Bin Ladens Briefe und der Deutsche Bekkay Harrach

von Florian Flade

Ein Jahr nach der Tötung von Al-Qaida-Gründer Osama Bin Laden wurden 17 Dokumente veröffentlicht, die in Bin Ladens Versteck in Abbottabad gefunden wurden. Die Briefe, teilweise von Bin Laden selbst verfasst, sind nur ein Bruchteil der Kommunikation zwischen dem Terrorchef und seinen Kommandeuren. Kurios: ein Brief erwähnt den deutschen Terroristen Bekkay Harrach aus Bonn – war der Dschihadist vor seinem Tod noch Al-Qaida oder nicht?

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„Schatztruhe“ – so bezeichneten amerikanische Geheimdienstler den Berg an Dokumenten und Material, den die US-Elitesoldaten der Navy SEALS bei der Operation „Neptune Spear“ am 2.Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad sichern konnten. Aus den Gigabyte an Daten aus dem letzten Versteck des Al-Qaida-Gründers Osama Bin Laden gelang es der CIA ein grobes, wenn auch streckenweise überraschend präzises Bild der Kommunikationswege Bin Ladens mit seinen Feldkommandeuren zu rekonstruieren.

Was plante Al-Qaida im Jahr 2011? Über welche Pläne war der Terrorchef bis kurz vor seinem Tod persönlich informiert? Wem gab er wann welche Befehle? War Osama Bin Laden in den vergangenen Jahren doch mehr als nur der ideologische Übervater eines weltweiten Dschihadismus? War der Mann, der sich jahrelang in einem von Mauern umgebenen Haus in Abbottabad versteckt hielt, am Ende gar die alles entscheidende Führungsfigur in Al-Qaidas Befehlskette? Der Schatz aus Abbottabad, so hofften die Amerikaner, könnte über all diese Fragen Aufschluss geben.

In der vergangenen Woche veröffentlichte das „Terrorism Combating Center“ der Westpoint Militärakademie nach über einem Jahr einen Bruchteil der Abbottabad-Dokumente – ein langersehnter Moment für Terrorismus-Experten, Historiker und Journalisten. Die 17 Dokumente, die für jedermann zugänglich im Internet zum Download bereitstehen, enthalten im arabischen Original 175 Seiten, und wurden wohl zwischen dem September 2006 und April 2011 verfasst. Zusammengefasst lässt sich wohl sagen: es handelt sich um Briefkorrespondenzen zwischen Osama Bin Laden und seinen Kommandeuren, darunter Abu Yahya al-Libi, Atiyyatullah al-Libi und Azzam al-Amriki (Adam Gadahn).

Über den Inhalt der 17 Abbottabad-Briefe haben einige Kollegen bereits ausführlich berichtet. Einen Aspekt möchte ich in diesem Blogartikel hervorheben: die Erwähnung des deutschen Dschihadisten Bekkay Harrach alias „Abu Talha al-Almani“.

In einem Brief, den Osama Bin Laden wohl höchstpersönlich Ende Mai oder Anfang Juni 2010 anlässlich des Todes des Ägypters Mustafa Abu al-Yazid an dessen Nachfolger Atiyyatullah al-Libi schrieb, nennt der Al-Qaida-Chef den Bonner Islamisten bei seinem Kampfnamen, und unterstützt augenscheinlich auch dessen Wunsch nach dem Märtyrertod.

„Was unseren Bruder Abu Talha al-Almani angeht: Sheikh Said (Mustafa Abu al-Yazid), berichtete mir, dass der Bruder auf dem Weg zu einer Märtyreroperation ist“, schreibt Bin Laden, „Sollte er die Operation bereits durchgeführt haben, bitten wir Allah ihn als Märtyrer zu akzeptieren und ihm das Paradies zu schenken.“

„Und falls seine Operation noch nicht stattgefunden hat und du siehst, dass er ein spezielles Talent hat, das für den Sektor für externe Operationen nützlich ist, dann wäre es gut, wenn du ihm das mitteilen würdest“, heißt es in dem Brief, „Und falls er seinen Wunsch eine Märtyreroperation auszuführen verschoben hat, dann soll er mir seine Vorstellungen einer Operation im Ausland schreiben.“

Im Mai 2010 hatte Osama Bin Laden offenkundig noch Interesse an Kontakt zu Bekkay Harrach, der erst wenige Monate zuvor in einer Videobotschaft Deutschland anlässlich der Bundestagswahl im September 2009 mit blutigen Terroranschlägen gedroht hatte. Auch scheint Bin Laden informiert gewesen zu sein über Harrachs Pläne ein Selbstmordattentat in Afghanistan oder Pakistan auszuüben.

Damit stünde die Rolle Harrachs allerdings im Widerspruch zu den Aussagen des deutschen Terrorverdächtigen Ahmad Wali Sidiqi, der aktuell in einem Koblenzer Al-Qaida-Prozess auf sein Urteil wartet. Sidiqi hatte dem Bundeskriminalamt im Verhör nach seiner Festnahme in Afghanistan im Juni 2010 berichtet, Bekkay Harrach sei bei Al-Qaida in Ungnade gefallen.

Der Bonner Terrorist habe die Drohvideos gegen Deutschland im Alleingang produziert und veröffentlicht. Al-Qaidas Medienabteilung „As-Sahab“ und die Kommandeure des Terrornetzwerkes in Waziristan seien nicht eingeweiht gewesen über die Anschlagsdrohungen. Aufgrund des Propaganda-Alleinganges soll Harrach gar bei Al-Qaida gefeuert worden sein, berichtete der Hamburger Ahmad Sidiqi.

Bin Ladens Brief an den Libyer Atiyyatullah al-Libi, gefunden in Abbottabad, lässt weder auf einen Rauswurf von Harrach noch auf irgendwelche Strafen oder Sanktionen gegen den Deutsch-Marokkaner schließen. Im Frühjahr 2010 stand Bekkay Harrach wohl noch in Lohn und Brot bei Al-Qaida und hatte Kontakt zum Afghanistan-Chef des Netzwerkes, Mustafa Abu al-Yazid. Dieser wusste offenbar auch von Harrachs Märtyrer-Wunsch und teilte diesen Bin Laden mit.

Den Wunsch ein Märtyrer zu werden, setzte Bekkay Harrach, der sich im Jahr 2007 von Bonn aus ins pakistanische Waziristan abgesetzt hatte, wohl nur wenige Monate später um. Im Januar 2011 veröffentlichte die Gruppe „Islamische Bewegung Usbekistans“ (IBU) ein deutschsprachiges Dokument, in dem sie Harrachs Tod bekannt gab. Nahe der US-Militärbasis im afghanischen Bagram sei „Abu Talha al-Almani“ im September 2011 bei einer gemeinsamen Operation von Al-Qaida, IBU und den pakistanischen Tehrik e-Taliban (TTP) ums Leben gekommen.

„Unser Freund Bekkay aus Bonn, alias Abu Talha, der furchtlose Prediger, der sich mit ganz Deutschland angelegt hat, starb bei dieser Operation den Tod des Märtyrers“, hieß es in dem IBU-Schreiben, „In Kürze werden so Allah will ausführliche Videos über diese Operation von As-Sahab und Studio-Jundullah erscheinen.“

Die angekündigten Videos über Bekkay Harrach erschienen bis heute nicht.

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