Das Virus und die Spione

Die Corona-Pandemie beeinflusst die Arbeit von Geheimdiensten. Es gibt neue Herausforderungen und Bedrohungen. Außerdem stellen sich Fragen: Haben die Spione die Gefahr unterschätzt?

Von Florian Flade

Der Kleine Wannsee liegt im äußersten Südwesten von Berlin, im grünen Speckgürtel der Hauptstadt. Am Wochenende steigt hier oft ein Mann ins Ruderboot und zieht seine Bahnen, den bis vor rund einem Jahr nur wenige Menschen in Deutschland kannten. Mittlerweile gehört er zu den bekanntesten Gesichtern der Bundesrepublik: Lothar Wieler, Fachtierarzt für Mikrobiologie und Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI) – jener Behörde, die hierzulande für die Beobachtung von Krankheiten und den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung zuständig ist.

Der 60-Jährige mit den grau-melierten Haaren, der randlosen Brille und der tiefen, rauchigen Stimme tritt seit nun mehr einem Jahr Woche für Woche vor die Presse, oft an der Seite von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, und verkündet die neuesten Zahlen zur Corona-Pandemie. In seiner Freizeit ist Wieler ein begeisterter Ruderer, er hat an zahlreichen Wettkämpfen teilgenommen. Als sein Verein wegen der Pandemie pausieren musste, stellte ihm der Berliner Landesruderverband eigens eine Rudermaschine zur Verfügung, damit er auf der heimischen Terrasse oder im Wohnzimmer trainieren kann.

Auf dem Wasser sitzt hin und wieder ein alter Freund mit Wieler im Ruderboot, die beiden kennen sich seit der Studienzeit. Im Gegensatz zum RKI-Chef ist dieser Mann in der Öffentlichkeit bis heute kaum bekannt, dabei ist seine Funktion eine durchaus wichtige: Bruno Kahl ist der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Normalerweise haben der Chef der Infektionsschutzbehörde und der Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes wohl nur selten beruflich miteinander zu tun. Die Corona-Pandemie aber hat nun deutlich gemacht, dass es neben dem Terrorismus, Cyberangriffen oder Diktatoren mit Atombomben noch ganz andere Bedrohungen gibt, die das weltpolitische Geschehen dramatisch und umfassend beeinflussen – und damit erhebliche Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und die Sicherheitslage haben können.

Ein Virus erweist sich als eine globalen Herausforderung für die Menschheit. Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung sind gefordert wie selten zuvor, die Erwartungen und Hoffnungen nehmen zu, der Druck auf Entscheidungsträger wächst stetig. Gleichzeitig stellen sich Fragen, die auch die Nachrichtendienste betreffen: War die Pandemie vorhersehbar? Haben die Geheimdienste als Frühwarnsystem versagt? Was wissen BND, CIA und andere Dienste über den Ausbruch von SARS-CoV-2? Oder über die Infektionslage in anderen Erdteilen, etwa in China, Iran, Russland oder auf dem afrikanischen Kontinent? Welche Rolle spielen Spione bei der Bekämpfung der Seuche? Und wie verändert sich Spionage durch die Pandemie?

Das Frühwarnsystem

Das Eisenhower Executive Office Building befindet sich direkt neben dem Weißen Haus in Washington D.C., auf der Westseite. Darin untergebracht ist die Verwaltung des Weißen Hauses, auch der Vize-Präsident hat hier ein Büro. Der Schriftsteller Mark Twain soll den protzig anmutenden Bau einst das „hässlichste Gebäude in Amerika“ genannt haben. Für US-Präsident Harry S. Truman war es gar die „größte Monströsität“ des Landes.

Am 13. Januar 2017 – eine Woche vor der Amtseinführung von Donald Trump als neuer Präsident der USA – kam es in diesem Verwaltungsgebäude neben dem Weißen Haus zu einem wichtigen Treffen zwischen Vertreter der scheidenden Obama-Administration und der neuen Administration. Drei Stunden saßen sie zusammen. Zu den Teilnehmern an jenem Freitagnachmittag gehörten der damalige CIA-Direktor John Brennan, Avril Haines, inzwischen Direktorin der US-Geheimdienste unter Präsident Joe Biden, sowie Anthony Fauci, Amerikas Chef-Immunologe und Experte für Infektionskrankheiten. Auch Trumps späterer Außenminister Mike Pompeo und der angehende Sicherheitsberater Michael J. Flynn waren anwesend.

Solch ein Treffen, das sogenannte „transition exercise“, ist vorgeschrieben. Dabei werden der neuen Regierung einige der großen Herausforderungen präsentiert, die ihr bevorstehen könnten. Es werden Szenarien beschrieben, Strategien und Notfallpläne erörtert und Erfahrungen ausgetauscht. 

Ein Szenario, das Obamas Leute vorstellten, trug den Titel „Facilitated Group Discussion – Pandemic Response“. Die fiktive Ausgangslage war der Ausbruch einer „neuartigen Grippe H9N2“, übertragbar von Mensch zu Mensch, vor allem über die Atemwege: Laut Szenario werden In London, in Seoul und Jakarta zahlreiche derartige Infektionen festgestellt. In vielen Teilen Asiens ist das Gesundheitssystem deshalb bereits überlastet. Gesundheitsexperten warnen nun, es könnte zur „schlimmsten Grippe-Pandemie seit 1918“ kommen. Zunächst sind keine Infektionsfälle in den USA aufgetreten, dann aber werden erste Fälle in Kalifornien und Texas entdeckt.

In der siebenseitigen Präsentation, die Politico veröffentlicht hat, hatte die Obama-Administration ein solches Pandemie-Szenario beschrieben – und auch Schlussfolgerungen und Vorschläge aufgelistet. „Eine Strategie für medizinische Gegenmaßnahmen ist entscheidend für den Erfolg. Sowohl pharmazeutische, wie etwa Impfstoff- und Virostatikum-Entwicklung und Verteilung, als auch nicht-pharmazeutische, wie etwa Social Distancing und PPE (Persönliche Schutzausrüstung)“, heißt es in dem Papier. Und: „In einem pandemischen Szenario können Tage – und sogar Stunden – entscheidend sein“.

Die neue US-Regierung war also gewarnt. Eine sich weltweit ausbreitende Atemwegserkrankung galt Anfang 2017 als realistisches Katastrophenszenario. Drei Jahre später gab es erste Meldungen über den Ausbruch einer bislang unbekannten Lungenkrankheit in China, ausgelöst durch ein neuartiges Corona-Virus. Es bekam den Namen Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus Type 2, kurz SARS-CoV-2. Sowohl die USA als auch die europäischen Staaten waren zunächst zurückhaltend, in den ersten Wochen schienen viele Regierungen erstaunlich sorglos, kaum jemand glaubte offenbar, dass daraus eine globalen Pandemie werden könnte.

Warnungen aber hatte es in den vergangenen Jahren unzählige gegeben – auch von den westlichen Geheimdiensten, zu deren Aufgaben es gehört, frühzeitig auf Bedrohungen hinzuweisen. Der US-amerikanische National Intelligence Council (NIC) wurde 1979 gegründet und ist dafür zuständig, lang- und mittelfristige Prognose und Strategien für die US-Geheimdienste zu entwickeln – und der Regierung die nötigen Informationen über die potentiellen Herausforderungen der Zukunft zu liefern. Regelmäßig veröffentlicht der NIC einen Bericht zu den „Global Trends“.

Im Dezember 2004 kam der Bericht mit dem Titel „Mapping the Global Future 2020“ heraus – mit einer Prognose für das Jahr 2020. Auf Seite 30 findet sich ein Infokasten mit der Überschrift „What Could Derail Globalization?“. Nachfolgend ein Auszug daraus:

„Einige Experten glauben es sei nur eine Frage der Zeit bis eine neue Pandemie auftritt, wie etwa die Grippe von 1918-1919, die schätzungsweise 20 Millionen weltweit getötet hat. Solche eine Pandemie in Megacities in Entwicklungsländern mit schlechten Gesundheitssystemen – in Subsahara-Afrika, in China, Indien, Bangladesch oder Pakistan – wäre verheerend und könnte sich schnell auf der ganzen Welt verbreiten. Die Globalisierung wäre gefährdet, wenn die Todeszahlen in mehreren größeren Ländern in die Millionen steigen und die Krankheit den weltweiten Reise- und Handelsverkehr über einen längeren Zeitraum hinweg stoppt, und die Regierungen veranlasst, enorme Ressourcen für überforderte Gesundheitssektoren aufzuwenden. Positiv zu vermerken ist, dass die Reaktion auf SARS gezeigt hat, dass internationale Überwachungs- und Kontrollmechanismen immer besser in der Lage sind, Krankheiten einzudämmen, und dass neue Entwicklungen in der Biotechnologie auf eine weitere Verbesserung hoffen lassen“

Mapping the Global Future 2020, NIC, Dezember 2004

Auch im „Global Trends 2025“-Bericht, veröffentlicht im November 2008, wurde erneut vor einem „Potentiellen Auftreten einer globalen Pandemie“ hingewiesen. 

„Das Auftreten einer neuartigen, hoch übertragbaren und virulenten Atemwegserkrankung beim Menschen, für die es keine angemessenen Gegenmaßnahmen gibt, könnte eine globale Pandemie auslösen. Wenn bis 2025 eine Pandemie auftritt, werden interne und grenzüberschreitende Spannungen und Konflikte wahrscheinlicher, da die Nationen – mit verminderten Fähigkeiten – darum kämpfen, die Bewegung von Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren, um Infektionen vermeiden oder den Zugang zu Ressourcen aufrechtzuerhalten.

Das Auftreten einer Pandemie hängt von der natürlichen genetischen Mutation oder Neuordnung der derzeit zirkulierenden Krankheitsstämme oder dem Auftreten eines neuen Krankheitserregers in der menschlichen Bevölkerung ab. Experten halten hoch virale Influenza (HPAI) -Stämme wie H5N1 für wahrscheinliche Kandidaten für eine solche Transformation, aber auch andere Viren wie das SARS-Coronavirus oder andere Influenza-Stämme haben dieses Potenzial.

Wenn eine Pandemie auftritt, tritt sie wahrscheinlich zuerst in einem Gebiet auf, das durch eine hohe Bevölkerungsdichte und eine enge Verbindung zwischen Mensch und Tier gekennzeichnet ist, beispielsweise in vielen Gebieten Chinas und Südostasiens, in denen die menschliche Bevölkerung in unmittelbarer Nähe des Viehbestands lebt. Unregulierte Tierhaltungspraktiken könnten es einer Zoonose wie H5N1 ermöglichen, in Tierpopulationen zu zirkulieren, was die Möglichkeit einer Mutation zu einem Stamm mit Pandemiepotential erhöht. Um sich effektiv zu vermehren, müsste eine Krankheit auf Gebiete mit höherer Bevölkerungsdichte übertragen werden.

In einem solchen Szenario würde eine unzureichende Fähigkeit zur Gesundheitsüberwachung innerhalb des Herkunftslandes wahrscheinlich eine frühzeitige Erkennung der Krankheit verhindern. Eine langsame Reaktion auf die öffentliche Gesundheit würde die Erkenntnis verzögern, dass ein hoch übertragbarer Krankheitserreger aufgetreten ist. Es kann Wochen dauern, bis endgültige Laborergebnisse vorliegen, die das Vorliegen einer Krankheit mit Pandemiepotential bestätigen. In der Zwischenzeit würden in Städten in Südostasien Cluster der Krankheit auftreten. Trotz der Beschränkungen für internationale Reisen könnten Reisende mit leichten Symptomen oder mit asymptomatischen Symptomen die Krankheit auf andere Kontinente übertragen (…) “

Global Trends 2025, NIC, November 2008

Die Geheimdienst-Community in den USA hatte demnach Pandemien als Sicherheitsrisiko, als Ereignisse, die Staaten und ganze Kontinente destabilisieren und die Globalisierung ausbremsen können, längst auf dem Schirm. Und auch in Deutschland waren pandemische Katastrophenlagen hinlänglich als realistische Szenarien vorhergesagt worden. So etwa im „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“, erstellt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) für die Abgeordneten des Bundestages. Damals war eine „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ beschrieben worden, mit frappierenden Parallelen zu der nun eingetretenen Pandemie. Eine solche Lage war jedoch damals als „bedingt wahrscheinlich“ eingeschätzt worden, „ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“

Viren als Beobachtungsobjekte

Aber welche Rolle spielen Geheimdienste in einem Frühwarnsystem für Seuchen und Krankheiten? Über lange Zeit waren es vor allem militärische Einrichtungen, die sich für ansteckende Krankheiten interessierten – nicht nur mit Blick auf die potentielle Nutzbarkeit von Erregern als biologische Waffen. Die Sorge vor dem Ausfall einer ganzen Armee aufgrund einer gefährlichen Krankheit treibt Streitkräfte bis heute um. Es gibt dafür einen eigene Disziplin im Militär, die sich mit der Analyse von Krankheiten, mit Erregern und Übertragungswegen beschäftigt, die Medical Intelligence (MedInt).

In den USA ist dafür das National Center for Medical Intelligence (NCMI) zuständig, das zum militärischen Nachrichtendienst, der Defense Intelligence Agency (DIA), gehört und in Fort Derick in Frederick, im US-Bundesstaat Maryland angesiedelt ist.

In der Bundeswehr heißt dieser Bereich Operative Medizinische Aufklärung und Information (M2I) und untersteht der Unterabteilung VI für Präventivmedizin, Vorbeugenden Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung im Kommando Sanitätsdienst. Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen sind hier tätig, darunter Tropenmediziner, Tierärzte, Epidemiologen, Entomologen und Medizininformatiker. Sie stehen auch im Austausch mit den zivilen Forschungseinrichtungen wie dem RKI oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 

Die Spezialisten beschaffen Informationen über Gesundheitsrisiken in Einsatzgebieten der Bundeswehr, etwa über dort auftretende Infektionskrankheiten und erstellen unterschiedliche Berichte für die Truppe: MEDINT Akut, MEDINT Aktuell und MEDINT Warnung. „Dafür sammelt und bewertet M2I gesundheitsbezogene Erkenntnisse und Daten (…) ordnet diese in den kulturellen Kontext des Landes ein und stellt darauf basierende Empfehlungen zur Reduzierung von Gesundheitsrisiken bereit“, so die Bundeswehr.

In den Einsatzländern gibt es nicht selten sehr spezifische Erkrankungen, auf die sich die Bundeswehr vorbereiten muss. In Afghanistan zum Beispiel droht die Gefahr durch ein kleines, pelziges Tier – die Große Rennmaus (Rhombomys opimus). Das Nagetier ist Überträger der Leishmaniose, einer schwerwiegenden Hauterkrankung, auch „Aleppo Beule“ genannt, die wiederum von Sandmücken auf die Rennmaus übertragen wird.

Im Bundeswehr-Lager Camp Marmal in Mazar i-Sharif wurden bauliche Vorkehrungen getroffen, es wurden Mauern und Umzäunungen errichtet, der Boden mit Schotter und Asphalt gehärtet, um der Rennmaus die Lebensgrundlage im Lager zu entziehen und auch es auch der niedrig fliegenden Sandmücke so schwer wie möglich zu machen.

Wann genau sich nicht nur Streitkräfte, sondern auch Geheimdienste erstmals Seuchen genauer in den Blick genommen haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Amerikas Spione jedenfalls begannen sich schon vor mehr als 50 Jahren sehr konkret für Infektionskrankheiten zu interessieren. 

Im Dezember 1966 kamen erste Berichte über eine Seuchensituation in China auf. Gerade war Mao Zedongs Kulturrevolution in vollem Gange, in vielen Landesteilen fanden Proteste statt, es kam zu großen Menschenansammlungen – ideale Bedingungen für Virus und Bakterien. Zunächst wurde gemeldet, dass Schulen in in der Region um Guangzhou geschlossen worden seien. Mal hieß es, es seien Fälle von Meningitis festgestellt worden, mal war die Rede von der Japanischen Enzephalitis

Beim US-Geheimdienst CIA fragte man sich: Welche Krankheit war es denn nun? Und welche Folgen wird ein solcher Ausbruch für China haben? Enzephalitis wird normalerweise durch Moskitos übertragen und ist eher eine saisonale Erkrankung, die vor allem bei warmem Wetter auftritt. Meningitis hingegen ist eine bakterielle Erkrankung, die bei kühleren Temperaturen auftritt – und sich leichter von Mensch zu Mensch überträgt.

In der CIA war damals schon das Office for Scientific Intelligence (OSI) für die Erforschung und Bewertung von naturwissenschaftlichen Phänomenen zuständig. Aufgrund der Seuchen-Meldungen aus China wurde das Projekt „IMPACT“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel gefährliche Krankheiten und Pandemien zu beobachten und deren Auswirkungen auf das zivile Leben und militärische Bereiche zu bewerten.

„Es wird immer offensichtlicher, dass China mit einem ernsthaften Problem der Krankheitsbekämpfung konfrontiert ist. Faktoren deuten auf einen Zusammenbruch der öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen hin, unter dem Wucht der Massenbewegung von Menschen, und möglicherweise den Beginn einer Reihe neuer Krankheitsprobleme.“

erster CIA-Bericht zum Meningitis-Ausbruch in China, Januar 1967

Kurze Zeit später bereits geriet der Meningitis-Ausbruch in China offensichtlich tatsächlich außer Kontrolle, aus immer mehr Provinzen wurden Infektionsfälle gemeldet, Krankenhäuser füllten sich, es wurden Quarantänemaßnahmen verhängt. Die CIA versuchte durch erste Berechnungen ein präziseres Bild davon zu bekommen, wie viele Menschen in China betroffen sein könnten und wie schlimm die Lage tatsächlich war.

Das Seuchen-Beobachtungsprojekt „IMPACT“ stellte dann nur knapp ein Jahr später einen weiteren, gravierenden Ausbruch einer ansteckenden Krankheit in China fest. Dieses Mal war es ein Grippeerreger, der sich rasant schnell in vielen Ländern der Erde verbreitete und als „Hong Kong Grippe“ bekannt wurde. Alleine in Hong Kong soll es 500.000 Fälle gegeben haben, rund 30 Prozent des Personals der US-Botschaft infizierten sich. Weltweit sollen rund eine Millionen Menschen an den Folgen gestorben sein. Bei der CIA startete man nun ein datenbasiertes, computergestütztes Projekt zur Prognose von Pandemie-Verläufen, es bekam den Namen „BLACKFLAG“.

In den folgenden Jahrzehnten beschäftigten sich die US-Geheimdienste immer wieder mit Krankheitsausbrüchen weltweit. Sie analysierten beispielsweise den Ausbruch von Ebola in Westafrika 2014, oder das Influenza-Virus H1N1 („Schweinegrippe“) im Jahr 2009.

Auch in Deutschland sind nicht nur Forschungseinrichtungen wie das Robert-Koch-Institut (RKI) mit gefährlichen Krankheiten befasst, mit hochansteckenden Viren und Bakterien, sondern auch der BND.

„Der Bundesnachrichtendienst sammelt zur Gewinnung von Erkenntnissen über das Ausland, die von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland sind, die erforderlichen Informationen und wertet sie aus“BND-Gesetz, Paragraph § 1 Absatz 2 

Der deutsche Auslandsnachrichtendienst ist also dafür zuständig, weltweit Gefahren zu erkennen – und die Regierung entsprechend zu warnen. Krankheiten – ob lokale Ausbrüche oder länderübergreifende Pandemien – können mitunter genauso verheerende Auswirkungen auf die Stabilität von Staaten und ganzer Regionen haben wie Terroranschläge.

Im BND gibt es seit vielen Jahren die Abteilung Technik und Wissenschaft (TW), in der Forscher und Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen arbeiten. „Unsere Ingenieur/inn/en und Wissen­schaftler (…) helfen beispielsweise, das nordkoreanische Raketenpotenzial besser zu verstehen, illegale Waffenlieferungen aufzuklären oder bei neuen Technologien – zum Beispiel Künstlicher Intelligenz oder Quanten­technologie – einen Schritt voraus zu sein“, heißt es auf der Webseite des BND.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von TW sind auch gefragt, wenn es um chemische und biologische Stoffe geht. Darum zu bewerten, ob das Assad-Regime in Syrien tatsächlich Giftgas eingesetzt hat, welche chemischen Kampfstoffe in geheimen Labors in Russland möglicherweise noch schlummern – und welche Viren vielleicht die nächste globale Pandemie auslösen. Zudem wird vom BND auch verlangt, der Bundesregierung ein klareres Bild darüber zu liefern, was genau vor sich geht, in den Ländern, in denen gerade eine Seuche grassiert. 

Als es 2003 zum ersten schweren SARS-Ausbruch in China kam, soll der BND dies früh durch Überwachungsmaßnahmen mitbekommen haben. Der Dienst war damals der Überzeugung: Die Lage war wesentlich dramatischer als es die chinesische Führung anfangs dargestellt hatte.

Auch in der aktuellen Corona-Pandemie soll der BND schon früh Erkenntnisse über das Ausbruchsgeschehen in China gehabt haben. Anfang 2020 aber interessierten sich in der Regierung erstaunlich wenige für das Thema. Die Situation wurde ganz offensichtlich von vielen unterschätzt, wie frühe Aussagen vermuten lassen.

„Grundsätzlich sind wir wachsam, wir nehmen die Dinge sehr ernst, wir sind aber auch gut vorbereitet“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Ende Januar 2020. Die Krankheitsverläufe beim neuen SARS-Virus seien milder als bei der Grippe, selbst Masern seien ansteckender. Auch gebe es klare Pandemiepläne, so Spahn. „Jeder hat seine genau zugewiesene Aufgabe. Im Fall der Fälle weiß jeder, wer verantwortlich ist und was er zu tun hat.“ RKI-Chef Lothar Wieler betonte damals, die Gefahr durch das neuartige Corona-Virus in Deutschland sei „sehr gering“, das Land sei außerdem „absolut gut vorbereitet“.

Veränderte Quellenlage

In den folgenden Monaten sollte sich zeigen, dass diese Einschätzungen nicht zutreffend waren. Gab es Anfang vergangenen Jahres andere, bessere Einschätzungen? Vielleicht sogar vom BND? Und falls ja, warum haben sie die Politik nicht erreicht? Oder haben auch die Spione das Virus und seine Auswirkungen völlig falsch bewertet?

Der BND soll zumindest früh darauf hingewiesen haben, dass die chinesische Propaganda wie schon beim SARS-Ausbruch 2003 die wahre Dimension wohl verschweige. In geheimen Sitzungen soll de Dienst auch Parlamentariern berichtet haben, man müsse davon ausgehen, dass auch die Zahl der Toten in China wesentlich höher sei als offiziell angegeben werde. Solche Erkenntnisse können auf unterschiedliche Weise gewonnen worden sein – durch technische Überwachung, durch das Abhören von Telefonaten oder Mitlesen von E-Mails, durch angeworbene Spitzel oder mit Hilfe von Partnerdiensten. Aber auch der BND musste im vergangenen Jahr zugeben: Die Zugangslage in China ist alles andere als einfach.

China ist für Spione längst kein einfaches Arbeitsgebiet mehr. Selbst für die sehr potenten Dienste, etwa die CIA, ist es schwierig geworden, zu jeder Zeit wertige Informationen aus dem Land zu beschaffen. Und das hat auch mit zwei umfassenden Cyberangriffen zu tun. Im April und im Juni 2015 griffen mutmaßlich chinesische Hacker das US Office of Personell Management, das für Personalangelegenheiten der Bundesbehörden zuständig ist, an. Damals wurden viele Millionen Daten ausgespäht, beispielsweise Sozialversicherungsnummern und andere Informationen über Beamte – auch von zahlreichen CIA- und FBI-Mitarbeitern.

Für die amerikanischen Spione war der Vorfall eine mittelschwere Katastrophe, viele Agenten konnten nun nicht mehr operativ in China eingesetzt werden. Zuvor schon sollen Quellen der CIA in China aufgeflogen sein, offenbar durch gehackte Kommunikation. Einige Spitzel landeten angeblich im Gefängnis oder sollen gar hingerichtet worden sein.

Um Informationen aus Staaten wie China, Russland oder Iran zu bekommen, die in der Sprache der Geheimdienste oft als „harte Ziele“ bezeichnet werden, setzt auch der BND längst nicht nur auf menschliche Quelle, die Auswertung von offen zugänglichem Material oder technische Überwachung – Human Intelligence (HUMINT), Open Source Intelligence (OSINT) und Signal Intelligence (SIGINT) genannt. Auch die Auswertung von Social-Media-Beiträge (SOCMINT) liefert mittlerweile wertvolle Hinweise, über die aktuelle Lage in bestimmten Städten oder Regionen zum Beispiel. Und auch Imagery Intelligence (IMINT), also Satelliten- oder Luftbildaufnahmen, können einiges verraten.

Im März 2020 beugten sich die BND-Experten über einige Satellitenbilder, die von Teilen des Iran gemacht worden waren – auch die Bundeswehr analysierte die verstörenden Aufnahmen. Sie zeigten iranische Friedhöfe, die offenbar innerhalb kürzester Zeit erweitert worden waren – um die Größe von Fußballfelder. Es waren Indizien dafür, dass es immer mehr Corona-Toten in dem Land gab. Auch US-Medien berichteten kurze Zeit später über Bilder.

Aufnahmen aus dem All lieferten auch einige Hinweise darauf, wann sich das Virus in China verbreitet hatte. Forscher an der Harvard-Universität haben die Parkplätze vor den Krankenhäuser in Wuhan auf Satellitenbildern ausgewertet und festgestellt, dass schon im Oktober 2019 sehr viel mehr Autos dort standen als etwa ein Jahr zuvor. Gleichzeitig wurden die Suchbegriffe bei der chinesischen Suchmaschine Baidu ausgewertet. Das Ergebnis: Schon Ende 2019 suchten sehr viel mehr Menschen in Wuhan nach den Covid-Symptomen „Husten“ und „Durchfall“.

Gerüchte und Belege

Hat Chinas Regierung die Welt zu spät über das Virus informiert  und damit eine Eindämmung der Pandemie verzögert? Und woher stammt der Erreger ursprünglich? Möglicherweise aus dem Wuhan Institut of Virology, in dem seit Jahren an Corona-Viren geforscht wird? Diese Fragen kamen im Frühjahr vergangenen Jahres schnell auf – und auch die Geheimdienste sollten Antworten liefern.

Der Direktor für die US-Nachrichtendienste teilte Ende April 2020 mit, „die Geheimdienst-Community stimmt auch dem breiten wissenschaftlichen Konsens zu, dass das COVID-19-Virus nicht künstlich hergestellt oder genetisch verändert wurde.“ Dann aber sorgte ein angebliches Regierungsdossier, aus dem die australische Zeitung The Saturday Telegraph zitierte, sorgte für Aufregung. 

Darin wurden schwere Vorwürfe gegen Peking erhoben. China habe vertuscht und Informationen zurückgehalten, hieß es, und im Labor von Wuhan hätten äußerst riskante Forschungen mit Corona-Viren im Labor von Wuhan stattgefunden. In das 15-seitige Dossier eingeflossen sei auch eine Untersuchung der sogenannten „Five Eyes“, des Geheimdienstzusammenschlusses bestehend aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland, das australische Medium.

Der BND fragte bei den „Five Eyes“ nach, was es mit dem Papier auf sich habe, so berichtete es BND-Vizepräsident Werner Sczesny, im Mai 2020 dem Auswärtigen Ausschuss im Bundestag. Die Dienste hätten zurückgemeldet, von einem solchen Dossier wisse man nichts. Es gebe keinen derartigen, gemeinsamen Bericht. Ob es sich um ein Papier aus einer anderen Quelle handelt, oder um gezielte Desinformation, ist bis heute unklar. Das US-Außenministerium veröffentlichte jedenfalls im Januar dieses Jahres einen „Fact Sheet“, in dem nochmal ausführlich auf das Labor in Wuhan und die dortigen Forschungen eingegangen wird, und gleichzeitig China unterstellt wird, bis heute nicht ausreichend an der Aufklärung des Virus-Ausbruchs mitzuarbeiten.

Im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) des Bundestages berichtete BND im vergangenen Jahr außerdem von einem brisanten Telefonat zwischen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und dem Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Am 21. Januar 2020 habe Chinas Staatsoberhaupt den WHO-Chef dazu gedrängt, mit einer Warnung vor einer weltweiten Pandemie zu warten, so berichtete der „Spiegel“. Tatsächlich erfolgte eine entsprechende Warnung erst eine Woche später. Laut BND sei so wichtige Zeit in der Pandemiebekämpfung verloren gegangen.

Die WHO dementierte die Meldung des „Spiegel“. Xi Jinping und Tedros Adhanom Ghebreyesus hätten an jenem Tag nicht telefoniert. Sie hätten überhaupt noch nie per Telefon miteinander gesprochen. Was also stimmte? Der BND selbst habe das besagte Telefonat nicht abgehört, heißt es dazu aus dem Dienst. Aber es gäbe eine Information über ein solches Telefonat.

Um den Ursprung der derzeitigen Pandemie zu ermitteln, hat die WHO vor einigen Wochen ein Team nach Wuhan entsandt, das vor Ort unabhängige Recherchen betreiben sollte. Auch die Nachrichtendienste dürften sich für die Erkenntnisse der Wissenschaftler interessieren. In der Vergangenheit hatten Spione sogar teilweise Infektionskrankheiten und die medizinischen Bekämpfungskampagnen genutzt, um undercover agieren zu können – etwas, was heute angeblich kaum noch stattfindet.

Spionage getarnt als Impfprogramm

Auf der Suche nach dem Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden führte eine vielversprechende Spur die CIA zu einem Haus in der pakistanischen Stadt Abbottabad. Es war ein großer Gebäudekomplex, umschlossen von einer hohen Mauer. Es gab die Vermutung, dass Bin Laden und vielleicht sogar ein Teil seiner Familie sich darin verstecken könnten. Nur wie ließe sich das beweisen? Die CIA soll schließlich den pakistanischen Arzt Dr. Shakil Afridi dafür eingespannt haben – er beteuerte später, nicht gewusst zu haben, dass er für den US-Geheimdienst tätig wurde.

Afridi hatte mehrere Monate in Kalifornien gelebt, er hatte Verwandte in den USA. Er war Paschtune und hatte in der Vergangenheit ein in Nordwest-Pakistan ein erfolgreiches Impfprogramm gegen Polio durchführt. Gleiches sollte er nun auch in Abbottabad machen. Das Kalkül der CIA: Durch ein Polio-Programm in der Stadt könnte man an DNA von den Bewohnern der verdächtigen Villa gelangen – oder an andere wertvolle Informationen.

Der Arzt klopfte schließlich an die Tür, eine Frau öffnet, sie soll sich allerdings geweigert haben, die Kinder im Haus impfen zu lassen. Afridi soll dann nach einer Telefonnummer gefragt haben, damit die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht doch noch geimpft werden könnten. Und er bekam tatsächlich eine Handynummer, die für die CIA von großer Bedeutung werden sollte. Es war die Nummer von Ibrahim Saeed Ahmed, Bin Ladens Bote und Wachmann, wie sich später herausstellen sollte.

Nachdem US-Spezialeinheiten in einer nächtlichen Aktion im Mai 2011 das Gebäude in Abbottabad stürmten und Bin Laden getötet hatten, wurde Dr. Afridi festgenommen und später wegen Landesverrats zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt. Die CIA-Aktion der angeblichen Polio-Impfung sorgte dafür, dass medizinisches Personal in Pakistan in Lebensgefahr geriet. Zahlreiche Polio-Impfhelfer wurden in den Jahren danach verdächtigt, Spione zu sein, viele wurden angegriffen und sogar getötet. Die Skepsis gegenüber den Impfkampagnen war in weiten Teilen der Bevölkerung ohnehin groß. Es kursieren bis heute Gerüchte und Verschwörungsmythen, durch die Impfungen würden etwa gezielt muslimische Mädchen sterilisiert.

Drei Jahre nach Bin Ladens Tötung, im Mai 2014, erachtete es der damalige CIA-Direktor John Brennan offenbar für notwendig, ganz offiziell und öffentlich zu versprechen, dass der Geheimdienst die Impf-Kampagnen nicht mehr als Tarnung nutzen werde, um die Sicherheit von echten Impf-Helfern nicht zu gefährden. Ein entsprechender Brief aus dem Weißen Haus wurde an amerikanische Hochschulen und Universitäten verschickt.

Neue Arbeitsbedingungen

Es waren auch für Spione turbulente Zeiten im Frühjahr 2020, als die Pandemie sich über dem Globus ausbreitete. Schrittweise wurde der Flugverkehr reduziert, es gab in vielen Staaten verstärkte Grenzkontrollen und Einreisebestimmungen sowie unterschiedlich harte Lockdown-Maßnahmen. All das wirkte sich auch auf die Arbeit der Geheimdienste aus. Spione sind es mitunter zwar gewohnt, auch in Krisengebieten und in Überwachungsstaaten zu arbeiten. Grundsätzlich aber profitieren Geheimdienste von einer globalisierten, möglichst offenen Welt, in der sich Menschen mehr oder weniger frei bewegen und Waren fließen.

Weniger Reisen, geschlossene Restaurants, Cafés und Hotels bedeutet auch: Es gibt weniger Treffen mit menschlichen Quellen – es werden auch weniger neue Informanten angeworben. Sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen, wird in Pandemie-Zeiten auch schwieriger. Und nicht zu vergessen: Auch Geheimdienste selbst müssen arbeitsfähig bleiben und somit ihre Mitarbeiter vor Infektionen schützen, so gut es eben geht.

Beim BND reagierte man im vergangenen Jahr auf die neue Lage mit einigen umfangreichen Maßnahmen. Das Personal arbeitet fortan in einem sogenannten rollierenden System, so dass sich immer nur ein Teil der Mitarbeiter im Büro aufhält. Außerdem wurde das Auftragsprofil der Bundesregierung, in dem genau festgelegt wird, um welche Länder und Themen sich der BND kümmern soll, deutlich reduziert, sozusagen eingedampft. Der Dienst, so die Ansage des Kanzleramtes, solle seine personellen Ressourcen auf die Kernbereiche und wirklich drängende Themen konzentrieren. Alles andere müsse derzeit nun heruntergefahren werden.

Zudem hat die Technische Aufklärung, also die Überwachung von Datenströmen, das Abhören von Telefonaten und Mitlesen von E-Mails, zuletzt an Bedeutung gewonnen. Wenn Menschen nicht mehr reisen und spionieren können, dann muss eben die Technik ran – was wiederum dazu führt, dass die Auswertung der abgefischten Kommunikation aufwendiger wird.

Genau wie für Unternehmen, Schulen oder andere auch Behörden wird in der Pandemie auch das Instrument der Video- und Telefonschalten für Geheimdienste immer relevanter. Und damit auch die Frage, wie eine möglichst sichere Kommunikation stattfinden kann. Zwischenzeitlich fand sogar die Nachrichtendienstliche Lage (ND-Lage), bei der sonst wöchentlich die Präsidenten der Geheimdienste und der Chef des Kanzleramtes  in einem abhörsicheren Raum im Bundeskanzleramt zusammenkamen, nicht in persona, sondern über geheime Leitungen statt. Auch das PKGr setzte seine Sitzungen mit physischer Anwesenheit im vergangenen Jahr aus Infektionsschutzgründen aus.

Schon vor der Pandemie war ankündigt worden, das Joint Worldwide Intelligence Communications System (JWICS), über das Geheimdienste weltweit Informationen austauschen – zu modernisieren und dessen Sicherheit zu verbessern. Eventuell sorgt die derzeitige Lage dafür, dass dies nun schneller vorangeht.

Immerhin wurde in den vergangenen Monaten deutlich, dass die Bedrohung durch Cyberangriffe nicht nur weiter anhält – sondern sich in Corona-Zeiten sogar noch verschärft. Denn Informationen werden jetzt nun einmal noch häufiger elektronisch verschickt, abgespeichert oder hochgeladen. Zahlreiche Menschen arbeiten im Homeoffice, auch Behördenmitarbeiter, und stellen somit attraktive Angriffsziele dar. So soll ein Mitarbeiter der Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) am heimischen Schreibtisch in Griechenland durch eine Phishing-Mail angegriffen worden sein, die wiederum dafür sorgte, dass die Hacker mehrere Hundert Dokumente aus dem System der Behörde kopieren konnten. Darunter auch Zulassungsunterlagen des Impfstoff-Herstellers Pfizer/BionTech.

Abgesehen von der sogenannten Eigensicherung besteht allerdings auch weiterhin oder sogar gerade aufgrund der Pandemie ein hoher Bedarf an Informationen, die durch nachrichtendienstliche Mittel gewonnen werden. Für die Bundesregierung bleibt es wichtig zu wissen, wie sich die Pandemie auf bestimmte Staaten und deren Regierungen auswirkt – und welche Kampagnen der Desinformation und Einflussnahme gerade laufen. Etwa um bestimmte Impfstoffe zu promoten und andere Produkte zu diskreditieren, wie es derzeit vor allem beim russischen Sputnik-V der Fall ist.

Auch China, so die Analyse des BND, hat schnell versucht sich als erfolgreicher Bezwinger des Virus darzustellen. Es setzte eine „Pandemie-Diplomatie“ oder „Masken-Diplomatie“ ein, die chinesische Führung versuchte weltweit Sympathiepunkte zu ernten, durch die Lieferung von Schutzausrüstung oder auch die Entsendung von Ärzten und anderem medizinischen Personal. Und zwar nicht nur in Asien, Afrika und Südamerika, sondern auch in Europa. Mit Interesse verfolgten die BND-Analysten als Serbiens Präsident Aleksandar Vucic im März 2020 auf dem Rollfeld des Flughafen von Belgrad die chinesische Flagge küsste, als eine Maschine mit Ärzten und Schutzkleidung aus China landete.

Oft bleiben die deutschen Dienste auch in der Pandemie eher Beobachter. In anderen Ländern hingegen kommt den Spionen eine wesentlich aktivere Rolle zu: Sie werden in die Bekämpfung des Virus mit eingebunden. Wie beispielsweise in Israel. Der israelische Mossad soll, so wurde bereits im vergangenen Jahr berichtet, aktiv an der Beschaffung von Atemschutzmasken und Schutzkleidung beteiligt gewesen sein. Teilweise indem solches Material aus Ländern beschafft wurde, zu denen Israel kaum wirtschaftliche Beziehungen unterhält – oder in dem Waren, die eigentlich für ein anderes Abnehmerland bestimmt waren, kurzerhand nach Israel umgeleitet wurden. 

Als im März 2020 plötzlich rund sechs Millionen FFP-2-Masken auf einem Flughafen in ostafrikanischen Kenia verschwanden, die der deutsche Zoll bestellt hatte, kursierte in deutschen Sicherheitskreisen das Gerücht, der Mossad habe sich die Masken wohl einfach geholt. Später dann wurde klar, dass die Masken nicht verschwunden waren, sondern sie existierten offenbar nicht. Man war wohl bei der Beschaffung auf Betrüger hereingefallen.

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