JNIM bekennt sich zu Anschlag auf Bundeswehr in Mali

Ein Selbstmordattentäter hat ein Bundeswehrlager in Mali mit einer Autobombe angegriffen. Es war einer der schwersten Anschläge auf die deutschen Soldaten bislang. Eine islamistische Terrorgruppe hat sich inzwischen zur Tat bekannt – aber möglicherweise den falschen Attentäter präsentiert.

Von Florian Flade

Propaganda-Foto des Selbstmordattentäters „Abu Dujanah al-Muhajir“, der für den Anschlag auf die Bundeswehr nahe Tarkint verantwortlich sein soll

Ein weißer Pickup-Geländewagen soll es gewesen sein, der beinahe den Tod brachte. Am 25. Juni, gegen 06.30 Uhr Ortszeit, soll das Fahrzeug zunächst auf der Straße RN18 entlang gefahren, dann plötzlich abgebogen und auf die Wagenburg zugerast sein, die Bundeswehrsoldaten beim Dorf Ichagara unweit von Tarkint im Osten von Mali errichtet hatten. Der Pritschenwagen explodierte, zwölf deutsche Soldaten und ein Belgier wurden verletzt.

Ein Aufklärungstrupp der UN-Mission MINUSMA hatte das Nachtlager rund 180 Kilometer nördlich von Gao aufgeschlagen. Es war eine gemischte Kompanie, bestehend vor allem aus deutschen Soldaten, aber auch Belgier und Iren waren dabei. Ihr Auftrag war es, die Gegend zu erkunden, bevor ein Konvoi der malischen Armee nach Kidal im Norden aufbrechen sollte.

Viele der UN-Soldaten schliefen offenbar unter den Fahrzeugen, als der Selbstmordattentäter seine Autobombe zündete. Er hatte den äußeren Ring der Wagenburg durchbrochen. Der Pickup soll nur wenige Meter neben einem Tanklaster mit Kraftstoff explodiert sein, der glücklicherweise kein Feuer fing.

Die verwundeten Blauhelm-Soldaten wurden zunächst mit Hubschraubern eines privaten Transportunternehmens vom Anschlagsort weggebracht und schließlich nach Deutschland ausgeflogen. Sie kamen in das Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz und wurden dort versorgt.

Das Selbstmordattentat am 25. Juni war einer der bislang schwersten Anschläge auf die Bundeswehr in Mali, die seit rund acht Jahren in dem westafrikanischen Land am UN-Einsatz MINUSMA beteiligt ist. Ziel der Mission ist es, zu verhindern, dass islamistische Extremisten oder kriminelle Banden die Macht in Mali übernehmen und das Land zu einem Rückzugsorts für dschihadistische Terrorgruppen wird.

Die Sicherheitslage aber hat sich zuletzt noch weiter verschlechtert und verschärft. Es kommt regelmäßig zu Anschlägen und Überfällen in nahezu allen Teilen des Landes und in weiteren Staaten der Sahel-Zone. Islamistische Kämpfer unterschiedlicher Gruppierungen verüben gezielt Attentate auf die UN-Friedenstruppen, das französische Militär der Anti-Terror-Operation „Barkhane“ und die einheimischen Soldaten.

Die Terrorgruppe JNIM

Eine Bündnis aus radikalislamischen Milizen hat gerade in den vergangenen Wochen vermehrt schwere Anschläge in Mali und im benachbarten Burkina Faso verübt: Die Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin ( جماعة نصرة الإسلام والمسلمين) kurz JNIM genannt, übersetzt bedeutet der Name „Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime“.

Bei der JNIM handelt es sich um einen Zusammenschluss von Dschihadisten, die aus mehreren Al-Qaida-nahen Gruppen stammten. Ursprünglich waren es wohl vier solcher Gruppierungen – die Ansar Dine, die Macina Liberation Front (FLM), Al-Mourabitoun und das Sahara-Emirat der Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) – heute aber soll JNIM im wesentlich nur noch aus drei großen Fraktionen bestehen, der Ansar Dine, Al-Mourabitoun und der FLM.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) vermutete bereits kurz nach dem Anschlag auf das Bundeswehr-Lager nahe Takrint, dass JNIM für die Tat verantwortlich sein könnte. So die Einschätzung von BND-Präsident Bruno Kahl bei einer Veranstaltung des Bundeswehrverbands wenige Tage später.

„Es gibt einen kräftigen Akteur, der ursprünglich von al-Qaida abstammt, JNIM wird der genannt. Der ist in der letzten Zeit des Öfteren mit Aktionen genau dieses Typs aufgefallen, so dass wir davon ausgehen, dass er mit einer Untereinheit, die in dieser Region, wo die Bundeswehrsoldaten tätig waren, sehr aktiv ist, dort auch verantwortlich für diese Anschlagsplanung“

Bruno Kahl, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), 28. Juni 2021

Kahl sollte Recht behalten. Am vergangenen Wochenende veröffentlichte die Terrorallianz JNIM über ihren Propagandakanal Az-Zallaqah ein Bekennerschreiben zu gleich drei Anschlägen in Mali im Juni. JNIM übernimmt darin die Verantwortung für einen Anschlag mit einer improvisierten Sprengfalle gegen ein gepanzertes Militärfahrzeug in der Region Minka, einen Selbstmordanschlag gegen französische Truppen nahe der Stadt Gossi, verübt von einem Attentäter namens Jabir al-Ansari, und auch das Autobomben-Attentat auf die Bundeswehr reklamierte die Dschihadisten für sich.

„Am Freitag, 25/06/2021, griff der Löwen-Märtyrer Abu Dujanah al-Muhajir – möge Allah ihn akzeptieren – in der Tarkint Region einen Konvoi einer deutschen Kampfeinheit, die zu den MINUSMA-Truppen gehört, an. Und der Angriff führte zu Toten und Verwundeten in den Rängen der Feinde (…)“

Bekennerschreiben JNIM, 02. Juli 2021

Dazu veröffentlichten die JNIM-Terroristen noch zwei Fotos des Selbstmordattentäters, der die deutschen Soldaten angegriffen haben soll. Zu sehen ist der Attentäter, mit Kalaschnikow im Schoß vor einer schwarzen Flagge sitzend, offenbar eine Abschiedsbotschaft verliest. 

Verwechslung der Attentäter?

Interessanterweise war aber bereits am 26. Juni 2021, also einen Tag nach dem Anschlag auf die Bundeswehr, ein knapp 13 Minuten langes Video des Selbstmordattentäters „Abu Dujanah al-Muhajir“ vor Ort in Mali aufgetaucht, wie das unabhängige Risiko- und Beratungsunternehmen Menastream in Erfahrung bringen konnte. In dem Video rief der Attentäter unter anderem Jugendliche von der Bevölkerungsgruppe der Fulani in seinem Heimatland Ghana auf, sich den Dschihadisten anzuschließen. Damals hieß jedoch, dieser Attentäter habe den Anschlag auf die französischen Barkhane-Truppen in Gossi am 21. Juni und nicht jenen auf die Bundeswehr bei Tarkint verübt. Möglicherweise handelt es sich um eine Verwechslung der Propagandaabteilung der Dschihadisten.

Selbstmordattentäter Jabir al-Ansari, der möglicherweise tatsächlich das Attentat auf die Bundeswehr verübt hat

Es gibt Hinweise darauf, wonach in dem offiziellen Bekennerschreiben der JNIM zu einer Verwechslung der beiden genannten Selbstmordattentäter kam. Demnach hätte nicht „Abu Dujanah al-Muhajir“ den Anschlag auf die Bundeswehr verübt, sondern Jabir al-Ansari, dessen Foto ebenfalls von den Terroristen am vergangenen Wochenende veröffentlicht worden war.

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