Die Frage nach dem „Wann?“

von Florian Flade

Nicht mehr in pakistanischen Terrorcamps, sondern mitten in unserer Gesellschaft wächst der radikal-islamistische Nachwuchs heran. Er ist meist unerkannt. Das Attentat von Toulouse zeigt: islamistische Amokläufe haben sich zu einer neuen Strategie der Islamisten entwickelt.

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Keramat G. hatte fast alles richtig gemacht. Er besorgte sich in unterschiedlichen Geschäften Chemikalien und Alurohre, achtete sorgsam darauf, nicht auffällig zu agieren. Insgesamt, so sagen Ermittler, habe sich der Frankfurter Student äußerst konspirativ verhalten.

Da er annehmen musste, dass seine eigene Wohnung in Frankfurt überwacht wurde, vielleicht sogar schon verwanzt war, hatte er sie verlassen und war spontan bei einem Freund in Höchst eingezogen.

Nach wochenlanger Vorbereitung beschloss Keramat G. am 13. Februar 2011, den Schritt von der Theorie zur Praxis zu wagen. In der Küche seines Bekannten begann er sorgfältig die gekauften Chemikalien zu mischen, genau so wie es in der Anleitung beschrieben war.

Die hatte Keramat G. kurz zuvor aus dem Internet heruntergeladen. „Inspire“ so heißt das englischsprachige Magazin der al-Qaida im Jemen, ein Propaganda-Heft in PDF-Form. Darin findet sich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Herstellung von Sprengstoff. Titel des teuflischen Rezepts: „How to Build a Bomb in the Kitchen of Your Mom“.

Keramat G. war nun fest entschlossen, das Al-Qaida-Rezept auszuprobieren und Ungläubige zu töten. Doch irgendetwas ging schief. Etwas an der Rezeptur hatte nicht gestimmt. Oder war Keramat G. gar unvorsichtig mit der hochexplosiven Mischung umgegangen? Genau weiß man es nicht.

Bekannt ist lediglich, dass das Gemisch explodierte und die Wohnung in der Gersthofer Straße in Frankfurt-Höchst am Main erschütterte. Die Decke der Küche hob sich mehrere Zentimeter, Tapeten und Möbel wurden beschädigt. Und auch Keramat G. bekam die Wucht seiner Bombenmischung zu spüren. Mit schweren Verbrennungen kam der 24-jährige Deutsch-Afghane in die Offenbacher Brandklinik.

Etwa zur selben Zeit fand ein aufmerksamer Passant in Frankfurt zufällig einen USB-Stick auf der Straße und brachte ihn umgehend zur Polizei. Die entdeckte darauf arabische Dokumente – und die Bombenbauanleitung aus „Inspire“. Umgehend wurde der Staatsschutz der hessischen Polizei informiert. Den Beamten gelang es, den Eigentümer des USB-Sticks zu ermitteln – Keramat G.

Als Polizeibeamte die Wohnung dessen Freundes in Höchst aufsuchten, versuchte der Mitbewohner die Polizisten abzuwimmeln. Doch beim Blick durch die Tür wurden die Beamten stutzig. Die Wohnung war nach der Sprengstoff-Explosion vor wenigen Tagen augenscheinlich nur notdürftig renoviert worden.

Noch im Krankenhaus erhielt Keramat G. schließlich Besuch von Beamten des Landeskriminalamts. Es dauerte nicht lange, da gab er zu, Chemikalien zu einem Sprengstoff zusammengerührt zu haben, um daraus eine Bombe zu bauen.

Wäre die Chemikalien-Mischung nicht frühzeitig explodiert, hätten Sicherheitsbehörden nie von den mörderischen Plänen des Keramat G. erfahren. Es wäre unmöglich gewesen, den jungen Mann ausfindig zu machen.

Der Deutsch-Afghane war dem Verfassungsschutz und der Polizei bis dahin nämlich nicht als gewaltbereiter Islamist aufgefallen, auch weil G. keinerlei Einbindung in die Extremisten-Szene hatte. Niemand hatte ihn auf dem Schirm. Nur der Zufall wollte es, dass es Keramat G. nicht gelang, den ersten islamistischen Terroranschlag auf deutschem Boden zu verüben.

Wenige Wochen später hatte ein anderer Islamist aus dem Raum Frankfurt mehr Glück bei der Umsetzung seiner Tat und löste in Deutschland eine Schockwelle aus. Der damals 21-jährige Kosovare Arid U. erschoss am 2.März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten.

Genau wie der Bombenbastler Keramat G. hatte sich Arid U. in rasender Geschwindigkeit über das Internet radikalisiert. Im „Zeitraffer“, wie Sicherheitsbehörden sagen. Genau wie Keramat G. war auch Arid U. für die Terrorjäger ein völlig Unbekannter.

Quasi über Nacht entschied sich der Kosovare zum islamistischen Gotteskrieger zu werden und setzte seine Pläne schnell und entschlossen in die Tat um. Der Weg vom Computerspiele-Fan hin zum kaltblütigen Dschihad-Terroristen dauerte in seinem Fall nur wenige Wochen.

Das Attentat des inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilten Arid U. war eine Zäsur in der Bewertung der islamistischen Terrorgefahr in Deutschland. Selbsternannte Dschihadisten wie Arid U., wie Keramat G. oder wie der Todesschütze von Toulouse, Mohamed Merah, gelten als neuer, beunruhigender Trend.

Eigenständig und ohne direkte Anbindung an Terrornetzwerke oder sogar die islamistische Szene, verrennen sich junge Muslime zunehmend in einer Spirale aus Hass und Wut. Das Resultat der Radikalisierung ist der Wunsch, vermeintlich Ungläubige zu töten.

Dabei riskieren sie, auch selbst getötet zu werden. „Einsame Wölfe“ nennen Geheimdienstler diese individuell radikalisierten Terroristen. Nicht mehr in Terrorcamps wächst der terroristische Nachwuchs heran, sondern mitten in unserer Gesellschaft.

Dabei reicht die Definition von den Spontan-Attentätern wie Arid U. bis hin zu den Al-Qaida-Jüngern, die über Wochen akribisch planen und vorbereiten, wie der Iraker Taimour Abdel Wahhab al-Abdali, der sich im Dezember 2010 im schwedischen Stockholm in die Luft sprengte.

Von diesen „tickenden Zeitbomben“ gebe es Hunderte, warnen europäische Geheimdienstler. Ihre Taten seien kaum zu verhindern, da diese Personen in der Regel vor ihren Attentaten nicht auf dem Radar der Sicherheitsbehörden seien.

„Wir haben in den letzten zehn Jahren mehr Fälle von organisierten Gruppierungen gehabt. Das ist die traditionelle Form von Terrorismus“, sagte Verfassungsschutz-Präsident Heinz Fromm bei einer Fachtagung. „Aber der einzige erfolgreiche Anschlag ist von einem Einzeltäter am Frankfurter Flughafen verübt worden.

Einzeltäter haben sich als gefährlicher erwiesen.“ Die neue dschihadistische Generation sei weniger professionell, aber nicht minder gefährlich, warnt auch Fromms Stellvertreter Alexander Eisvogel: „Sie ist viel schwerer frühzeitig zu entdecke. Dieser Trend muss uns beunruhigen.“

Al-Qaida, so zeigen Geheimdienst-Erkenntnisse, wurde durch den Tod der Symbol- und Führungsfigur Osama Bin Laden vor einem Jahr, und durch die gezielten Tötungen und Festnahme von weiteren Führungskadern, stark geschwächt. Das Terrornetzwerk hat an Schlagkraft eingebüßt und ist heute wohl nicht mehr in der Lage, Großanschläge wie jene von 9/11 zu begehen.

Die Antwort ist ein Strategie-Wechsel. Weg von Islamisten aus dem Westen, die in Terrorlagern im Ausland ausgebildet werden und dann in ihren Heimatländern Terrorzellen gründen, hin zur Anstachelung von Muslimen im Westen, die selbstständig und mit primitivsten Mitteln losschlagen.

Der Bonner Islamist Yassin Chouka, der seit Jahren im pakistanischen Stammesgebiet Waziristan lebt, formulierte die neue Strategie jüngst in einem Propagandavideo so: „Ein Einsatz wie der des Mudschahid Arid U. ist kein Kinderspiel“, mahnte Chouka die Glaubensbrüder in Deutschland, „Aber geehrter Bruder, sicherlich kommst du an Streichhölzer oder du schaffst es Züge zu entgleisen (…)“.

Die Botschaft der neuen Dschihad-Strategen ist simpel wie gefährlich wie unkontrollierbar: Werde durch deine Tat Teil der globalen Dschihad-Bewegung. Die beschwerliche Anreise in die Ausbildungslager in Pakistan, Afghanistan, Jemen oder Somalia, das harte Training unter dem Beschuss von US-Drohnen, die langfristige und mühsame Planung in den „Ländern der Ungläubigen“ – all das sei nicht mehr nötig.

Bleibt wo ihr seid und schlagt los, egal wie, wann und wo ihr wollt, vermittelt al-Qaida seiner Anhängerschaft, das ist die Botschaft. Wie die Attentatsserie von Toulouse zeigt, stehen nach dieser Strategie längst nicht nur militärische Ziele wie Soldaten oder staatliche Einrichtungen im Visier der „einsamen Wölfe“.

Weiche Ziele wie etwa Schulen, Restaurants oder Großveranstaltungen sind in besonderem Maße gefährdet. „Schade ihrer Wirtschaft, zerstöre die Gebäude in denen sie den Genuss des irdischen Lebens genießen“, fordert der radikale Chouka den Terrornachwuchs auf.

„Beispielsweise die Diskotheken, die Einkaufszentren und die Restaurants. Mach ihre Spaßgesellschaft zunichte! Lass deiner Kreativität freien Lauf! Sorg für Schlagzeilen und lass sie in Trauer und Angst leben!“

In Deutschland trifft die perfide Botschaft auf fruchtbaren Boden. Bis zu 130 Personen, so bestätigte jüngst Innenminister Friedrich (CSU), werden aktuell von den Sicherheitsbehörden als islamistische „Gefährder“ eingestuft. Gemeint sind damit Extremisten, die sich mehrheitlich in der Bundesrepublik aufhalten und denen zugetraut wird, jederzeit einen Anschlag zu begehen.

Sie im Blick zu behalten und ihr Aktiv-Werden zu verhindern, verlangt umfangreiche, aufwendige Überwachungsmaßnahmen sowie die Kooperation von Geheimdiensten, Polizei- und Justizbehörden. Um ein Bluttat wie die von Mohamed Merah zu verhindern, bedürfe es der Umsetzung und Erweiterung von Gesetzen, betonen zunehmend Politiker wie der CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl.

„Bei uns wäre die Ermittlung des Mörders nicht möglich gewesen“, sagte Uhl nach den Attentaten von Toulouse. Deutsche Internetprovider dürfen Verbindungsdaten von Computern nur für einen begrenzten Zeitraum speichern.

Dies, so kritisieren Sicherheitsbehörden, sei oft nicht ausreichend für schnelle Ermittlungserfolge. Kritiker der Anti-Terror-Gesetzgebung warnen allerdings nach dem Toulouse-Vorfall vor Panikmache. Prävention sei wesentlich effektiver, als die Befugnisse von Polizei und Geheimdiensten zu erweitern.

Die Radikalisierung der jungen Muslime müsse frühzeitig erkannt und bekämpft werden, fordert die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke vom „Zentrum für Demokratische Kultur“ (ZDK). „Der wirksamste Schutz vor Terror und Gewalt ist ein aktives soziales Netzwerk auf kommunaler Ebene“, so Dantschke. „

Gemeinsam können Familie, Schule, Jugendsozialarbeit, Politik, Moscheegemeinde und Migrantenorganisation die Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Probleme unterstützen und ihnen die Anerkennung bieten, nach der sie sich sehnen.“

Dass sich junge Türken, Marokkaner oder deutsche Konvertiten zu islamistischen Fanatiker entwickeln, ist laut Peter Neumann, Direktor des „International Centre for the Study of Radicalisation“ in London, auf sehr unterschiedliche Faktoren zurückzuführen: Soziale Ausgrenzung, Diskriminierung aber auch ganz persönliche Erlebnisse führten bei Muslimen der dritten oder vierten Einwanderergeneration in Europa oft zu einem Hass auf Gesellschaft und Staat.

„Es gibt keinen typischen Radikalisierungsverlauf, aber es fängt meistens mit einer persönlichen Krise oder einem Identitätskonflikt an“, sagte Neumann jüngst am Rande einer Fach-Konferenz in Berlin. „Dann kommen Leute irgendwann auf eine extremistische Ideologie, die aus dem Konflikt Sinn macht und ihn in eine bestimmte Bahn lenkt.“

Das Internet, darin sind sich die meisten Experten einig, beschleunige derartige Radikalisierungsprozesse von Islamisten zwar, löse diese in der Regel aber nicht aus. „Im Internet wird die Ideologie auf Gewalt reduziert“, so analysiert es ein Verfassungsschützer.

„Hier findet eine Begründung von Gewalt nach einem Baukasten-System statt. Ein global konsumierbarer und verfügbarer Dschihadismus.“ Spätestens seit dem Attentat am Frankfurter Flughafen vor einem Jahr haben Sicherheitsbehörden hierzulande diese wachsende Gefahr erkannt.

Fieberhaft versuchen Ermittler von Verfassungsschutz und Bundes- und Landeskriminalämtern unter tausenden Facebook-Profilen potenzielle Selbstmordattentäter und Amokschützen ausfindig zu machen.

Dennoch ist die Zuversicht eher gering, einen nächsten Anschlag dieser Art zu verhindern. Es sei wohl nicht mehr die Frage, ob der nächste Einzelgänger in Deutschland zuschlagen werde, sondern nur noch eine Frage des Wann und Wo, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Im Gegensatz zu den völlig isoliert handelnden Fanatikern seien in Terrornetzwerke eingebundene Attentäter aufgrund ihrer Reisebewegungen und Kommunikation wesentlich einfacher zu identifizieren und aufzuhalten. Den nächsten Mohammed Atta werde man aufspüren, sagte ein Ermittler der „Welt Online“, den nächsten Arid U. „wohl eher nicht“.

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