An der Salatbar des Extremismus

Der Verfassungsschutz beobachtet seit Kurzem extremistische Verschwörungsideologen. In der Corona-Pandemie sei ein „Extremismus sui generis“ entstanden. Aber ist der Verfassungsschutz dafür überhaupt zuständig? Und was genau macht diesen neuartigen Extremismus aus?

Von Florian Flade

Der neue Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) wird heute vorgestellt. Schon seit einigen Wochen witzeln Verfassungsschützer bundesweit, bald gingen ihnen wohl die Farben aus. Die einzelnen Phänomenbereiche sind in den Verfassungsschutzberichten farblich markiert. Der Rechtsextremismus ist braun, der Linksextremismus ist rot und der Islamismus grün. Zuletzt kamen vor einigen Jahren noch die „Reichsbürger“ und Selbstverwalter hinzu, sie bekamen eine Farbe, die sich wohl am besten als Aubergine bezeichnen lässt.

Seit kurzem nun gibt es eine weitere Kategorie, mit der ein neuartiger Extremismus erfasst werden soll: Die „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Ende April hat das BfV diesen Bereich per Einrichtungsvermerk geschaffen. Zeitgleich wurde ein neues, bundesweites Beobachtungsobjekt eingerichtet, die „Demokratiefeindliche und/oder sicherheitsgefährdende Delegitimierung des Staates“.

Was verbirgt sich hinter diesen ziemlich monströsen und holprigen Bezeichnungen? Es geht um Extremisten, die – so sieht es der Verfassungsschutz – in keine der bisherigen Kategorien passen. Insbesondere die Anhänger von extremistischen Verschwörungsideologien sind damit gemeint. Auslöser für die Schaffung des neuen Beobachtungsobjekts war für den Verfassungsschutz eine Radikalisierung der Protestbewegung der Corona-Leugner und selbsternannten „Querdenker“.

„Unsere demokratische Grundordnung sowie staatliche Einrichtungen wie Parlamente und Regierende sehen sich seit Beginn der Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie vielfältigen Angriffen ausgesetzt. Demokratische Entscheidungsprozesse und die entsprechenden Institutionen von Legislative, Exekutive und Judikative werden in sicherheitsgefährdender Art und Weise delegitimiert und verächtlich gemacht. Verschwörungsmythen wie QAnon oder andere antisemitische Ressentiments werden dabei ebenso bemüht, wie weitere aus rechtsextremistischen oder „Reichsbürger“- und „Selbstverwalter“-Zusammenhängen bekannte Stereotype. Verschwörungstheorien sind ein nahezu durchgängig festzustellendes Phänomen und haben eine erhebliche katalysatorische Wirkung.

Legitime Proteste und Demonstrationen gegen die Corona-Politik werden dabei immer wieder, und in jüngerer Zeit zunehmend, instrumentalisiert und Eskalationen provoziert. Aber auch Anmelder und Organisatoren von Demonstrationen – zuvörderst zu nennen sind hier Protagonisten der Querdenken-Bewegung – zeigen zum Teil deutlich, dass ihre Agenda über die reine Mobilisierung zu Protesten gegen die staatlichen Corona-Schutzmaßnahmen hinausgeht. Es werden Verbindungen zu „Reichsbürger“- und „Selbstverwalter“-Organisationen sowie Rechtsextremisten in Kauf genommen oder gesucht, das Ignorieren behördlicher Anordnungen propagiert und letztlich das staatliche Gewaltmonopol negiert. Ein solches Vorgehen ist insgesamt geeignet und zielt darauf ab, das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und seine Repräsentanten nachhaltig zu erschüttern.

Die Zuordnung der maßgeblichen Personenzusammenschlüsse oder Einzelpersonen ist in vielen Fällen weder zu einem bestehenden Beobachtungsobjekt noch zu einem der Phänomenbereiche ohne Einschränkungen möglich.“

BfV-Pressemitteilung, 28. April 2021

Laut Verfassungsschutz hat sich demnach durch die Corona-Proteste zunehmend ein extremistisches Milieu entwickelt, das nicht nur die staatliche Ordnung ablehnt, sondern von dem auch eine Gefahr ausgeht. Ein Extremismus, der offensichtlich weder einfach zu beschreiben, noch zu fassen ist. Und eine Herausforderung für Sicherheitsbehörden und Gesellschaft darstellt.

In den USA beobachtet die US-Bundespolizei FBI eine Vielzahl von gewaltorientierten Extremismus-Formen, darunter nicht nur „Racially Ethnically Motivated Violent Extremists“ (RMVEs), also Rechtsextremisten unterschiedlicher Strömungen und Milieus, sondern auch „Animal Rights/Environmental Violent Extremists“,„Abortion-Related Violent Extremists“ und „Anti-Government/Anti-Authority Violent Extremists“, zu denen etwa regierungsfeindliche Milizen und anarchistische Extremisten zählen. Auch die US-Sicherheitsbehörden stellen jedoch fest, dass zunehmend ideologische Trennlinien zwischen extremistischen Szenen verschwimmen und neue Formen entstehen. Ein Begriff, der dafür häufiger verwendet wird, ist: „Salatbar Ideologie“.

Dieses Phänomen stellt auch deutsche Sicherheitsbehörden zunehmend vor Probleme. Man stelle schon seit Jahren fest, so beschreiben es Verfassungsschützer, dass bestimmte Personen eben nicht mehr nur einer „ideologischen Schublade“ zuzuordnen seien, sondern vielmehr von Schublade zu Schublade springen. Hin und her, vor und zurück. Die Extremisten, die streng nur einer Ideologie und deren klassischer Elemente anhängen, gebe es immer seltener. Vielmehr habe man es inzwischen mit Personen zu tun, die sich einen Extremismus nach einem „Baukasten-System“ selbst konstruieren.

Dass der Inlandsnachrichtendienst nun die Anhänger von Verschwörungsmythen und selbsternannte „Querdenker“ beobachtet, mag durchaus an einer fortgeschrittenen und vermutlich sogar noch weiter fortschreitenden Radikalisierung der Corona-Leugner liegen, die im vergangenen Jahr begonnen hat. Doch es geht auch um etwas anderes: Wie soll der Verfassungsschutz als Frühwarnsystem auf neue Trends und Entwicklungen reagieren, die immer schwieriger greifbar sind? Sind die traditionellen Kategorien heutzutage überhaupt noch anwendbar? Und sind solche Extremisten der eigenen Art überhaupt ein Fall für den Verfassungsschutz?

Um dies nachzuvollziehen lohnt ein Blick darauf, wie es zum neuen Beobachtungsobjekt kam, wie der Verfassungsschutz die Beobachtung der Verschwörungsextremisten rechtfertigt und um was es sich dabei handelt.

Eingerichtet wurde ein sogenannten „Sammelbeobachtungsobjekt“, kurz „Sammel-BO“ genannt. Damit geht es nun nicht etwa um eine einzelne Partei wie die NPD oder um eine Organisation wie die Hisbollah. Sammelbeobachtungsobjekte umfassen bestimmte Szenen und Milieus, sie sind nicht auf einzelne Gruppierungen, Vereine oder Organisationen beschränkt, die Neonazi-Szene oder die salafistische Szene beispielsweise sind solche weiter gefassten Beobachtungsobjekte. Ein solches Vorgehen hat entscheidende Vorteile für den Verfassungsschutz: Die zahlreichen Personenzusammenschlüsse oder anderen festeren Strukturen, die sich innerhalb solcher Szenen bilden, können leichter unter Beobachtung genommen werden.

Um sich ein genaueren Überblick über diese Szene der Verschwörungsideologen zu verschaffen, bekam das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) im vergangenen Jahr den Auftrag, ein Sonderlagebild zu erstellen. Beschlossen wurde dies auf der Innenministerkonferenz im Juni 2020 in Erfurt. Damals kam es bereits bundesweit zu zahlreichen Protesten gegen die staatlichen Corona-Beschränkungsmaßnahmen, zunächst begann es mit den „Hygiene-Demos“, es folgten größere Aufmärsche, Protest-Spaziergänge und Autokorsos. Immer wieder tauchten auch bekannte Rechtsextremisten und „Reichsbürger“ bei den Veranstaltungen auf. Bei den Innenministern kamen daher die Fragen auf: Wer marschiert dort mit? Haben Rechtsextreme die Corona-Proteste unterwandert – sind sie vielleicht schon treibende Kraft? Oder braut sich da etwas anderes, etwas neues zusammen?

Bis zur nächsten Innenministerkonferenz im Dezember 2020 sollte der Verfassungsschutz ein Sonderlagebild zur Thematik „Gezielte Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und Desinformationskampagnen“ vorlegen. 

Im Verfassungsschutzverbund wurde nach einer Telefonschaltkonferenz am 26. Juni 2020 eine länderoffene Arbeitsgruppe (LOAG) unter Federführung des BfV eingerichtet. Beteiligt waren daran unter anderem die Verfassungsschutzbehörden aus Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Thüringen und Schleswig-Holstein. 

Die Verfassungsschützer analysierten nun die Corona-Proteste: Wer hatte für die Versammlungen mobilisiert? Wer war dort vertreten? Welche behördenbekannten Extremisten tauchten auf? Welche Rolle nahmen sie bei den Demonstrationen ein? Wie reagieren die unterschiedlichen extremistischen Szenen grundsätzlich auf die Corona-Pandemie? Welche besondere Vorkommnisse gab es? Teilweise verfolgte das BfV die Großversammlungen in seinem Lagezentrum live mit und ließ sich darüber informieren, ob behördenbekannte Extremisten von der Polizei festgestellt oder in Gewahrsam genommen wurden.

Mitte Oktober 2020 dann erstellten die Verfassungsschutzbehörden ein 37-seitiges Sonderlagebild „Gefahren- und Risikopotential insbesondere durch Extremisten und fremde Dienste“. Ein Fazit der Analyse lautet:

„Es ist in Betracht zu ziehen, dass sich aus bestimmten Verschwörungstheorien ein neuer Extremismus, ein Extremismus sui generis, entwickeln könnte, der nicht unter die im Verfassungsschutzverbund geläufigen Phänomenbereiche fällt. Demnach empfiehlt es sich nicht nur, die „Unterwanderung“ bekannter Extremisten in den Blick zu nehmen, sondern die Prüfung der Frage, inwieweit bereits eine neue Form des Extremismus, die sich insbesondere über das als Informations- und Sozialisationsraum fungierende Internet verbreitet – entstanden ist. Nur so kann der Verfassungsschutz seiner Funktion eines „Frühwarnsystems“ gerecht werden, um frühzeitig verfassungsfeindliche Bestrebungen sowie sicherheitsgefährdende oder geheimdienstliche Tätigkeiten zu erkennen.“

BfV-Sonderlagebild, Oktober 2020

Ein Extremismus sui generis, aus sich heraus, könnte sich durch das Zusammenspiel von Extremismen unterschiedlicher Strömungen, vor allem aber des Rechtsextremismus, des Antisemitismus und bestimmter Verschwörungsmythen entwickeln, warnten die Verfassungsschützer im vergangenen Oktober und wagten eine eher düstere Prognose:

„Es zeichnet sich eine höchst dynamische Situation ab, deren Verlauf im Ergebnis nur schwer prognostizierbar ist. Durch ständige Verächtlichmachungen der Regierung und der Repräsentanten des Staates könnte dies, insbesondere im Hinblick auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr, zu einem Vertrauensverlust führen, dessen Basis sich beispielsweise durch die Erweiterung auf andere Themenkomplexe, also über das Thema der aktuellen Pandemie hinaus, vergrößern könnte. Eine Befassung der Sicherheitsbehörden allein reicht nicht aus, um der Thematik in Gänze Herr zu werden. Die Befassung mit dem Thema ist eine Aufgabe, welche, wenn politischer Extremismus detektiert werden kann, sowohl sicherheitsbehördlicher, ansonsten eben auch gesamtgesellschaftlicher Art ist.“

BfV-Sonderlagebild, Oktober 2020

Angesichts der nicht ganz einfachen Begriffsdefinition des neuartigen Extremismus stellt sich durchaus die Frage, ob der Verfassungsschutz überhaupt für solche Personen zuständig ist, also ob eine Beobachtung zwingend erfolgen muss. Immerhin ist der Inlandsnachrichtendienst in erster Linie als Frühwarnsystem für die Vorfeldaufklärung von Bestrebungen zuständig, die eine Gefahr für die freiheitlich demokratische Grundordnung darstellen. Ist dies angesichts der wohl eher überschaubaren Zahl von extremistischen Verschwörungsmythologen tatsächlich der Fall?

Im Verfassungsschutz ist man inzwischen überzeugt davon, dass die herkömmliche Weise auf Bedrohungen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu blicken, angepasst werden muss. Vor allem aufgrund der Dynamiken, die das Internet mit sich bringe. Im Netz entstünden, so argumentieren Verfassungsschützer, zunehmend „Echokammern“, in denen extremistisches, antidemokratisches Gedankengut auf eine schier unüberschaubare Zahl von Personen treffe. In denen auch einzelne Akteure innerhalb kürzester Zeit an Bedeutung gewinnen können, beispielsweise durch Telegram-Kanäle oder Streamingplattformen mit zig Tausenden von Followern. Oder anders ausgedrückt: Eine Einzelperson könne mittlerweile durch Reichweite und den Einfluss im Netz eine erhebliche Wirkkraft erzeugen.

„Da gibt es Einzelpersonen, die äußern sich sehr extrem und die haben auf einmal auch eine ganz hohe Anzahl von Likes und Personen, die ihnen folgen, Follower (…) Früher konnte eine Gruppierung nur wirkmächtig werden und irgendwas erreichen – heute kann eine Einzelperson im Internet so eine Bedeutung erlangen, so viele Follower, dass eine Einzelperson gefährlicher sein kann als eine Bestrebung (…) Und deshalb ist es wichtig, dass wir dann auch auf diese Einzelpersonen gucken.“

BfV-Präsident Thomas Haldenwang bei der Anhörung zur geplanten Ausweitung des Verfassungsschutzrechts am 17. Mai 2021 im Bundestag

Und weil sich unter den Verschwörungsextremisten eben auch solche mit großer Anhängerschaft befänden, sei eine Beobachtung solcher Einzelpersonen auch dann notwendig, wenn von diesen Personen nicht konkret eine terroristische Gefahr ausgehe, meint der Verfassungsschutz. Denn eigentlich dürfen nur dann Einzelpersonen von den Verfassungsschützern beobachtet werden. Eine Änderung des BfV-Gesetzes, die jüngst mit der Mehrheit der CDU/CSU- und SPD-Fraktion im Bundestag beschlossen wurde, soll einen solchen personenbezogenen Ansatz der Beobachtung ermöglichen.

Tatsächlich aber sei auch die Gewaltbereitschaft innerhalb der „Querdenker“-Szene seit dem vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Die Radikalisierung schreite offensichtlich weiter voran, so die Einschätzung von Verfassungsschützern. Im Zuge der Corona-Proteste kam es immer wieder zu Straftaten, darunter auch Angriffen auf Polizeikräfte oder Medienvertreter. Eine Ermittlungsgruppe (EG) im Berliner Landeskriminalamt mit dem Namen „Quer“ zählt alleine mehr als 1000 Taten in Zusammenhang mit den Demonstrationen. Dazu gehören auch gezielte Anschläge. 

Unbekannte warfen in Berlin mehrere Brandsätzen an die Fassade des Robert-Koch-Instituts. Kurz darauf explodierte in Berlin-Mitte ein selbstgebastelter Sprengsatz vor dem Sitz der Leibniz-Gesellschaft. In beiden Fällen tauchten Bekennerschreiben auf, in denen Bezug zur Corona-Politik der Bundesregierung genommen wurde. Im ostwestfälischen Minden wiederum hing eine Schaufensterpuppe an einem Galgen von einer Brücke, um den Hals hing ein Schild auf dem „Covid Lügenpresse“ stand.

Die Gewaltbereitschaft der Querdenker-Szene werde maßgeblich durch die Verschwörungsmythen, wie sie in unzähligen Formen verbreitet werden, noch weiter befeuert, meint der Verfassungsschutz. In nahezu allen extremistischen Ideologien finden sich verschwörungsmythologische Aspekte und Narrative. Wie etwa der Glaube an das „Finanzjudentum“ und die Überlegenheit einer „weißen Herrenrasse“ im Rechtsextremismus. Oder der Glaube von „Reichsbürgern“ daran, dass die Bundesrepublik nicht wirklich existiert. 

Was aber, wenn solche Vorstellungen den Kern einer Ideologie ausmachen? Und wenn dies dann in wahnhaften Gedanken und gefährlichem Verhalten mündet?

Die Verfassungsschützer sind in ihrer Analyse der Corona-Leugner und „Querdenker“ zum dem Schluss gekommen, dass genau dies die Besonderheit dieser Szene ausmache und damit auch eine Gefährdung der Sicherheit einhergehe. Denn der Glaube an Verschwörungserzählungen wie etwa „QAnon“ oder „Deep State“ resultiere in den Effekten auf die individuelle Einstellung und Effekten auf ein mögliches deviantes Verhalten.

Individuelles Verhalten: Der Glaube an Verschwörungsmythen verfestige bestehende extremistische Haltungen oder sorge für eine zusätzliche Radikalisierung schon vorhandener extremistischer Einstellungen. Beispielsweise der Vorstellung von geheimen Machteliten regiert zu werden, von einer angeblichen „Umvolkung“ bedroht zu sein. 

Deviantes Verhalten: Die Bereitschaft zu kriminellen und gewalttätigen Handlungen erhöhe sich durch den Glauben an Verschwörungsmythen. Es komme zu einer Entfremdung zur Gesellschaft, allgemeine Normen würden als weniger bindende erachtet. Die Verschwörungsmythen würden den Anhängern vermeintliche Rechtfertigungsansätze für kriminelle Handlungen liefern – mitunter als angeblicher Akt der „Selbstverteidigung“ vermeintliche „Verschwörer“ (z.B. „die Juden“, „die Feministinnen“) oder um die angeblich unwissende Bevölkerung wachzurütteln und aufzuklären. Dazu zählten Angriffe auf Regierungseinrichtungen und Regierungsvertreter, Angehöriger bestimmter gesellschaftlicher Gruppen (z.B. Menschen jüdischen Glaubens).

Auch wenn die Corona-Proteste ein Sammelbecken von Personen unterschiedlicher Weltanschauungen darstellten, so beschreiben es Verfassungsschützer im Gespräch, so seien einige der maßgeblichen Akteure der Szene doch in mehreren grundlegenden Überzeugungen einig. Wie etwa in der Ablehnung und Verächtlichmachung der Regierung und des Parlaments. Es würden regelmäßig Vergleiche mit dem NS- und dem SED-Regime gezogen, und es werde zum „Widerstand“ aufgerufen. Gleichzeitig würden bestimmte Gruppen als angebliche Eliten und Strippenzieher identifiziert, diffamiert und bedroht.

Wer genau bislang vom Verfassungsschutz unter dem neuen Sammelbeobachtungsobjekt erfasst wurde, ist nicht bekannt. Auch wie viele Personen aus der verschwörungsideologischen Szene bereits im Nachrichtendienstlichen Informationssystem (NADIS) gespeichert wurden, will das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht mitteilen. Es sollen jedoch bereits Speicherungen erfolgt sein, vor allem von führenden Köpfen der Szene, die eine herausgehobene Stellung einnehmen.

Bevor das Bundesamt das neue, bundesweite Beobachtungsobjekt eingerichtet hatte, waren die „Querdenker“ bereits in einigen Bundesländern in den Fokus der dortigen Landesverfassungsschutzbehörden geraten. Baden-Württemberg machte den Anfang. Dort werden bereits seit Anfang Dezember 2020 das Netzwerk „Querdenken 711“ aus Stuttgart und seine regionalen Ableger beobachtet. 

„Die fortgeschrittene Radikalisierung der ‚Querdenken‘-Gruppierung im Land macht eine Beobachtung ihrer Organisationsebene durch unseren Verfassungsschutz unabdingbar“, sagte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl. „Seit Beginn des Protestgeschehens stellen wir bei den zentralen Akteuren der ‚Querdenker‘ eine zunehmende Diffamierung staatlichen Handelns fest, die immer wieder in abwegigen Vergleichen mit der Diktatur des Nationalsozialismus und einer Verharmlosung des Holocaust gipfelt. Sie schüren mit falschen Behauptungen gezielt Hass auf den Staat – das ist demokratiefeindlich.“ 

Es gebe bei den „Querdenkern“ sowohl „personelle als auch ideologische Überschneidungen“ zu bereits bekannten Extremisten aus dem Milieu der „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ sowie aus dem Rechtsextremismus, erklärte Beate Bube, Präsidentin des Landesamtes für Verfassungsschutz. „Gezielt werden extremistische, verschwörungsideologische und antisemitische Inhalte mit einer legitimen Kritik an den staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie vermischt.“

Nach einem halben Jahr der Beobachtung sind die baden-württembergischen Verfassungsschützer zur Erkenntnis gelangt, dass die Ideologie der „Reichsbürger“ bei den „Querdenkern“ noch stärker verbreitet sei, als ursprünglich angenommen. Auch die Verbindungen zwischen den beiden Szenen sollen enger sein. Mittlerweile sollen in Baden-Württemberg rund 30 Gruppierungen unter Beobachtung stehen.

Auch in Bayern hatte der Verfassungsschutz noch einige Wochen vor dem BfV eine Beobachtung von Verschwörungsmythologen eingeleitet. Hier wurde im März ein „Sammelbeobachtungsobjekt“ eingerichtet, um den radikalisierten Teil der „Querdenker“-Szene in den Blick zu nehmen. Dabei geht es insbesondere um jene Personen und Personenzusammenschlüsse, die entweder zur Gewalt aufrufen oder sogar selbst verüben.

Die Einstufung der „Querdenker“-Szene trifft allerdings auch im Verfassungsschutzverbund nicht nur auf Zustimmung. Es gibt durchaus kritische Stimmen, die davor warnen, der Inlandsnachrichtendienst dürfe sich nicht immer mehr Beobachtungsobjekte schaffen.

Angesichts der – trotz Personalaufwuchs und ständig wachsendem Etat – dennoch begrenzten Ressourcen, müsse der Verfassungsschutz noch in der Lage sein, die Netzwerke, Gruppen oder Einzelpersonen mit der nötigen Sorgfalt zu beobachten. Und die Ergebnisse der Überwachungen müssten schließlich auch gründlich ausgewertet werden. Dies sei nicht zu gewährleisten, wenn ständig neue Szenen und Milieus hinzukämen. Zumal man bislang noch keine genaue Einschätzung dazu habe, wie viele gefährliche „Querdenker“ denn es tatsächlich gebe.

Einige Verfassungsschützer befürchten, der neue Phänomenbereich könnte in den kommenden Jahren noch weiter wachsen und bald noch ganz andere Szenen umfassen. Die Kategorie sei schließlich sehr offen formuliert. Denkbar wäre zum Beispiel, dass darunter auch extremistische Umweltschützer, radikale Klimawandel-Leugner, Esoteriker oder Sektenanhänger erfasst werden, die dem Staat und seinen Institutionen die Existenzberechtigung absprechen. Auch nach der Corona-Pandemie, so prognostizieren einige Verfassungsschützer, sei das Personenpotenzial aus der „Querdenker“-Bewegung nicht zu unterschätzen. Möglicherweise würden sich diese Leute dann eben andere Themen suchen, die sie für ihren Kampf gegen den Staat instrumentalisieren.

Der Verfassungsschutz darf die Szene der „Querdenker“ nun seit einigen Wochen mit nachrichtendienstlichen Mitteln beobachten, also Telefone abhören, Personen observieren, Finanzermittlungen durchführen oder auch menschliche Quellen, V-Personen, anwerben. Bislang, so heißt es aus den Verfassungsschutzbehörden, sei man vor allem mit der Internetauswertung beschäftigt. Vor allem mit der Beobachtung von Telegram-Kanälen. 

Der Einsatz der „virtuellen Agenten“, gemeint sind Verfassungsschützer, die unter einer falschen Identität im Netz unterwegs sind, um Extremisten aufzuspüren, zu beobachten und in konspirative Chatgruppen zu gelangen, gewinnt zusätzlich an Bedeutung. Für diesen Bereich wurde zuletzt noch einmal mehr Personal zur Verfügung gestellt.

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