Die Psyche des Mohamed Merah

von Florian Flade

Ein psychiatrisches Gutachten aus dem Jahr 2009 gibt Einblicke in die Gedankenwelt und den Werdegang von Mohamed Merah, dem Todesschützen von Toulouse.

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Es ist Mitte Januar 2009 als Alain Penin, ein Psychologe, auf Geheiß eines Gerichts einen damals 20-jährigen Franzosen algerischer Herkunft besucht. Das Gespräch wird zwei Stunden dauern, das Ergebnis der psychologischen Analyse fasst Penin am 15.Januar 2009 in einer 9-seitigen Dokument zusammen. Der Patient des Psychologen heißt Mohamed Merah.

Merah wurde 2008 zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil er in einer Bank einer Frau brutal ihre Handtasche entrissen hatte. Nach einer Verfolgungsjagd durch die Polizei, bei der Merah von seinem Motorroller stürzte, wurde er verhaftet. Da der junge Franzose bereits seit seiner Jugend eine Reihe von Straftaten angehäuft hat, ordnet das Gericht in Toulouse eine psychiatrische Untersuchung von Mohamed Merah an. Das anschließend erstellte Dokumente liegt „Welt Online“ vor.

Was Merah, der gestern durch die Kugeln einer französischen Spezialeinheit in Toulouse getötet wurde, dem Psychologen Penin erzählt liefert einen Einblick in die Psyche des jungen Mannes, der kaltblütig sieben Menschen, darunter drei Kinder, erschoss.

Vom 25.Dezember 2008 bis zum 8.Januar 2009 wurde Mohamed Merah während seiner Haftzeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Grund: der Kleinkriminelle hatte einen Suizid-Versuch begangen, versucht sich aufzuhängen.

Merah erzählt dem Psychologen von seiner Kindheit. Seine Eltern hätten sich im Jahr 1993, als er fünf Jahre alt war, geschieden. Der französische Vater sei im Jahr 2008 nach Algerien gezogen. Seine Mutter, so berichtet Merah, sei arbeitslos gewesen und habe große Schwierigkeiten gehabt die fünf Kinder – drei Töchter und zwei Söhne – alleine groß zu ziehen.

Das jüngste Kind, Mohamed, habe die Algerierin daher ins Heim gegeben. Im Alter von 6-13 Jahren habe er im Heim gelebt, so Merah. Seine Schulzeit sei chaotisch gewesen. „Ich war mit den falschen Leuten unterwegs“, erklärte Merah im Gespräch mit dem Psychologen.

Er habe nach der Schule eine Lehre zum Karosserie-Schlosser gemacht, allerdings sei der Arbeitsvertrag nur auf ein Jahr befristet gewesen. Eine weitere Anstellung von 17 Monaten in einer anderen Firma wurde durch die Verurteilung und anschließende Inhaftierung unterbrochen.

Der Psychologe Penin attestiert Merah eine „durchschnittliche Intelligenz“, die Probleme in der Schule hätten sein Potenzial allerdings verringert. Einige neurotische Züge habe Merah, so notiert Penin, was wohl auf die Abwesenheit des Vaters und das Desinteresse der Mutter an seiner Erziehung zurückzuführen sei.

Mohamed Merah, so heißt es in der Psycho-Analyse, sei daran interessiert sein Selbstbild und seine Außenwirkung zu verbessern. Er habe großes Interesse an Marken-Kleidung und materiellen Dingen. Der junge Mann sei in einer stabilen psychischen Verfassung, analysiert der Experte, dennoch äußere er ab und an „Suizidgedanken“.

Merah habe Alkohol und Drogen (Cannabis) konsumiert. Seit er inhaftiert ist, beschäftige er sich jedoch zunehmend mit dem Islam. Er lese den Koran und halte das Gebet und auch das Fasten während des Ramadan ein, hält der Psychologe fest. Sexuelle Erfahrungen habe Merah bereits gemacht, äußere auch den „Wunsch zu heiraten“.

Generell sei bei Mohamed Merah eine „emotionale Unreife“ festzustellen, so der Psychologe in seinem Fazit. Nach der Haftentlassung im Mai 2009 sei es angebracht eine psycho-therapeutische Maßnahme fortzusetzen. Ob diese von Erfolg gekrönt sei, könne allerdings nicht mit Gewissheit gesagt werden.

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