Die Wunsch-Liste der Hamas

by Florian Flade

Über 1000 verurteilte palästinensische Terroristen wird Israel für die Rückkehr des entführten Soldaten Gilad Schalit freilassen. Ein Blick auf die Wunsch-Liste der Hamas.

Nael Saleh al-Barghouti aus Ramallah hält einen Rekord. Der Palästinenser ist die Person, die am längsten in Israel inhaftiert sitzt. Israelische Sicherheitskräfte verhafteten den heute 53jährigen Al-Barghouti am 4.April 1978. Er soll als Mitglied einer palästinensischen Terrorgruppe für den Tod von mindestens einem Israeli verantwortlich sein und wurde von einem israelischen Militärgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seit 33 Jahre sitzt Al-Barghouti nun in Haft, zehn Jahre länger als er in Freiheit verbrachte.

In der kommenden Woche wird Nael al-Barghoutis Gefängniszeit vermutlich zu einem unerwarteten Ende kommen. Er ist einer von 1.027 palästinensischen Häftlingen, die Israel im Gefangenenaustausch mit der radikalislamischen Hamas freilassen wird. Im Gegenzug werden die Islamisten den israelischen Soldaten Gilad Schalit, der seit fünf Jahren von der Hamas als Geisel gehalten wird, an Israel übergeben.

Mühsame Verhandlungen und jahrelange Vermittlungsarbeit durch ägptische und auch deutsche Geheimdienste sorgte schließlich dafür, dass die Führung der Hamas und die israelische Regierung dem Gefangenenaustausch zustimmten.

Die nun aufgetauchte Liste enthält die Namen von 456 Palästinensern, die für Gilad Schalit freikommen sollen. Das arabische Dokument wurde von der Hamas über einen islamistischen Fernsehsender verbreitet und gilt als authentisch. Es enthält alphabetisch geordnet Namen und Herkunftsort der einzelnen Häftlinge.

Neben Nael al-Barghouti finden sich auf der Liste auch die Namen weiterer, teilweise hochrangiger Hamas-Mitglieder, von denen viele zu lebenslangen Haftstrafen aufgrund von Terrorakten verurteilt sind. Hussam Badran aus Nablus beispielsweise war Militärchef der Hamas im Norden des Westjordanlandes. Er soll Drahtzieher des Anschlages auf den Tel Aviver Nachtclub „Dophinarium“ 2001 gewesen sein. Damals starben 21 israelische Jugendliche. Auch ein Anschlag auf das „Park Hotel“ in Netanya und ein Restaurant in Haifa sollen auf das Konto von Badran gehen.

Ebenfalls freigelassen wird wohl auch Yahya Ibrahim Sinwar aus dem Gaza-Streifen. Der Palästinenser, dessen Bruder ein Gründungsmitglied des Militärflügels der Hamas in Gaza ist, soll die Verschleppung von Soldat Schalit mitgeplant haben. Sinwar soll außerdem an der Entführung des israelischen Soldaten Nachshon Wachsman im Oktober 1994 beteiligt gewesen sein. Wachsman war sechs Tage von Hamas-Terroristen als Geisel gehalten worden, bevor er im Zuge eines missglückten Befreiungsversuchs erschossen wurde.

Auf baldige Freilassung hoffe kann auch Abdel Hadi Ghanim, ein Mitglied der Gruppe „Islamischer Dschihad“. Ghanim entführte 1989 einen israelischen Bus zwischen Tel Aviv und Jerusalem und fuhr ihn über eine Klippe. Sechszehn Menschen starben bei diesem Attentat.

Der älteste Terrorist auf der Hamas-Liste ist der 78jährige Palästinenser Sami Yunis.

Yoram Cohen, der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, betonte, der Gefangenenaustauschs bedeute nicht, dass die freigelassenen Terroristen nicht weiter verfolgt würden sollten sie erneut terroristisch aktiv werden.

„Ich denke wir werden in der Lage sein mit dieser Bedrohung und potenziellen Gefahr umzugehen“, sagte Cohen bei einer Pressekonferenz, „Statistiken zeigen, dass 60 Prozent (der Häftlinge) wieder zu ihren Terrororganisationen zurückkehren und dass 15-20 Prozent wieder in israelischen Gefängnissen landen.“

Der Geheimdienst-Chef sagte weiter die Freilassung von dreihundert verurteilten Terroristen werde die militärische Stärke der Hamas nicht sonderlich beeinflussen. Im Gaza-Streifen verfüge der bewaffnete Flügel der Palästinenserorganisation ohnehin bereits über 20.000 Mitglieder. Israel müsse allerdings damit rechnen, dass Hamas sich durch den Austausch bestärkt fühle, erneut israelische Soldaten zu entführen.

Unbestätigten Berichten zufolge wird bereits am kommenden Sonntag der erste Teil der palästinensischen Häftlinge von Israel freigelassen. Die Rede ist dabei von 479 Personen, von denen 279 aktuell eine lebenslange Haftstrafe absitzen.

Einige der Terroristen erhalten nach der Freilassung teils strenge Auflagen. Knapp die Hälfte der Häftlinge darf entweder erst nach einer Sperrfrist von 10-25 Jahren oder gar nicht in ihre eigentlichen Heimatregionen zurückkehren. Vierzig Palästinenser müssen in ein Drittland ausreisen, der Rest wird in den Gaza-Streifen gebracht.

In zwei Monaten wird Israel nach der ersten Gruppe von Palästinensern dann weitere 550 Häftlinge freilassen – darunter auch Frauen – und damit den Gefangenenaustausch abschließen. Die Geisel Gilad Schalit soll am kommenden Dienstag freikommen und in Ägypten von der Hamas an Vermittler übergeben werden.

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