Dschihad gegen deutsche Polizisten

von Florian Flade

In Bonn stach ein Salafist aus Hessen zwei Polizisten nieder und verletzte sie schwer. Der Deutsch-Türke Murat K. wollte gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed demonstrieren und griff zum Messer. Vor dem Angriff war der Islamist den Sicherheitsbehörden nicht aufgefallen.

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„Was ist unser Weg?“, fragt der Mann auf Arabisch mit einem Megaphon in der Hand. „Der Dschihad! Der Dschihad!“, schallt es aus der sammelten Menge. Sie schwenken schwarze Flaggen, darauf das islamische Glaubensbekenntnis. Es sind keine Szenen aus Pakistan, dem Gaza-Streifen oder Somalia, es ist der Vormittag des 5.Mai in Bonn. Hunderte junger Muslime, viele davon Anhänger des fundamentalistischen Salafismus, waren im Bonner Stadtteil Bad Godesberg, nahe der König Fahd Akademie, zusammengekommen. Sie hatten eine Mission: die Ehre des Propheten Mohammed zu verteidigen – notfalls mit Gewalt.

Die rechtsextreme Partei „Pro NRW“ machte an jenem verregneten Maitag in Bonn Station mit ihrer höchst umstrittenen Wahlkampftour „Freiheit statt Islam“. Die Islamhasser protestierten mit Mohammed-Karikaturen gegen eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands. Die salafistische Szene machte mobil, hunderte Salafisten kamen zur Gegendemo, darunter auch die Prominenz der Szene wie etwa der Prediger Abu Abdullah, der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert („Deso Dogg“) und der Deutsch-Ägypter Reda Seyam.

Unter den wütenden jungen Männern, die sich bei leichtem Nieselregen vor den angerückten Hundertschaften der Polizei formiert hatten, war auch gewisser Murat K.. Der 25-jährige Deutsche mit türkischen Wurzeln war aus Hessen angereist, um gemeinsam mit seinen Glaubensbrüdern zu demonstrieren. Er wirkte unscheinbar mit seinem langem Gewand und der dunklen Gebetsmütze. In der Menge der bärtigen, teils vermummten Salafisten fiel Murat K. nicht auf. Er stand in einer Gebetsreihe mit den anderen, brüllte wie die anderen, er streckte den Koran in die Luft, wie viele andere Salafisten an jenem Tag. Doch dann eskalierte die Situation. Steine flogen und die salafistischen Demonstranten griffen die Polizei mit Holzlatten an. Die Polizei wiederum setzte Pfefferspray und Wasserwerfer ein, um den tobenden Mob in Schach zu halten. Etliche salafisten Randalierer wurden festgenommen, 29 Polizisten wurden verletzt.

Ein junger Mann durchbrach die Barrieren der Polizei und ging zum Frontalangriff über – es war Murat K.. Mehrere Beamte in schwerer Kampfmontur stürzten sich auf ihn, als der Deutsch-Türke plötzlich ein Messer zog und gezielt zustach. Drei Polizisten verletzte der hessische Islamist, einer 30jährigen Polizistin und ihrem 35jährigen Kollegen schnitt K. mehrere Zentimeter tief in die Oberschenkel. Die Beamten verloren große Mengen Blut und mussten schwerverletzt von einem Krankenwagen abtransportiert werden. Der Angreifer wurde von Polizisten überwältigt und festgenommen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn gegen K. wegen versuchtem Mord in zwei Fällen.

Murat K. sorgte mit seiner Attacke für Schlagzeilen. Es ist eine der schwersten Straftaten, die ein Islamist je in Deutschland verübt hat. Eigentlich hätten Taten wie diese verhindert werden sollen. Die Bonner Polizei war völlig überrascht worden, von der Aggressivität und Brutalität der randalierenden Salafisten. Einige islamistische Gefährder hatten die Sicherheitsbehörden im Vorfeld der Demonstration verstärkt ins Visier genommen. Es galt, Gewalttaten präventiv zu verhindern. Murat K. hatte man jedoch nicht im Blick. Dabei war der Salafist in seinem Heimatort seit langer Zeit als gewalttätig und aggressiv bekannt.

Im nordhessischen Sontra nahe Kassel, hatte sich K. der im nahegelegenen Eschwege als einer von drei Söhnen einer türkischen Einwandererfamilie geboren wurde, auf den Straßenkampf in Bonn vorbereitet. Der 25jährige Islamist lebte seit etwa einem Jahr in einer kleinen Dachgeschosswohnung in einem Fachwerkhaus im Zentrum von Sontra. Zuvor hatte er nur wenige hundert Meter entfernt, in der Wohnung seiner Eltern gewohnt.

K. besuchte zunächst die Gesamt- später die Hauptschule in Sontra, war dann bis zum Jahr 2005 Schüler an der Berufsfachschule in Eschwege. Danach folgten mehrere Jobs u.a. als Postsortierer, Verpacker und Mitarbeiter beim Versandhaus Amazon. Eine Ausbildung zum Industriemechaniker brach Murat K. nach nur einem Jahr ab, lebt seitdem von Hartz IV. Immer wieder fiel K. in den letzten Jahren durch Gewalttaten auf. Er lieferte sich Schlägereien vor Diskotheken, war dadurch polizeibekannt und verbüßte 2005 sogar eine Jugendstrafe.

Irgendwann in den vergangenen Monaten trat offenbar der Wandel im Leben von Murat K. ein. Er wurde auffällig religiös, ließ sich einen Bart stehen und trug fortan die für Salafisten typische Kleidung nach Vorbild des Propheten. Bald schon gehörte K. zu eine kleine Gruppe strenggläubiger Muslime, die in langen Gewändern und Gebetsmützen durch die Straßen von Sontra schlenderten. Nachbarn berichten, zeitweise seien mehrere bärtige Männer in der Wohnung von K. ein- und ausgegangen.

Der Bürgermeister, Karl-Heinz Schäfer, zeigte sich besorgt über eine mögliche islamistische Zelle in Sontra und forderte beim Staatsschutz Informationen über Murat K. und dessen Glaubensbrüder an. Vergeblich. Die hessischen Sicherheitsbehörden antworteten nicht. Nach Informationen der „Welt“ war Murat K. dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz als Anhänger der salafistischen Szene bekannt, jedoch nur als Randfigur.

Aktuell sitzt Murat K. in Bonn in Untersuchungshaft. Einen Anwalt wollte sich der 25-jährige Salafist zunächst nicht nehmen. Die Aktivisten von „Pro NRW“ hätten seine Religion beleidigt. Als Muslim habe er das Recht Glaube und Propheten zu verteidigen, soll Murat K. im ersten Verhör durch die Polizei erklärt haben. Inzwischen hat der Deutsch-Türke nach Informationen der „Welt“ einen Pflichtverteidiger erhalten.

Noch ist unklar, ob Murat K. den Messer-Angriff auf die Polizeibeamten in Bonn gezielt plante oder spontan agierte. Seine Wohnung in Sontra hatte der Islamist nach Informationen des Nachrichtenmagazins „SPIEGEL“ zum 30.April gekündigt. Die Möbel soll K. auf den Sperrmüll gestellt haben, darunter auch private Briefe und Dokumente. Es deutet einiges darauf hin, dass Murat K. plante nicht mehr nach Sontra zurückzukehren. Wohin er wollte, ist unklar. Womöglich nahm er in Kauf bei seinem Angriff auf Polizisten in Bonn getötet zu werden. „Jeder von euch der dort auf den Feind trifft und stirbt, bei Allah, er kommt ins Paradies, er ist ein Märtyrer!“, versprach jüngst ein kürzlich aus Deutschland ausgewiesener Salafistenprediger vor einer Protestkundgebung.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert indes mehr Unterstützung von der Politik im Kampf gegen gewalttätige Angriffe radikal-islamischer Salafisten. In immer kürzeren Abständen erlebe man in Deutschland eine neue Art der religiös motivierten Gewalt, sagte der DPolG-Landesvorsitzende Hermann Benker am Montag. Diese Angriffe müssten mit allen Mitteln abgewehrt werden. Dazu gehörten die Prüfung von Vereins- und Versammlungsverboten und als letztes Mittel auch Abschiebungen.

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