Denn die Vertreter der „wahren Religion“ ließen sich nicht so leicht abwimmeln. Nachdem scheinbar auch die Bemühungen, das Seminar in den Räumlichkeiten eines Übersetzungsbüros stattfinden zu lassen, scheiterten, wurde die Veranstaltung bzw. ein Teil davon kurzerhand in ein Wiener Nachtlokal verlegt. (Das dazugehörige Video ist unter dem Namen: „Zeit der Fitna – Abu Dujana Seminar Wien“ auf YouTube abrufbar).

In Bezug auf die Organisation „Die wahre Religion“ soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass sie sich mit einer anderen bekannten deutschen salafistischen Gruppierung, der Organisation „Einladung zum Paradies“, anscheinend wiedervereint hat. Das dazugehörige Video des gemeinsamen Auftrittes der beiden Protagonisten Pierre Vogel (Einladung zum Paradies) und Abu Dujana (Die wahre Religion) ist auf YouTube seit Juni 2011 downloadbar. Ziel dieses Zusammenschlusses ist offensichtlich die Bündelung von Propagandaanstrengungen sowie die Nutzung von Synergien bei der Missionierung. Auffällig ist zudem, dass auch ein Wandel in der Missionierungsstrategie stattgefunden hat. Setzte man früher auf Online-Auftritte und öffentliche Veranstaltungen sowie „Islam-Seminare“, um die Botschaften der Organisationen zu verbreiten, fordert Pierre Vogel in dem Video seine Anhänger nun auch auf, (von der Öffentlichkeit abgeschottete) Treffen in Wohnungen zu organisieren, um „(…) die Dawa richtig nach vorne zu bringen.“ In einem anderen Vortrag bekräftigt Pierre Vogel dieses neue Ansinnen: „(…) Ein Pierre Vogel kann morgen tot sein (…). Aber den Islam kann man nicht aufhalten. Und ihr seid die Zukunft vom Islam, ihr seid die Jugend des Islams, und ihr müsst euch vornehmen, etwas zu tun. Und deswegen sage ich euch: Organisiert euch! Wir wissen, viele Moscheen sind eingeschüchtert. Viele Moscheen haben Angst, die Wahrheit zu sagen. Trefft euch in euren Wohnungen (…) und ladet die ganzen Vorträge runter, (…) und schaut euch die Unterrichte gemeinsam an. So schaffen wir es in Deutschland, tausende kleine Dawa-Zentren aufzumachen.“ Drittens existierte auf dem YouTube-Channel auch ein zu konkreten Taten animierendes Video-Propagandamaterial, das vor allem auf die Bedeutung des Dschihads im Sinne des „bewaffneten Kampfes“ der Mudschaheddin gegen die „Ungläubigen“ verweist. Eine Organisation, die dabei eine wichtige Rolle spielt und bereits viele deutschsprachige bzw. -stämmige Dschihadisten in ihren Bann ziehen konnte, ist die Terrorgruppierung „Islamische Bewegung Usbekistan“ (IBU).

Anhand einiger Beispiele soll nun verdeutlicht werden, welche Botschaften die „Islambrüderschaft“ auf Ihrem YouTube-Channel veröffentlicht hatten. Wenngleich die meisten der hier angeführten Videos nicht mehr direkt vom Kanal der „Islambrüderschaft“ abrufbar sind, werden sie dennoch von anderen YouTube-Channel-Usern weiterhin zur Verfügung gestellt.

„Wegbleiben von diesen Leuten“ – das Verhältnis der Islambrüderschaft zu den „Ungläubigen“

Ein Vortrag von Abu Dujana mit dem Titel „Abu Dujana – al Wala wal bara 1/7 (Seminar Moers)“ über den Sinn und Zweck des Korans sowie über die Bedeutung des Begriffs „Loyalität“ verdeutlicht die islamische Gedankenwelt des Predigers. Der Koran, so Dujana, sei nicht nur herabgesandt worden, um gedruckt und verteilt, sondern um praktiziert zu werden und um mit ihm zu herrschen. Deswegen sei es auch wichtig, zur Basis zurückzukehren, um Änderungen herbeizuführen. Das, worauf es ankommt sei, sich auf den Glauben zu besinnen und sich dann, dem Motto „Wir hören und gehorchen“ folgend, mit Taten zu bewegen und hinauszugehen. Um dies zu gewährleisten, sei vor allem eines wichtig, nämlich die Loyalität zu Allah. Denn, so die Begründung: „Wir Muslime, wir haben nichts anderes, außer Allah (…). Unser Leben (…), in jeder Kleinigkeit gehört Allah (…), muss sich nach den Gesetzen Allahs richten. Deswegen: unsere Loyalitätserklärung, unsere Zugehörigkeit, unser Zusammenhalt ist nur für Allah (…).“ Von dem aber, was sich gegen Allah, Mohammed und die Gläubigen richtet, müssen sich die Muslime lossagen.

Dies betrifft laut Abu Dujana auch bzw. im Besonderen die Lebensplanung und das daraus resultierende Verhalten der Muslime. Der Prediger macht es gebetsmühlenartig im Video „Abu Dujana – Die Reise in die Heimat Teil 1“ deutlich: „Unser ganzes Leben ist für Allah (…) und muss auch so geplant werden und so gelebt werden, so wie es Allah (…) von uns möchte.“ Und das Konzept scheint, so Abu Dujana, simpel zu sein: „Man sagt etwas oder macht etwas und man wird entweder dafür belohnt oder dafür bestraft!“ Ein klarer Hinweis dafür, dass es am „Tag der Abrechnung“ nur zwei Möglichkeiten gibt, nämlich das Paradies oder die Hölle. Es existieren also Einflussfaktoren, welche diese Lebensplanung, dieses Leben für Allah, erschweren, selbst wenn sie nur so scheinbar unbedeutende Dinge wie den Urlaub betreffen. Denn, so Dujana, viele Muslime könne man das ganze Jahr über in der Moschee beobachten, „(…) mit Bart und betend“, aber, „wenn der Urlaub kommt, trägt er ein anderes Gesicht, rasiert sich und wird ein ganz anderer Mensch?“ Dieser Umstand beeinflusst auch den Umgang mit den Nicht-Muslimen, nämlich derart, dass quasi ihr Verhalten angenommen und ihnen „geschmeichelt“ wird. Dujana bemüht diesbezüglich ein Zitat: „Die schlimmsten Menschen sind die, die zwei Gesichter haben!“, und meint damit jenes Verhalten, das seiner Meinung nach für einen Gläubigen inakzeptabel sei: „Wenn er (Anm.: der Muslim) dich trifft, redet er mit dir, so wie du das hören möchtest. Mit einem Gläubigen redet er (…) über Gott und die Welt (…), trifft er den einen (Anm.: Nicht-Muslim), der Musik hört, ist er auch mit dabei (…) und das ist schlimm.“ Auf den Punkt gebracht scheint Dujana hier offenkundig der Auffassung zu sein, dass ein gottgefälliges, dem Glauben entsprechendes Verhalten, das ein Muslim anderen Muslimen gegenüber vermittelt, mit einem „anderen“ Auftreten, das Nicht-Muslimen entgegengebracht wird, nicht vereinbar ist. Dieses Verhalten wird immer, egal wem gegenüber, als heuchlerischer Zustand gedeutet und kann daher nicht gutgeheißen werden.
Diesbezüglich definiert Dujana in einem anderen, aus mehreren Teilen bestehenden Vortrag mit dem Titel „Die Rolle der Jugend im Islam“ auch das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen näher. Dujana meint, dass die Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten unter den Muslimen für die Schwächung der Muslime verantwortlich seien und dass sie dadurch keine Beachtung mehr fänden. Dies wiederum nütze den „Feinden“ (Anm.: den Nicht-Muslimen): „Die Feinde lachen sich weg!“, so Dujana, der den Begriff „Feind“ hier, ohne auf konkrete Situationen und Konflikte einzugehen, völlig undifferenziert verwendet. Eine Pauschalbewertung der Nicht-Muslime ist für Dujana aber nicht unüblich, wobei die Beschreibung als „Gegner“ noch zu einem der harmloseren Begriffe zählt. Im selben Vortrag, in dem er unter anderem über die Bedeutung der Berufsausbildung im Kontext der Religion referiert, nimmt Dujana nicht nur eine Bewertung jener Muslime vor, die es mit dem Glauben nicht so ernst nehmen, sondern artikuliert auch gleichzeitig unmissverständlich seine Einstellung zu den Nicht-Muslimen. Dujana meint wortwörtlich: „Wenn dein Sohn ein Arzt ist, aber ein Kafir, ist er nichts wert!“ (Anm.: Kafir ist die allgemeine Bedeutung für „ungläubig“). Berufliche Tätigkeit, so die Interpretation Dujanas Worte, müsse daher immer in Verbindung mit der Hingabe an Allah auch dem Islam nützlich sein und ihn „weiter nach vorne bringen“. Wenn das nicht der Fall ist, so die Schlussfolgerung des Predigers: „(…) ist er eine Null, (…) der keinen Nutzen hat!“

Abu Dujanas zuletzt getätigte Aussagen, welche seine Geringschätzung gegenüber Menschen, die er als „Kafir“ bezeichnet, zum Ausdruck bringt, können freilich auf unterschiedliche Arten verstanden und gedeutet werden. Auch wenn sich Dujana in erster Linie auf jene Muslime bezieht, die nach seinen Vorstellungen nicht die notwendige Gottesfürchtigkeit aufweisen und daher den Islam nicht „weiter nach vorne bringen“, kann den Aussagen durchaus entnommen werden, dass nach dem Denkmuster des Predigers das Leben eines jeden Nicht-Muslims wertlos ist – ein starker Tobak! In jeden Fall ist dieses intolerante Gedankengut dazu geeignet, die Gräben zwischen den Muslimen und Nicht-Muslimen zu vergrößern.

Eine ebenso intolerante Haltung nimmt Dujana in einem Vortrag ein, wenn es um Freundschaften zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen geht: „Du sollst nur einen Gläubigen als Freund nehmen! Weil dieser Gläubige wird dich (…) mit ins Paradies ziehen, zusammen (Anm.: mit dir) ins Paradies gehen.“ Aber der Schlechte (Anm.: der Ungläubige), so die weiteren Ausführungen, wird den Gläubigen im schlimmsten Fall so lange negativ beeinflussen, bis er in die Hölle kommt. „Und dann wird er (Anm.: der Ungläubige) sich von dir lossagen, (…) so wie der Satan, der Boss der Bande.“

Genauso verhält es sich nach Meinung des Lektors auch zwischen den Geschlechtern, zwischen Mann und Frau, beispielsweise wenn ein Gläubiger ein Verhältnis mit einer Ungläubigen eingegangen ist. Dujana meint dazu wörtlich: „Wenn dir diese Liebe wert ist, dass du in die Hölle kommst, dann bleib’ bei ihr!“ Als Ausweg aus dieser „Misere“ gibt es nur eine Lösung, nämlich darauf zu achten, dass – so der Ratschlag des Predigers – eine Freundschaft nur mit einer Person eingegangen wird, die „noch besser“ ist als man selbst. Soll heißen: Muslime sollen sich nur mit Menschen befreunden, die in der Gottesfürchtigkeit – und das können demzufolge nur andere, (streng) gläubige Muslime sein – über ihnen stehen. Dadurch wird vor allem verhindert, dass durch den (schlechten) Einfluss der Ungläubigen, aber auch der abtrünnigen (moderaten) Muslime, der Zugang zum Paradies versagt bleibt. Das Fazit Dujanas lautet daher schlicht und ergreifend: „Wegbleiben von diesen Leuten!“

Einige andere Zitate vom Chef-Ideologen der „wahren Religion“, Abu Dujana, die als Videobotschaften auf dem YouTube-Channel der Islambrüderschaft verfügbar sind, sollen zum Bild der Organisation hinsichtlich des Umgangs mit Nicht-Muslimen beitragen und gleichzeitig auf die zentrale Stellung dieses Online-Predigers für die Botschaften der Islambrüderschaft hinweisen. Als Beispiele sollen noch zwei Ausschnitte aus den Videos „Die Anwälte der Tyrannen“ (Teil 2 und Teil 3) dienen. „Was ist der Befehl von Allah?“, fragt Dujana, um sogleich die Antwort selbst zu geben: „(…) die Juden und die Christen nicht als Verbündete nehmen! (…) Warum? Sie sind untereinander verbunden, (…) und wer sie von euch als Verbündete nimmt (…) und ihnen die Loyalität erklärt, und seine Zuneigung erklärt, und seine Liebe erklärt, und die Muslime verratet und verkauft, und den Kuffar (Anm.: die Ungläubigen) hilft, (…) Muslime zu töten, was ist mit dem? (…) Der ist von ihnen! (…) Er (Anm.: Allah) sagt: So soll jeder von euch vorsichtig sein, dass er nicht ein Jude oder ein Christ wird und er merkt es nicht.“ An anderer Stelle setzt Dujana unvermindert mit seinen Tiraden in der gleichen Tonart fort: „Allah (…) sagt uns, warum wir diesen Leuten nicht nahekommen dürfen, und sie uns nicht als Verbündete und Freunde und Lieblinge nehmen dürfen, und vor allem sie nicht unterstützen gegen die Gläubigen, (…).“

„Man Made Law go to Hell“ – das Verhältnis der Islambrüderschaft zu Demokratie und Rechtstaatlichkeit

Die von Gott gegebene Gesetzgebung ist auch ein Thema, dessen sich der bereits hinlänglich bekannte Chef-Ideologe der Islambrüderschaft und der Organisation „Die wahre Religion“ angehörende Abu Dujana des Öfteren in seinen Vorträgen annimmt. Der Vortrag „Das Herrschen ohne Allahs Gesetze“, der am YouTube-Channel der Islambrüderschaft in zwei Teilen abrufbar ist, ist ein weiterer Hinweis der fundamentalistischen Einstellung Dujanas. Wie so oft leitet Dujana auch diesmal seine „Predigt“ mit der Floskel ein, über eine Angelegenheit „mit großer Wichtigkeit“ sprechen zu wollen, die nur der „Erklärung der Wahrheit“ diene. Der Grund und Anstoß zur Befassung mit diesem Thema seien die Nachrichten „besorgter Geschwister“ gewesen, die sich per E-Mail und Telefon an ihn wandten. Dujana fühle sich daher verpflichtet, jene, welche die „Wahrheit“ über „das Richten mit Allahs Gesetzen“ erfahren wollen, zu informieren. Bevor auf das Thema näher eingegangen wird, belehrt Dujana im ersten Teil des Vortrags nochmals die Zuhörerschaft, dass Muslime nur dem Koran und der Sunna zu folgen haben. „Wir beten Allah an, nur mit dem, was er herabgesandt hat und was sein Prophet uns offenbart hat – das ist unsere Basis.“
Im zweiten Teil des Vortrags kommt er dann schließlich auf den Punkt: „Die Gesetzgebung und das Richten ist nur für Allah! (…), nur für Allah! In diesem Bereich hat keiner etwas zu reden!“ Nun wendet sich der Sprecher abermals der „Sache mit dem Kufr bzw. Kafir“ zu. Nach Ansicht Dujanas gebe es Taten, die dazu führen, dass man „Kafir“ wird, wie zum Beispiel das Nicht-Regieren mit Allahs Gesetzen. Dies betrifft auch einen muslimischen Herrscher, der nur deswegen diesen Platz eingenommen hat, „(…) damit er mit Allahs Gesetzen regiert.“ Dujana scheint auch den Grund dafür zu wissen, warum die derzeitige Situation sich anders darstellt: „Die Feinde des Islams (…) haben uns zerstückelt. (…) Deswegen war es für die (Anm.: die Nicht-Muslime) sehr, sehr wichtig, dass die Muslime auseinandergehen. Deswegen war es für die sehr, sehr wichtig, das Kalifat zu zerstören und kaputtzumachen. (…) Die letzte Stärke der Muslime war was? (…) Das osmanische Kalifat!“ Auch im Video „Warum ist die Ummah so schwach?“ lässt Dujana kein gutes Haar an der demokratischen Rechtsordnung. Das Nicht-Regieren mit Allahs Gesetzen sei, so die Ansicht des Vertreters der „wahren Religion“, die Krankheit unserer Zeit, unseres Jahrhunderts. Die Abschaffung des Kalifats führe dazu, dass die Menschen nicht mehr nach den Gesetzen Allahs regiert werden, sondern nach den „dreckigen, von Menschen erfundenen Gesetzen“.
Einen sehr beklemmenden Eindruck hinterlassen aber auch zwei andere Videos der Islambrüderschaft, die in der englischen Originalversion abrufbar waren und islamistische Aktivisten in Großbritanniens Öffentlichkeit zeigen. Das Video „The Lions of Luton – Islam will dominate the World“ verheißt schon angesichts des Titels nichts Gutes und lässt auch keine versöhnlichen Worte erwarten. Der Vortrag, der von einem sehr emotionalen Redner inmitten einer Gruppe von Demonstranten gehalten wird – ein Demonstrant hält ein Transparent mit der Aufschrift „Islam will dominate the World“ in die Höhe –, beschreibt und verurteilt zuerst die Situation der Muslime in Großbritannien sowie in den Kriegsgebieten und vergleicht sie mit einer Schlacht zwischen Islam und den „Ungläubigen“. „There is battle taking place between Islam and Kufr, Islam and disbelieve! (…) This is a war against Islam and Muslims, no doubt about that!“
Gegen Ende hin entpuppt sich die Protestrede, die an Emotionalität noch weiter zulegt, mehr und mehr zu einer Hasstirade, in der auch das demokratische Rechtssystem angegriffen wird. Diesbezüglich richtet der Redner sogar einen Appell an die britische Bevölkerung: „Open your eyes! This is the time for you to reject Democracy and adopt Islam! We can see the need of a Shariah! (…) Therefore Muslims can never have justice in your society! (…) You see us weak over here, but let me tell you this: By Allah, we the Muslims Ummah, we’re gonna establish Shariah in this country! And not only here, we’re gonna establish Shariah, the black flag (…) over Downing Street and in America, in the White House, by Allah we Muslims come and conquer over you (…) and Islam will be dominant, the Muslim Ummah is going to be an authority one day (…) and whoever rejects Islam will be annihilated! (…) Victory for Islam! Victory for the Muslims!“ Am Ende der Aufzeichnung skandiert die den Redner umgebende Gruppe „Allahu akbar“ (Anm.: Allah ist größer).
Nicht weniger beängstigend ist das Video „One Law for All: Shariah – Muslims against Crusades“. Im Videovorspann wird bereits die inhaltliche Linie des Plots vorgegeben: „Publicdawa – In support of Muslims against Crusaders – A Demonstration for Shariah“. Es folgt eine „Foto-Show“, welche britische Muslime demonstrierend mit Transparenten zeigt, auf denen zum Teil bereits bekannte Parolen zu lesen sind: „Shariah will dominate the World“, „Ills of Society will be eradicated under Shariah“, „Democracy is Hypocrisy“, „Shariah over your noses – whether you like it or not“, „Democracy is Cancer, Islam is the Answer“, „Man Made Law go to Hell“, „Islam is Superior and nothing will supersede it“. Auch der Hauptteil des Videos ist den Demonstrationsszenen eines zum Teil vermummten radikal-islamischen Mobs auf Großbritanniens Straßen gewidmet, in denen unter „Allahu akbar“- und „La ilaha illa-Allah“-Rufen lautstark die Einführung der Scharia gefordert wird.
Das Video wird offensichtlich von „Public Dawah“ unterstützt, einer britischen Organisation, die sich auf ihrer Website als Plattform zur Vermittlung des „authentischen“ Islam präsentiert und alle Nicht-Muslime zum Islam – Scharia inklusive – einlädt: „We sincerely invite all non-Muslims to embrace Islam and call all people in Britain to genuinely look to the Islamic Shariah as a real alternative to democracy and man-made law.“ Diese Beispiele verdeutlichen, dass in Europa sehr wohl streng gläubige und islamistische Gruppierungen existieren, die unter dem Deckmantel der Redefreiheit und des Demonstrationsrechtes sowie unter Ausnutzung der (westlichen) Toleranz versuchen, die Implementierung der Scharia in die westlichen Gesellschaftsordnungen aggressiv voranzutreiben.

„Mein Weg nach Jannah“ – das Dschihad-Verständnis der Islambrüderschaft

Es besteht kein Zweifel: Die Islambrüderschaft bemühte sich ungeniert darum, ihre Sichtweise des Dschihads im Rahmen ihrer Botschaften zu transportieren, die, ihrer radikal-islamischen Grundeinstellung folgend, zweifellos dem Zweck der „Inspiration für den Kampf“ dient. In zahlreichen, aus unterschiedlichen Medienproduktionen stammenden, Videos werden der Kampf der Mudschaheddin und deren Taten gewürdigt. Die zu übermittelnden Videoinhalte folgen dabei zumeist demselben Propagandamuster: Reale Kampfszenen aus den Kriegs- bzw. Krisengebieten sowie Trainingsszenen aus den Ausbildungslagern in Pakistan und Afghanistan wechseln sich mit nicht enden wollenden Vorträgen und Drohbotschaften der Mudschaheddin und den Video-Testamenten von Selbstmordattentätern ab. Muslimische Zivilisten, in der Opferrolle dargestellt, die mit Hasstiraden gegen den Westen wettern sind ebenso präsent wie die Heroisierung von islamistischen Führungspersönlichkeiten und Märtyrern. Zwecks Verstärkung der Emotionen sind die meisten Videos mit einem kämpferisch vorgetragenen Naschid, untermalt.
Was besonders auffällt ist die besondere Affinität der Islambrüderschaft zur bereits erwähnten Terrororganisation „Islamische Bewegung Usbekistan“ (IBU). Die Terrororganisation, die Ende der 90er-Jahre durch den im Sommer 2010 bei einem US-Drohnenangriff getöteten Tahir Yuldashev, alias Mohammed Taher Faruq mitbegründet wurde und enge Beziehungen sowohl zur Al-Qaida als auch zu den Taliban unterhält, wechselte ihr Einsatzgebiet auf Grund der Verfolgung durch den usbekischen Nachrichtendienst von Usbekistan in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Es ist eine jener Terrororganisationen, denen sich bereits einige behördlich bekannte Dschihadisten aus Deutschland angeschlossen haben. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Islambrüderschaft insbesondere diese Terrorgruppierung auf YouTube durch die Bereitstellung von IBU-Videos, in denen der Dschihad und die Aktivitäten der Mudschaheddin verherrlicht werden, „bewirbt“.
Eines der aus der Produktion des „Studio Jundullahs“ stammenden IBU-Videos ist das im Jänner 2011 veröffentlichte Video mit dem Titel: „Glad Tidings from Pakistan Part 1“. In ihm werden vor allem die Kampfeinsätze der Mudschaheddin in Afghanistan und Pakistan gezeigt und beschrieben sowie deren Anführer glorifiziert. Die Szenen werden meist von Abu Adam, einem bereits bekannten deutschen Dschihadisten, kommentiert. Abu Adam weist beispielsweise in die geplante Kampfführung eines Angriffs auf pakistanische Stützpunkte ein und beschreibt anschließend, offenbar selbst die Kamera bedienend, dessen realen Verlauf. Am Ende des Videos verweist der deutsche Islamist in einer „Vorschau“ auf nachfolgende Produktionen: „So Allah will, sehen wir uns schon bald wieder in: Frohe Botschaft aus Pakistan.“

Abu Adam veröffentlichte im Jänner 2011 auch eine „Presseaussendung“ im Namen der „Islamischen Bewegung Usbekistans“, in der er die Situation der deutschen Mudschaheddin unter anderem wie folgt beschreibt: „(…) die Mujahedeen (…) befinden sich in bester Verfassung und die islamischen Angelegenheiten gehen weiter bergauf. Was speziell uns deutsche Mujahedeen betrifft, so erfreut uns der ständige Zulauf aus unserer alten Heimat. Immer mehr Geschwister aus Deutschland, sowohl Männer als auch Frauen, kommen hier an und leisten ihren Beitrag (…).“ In dieser Meldung wird aber auch der Tod einiger deutscher Dschihadisten beklagt: „Abu Askar, unser ehrlicher Freund, starb gemeinsam mit dem deutsch-türkischen Bruder Imran, der nicht länger als vier Wochen hier war und drei Brüdern von den pakistanischen Taliban aus Mehsoud. Sie alle Fünf saßen gemeinsam beim Essen, als eine der hinterlistigen US-Drohnen eine Rakete mitten in ihre gesegnete Runde schoss.“ Darüber hinaus gab Abu Adam auch den Tod eines weiteren aktiven deutschen Dschihadisten, von Abu Talha, bekannt. Der ursprünglich aus Bonn stammende Islamist soll bei einer gemeinsamen „Operation“ in Bagram, bei der sich die Al-Qaida, die IBU und die Taliban zusammengeschlossen hatten, den Märtyrertod gefunden haben.“Auch Abu Ibraheem, der Bruder von Abu Adam, machte im Februar 2011 mit einer IBU-Presseaussendung mit dem Titel „Unser Weg zur IBU“ auf sich Aufmerksam. Der Weg zur IBU bedeutete für die Brüder gleichsam die Erfüllung des Wunsches, am Dschihad aktiv teilnehmen zu dürfen, wobei der Einsatzraum keine Rolle spielte: „Ob die Reise nach Somalia geht, oder nach Palästina, oder nach Tschetschenien, oder nach Indonesien, spielte für uns keine Rolle. Hauptsache wir dürfen dabei sein.“

Neben der „Islamischen Bewegung Usbekistan“ existieren aber noch andere Gruppierungen, die für deutsche Dschihadisten als Anlaufstelle attraktiv sind. Es sind dies die „Deutsche Taliban Mujahidin (DTM)“ und die „Islamische Jihad-Union (IJU)“. Letztere war auch jene Organisation, die sich der deutsche Islamist Eric Breininger angeschlossen hatte. Er ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie ein unscheinbarer deutscher Jugendlicher zum aktiven Dschihadisten und in weiterer Folge zu einem propagandistischen „Aushängeschild“ mutierte.

Der aus Neunkirchen im Saarland stammende Eric Breininger war wahrscheinlich ein Jugendlicher wie die meisten anderen auch. Er war engagierter Fußballspieler, trug Markenkleidung, besuchte ein Fitnessstudio und ging in Diskotheken. Als Mitläufer und nach Anerkennung suchend beschreiben ihn die einen, als aggressiv und fanatisch zuletzt auch seine Familie. Breiningers Radikalisierungsprozess soll nicht sehr lange gedauert haben. Innerhalb nur weniger Monate entschloss er sich 2007 zur Konversion – Breininger hatte übrigens keinen Migrationshintergrund – und nahm den Namen Abdul Ghafar al-Almani an. Nach der Konversion hat sich Breininger einer Gruppe von Islamisten angeschlossen, der sogenannten „Sauerland-Gruppe“, deren Mitglieder später wegen Anschlagsvorbereitungen in Deutschland festgenommen und verurteilt wurden. Zu diesem Zeitpunkt soll er auch die Absicht geäußert haben, nach dem Vorbild der Attentäter von 9/11 als Märtyrer zu sterben. Im April 2010 wurde Eric Breininger alias Abdul Ghafar al-Almani 22-jährig bei Kämpfen mit pakistanischen Sicherheitsbehörden in Nord-Waziristan getötet. Für seine Mitstreiter gilt er seitdem als „deutscher Märtyrer“, der auch im Internet eine dementsprechende Würdigung erfahren hat.

Die Frage, warum Eric Breininger auch für die Islambrüderschaft so wertvoll ist, ist schnell erklärt. Das kurze Leben des Eric Breininger spiegelt den Erfolg der salafistischen Bekehrungsanstrengungen wider. Breiningers Wirken, das als Ungläubiger, den Versuchungen und Gelüsten des irdischen Lebens verfallend, begann, wurde erst durch seine „Rechtleitung“ und Konversion und letztlich durch seine Selbstaufopferung im Kampf gegen die „Imperialisten und Kreuzfahrer“ im radikal-islamischen Sinne erhöht. Der Märtyrertod stellt den krönenden Abschluss dieses ganz dem Islam unterworfenen Lebens dar – dies alles zählt wahrscheinlich zum idealen Lebenslauf eines Mudschaheddin im Gedankenkonstrukt der Islambrüderschaft.
Mit dieser Lebensgeschichte ist Breininger für die islamistische Propaganda der Islambrüderschaft natürlich bestens geeignet. Ein Vorbild, dessen Taten indirekt zur Nachahmung empfohlen werden. Denn nur so können die von Breininger hinterlassenen und auf dem Blog der Islambrüderschaft vormals abrufbaren schriftlichen Aufzeichnungen, betitelt mit „Mein Weg nach Jannah“ (Anm.: Jannah bedeutet Paradies) verstanden werden. Dass dieses Werk angeblich gerade an dem Tag fertiggestellt wurde, an dem der deutsche Dschihadist von pakistanischen Soldaten getötet wurde, gleicht natürlich einer göttlichen Bestimmung und verleiht der ganzen Heldengeschichte noch größere Bedeutung. In jedem Fall besitzen Breiningers Ausführungen zweifellos das Potenzial zur Motivation jener Unschlüssigen, die den „letzten Schritt“ zum aktiven Kämpfer, zum Mudschaheddin, noch nicht gewagt haben – und das ist das bedrohliche der Propagandabotschaften der Islambrüderschaft.

Dies alles betrifft, wie schon am Beispiel des „Islam-Seminars“ in einem Wiener Nachtlokal aufgezeigt, nicht nur Deutschland, sondern auch Österreich. Seit der Verurteilung von Mohammed M., der im Namen der „Global Islamic Media Front“ (GIMF) 2007 ein islamistisch motiviertes Drohvideo im Internet veröffentlichte, sind auch die österreichischen Behörden in Bezug auf islamistische Bedrohungen sensibilisiert. Und das mit Recht, denn Mitte Juni 2011 wurden in Wien vier mutmaßliche Islamisten festgenommen. Einer von ihnen, Thomas al-J., betrieb die Website „ansarulhaqq.com“, eine Website, die auch auf der (schon länger stillgelegten) „Basis-Website“ von „Islambruederschaft.com“ als Link zu finden war und die beispielsweise das zuvor erwähnte „Islam-Seminar“ in Wien propagierte. Diese Tatsache ist ein starkes Indiz dafür, dass nicht nur eine virtuelle Verbindung zwischen den beiden Organisationen bestand, sondern dass es möglicherweise auch persönliche Kontakte zwischen den handelnden Personen gegeben haben könnte. Dies wiederum lässt den Schluss zu, dass sich radikal-islamische Gruppierungen in Österreich stark an der deutschen Salafisten-Szene orientieren – diese gilt es daher weiter im Auge zu behalten

Oberst Dr. Oliver Dengg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Human- und Sozialwissenschaften der Landesverteidigungsakademie Wien und befasst sich unter anderem mit Internet und Islamismus.

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