Der Amok-Soldat

von Florian Flade

Im afghanischen Kandahar lief vor einer Woche ein US-Soldat Amok. In einem wahren Blutrausch erschoss der Amerikaner 16 afghanische Zivilisten, darunter neun Kinder. Wer ist der US-Soldat, der in Afghanistan zum Mörder wurde?

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Eine Militärübung in der kalifornischen Mojave-Wüste im August 2011. Das US-Militär hat hier ein komplettes afghanisches Dorf nachgebaut. Amerikanische Soldaten in traditioneller afghanischer Kleidung spielen die Dorfbewohner. Im falschen afghanischen Dorf „Jahel Dar Lab-e“ werden die Soldaten der Dritten Brigade, Zweite Infanterie-Division der sogenannten „Blackhorse Company“-Einheit auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereitet. Einer von ihnen ist Staff Sergeant Robert Bales.

An jenem Tag wird die Attrappe einer Taliban-Autobombe von den Soldaten entschärft. Das afghanische Dorf ist wieder sicher. „Wie beeinflusst die Sicherheitslage Ihre Familie?“ fragt Bales einen der falschen Dorfältesten, der sich gerade vor seinem Haus ausruht. „Viel besser als gestern“, antwortet der Mann.

„Die Soldaten der Blackhorse Company haben das Dorf erfolgreich gesichert und bauen auf das neue Verhältnis zum afghanischen Volk“, heißt es in einem Artikel des US-Militärs zur Übung in der Wüste. Die Fotos der Militärübung, die bis vor kurzem noch auf einer Webseite der US-Army zu sehen waren, zeigen auch einen lachenden Robert Bales in Militäruniform.

Nur drei Monate später, im Dezember 2011, wurde es für Staff Sergeant Robert Bales ernst. Der 38-Jährige aus dem US-Bundesstaat Ohio wurde mit seiner Einheit nach Afghanistan versetzt. Die Wüste der Provinz Kandahar – einer der gefährlichsten Regionen des Landes – wurde für Bales zum echten Einsatzgebiet.

Er wurde zur Unterstützung von Spezialeinheiten, die in der Gegend Taliban und al-Qaida bekämpfen, in einem Militärstützpunkt knapp 25 Kilometer südlich von Kandahar stationiert.

Am späten Abend des 11. März verließ Robert Bales das Camp „Stryker-Brigade“. Afghanische Sicherheitskräfte beobachteten den US-Soldaten, wie er ruhig und gelassen in die Nacht marschierte. Nur kurze Zeit später drang Bales in zwei nahe gelegenen Ortschaften in mehrere Häuser ein. In einem grausamen Blutrausch erschoss er 16 Frauen, Kinder und Männer.

Der Amokläufer wurde inzwischen in die USA zurückgebracht. Amerika rätselt: Wer ist der Soldat, der kaltblütig mehr als ein Dutzend afghanische Zivilisten ermordete? Warum verfiel der Amerikaner in jener Nacht in einen derartigen Tötungs-Rausch?

Robert Bales, dessen Name inzwischen bekanntgegeben wurde, stammt aus Milford im US-Bundesstaat Ohio. Im Alter von 28 Jahren trat er dem Militär bei. Der 11. September 2001 sei für Bales der Anlass gewesen, sich verpflichten zu lassen, so berichten Kameraden. Es folgte der Umzug an die US-Westküste.

Die Militärbasis „Lewis-McChord“ im Bundesstaat Washington wurde zu seinem Heimatstützpunkt. Nach Informationen von „Welt Online“ lebte der US-Soldat mit seiner Ehefrau Karilyn (38) und den zwei Kindern nur wenige Kilometer von dem Stützpunkt entfernt in der Stadt Lake Tapps. Karilyn Bales soll als Managerin in einer Firma in Seattle arbeiten.

Wie aus Kreisen des US-Militärs zu erfahren ist, soll Bales in den vergangenen Jahren drei Mal im Irak stationiert gewesen sein. Bei einem der Einsätze erlitt er angeblich bei einem durch einen Bombenanschlag verursachten Autounfall eine traumatische Kopfverletzung. In einem anderen Vorfall soll er so schwer am Fuß verwundet worden sein, dass ein Teil amputiert werden musste.

Der aus Seattle stammende Rechtsanwalt John Henry Browne wird Bales als Anwalt im bevorstehenden Prozess verteidigen. Der Jurist hat in der Vergangenheit bereits einige schwierige Fälle übernommen darunter den des Serienmörders Ted Bundy und den des Betrügers Colton Harris-Moore („Barefoot Bandit“).

Browne erklärte gegenüber US-Medien, sein Mandant sei ein „dekorierter Soldat“ mit einwandfreiem Zeugnis. Bales sei ein ruhiger Mensch, der keinerlei Hass gegenüber Muslimen empfinde. Es sei denkbar, dass Bales seit seinen Irak-Einsätzen an einer „Posttraumatischen Belastungs-Störung“ (PTBS) leide.

Nach den Touren in den Irak rechnete Bales offenbar nicht mit einer vierten Stationierung in Afghanistan. „Über Nacht teilte man ihm mit, dass er wieder gehen müsse“, erklärte Anwalt Browne am Donnerstag, „Er hat seiner Familie und auch mir gesagt, dass er tat, was man von ihm verlangte, weil er ein Soldat sei.“

Während seines Afghanistan-Einsatzes habe Bales erlebt, wie Kameraden verwundet wurden, berichtete sein Anwalt. Am Tag vor seinem Amoklauf sei Bales Zeuge geworden, wie einem Kameraden durch eine Sprengfalle ein Bein abgerissen wurde.

Brown teilte weiter mit, Karilyn Bales und die Kinser seien aus Sicherheitsgründen auf unbestimmte Zeit in die Militärbasis Lewis-McChord gebracht worden. Für die Morde wird sich Robert Bales bald vor einem Militärtribunal verantworten müssen. Bei einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe

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