Die Rückkehr eines Berliner Gotteskriegers

von Florian Flade

Der Berliner Thomas U. sitzt seit 21 Monaten in einem türkischen Gefängnis. Am Montag soll er nach Deutschland abgeschoben werden. Die Geschichte eines Deutschen, der auszog, ein Krieger Allahs zu werden.

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Als sich Thomas U. und seine damals hochschwangere Ehefrau Stefanie an jenem Tag im August 2010 auf den Weg zum Flughafen Istanbul machten, glaubten sie wohl, ihnen stünde die letzte Etappe eines langen, beschwerlichen Weges bevor. Ein Weg, der das Paar aus dem Berliner Stadtteil Wedding bis in ein Terrorcamp im Nordwesten Pakistans geführt hatte, sollte zu Ende gehen.

Begonnen hatte die Odyssee von Thomas und Stefanie U. ein Jahr zuvor, Ende September 2009. Damals hatten der zum Islam konvertierte Thomas und seine ebenfalls konvertierte Lebensgefährtin Stefanie Deutschland verlassen. Den Eltern hatten sie gesagt, sie wollten ihren ersten Hochzeitstag mit einem Urlaub feiern. In Wahrheit brach das Paar alle Zelten in Deutschland ab, um in der weit entfernten Bergwelt Pakistans ein neues Leben zu beginnen.

Thomas, Sohn ungarischer Einwanderer, war im Jahr 2008 Muslim geworden und hatte nur ein knappes Jahr später die Konvertitin Stefanie geheiratet. Das Paar radikalisierte sich zunehmend und lebte bald streng nach islamischen Glaubensvorschriften. Sie waren entschlossen in ein muslimisches Land auszuwandern. Diesen Wunsch teilten sie mit einer kleinen Gruppe radikaler Salafisten, die sich in einschlägigen Berliner Moscheen traf.

Thomas U. und seine Ehefrau knüpften Kontakte in der islamistischen Szene der Hauptstadt und planten gemeinsam mit einem weiteren Salafisten-Paar die Auswanderung. Ihr Ziel: Pakistan. Per Mietwagen fuhr die Gruppe zunächst von Berlin nach Ungarn. Anschließend flogen Thomas, Stefanie und das befreundete Ehepaar von Budapest weiter in die Türkei. Die nächste Reise führte die Gruppe in den Iran.

Über Schleuserwege gelang es den Berlinern irgendwann im Herbst 2009 in die pakistanischen Stammesgebiete von Waziristan zu reisen. Hier schlossen sich Thomas, Stefanie und die anderen einer Terrorgruppe an, die sich später „Deutsche Taliban Mudschaheddin“ (DTM) nennen sollte. Was so bedrohlich klingt, war in Wahrheit wohl ein versprengter Haufen deutscher, türkischer und einiger weniger arabischer Islamisten.

Angeführt wurden die DTM von dem in Niedersachsen geborenen Deutsch-Türken Ahmet M. alias „Salahuddin at-Turki“, der gleichzeitig für die deutschsprachige Propagandaabteilung zuständig war. Die Videobotschaften der islamistischen Gotteskrieger aus Waziristan waren es wohl auch, die Thomas und Stefanie angezogen hatten. Wohl reichlich naiv fanden sie sich nun in einer Welt wieder, die alles andere war als Dschihad- und Lagerfeuer-Romantik. Waziristan erwies sich als rau, hart und teils unerbittlich. Ausländische Dschihadisten hatten keinen leichten Stand.

Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet trafen die Pärchen aus dem Berliner Wedding zwar auch auf andere Deutsche, darunter auch den Saarländer Konvertiten Eric Breininger, jedoch nicht auf die erhoffte Idylle unter den Gesetzen der Scharia. In den primitiven Behausungen der Terrorlager gab es weder fließendes Wasser, noch konstante Stromversorgung. Es mangelte den Islamisten an Lebensmitteln und einfachsten Ausrüstungsgegenständen. Und dann waren da noch die Drohnen.

Beinahe täglich kreisten die amerikanischen Drohnen, bestückt mit todbringenden Raketen, am Himmel über den Terrorlagern. Wöchentlich gab es Angriffe mit vielen Toten. Jeder weitere Angriff konnte auch für die deutschen Taliban der letzte sein.

Trotz des beschwerlichen Lebens fühlte sich Thomas U. offenbar genau dort angekommen, wohin er wollte. In Waziristan wurde aus dem Berliner Konvertiten, der seine ungarischen Wurzeln nie vergaß, der islamistische Kämpfer „Hamza al-Majaari“ (al-Majaari = „der Ungar“). Als solcher trat U. in einem Propagandavideo der „Deutschen Taliban“ auf und prahlte darin mit einem Raketenangriff auf NATO-Soldaten im Osten Afghanistans.

„Gestern war der 24.12. nach dem gregorianischen Kalender der Ungläubigen“, erklärte der vermummte Thomas U. in dem Terrorvideo, „Wir haben sechs BM-Raketen über den ganzen Tag verteilt auf das amerikanische Camp gefeuert. Und so haben wir ihre vorweihnachtliche Stimmung erheblich gestört.“

Ob Thomas U. tatsächlich in Afghanistan gekämpft, Raketen abgefeuert und so eventuell sogar US-Soldaten getötet hat, steht bislang nicht fest. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt jedoch seit dem Auftauchen des Videos gegen Thomas U. wegen Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

Als im April 2010 die deutschen Konvertiten Eric Breininger und Danny R. und der Emir der „Deutschen Taliban“, Ahmet M., an einem pakistanischen Checkpoint erschossen wurden, sank die Moral der deutschen Dschihadisten in Waziristan wohl auf einen Tiefpunkt. Der Frust und die Enttäuschung nahmen zu. Viele deutsche Taliban dachten an eine Rückkehr nach Deutschland – so auch Thomas und Stefanie.

Es dauerte noch einige Monate bis sich das Berliner Paar endgültig entschied, Waziristan zu verlassen. Nach knapp einem Jahr hatten Thomas U. und seine schwangere Ehefrau genug vom Leben als Gotteskrieger im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Sie teilten den in Deutschland sehnsüchtig wartenden Eltern mit, sie seien gewillt nach Hause zu kommen.

Auf eigene Faust gelang es dem Paar sich im August 2010 über den Iran bis in die Türkei durchzuschlagen. In Istanbul bekam Thomas U. Besuch von seinen Eltern. Gemeinsam sollen das Islamisten-Pärchen und die zugereisten Eltern alle Möglichkeiten einer Rückreise nach Deutschland durchdacht haben. Schließlich fiel der Entschluss auf eine möglichst unauffällige Option: per Flugzeug wollten Thomas und Stefanie von Istanbul aus zunächst nach Kopenhagen fliegen. Von dort aus sollte es mit einem Mietwagen weiter über die Grenze nach Deutschland gehen, so der Plan.

Mit ihren wenigen Habseligkeiten machte sich das Berliner Islamisten-Paar Ende August auf den Weg zum Flughafen. Als Thomas und die schwangere Stefanie auf ihren Flug nach Dänemark einchecken wollten, klickten die Handschellen. Türkische Sicherheitskräfte nahmen die deutschen Terrorcamp-Rückkehrer fest. Der Vorwurf: Reise mit gefälschten Pässen.

Thomas und seine Ehefrau wurden getrennt und in unterschiedliche Haftanstalten gebracht. Deutsche Behörden beantragten zwar augenblicklich eine Auslieferung der beiden mutmaßlichen Islamisten, jedoch ohne Erfolg. Die türkische Justiz entschied, die Terrorverdächtigen in Untersuchungshaft zu behalten – auf unbestimmte Zeit.

Ohne je detaillierte Angaben über den Grund des Festhaltens zu machen, blieben Thomas und Stefanie in den folgenden Monaten in der Türkei in Haft. Empört und besorgt protestierten Thomas Eltern gegen die Haftbedingungen ihres Sohnes und dessen Ehefrau. Verzweifelt wendeten kontaktierten sie deutsche Politiker, schrieben an Behörden und Ämter. Vergeblich.

In der Weihnachtszeit 2010 brachte Stefanie in einem türkischen Gefängnis ihr Kind zur Welt. Eine Freilassung und Abschiebung nach Deutschland wurde auch nach der Geburt des Kindes nicht in Aussicht gestellt. Erst im Juni 2011 ließen die türkischen Behörden Stefanie U. frei. Die junge Mutter kehrte umgehend nach Berlin zurück.

Der Vater des Kindes, Thomas U., schmorte weiterhin in einer türkischen Gefängniszelle. Ab und an bekam er Besuch von seinen Eltern. Die Haft zehrte an den Kräften des Sohnes. Von Flöhen und Würmern geplagt soll der mutmaßliche Islamist innerhalb weniger Monate einiges an Gewicht verloren haben.

Vor wenigen Tagen bestätigte das Auswärtige Amt auf Nachfrage der „Welt“, dass Thomas U. schon sehr bald die Türkei verlassen dürfe. „Der deutsche Staatsangehörige befindet sich gegenwärtig noch in Auslieferungshaft in der Türkei“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin, „Seine Auslieferung ist von der türkischen Regierung bewilligt worden. Die Überstellung nach Deutschland wird zeitnah erfolgen.“

Am Montag soll es so weit sein. Dann soll Thomas U. nach Deutschland zurückkehren, in das Land, das er vor über zwei Jahren verlassen hatte, um in den Dschihad zu ziehen. Ob Thomas U. in Deutschland ein Gerichtsprozess erwartet, ist noch unklar. Doch bereits jetzt kann sich der Berliner Gotteskrieger glücklich schätzen – viele seiner Glaubensbrüder und Kampfgefährten ließen am Hindukusch ihr Leben.

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