Lizenz zu liken – Geheimdienste in Social Media

Immer mehr Geheimdienste nutzen Social Media nicht nur als Quelle für Informationen, sondern auch zur Personalgewinnung. CIA, Mossad und GCHQ sind schon länger bei Twitter und Instagram. Und neuerdings auch der BND.

Von Florian Flade

Doch, es gibt sie auch hier. Die typischen „Das ist mein Mittagessen“-Fotos, wie man sie zuhauf auf Instagram findet. Nur der Account, der hier Pasta mit Spinat in seiner Insta-Story postet, gehört keinem hippen Influencer, keinem echten oder Möchtegern-Model, keinem Schauspieler und auch keiner Politikerin im Wahlkampf. Es ist das Instagram-Profil des Bundesnachrichtendienstes (BND)

Mitte Mai hat der deutsche Auslandsgeheimdienst damit begonnen, aus seiner Zentrale in Berlin-Mitte heraus zu instagrammen. Unter den Fotostrecken, die über die Arbeit des BND und die Mitarbeitenden informieren, finden sich allerlei Hashtags wie #InsideBND, #LiebesgrüßeAusMitte oder #HumansOfBND mit denen die Spione neue Follower gewinnen wollen. Rund 9500 Follower hat der Dienst bereits, und das mit bislang sieben Posts.

Social Media gehört schon länger zum Arbeitsalltag im BND, allerdings bislang mit einem gänzlich anderen Fokus. Der Dienst nutzt Facebook, Twitter, Instagram, Youtube, VKontakte und allerlei andere Netzwerke regelmäßig für seine Aufklärungsarbeit. Offen zugängliche Quellen werden ausgewertet, teilweise wird dort auch verdeckt agiert, um an bestimmte Informationen zu gelangen. Social Media Intelligence (SOCMINT) heißt diese Form der Informationsgewinnung.

Dass der BND nun selbst – ganz offen erkennbar – auf der beliebten Fotoplattform Instagram präsent ist, ist ein Novum. Zumindest für deutsche Nachrichtendienste. Im Ausland sind solche Social Media-Auftritte mittlerweile keine Seltenheit mehr. Die CIA ist schon länger bei Twitter, ebenso die NSA, auch der britische MI5 und der niederländische AIVD haben Instagram-Profile und sogar der wohl verschwiegenste aller Geheimdienste, der israelische Mossad, ist dort seit einigen Jahren vertreten. Der BND hatte bislang einen Youtube-Kanal (seit November 2018) mit eher überschaubarer Reichweite (1160 Abonnenten, 68.000 Aufrufe). Nun also Instagram. Worum es dem BND dabei geht, wird nicht nur durch den Profilnamen „bndkarriere“ deutlich. Auch der Präsident der Behörde machte es gleich zu Anfang unmissverständlich klar.

„Der BND startet einen Karrierekanal auf Instagram, um auf die vielfältigen Jobperspektiven beim deutschen Auslandsnachrichtendienst aufmerksam zu machen. Wir müssen zeitgemäße Wege gehen, um insbesondere Schulabgängern, Uniabsolventen und Young Professionals einen Eindruck zu geben, welche beruflichen Chancen eine international operierende Sicherheitsbehörde mit immer neuen Herausforderungen und großer Jobsicherheit bietet. Ein Nachrichtendienst kann nicht öffentlich über seine Operationen, geheimen Erkenntnisse und Methoden plaudern. Wir werden auf Instagram auch keine politischen Diskussionen führen. Unser Account ist ein reiner Arbeitgeber-Kanal: Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich Interessierte einen Überblick über unsere Aufgaben, einen Einblick in unseren Alltag sowie einen Eindruck von den Menschen verschaffen können, die im Bundesnachrichtendienst für die Sicherheit Deutschlands arbeiten.“

Bruno Kahl, Präsident des BND, 17. Mai 2021

Der BND wirbt bei Instagram um Personal. Die Fotos, Videos und Insta-Stories sollen in erster Linie junge Menschen erreichen und die Behörde als Arbeitgeber interessant machen, wie es auch Christopher Nehring kürzlich für die Deutsche Welle in einem sehr lesenswerten Text treffend beschrieben hat. Ausreichend qualifizierten Nachwuchs zu finden, ist angesichts der Pensionierungswellen, die der öffentliche Dienst erlebt, aktuell und in den kommenden Jahren eine der größten Herausforderungen für die Sicherheitsbehörden.

Sowohl Polizei als auch die Nachrichtendienste wurden personell zuletzt immer weiter aufgestockt. Jedoch zunächst erst einmal nur auf dem Papier. Die Haushaltsausschüsse genehmigten den Stellenaufwuchs zwar, aber die Rekrutierung von geeigneten Bewerbern ist alles andere als einfach. Viele Stellen sind daher noch immer unbesetzt. Gerade in den Bereichen, in denen besonders spezialisierte Fachkräfte gesucht werden, kann eine Behörde oft nicht mit den Gehältern in der Privatwirtschaft mithalten. Allen voran bei IT-Experten.

Die Personalgewinnung läuft daher seit Jahren schon auf Hochtouren, auch bei den Geheimdiensten. Früher hat der BND einen großen Teil seiner Mitarbeiter aus anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes rekrutiert, vor allem aus der Bundeswehr. Nun aber leidet auch das Militär unter Personalnot und sucht selbst händeringend nach Bewerbern. Und so betritt der BND nun die Social Media-Bühne und bekommt dafür auch Anerkennung von anderen staatlichen Stellen, die sich schon länger bei Instagram tummeln. „Spannend! Und ein großes Lob an euch, dass Ihr uns trotz der schwierigen Umstände versucht Einblicke in eure Arbeit zu geben!“, kommentierte etwa das Bundesverwaltungsamt einen BND-Post.

Schon im vergangenen Jahr war die Webseite des BND überarbeitet worden. Sie hat nun einen zeitgemäßeren Look und es finden sich dort nicht nur Erklärtexte über die Arbeit des BND, die Aufgaben und Aufklärungsmethoden, sondern es werden auch Mitarbeitende und deren Berufsfelder vorgestellt. Das Stichwort heißt: Personalisierung. Der BND soll durch „Mitarbeiter-Stories“ von der Analystin, dem Chemiker, der Geowissenschaftlerin, dem Hacker oder dem „deutschen Q“ ein bzw. mehrere Gesichter bekommen und präsentiert sich als attraktiver Arbeitgeber. Jedenfalls soweit wie möglich.

Durch die Personalnot bedingt, setzt der BND mit seiner ungewöhnlichen Offenheit bei der Personalgewinnung in Teilen auch jene „Transparenz-Offensive“ fort, die der ehemalige BND-Präsident Gerhard Schindler in seiner Amtszeit begonnen hat. Ganz nach dem Motto: Schluss mit zu viel und unnötiger Heimlichtuerei. Wer für den BND arbeitet solle dies nicht mehr gegenüber Familie und Freunden verheimlichen müssen, sondern solle dies offen sagen dürfen. Auch gegenüber Vermietern zum Beispiel. Eine BND zum Anfassen, so fasste es Schindler damals zusammen.

Als eine der ersten Maßnahmen ließ Schindler im Jahr 2014 die Außenstellen des BND, die jahrzehntelang mehr oder weniger fantasievollen Tarnnamen wie „Amt für Schadensabwicklung“ oder „Ionosphäreninstitut“ trugen, in offizielle BND-Liegenschaften umbenennen. Die meisten dieser Außenstellen waren längst enttarnt worden, bei Wikipedia oder in Telefonbüchern stand, wer dort eigentlich residierte.

Mittlerweile hat sich noch mehr verändert. Der BND ist umgezogen, die Zentrale liegt nicht mehr im Wald von Pullach, südlich von München, sondern in Berlin-Mitte. Tagtäglich kann man die Menschen sehen, die hier in den riesigen Gebäudekomplex huschen oder zum Feierabend in die U-Bahn oder aufs Fahrrad steigen. Man könnte meinen, das neue Instagram-Profil sei daher nur folgerichtig für einen Geheimdienst, der nun im angesagten Berlin zuhause ist. Doch tatsächlich ist der BND mit seiner Social Media-Offensive nicht alleine. 

Im Juni 2014 hat der US-Auslandsgeheimdienst CIA angefangen zu twittern (erste Tweet: „Wir können weder bestätigen noch dementieren, dass das unser erster Tweet ist.“) und hat heute immerhin rund 3,2 Millionen Follower. Auch bei der CIA dreht sich bei den öffentlichen Auftritten heute nahezu alles um Personalisierung und Mitarbeitergewinnung. Auf der neuen Webseite – die der BND-Seite erstaunlich ähnlich sieht  – geht es neben allgemeinen Informationen und historischen Dokumenten vor allem um Jobmöglichkeiten, um Fragen zur Bewerbung und Ausbildung. Inzwischen präsentiert auch die CIA einzelne Mitarbeiter sogar mit Foto und stellt deren Aufgaben innerhalb des Dienstes vor.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), das in Broschüren vor den Risiken warnt, die sich durch soziale Netzwerke ergeben, ist seit Juli 2018 bei Twitter und verlinkt dort nicht nur Pressemitteilungen und Verfassungsschutzberichte, sondern auch Medienbeiträge und Interviews der Behördenleitung. Und das BfV wirbt ebenfalls um Personal. Noch vor wenigen Jahren, als sich die Planungen für Social Media-Auftritte des Verfassungsschutzes in einer Frühphase befanden, war man in der Behörde einigermaßen skeptisch, ob dies überhaupt gelingen kann. „Was sollten wir denn da veröffentlichen?“, fragten sich manche eher pessimistisch gestimmte Verfassungsschützer. Die Skepsis war groß, ob ein Nachrichtendienst wirklich die Spielregeln erfolgreicher Social Media-Strategien beherrscht – zu denen nun auch Interaktion mit anderen Nutzern und interaktive Inhalte gehören.

Der britische Inlandsnachrichtendienst MI5 hat im April seinen Kanal auf Instagram gestartet. „Das Geheimnis für erfolgreiche Spionage? Alle Blickwinkel bedenken. So hast du eine bessere Aussicht…“, stand unter dem ersten Foto, dass die britischen Agenten posteten. Es zeigt den Blick aus dem Foyer des Hauptquartiers in London durch das Glasdach nach oben. 

„Unser Debüt auf Instagram mag für viele Organisationen ein Routineschritt sein – er ist jedoch interessanter, wenn man eigentlich daran arbeitet, Geheimnisse zu wahren“, schrieb der MI5-Generaldirektor Ken McCallum in einem Gastbeitrag im „Daily Telegraph“ und deutete zugleich an, dass es auch ihm um Imagepflege geht. „Wir müssen jegliche Martini-trinkende Stereotype hinter uns lassen und vermitteln, wie der MI5 heute wirklich ist.“ McCallum kündigte zudem an, auf Instagram werde man bald schon bislang unveröffentliches Material aus der 112-jährigen Geschichte des MI5 veröffentlichen.

Großbritanniens Dienst für die elektronische Aufklärung, GCHQ, ist schon seit 2018 auf Instagram vertreten und wirbt dort ebenfalls um Personal. Im März dieses Jahres veröffentlichten die britischen Codeknacker auf ihren Social Media-Kanälen ein Rätsel zu Ehren von Alan Turing, dem Mathematiker und Kryptologen, der einst dem britischen Militär half die Chiffriermaschine der Nazis, die Enigma, zu knacken. Turing ziert seit diesem Jahr die 50-Pfund-Note.

Auch der BND bemüht sich für Cyberexperten und fähige Hacker interessant zu werden. Dafür wurde eigens die Marketing-Kampagne „Glitchkarnickel“ samt Webseite und Twitter-Account ins Leben gerufen – was auch zu Kritik führte. „Die Werbekampagne könnte aus einem Hackerfilm stammen, alles passt zum Anarcho-Hacker David, der gegen den Goliath kämpft. Dabei gibt es nur ein Problem: Der BND ist kein Underdog und auch kein David, der die Welt rettet, sondern er ist der Goliath, der mit einer hippen Kampagne versucht, Junghacker auf die böse Seite der Macht zu ziehen“, stand bei Golem unter der Überschrift „Der Wolf im Hasenpelz“. Im BND ist man hingegen zufrieden mit der Werbeaktion. Die Bewerberzahlen, so heißt es, seien deutlich gestiegen. Darunter seien auch durchaus fähige Leute, die gute Chancen auf einen Job hätten.

Neben den Bemühungen von BND & Co. durch Online-Auftritte neue Mitarbeiter zu gewinnen, bleiben die sozialen Netzwerke für die Nachrichtendienste auch ein Sicherheitsrisiko. Durch sie können die Geheimdienst-Mitarbeiter enttarnt, ihre Lebensverhältnisse ausgeforscht oder die Spione sogar von fremden Diensten angeworben werden. Zwar ist BND-Mitarbeitern und Verfassungsschützern ist dennoch die private Nutzung solcher Plattformen meist nicht vollständig untersagt. Oftmals wird schon in der Ausbildung klar gemacht, dass es vor allem unter jungen Leuten eher als verdächtig wirken kann, wenn man eben über kein Social Media-Profil verfügt. Allerdings sollen die Nachrichtendienstler bewusst vorsichtig sein, keine Fotos verbreiten, die beispielsweise verraten, wo jemand wohnt oder an welchen Orten die Person oft privat verkehrt. Welche Folgen ein unbedachter Umgang mit Daten im Netz haben kann, zeigt ein amerikanisches Beispiel: In der Vergangenheit waren teils geheime US-Militärbasen bekannt geworden, weil Soldaten eine bestimmte Fitness-App genutzt und die Daten online zugänglich gemacht hatten.

In Deutschland sollen zukünftig auch die privaten Aktivitäten in Social Media im Rahmen der Sicherheitsüberprüfung, die nahezu alle Mitarbeiter von Nachrichtendiensten durchlaufen müssen, auf mögliche Risiken oder Auffälligkeiten untersucht werden. Für die Bundeswehr soll dafür zeitnah das Gesetz zur „zur intensivierten erweiterten Sicherheitsüberprüfung“ auf den Weg gebracht werden. Demnach sollen alle Soldatinnen und Soldaten sowie Reservisten, die sich einer Sicherheitsprüfung unterziehen müssen, standardmäßig ihre Social Media – Profilen angeben. Am 20. Mai stimmte bereits der Bundestag für eine entsprechende Änderung. In Kraft treten soll das Gesetz allerdings erst im Herbst 2022. Denn: Beim Militärischen Abschirmdienst (MAD) fehlt noch Personal, um all die Sicherheitsprüfungen dann auch durchzuführen.

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