Schweizer Taliban-Geiseln trafen Mounir Chouka

von Florian Flade

Ein Schweizer Pärchen befand sich monatelang in der Hand der pakistanischen Taliban. Die Geiseln wurden im Stammesgebiet Waziristan festgehalten und erlebten eine Zeit des Schreckens und der Ungewissheit. Sie berichten von Drohnen, vom Leben mit den Taliban – und von der Begegnung mit zwei deutschen Dschihadisten.

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David Och und Daniela Widmer aus dem Kanton Bern wollten eigentlich eine unvergessliche Reise machen. Am Ende wurde die Reise wahrlich unvergesslich – jedoch nicht im positiven Sinn. Mit einem Van waren sie auf dem Weg von Indien zurück in die Schweiz. Das Paar entschied sich für eine Tour durch Pakistan. Im Süden des Landes, in der Region Belutschistan, gerieten die beiden in die Fänge von Islamisten. Fünf Bewaffnete entführten Och und Widmer am 1.Juli 2011 außerhalb des Städtchens Loralai und brachten sie in die Region Nord-Waziristan zu den Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP).

Die Taliban forderten ein Millionenlösegeld sowie die Freilassung der pakistanischen Wissenschaftler Aafia Sidiqi aus US-Haft. Mehrere Videos wurden von Daniela Widmer und David Och gedreht, als Druckmittel auf Angehörige und die Politik.

Im März gelang den Schweizer Taliban-Geiseln die Flucht. David Och und seine Lebensgefährtin flüchteten sich zu einem pakistanischen Militärcheckpoint und wurden in Sicherheit gebracht. Gerüchte über mögliche Lösegeldzahlungen in Höhe von mehreren Millionen Franken und die Freilassung von Dutzenden Taliban-Kämpfern, wurden von Seiten der Schweizer Regierung dementiert. Ein „Wunder“ sei es dennoch, dass die Schweizer lebend entkommen konnten.

In einer Vernehmung durch Schweizer Behörden berichten David Och und Daniela Widmer nach ihrer Flucht über die Erlebnisse im pakistanischen Stammesgebiet – und auch von der Begegnung mit zwei deutschen Dschihadisten.

Ein komplett schwarz vermummter Mann mit Sonnenbrille sei aufgetaucht. Eine kräftige Person, die von den Taliban „Khattab“ genannt wurde und offenbar perfektes Deutsch sprach. Begleitet worden sei der Deutsche von einem Briten namens „Omar“, berichten die Schweizer Ex-Geiseln. Unter Anleitung des Deutschen und des Briten seien sie in die Shawal-Wälder gebracht worden, wo Geiselvideos gedreht wurden.

Der Deutsche „Khattab“ habe geprahlt, man werde mit den europäischen Geiseln Millionen für den Dschihad machen. Die Arroganz des Deutschen habe ihn sehr wütend gemacht, berichtet Ex-Geisel Och.

Dass die ausländischen Kämpfer in Waziristan von den Schweizer Geiseln erfuhren, missfiel den Taliban offenbar. Sie schlossen die Dschihadisten daher in den Folgemonaten von der Betreuung der Schweizer aus. Als jedoch ein weiteres Geisel-Video gedreht werden sollte, so heißt es in dem Vernehmungsprotokoll, sei abermals ein deutscher Dschihadist aufgetaucht. Der sollte überwachen dass das Schweizer Paar nichts falsches sagte – in diesem Video sprachen die Geiseln Schweizerdeutsch. Später haben die Schweizer den deutschen Islamisten im Internet wiedererkannt – es sei der Deutsch-Marokkaner Mounir Chouka alias „Abu Adam“ gewesen.

Der 30jährige Islamist aus Bonn-Bad Godesberg habe die komplette Videoinszenierung übernommen, berichten die Schweizer Ex-Geiseln. Chouka habe die bewaffneten Taliban-Kämpfer hinter ihnen platziert und auch dafür gesorgt, dass das Gesicht des Aufpassers der Geiseln, ein pakistanischer Talib, verpixelt wird.

Die Aussagen der Schweizer Taliban-Geiseln zeigen: die Kooperation zwischen Terrorgruppen in Waziristan scheint ein aus der Not geborenes Phänomen zu sein, das zwar sporadisch aber dennoch effektiv auftritt. Ausländische Dschihadisten werden aufgrund ihrer Expertise in Software und Videobearbeitung nicht selten von Taliban und anderen lokalen Gruppen zu Propaganda-Zwecken eingespannt.

Mounir Chouka und dessen Bruder Yassin dürften dabei eine entscheidende Rolle spielen. Sie dominieren mit ihren deutschsprachigen Videos die Propaganda der „Islamischen Bewegung Usbekistan“ (IBU) und veröffentlichen seit Jahren Videos aus Waziristan, die – so heißt es auch aus Ermittlerkreisen – in Qualität zunehmen.

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