Deutsche Taliban „zerschlagen“

von Florian Flade

Die „Deutschen Taliban Mudschaheddin“ war die erste deutsche Dschihad-Gruppierung im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Sie drohte Deutschland mit Terroranschlägen und lockte mehrere Berliner Islamisten nach Waziristan. Jetzt macht es der Verfassungsschutz offiziell: die deutschen Taliban sind „zerschlagen“. Ein Rückblick.

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Glaubt man den Erzählungen des Saarländer Konvertiten Eric Breininger, dann waren sie am Anfang zu sechst – die deutschen Taliban. In den Bergen Waziristans entstand aus einer Splittergruppe der türkisch und usbekisch dominierten „Islamischen Dschihad Union“ (IJU) eine kleine Truppe deutscher Dschihadisten.

„Wir waren zu Beginn sechs Brüder, gründeten die Deutsche Taliban Mujahideen“, heißt es in den Memoiren von Eric Breininger alias „Abdul Ghafar al-Almani“, „Somit entstand die erste deutsche Jihad-Gruppe der Welt.“

Die Gruppe sei gewachsen, berichtet der deutsche Gotteskrieger weiter, und sollte zu „einer Heimat für alle deutschsprachigen Muslime werden, die von überall auf der Welt hierher kommen können um ihre Pflicht Allah gegenüber zu erfüllen, um auf Allahs Weg zu kämpfen“. Das war im September 2009.

Am 28.April 2010 starb Eric Breininger bei einem Feuergefecht mit der pakistanischen Armee. Zwei Jahre später gilt auch Breiningers Gruppe, die „Deutschen Taliban Mudschaheddin“ (DTM), als tot.

Was in Expertenkreisen bereits seit einiger Zeit als gesichert gilt, wird nun erstmals von Seiten deutscher Sicherheitsbehörden bestätigt: die DTM sind Geschichte. „Es ist mittlerweile wahrscheinlich, dass die DTM zerschlagen ist“, heißt es im Berliner Verfassungsschutzbericht 2011 der am vergangenen Mittwoch offiziell vorgestellt wurde. Nach dem Tod vieler Mitglieder der DTM durch Kampfhandlungen sei der Fortbestand der DTM bereits seit Mitte 2010 unklar gewesen, so die Verfassungsschützer.

Begonnen hatte es im September 2009 mit sechs jungen Männern aus dem Großraum Berlin und dem Saarland. Die Deutsch-Türken Fatih T., Yusuf O., Hayrettin S. und die Konvertiten Eric Breininger, Danny R. und Thomas U. schlossen sich in dieser Zeit zur DTM zusammen. Anführer der Truppe wurde der im niedersächsischen Salzgitter geborene Türke Ahmet M. alias „Salahuddin al-Turki“.

Der DTM-Emir Ahmet M. hatte sich bereits vor Gründung der Deutschen Taliban als Dschihad-Propagandist betätigt, und mit deutschsprachigen Werbevideos Islamisten aus der Bundesrepublik an den Hindukusch gelockt. Sein Label „Elif Medya“ produzierte auch ein Video, indem der Berliner Ex-Student Yusuf O. alias „Abu Ayyub“ Deutschland mit Terroranschlägen zur Bundestagswahl 2009 drohte. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Dschihad die deutschen Mauern einreist!“, warnte Yusuf O..

Die Videos des ehemaligen Kleinkriminellen Ahmet M. verfehlten ihre Wirkung nicht. In mehreren Ausreisewellen setzten sich radikalisierte Muslime aus Berlin in Richtung Pakistan ab. So etwa der Deutsch-Iraker Omar H., der im Januar 2010 mit seiner damals 16-jährigen Freundin Amina verschwand. Das Paar reiste nach Waziristan und schloss sich der deutschen Dschihad-Kolonie an.

Der Zulauf neuer Terrorrekruten für die „Deutschen Taliban Mudschaheddin“ endete abrupt im Frühjahr 2010 als der Emir Ahmet M. und die Konvertiten Danny R. und Eric Breininger an einem Checkpoint der pakistanischen Armee irgendwo zwischen Mir Ali und Miranshah in ein Feuergefecht gerieten und getötet wurden. Ab diesem Zeitpunkt setzte der langsame Tod der DTM ein. Frustriert über die Lebensbedingungen in den Terrorlagern und dem Verlust der deutschen Kampfgefährten, trat die Mehrzahl der deutschen Taliban nacheinander die Flucht aus Waziristan an.

Der Berliner Konvertit Thomas U. war der erste. Im September 2009 war er mit seiner Ehefrau Stefanie nach Waziristan gekommen. In einem Propagandavideo hatte er mit Raketenangriffen auf US-Soldaten in Afghanistan geprahlt. Ein Jahr später, im Sommer 2010, beschloss der Deutsch-Ungar dem Abenteuer im Dschihad ein Ende zu setzen. Mit seiner hochschwangeren Freundin schlug er sich über Iran bis in die Türkei durch. Ein anschließender Weiterflug nach Dänemark scheiterte, da türkische Behörden Thomas und Stefanie am Flughafen Istanbul festnahmen. Es folgten 21 Monate Untersuchungshaft. Stefanie brachte im türkischen Gefängnis einen Sohn zur Welt und durfte im Juni 2011 nach Deutschland ausreisen. Seit dem 20.Mai ist nun auch Thomas U. wieder zurück in Deutschland, abgeschoben von türkischen Behörden, und wartet auf seinen Prozess.

Amirah, die Witwe des getöteten Konvertiten Danny R. aus Berlin-Reinickendorf, kehrte Waziristan ebenfalls frustriert den Rücken. Sie hatte nach dem Tod ihres Ehemannes den Berliner Fatih T. geheiratet und kehrte im Juli 2011 hochschwanger und mit ihrem in Waziristan geborenen Sohn nach Deutschland zurück.

Im Mai 2010 verließ der ehemalige Berliner Student Yusuf O., der Deutschland in einem Video mit Anschlägen zur Bundestagswahl gedroht hatte, die DTM. Er blieb allerdings zunächst im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet und wurde Mitglied des Terrornetzwerkes Al-Qaida. In einem Ausbildungslager der Al-Qaida lernte der Berliner Ex-Taliban den österreichischen Islamisten Maqsood L. kennen. Al-Qaidas Kommandeure wählten die beiden Dschihadisten aus, nach Europa zurückzukehren und Rekruten für Terrorzellen anzuwerben.

Ein Jahr nachdem er die DTM verlassen hatte, verließ Yusuf O. Pakistan und reiste mit Maqsood L. zunächst nach Ungarn, dann weiter nach Wien. Dort wurde der Berliner im Mai 2011 verhaftet. Seit Januar steht Yusuf O. in Berlin vor Gericht. Im droht aufgrund seiner Terrorvergangenheit eine mehrjährige Haftstrafe.

Yusufs Freund und Glaubensbruder Fatih T. alias „Abdul Fettah al-Almani“ war im Dezember 2010 zum Emir der letzten verbliebenen „Deutschen Taliban“ in Waziristan ernannt worden. Doch auch der aus Berlin-Steglitz stammende Islamist verließ mittlerweile die Gruppe und soll sich in den Iran abgesetzt haben. Angeblich ist Fatih T. gewillt, nach Deutschland zurückzukehren.

Unklar ist der Verbleib der ehemaligen DTM-Mitglieder Hayrettin S. und Omar H.. Vor letztem warnte vor drei Monaten das Bundeskriminalamt (BKA) in einem Fahndungsaufruf. Omar H. sei gefährlich und womöglich bereit einen Anschlag auf westliche Ziele in der Region Afghanistan-Pakistan zu verüben. Intern heißt es aus Sicherheitskreisen, die Warnung vor dem Berliner Islamisten sei herausgegeben worden, weil Omar H. „in Bewegung“ sei. Ob er sich aus Waziristan absetzten und ebenfalls wieder nach Deutschland will, ist nicht klar.

Hayrettin S., geboren und aufgewachsen in Berlin-Neukölln, ist seit einiger Zeit verschwunden. Noch im Oktober 2010 hatte das BKA eine interne Fahndung nach dem Islamisten herausgegeben. In NATO-Militäreinrichtungen in Deutschland und im Ausland wurde vor S. gewarnt, nachdem dieser in E-Mails, Chats und Telefonaten abstrakt mit Terroranschlägen gedroht hatte. Welcher Gruppe sich der Berliner Deutsch-Türke angeschlossen hatte und ob er sich noch in Waziristan aufhält ist nicht bekannt.

Rückblickend scheint der Zerfall der „Deutschen Taliban“ mehrheitlich zu einer Flucht der Mitglieder aus den pakistanischen Stammesgebieten geführt zu haben. Einige wenige DTM-Dschihadisten haben sich offenbar nach Auflösung der Gruppe anderen Terrorgruppen wie der „Islamischen Bewegung Usbekistans“(IBU) und der Al-Qaida angeschlossen.

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