Das tödliche Erbe des Anders Breivik

Vor zehn Jahren ermordete der Rechtsterrorist Anders Breivik in Norwegen 77 Menschen. Er wähnte sich in einem Kreuzzug und Rassenkrieg. Seine Tat und sein Pamphlet inspirieren noch immer zahlreiche Gewalttäter weltweit – auch in Deutschland.

Von Florian Flade

Die norwegische Insel Utøya

Auf sein Erbe hat Anders Behring Breivik verzichtet. Er wollte wohl verhindern, so mutmaßte sein Anwalt, dass das Geld vom norwegischen Staat eingezogen wird und dann vielleicht seinen Opfern, den Verletzten und Hinterbliebenen seines Anschlags, zugute kommen könnte. Stattdessen verzichtete er, sein Anteil am Erbe sollte an seine Halbschwester gehen. Breiviks Hass und die Verachtung sind offenbar grenzenlos.

Nachdem seine Mutter im Jahr 2013 an Krebs verstorben war, stand ihre Wohnung in Skøyen, einem gutbürgerlichen Viertel im Westen von Oslo, zum Verkauf. Vier Zimmer, 86 Quadratmeter. 3,7 Millionen Norwegische Kronen, damals rund 480.000 Euro, sollte die Immobilie kosten. Am Ende wurde sie für weitaus weniger verkauft, rund ein Drittel unter dem üblichen Marktpreis der Gegend.

Was wohl auch daran, dass hier jener Mann mit seiner Mutter gewohnt hatte, der am 22. Juli 2011 zunächst eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel gezündet und anschließend auf der Insel Utøya mit einem Sturmgewehr auf die Teilnehmer eines Zeltlagers schoss. 77 Menschen ermordete der Norweger Anders Breivik an jenem Tag vor zehn Jahren.

Es war die Tat eines fanatischen Rechtsextremisten, eines islamophoben Rassisten, der sich bis heute in einem Krieg um die Herrschaft der „weißen Rasse“ wähnt. In einem globalen Kreuzzeug gegen Muslime, gegen Migranten und gegen all jene, die aus seiner Sicht mit einer Einwanderungs- und Asylpolitik für eine angebliche Überfremdung der Gesellschaft, eine „Islamisierung“ sorgen und einen „Kulturmarxismus“ und „Multikulturalismus“ befördern, den er zutiefst verachtet.

Breivik wurde zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt – die Höchststrafe in Norwegen. Ein freier Mann wird er jedoch wohl nie wieder sein, denn die Behörden wollen ihn in eine Art Sicherheitsverwahrung überführen, da sie ihn noch immer für eine Gefahr für die Gesellschaft halten. Aktuell sitzt der Terrorist in einem Hochsicherheitsgefängnis in Skien, rund 140 Kilometer südlich von Oslo ein. Sein Vermächtnis aber wirkt auf schreckliche Weise weiter.

Der Anschlag von Anders Breivik und insbesondere sein 1.516 Seiten umfassendes Pamphlet, das er vor der Tat verfasst und an mehr als 1.000 E-Mail-Adressen verschickt hat, inspirieren bis heute Rechtsextremisten, rassistische Fanatiker und Gewalttäter weltweit. Für zahlreiche Attentäter, die in den vergangenen Jahren in Neuseeland, in den USA, in Norwegen oder Deutschland mordeten, und viele weitere, die Anschläge planten, aber rechtzeitig gestoppt werden konnten, wurde Breivik zum Vorbild. Seine Tat zur Blaupause. Der Norweger gilt als Heldenfigur und wird als Kämpfer in einem vermeintlichen Rassenkrieg verehrt.

In den Folgejahren nach dem Massenmord auf Utoya hat sich eine neuartige Form des Terrorismus entwickelt. Neu vor allem, weil die alte Ideologie nun eine neue Zielgruppe erreicht und zu Taten animiert. Junge Männer –  oft sozialisiert über das Internet, innerhalb kürzester Zeit radikalisiert in Online-Subkulturen, auf Imageboards oder auch Gaming-Portalen – beziehen sich auf Breivik, glorifizieren ihn, eifern ihm nach. Sie eint ein rassistisches und antisemitisches Weltbild, oft gepaart mit dem misogynem Fanatismus der sogenannten „Incel-Culture“, einem glühenden Hass auf Frauen. Sie verwenden eine ähnliche Sprache, schaffen sich ein eigenes Vokabular, eigene Symbolik und Ästhetik. Und sie sehen sich als Teil einer globalen Bewegung, die einen Verteidigungskrieg der „weißen Rasse“ heraufbeschwört.

Diejenigen, die zur Tat schreiten, die Attentäter dieser neuen Szene, werden in einschlägigen Telegram-Kanälen und Onlineforen als „Heilige“ (Saints) bezeichnet. Ihre Bilder, ihre selbstverfassten Pamphlete und die Videos ihrer Taten, werden online unzählige Male verbreitet und gefeiert. So entsteht ein rechtsextremistischer Terrorkult, dessen Anhänger sich über das Internet radikalisieren und vernetzen. Die Täter beziehen sich ideologisch und auch methodisch aufeinander, sie stellen Waffen- und Bombenbau-Anleitungen zur Verfügung und begeben sich in einen menschenverachtenden Wettbewerb, um die höchsten Opferzahlen etwa. Wie in einem Ego-Shooter-Computerspiel. Von einem „Highscore-Terrorismus“ ist dann die Rede.

Die Liste jener Rechtsterroristen, die in den vergangenen Jahren offensichtlich von Anders Breivik beeinflusst wurden, ist erschreckend lang.

Im August 2012, nur ein Jahr nach dem schrecklichen Attentaten in Oslo und Utøya, wurde in Tschechien ein 29-jähriger Mann festgenommen, der einen ähnlichen Anschlag geplant haben soll. Bei der Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei neben Sprengstoff auch mehrere Hundert Schuss Munition, Polizeiuniformen und Helme. Der Verdächtige hatte sich im Internet „Breivik“ genannt, seine Nachbarn gaben an, dass er wohl unter psychischen Problemen litt.

Im November 2012 wurde in Polen der Chemiker Brunon Kwiecień festgenommen. Er hatte früher für das polnische Landwirtschaftsministerium in Krakow gearbeitet. Später wurde er verurteilt, weil er ähnlich wie Breivik einen Bombenanschlag mit rund vier Tonnen Sprengstoff auf das Parlament in Warschau geplant haben soll. Der Bombenbauer wurde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt und starb 2019 hinter Gittern.

Im November 2013 wurde in Belgien ein Rechtsextremist festgenommen, der später den Spitznamen „Dutch Breivik“ bekam. Der 23-Jährige wurde in einem Café in Sint-Niklaas gefasst, als er offenbar versuchte andere Personen für ein Anschlagsvorhaben zu rekrutieren. Er hatte bereits ein „Manifest“ verfasst, in dem er beschrieb, dass er einen Umsturz in Belgien herbeiführen und einen Anschlag auf den flämischen Fernsehsender VRT verüben wolle. Der Mann wurde schließlich in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

Im Juni 2014 wurde der damals 37-jährige Mark Colborne im britischen Southampton festgenommen und später auch wegen der Vorbereitung eines Terroranschlags verurteilt. Er hatte sich bereits die Grundstoffe für die Herstellung von Zyanid beschafft. Damit wollte er offenbar Migranten und andere „Nicht-Weiße“ töten. Die Polizei fand Aufzeichnungen, in denen er schrieb, er wolle „kein Serienmörder sein. Ich bin mehr ein Anders Breivik“. Als mögliche Anschlagsziele hatte Colborne wohl Prinz Charles ausgewählt, den er offenbar ermorden wollte, so dass Harry König werden könne. Seine Anwältin gab später im Prozess an, Colborne fühle sich von der Gesellschaft ausgegrenzt, weil er helle Haut habe und rote Haare. 

Im Januar 2015 wurde im schwedischen Jönköng ein 40-jähriger Rechtsextremist festgenommen, der mehrere Kilogramm Schwarzpulver zu Hause gehortet hatte und bereits an Rohrbomben baute. Er soll Breivik als sein Idol verehrt haben. 

Im Juli 2015 wurden zwei weitere Neonazis in Schweden festgenommen, diesmal im südschwedischen Falkenberg. Sie waren unter anderem im Besitz von Nazi-Literatur, einem Hitler-Porträt und von rund 50 Kilogramm explosiver Stoffe. Ein Zeuge sagte später im Prozess aus, einer der Rechtsextremisten habe damit geprahlt er werde „größer als Breivik“ sein.

Im Juni 2016 ermordete der Rechtsextremist Thomas Mair die britische Politikerin Helen Joanne „Jo“ Cox. Nach einer Bürgersprechstunde in Birstall, in West Yorkshire, schoss Mair die Unterhausabgeordnete auf offener Straße an und verletzte sie tödlich. Der Attentäter soll dabei „Britain first!“ gerufen haben. Mair war viele Jahre in der rechtsextremistischen Szene aktiv, sammelte Nazi-Literatur und Devotionalien und schrieb schon  in den 1990er Jahren in einem Leserbrief an ein rechtes Magazin, die „weiße Rasse“ werde am Ende vorherrschend sein, es werde jedoch ein „langer und blutiger Kampf“. Besonders fasziniert gewesen sein soll der Mörder von Anders Breivik, er soll Zeitungsartikel über ihn und seine Tat gesammelt haben.

Am 22. Juli 2016, dem fünften Jahrestag von Breiviks Attentat, verübte David S. einen rassistischen Anschlag in München. Vor dem Olympia Einkaufszentrum (OEZ) erschoss der Schüler neun Menschen, darunter neun Jugendliche, mit einer Glock 17, einer Pistole des gleichen Typs, wie sie Breivik verwendet hatte. Die Waffe hatte er sich illegal über das Darknet beschafft. Als die Polizei ihn festnehmen wollte, tötete sich S. selbst durch einen Kopfschuss.

Zunächst war die Tat als nicht-politisch motivierter Amoklauf bezeichnet worden. Erst nachdem drei Gutachter, die von der Stadt München beauftragt worden waren, zu dem Schluss gelangten, dass es sich sehr wohl um eine „politisch motivierte, rechte Tat“ handelte, da der Attentäter gezielt migrantische Menschen angegriffen hatte, wurde die Tat drei Jahre später auch entsprechend eingestuft

Die rechtsextreme Gesinnung von David S. war unter anderem durch Zeugenaussagen und Auswertungen seiner Internetaktivitäten deutlich geworden – so gab ein Mitschüler an, dass Anders Breivik zeitweise das Profilfoto von David S. bei WhatsApp war. Den Norweger soll der Attentäter verehrt haben, aber er war offenbar auch stolz auf den gemeinsamen Geburtstag mit Adolf Hitler und soll sich immer wieder auch antisemitisch geäußert haben.

Zudem stand David S. online mit William Atchison in Kontakt, der ein Jahr nach dem Münchner Attentat, im Dezember 2017, zwei Schüler an seiner ehemaligen Highschool in Aztec, im US-Bundesstaat New Mexico erschoss. Beide Opfer waren hispano-amerikanischer Herkunft.

Der Schütze, der nach seiner Tat Suizid begangen, war ein Rassist, der sich offenbar vor allem über das Internet radikalisiert hatte. Er soll sich intensiv mit Schulmassakern beschäftigt haben, außerdem fanden sich zahlreiche Onlinepostings, in denen er sich als „White Supremacist“ zu erkennen gab, bei Onlinespielen nannte er sich u.a. „Anders Breivik“, den Münchner Attentäter David S. bezeichnete er als Helden und „wahren Arier“. Auf seinem Körper stellten die Ermittler außerdem einschlägige Tattoos fest, darunter ein Hakenkreuz und SS-Runen. Bereits im März 2016 war die US-Bundespolizei FBI aufgrund seiner Internetpostings auf Atchisons aufmerksam geworden, er wurde befragt und seine Wohnung wurde durchsucht. Zu weiteren Ermittlungen aber kam es nicht. 

Im Juni 2017 wurde im französischen Argenteuil der mutmaßliche Rechtsterrorist Guillaume M. festgenommen. Er soll im Internet nach einer Schusswaffe gesucht und Attentate angekündigt haben. Kurz zuvor war M. aus dem Gefängnis entlassen worden. Breivik war für den Franzosen offensichtlich ein Held, ebenso Schul-Amokläufer wie etwa die Mörder von der Columbine Highschool. Auf Youtube fanden die Ermittler zudem Videos eines „Guillaume Breivik“, der augenscheinlich Brandsätze gebaut hatte.

Im Oktober 2017 wurde in Frankreich der bekannte Rechtsextremist Logan Alexandre Nisin und weitere Gleichgesinnte unter Terrorverdacht festgenommen. Sie sollen eine rechte Terrorgruppe namens Geheime Armee-Organisation, kurz „OAS“, in Südfrankreich gegründet haben. Der Name ist eine Anlehnung an eine Terrorgruppe aus den 1960er Jahren, die gegen die algerische Unabhängigkeit gekämpft hatte. Nisin war den Behörden schon zuvor bekannt gewesen. Er war Administrator einer Fan-Seite bei Facebook, die Anders Breivik gewidmet war.

Ende 2017 tauchte eine weitere rechtsextreme Gruppierung auf, die sich „Commando de défense du peuple et de la patrie française“ (CDPPF) nannte und für Angriffe auf muslimische, Kopftuch tragende Frauen, unter anderem an der Universität von Dijon, verantwortlich sein soll. Mehrere E-Mails mit Bekennerschreiben waren bei französischen Regionalzeitungen eingegangen. In einer Audiobotschaft gab die Gruppe außerdem an, sie sei direkt inspiriert von Anders Breivik. Letztendlich aber gab es die Gruppe wohl nie, sie bestand wohl nur aus einem 17-jährigen Jugendlichen, der sich schließlich der in Chalon-sur-Saone der Polizei stellte.

Im Februar 2019 wurde in den USA der langjährige Leutnant der US-Küstenwache, Christopher Paul Hasson, festgenommen. Er soll geplant haben, Anschläge auf US-amerikanische Politiker sowie Journalisten geplant zu haben. Sein Vorbild war wohl Anders Breivik, dessen Attentat er genau verfolgt und Informationen darüber zusammengetragen hatte.

Hasson hatte bereits eine Liste potenzieller Anschlagsziele erstellt und unter anderem nach den Adressen von Vertretern der Demokratischen Partei und von Fernsehjournalisten recherchiert. Der 52-Jährige hatte unzählige rechtsextreme Webseiten besucht, ebenso russische, faschistische Onlineforen, hatte sich über biologische Waffen, über den Einsatz von Anthrax, Botulin und anderen Erregern informiert. Außerdem hatte er große Mengen Waffen und Munition gehortet. Die Ermittler fanden sieben Gewehre, zwei Schrotflinten, vier Pistolen, zwei Revolver und Schalldämpfer. Der Rechtsextremist wurde schließlich im Januar 2020 zu 160 Monaten Gefängnis verurteilt.

In Lettland wurde im Jahr 2019 ein Terrorverdächtiger festgenommen, der wohl Attentate auf eine Grundschule und andere Einrichtungen in Jūrmala verüben wollte. Und zwar am Geburtstag von Anders Breivik, von dem er „besessen“ gewesen sein soll. Bei ihm gefunden wurden zahlreiche Messer, Gaskartuschen und anderes Material.

Im Jahr 2019 kam es zu einer ganzen Reihe von Attentaten, die offensichtlich durch Anders Breivik beeinflusst worden waren. Was folgte, war eine Art Kettenreaktion rechter Gewalttaten, die viele Menschen das Leben kosteten. In gleich mehreren Ländern mordeten Rechtsextremisten, die sich auf den Norweger bezogen, sein „Manifest“ gelesen hatten oder ihn schlichtweg bei der Zahl der Opfer übertrumpfen wollten.

Am 15. März 2019 verübte im neuseeländischen Christchurch ein Rechtsterrorist den wohl bislang schwersten von Breivik inspirierten Anschlag. Der Australier Brenton Tarrant stürmte mit schwarzer Militärkleidung, Helm und kugelsicherer Weste zwei Moscheen, die Masjid Al-Noor und das Linwood Islamic Centre, und erschoss mit einem halbautomatischen Sturmgewehr 51 Menschen, rund 50 weitere wurden verletzt, viele davon schwer.

Seine Tat streamte Tarrant über eine Action-Kamera live ins Internet, das Video wirkt wie aus einem Ego-Shooter. Es wird bis heute in zahlreichen Kanälen der rechtsextremen Szene verbreitet. Vor seiner Tat hatte der Attentäter von Christchurch ein Foto einer der betroffenen Moscheen bei Facebook gepostet, neben Bildern von Anders Breivik und des Oklahoma-Bombers Timothy McVeigh. Im Auto hörte Tarrant kurz vor seiner Tat ein serbisches Kampflied, in dem wird der Radovan Karadzic heldenhaft besungen. 

Wie sein norwegisches Vorbild hat auch Brenton Tarrant ein „Manifest“ verfasst, ein 74 Seiten starkes, hasserfülltes Pamphlet, in dem vom „großen Austausch“ die Rede ist. Davon, dass europäische Völker durch kulturfremde Migranten, durch „Massenmigration“ ersetzt würden. Und dass man dagegen Widerstand leisten müsse, um die „weiße Rasse“ zu erhalten. Seinen Anschlag habe er schon zwei Jahre vorbereitet, so Tarrant, als „Rache“ für den „Genozid am weißen Mann“.

Der Australier war in den Jahren vor seiner Tat viel durch die Welt gereist, er war viel in Asien unterwegs, unter anderem in China und Nordkorea, aber auch in Österreich, in Bulgarien und der Türkei. Den Ablegern der Identitären Bewegung in Österreich und Frankreich spendete Tarrant Geld, ob er sich auf seinen Reisen auch mit deren Mitgliedern traf, ist unklar.

Brenton Tarrant wurde im August 2020 vom Christchurch High Court zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe wegen Mordes und versuchten Mordes verurteilt. Eine Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung besteht nicht, ein Novum in Neuseeland.

Am 27. April 2019, kurz nach dem Terroranschlag in Christchurch, stürmte der damals 19 Jahre alte John Earnest aus San Diego eine Synagoge in der kalifornischen Kleinstadt Poway und eröffnete das Feuer mit einem Sturmgewehr. Er tötete eine Frau, die sich ihm in den Weg stellte und verletzte drei weitere Menschen. Darunter auch den Rabbiner und ein Kind. Earnest hatte versucht seine Tat wie der Christchurch-Attentäter live zu streamen, was jedoch nicht gelang. Bevor er losschlug, veröffentlichte er zudem auf der Plattform 8chan ein kurzes Pamphlet. 

In dem Schreiben, das voller Verschwörungsmythen und antisemitischer Hetze ist, heißt es, die Juden würden einen Genozid an der „weißen Rasse“ planen. Zu seiner Tat inspiriert, so schrieb Earnest, hätten ihn Brenton Tarrant und Robert Bowers, der nur ein halbes Jahr zuvor bei einem Anschlag auf die Synagoge Tree of Life in Pittsburgh elf Menschen ermordet und sechs weitere verletzt hatte. 

Im August 2019 verübte Philip Manshaus in Norwegen gleich zwei rechtsradikale Attentate – und war dabei wohl vor allem vom Christchurch-Anschlag inspiriert worden. Manshaus ermordete seine aus China stammende Adoptivschwester während sie im Bett schlief mit mehreren Schüssen. Dann stürmte er, bewaffnet mit einem Repetiergewehr, einer Schrotflinte und einer Pistole, das Al-Noor Islamic Center in der norwegischen Stadt Bærum und eröffnete das Feuer auf die Menschen, die sich nach dem Gebet noch im Gebäude befanden. Der Attentäter konnte jedoch schnell überwältigt werden. Seinen Anschlag hatte Manshaus noch versucht live ins Internet zu streamen, was aber misslang. Im Juni 2020 wurde der Norweger zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Attentat von Christchurch und insbesondere das „Manifest“ von Brenton Tarrant waren offenbar für den Norweger ausschlaggebend, ebenfalls ein Attentat zu verüben. Auch mit Anders Breivik hatte sich Manshaus befasst, aus Sicht der Ermittler aber überwog die Inspiration durch den Terror in Neuseeland.

Ebenfalls vom Christchurch-Anschlag beeinflusst war wohl auch Patrick Wood Crusius. Im August 2019 erschoss der damals 21-jährige US-Amerikaner mit einem Sturmgewehr in einem Walmart-Supermarkt im texanischen El Paso 22 Menschen und verletzte mehr als zwanzig weitere. Bei seiner Festnahme soll Crusius der Polizei gesagt haben, er habe so viele Mexikaner wie möglich töten wollen. 

Auf dem Imageboard 8chan hatte der Rassist zuvor ein vier Seiten langes Pamphlet veröffentlicht, in dem von einer „lateinamerikanischen Invasion in Texas“ die Rede war, vom Austausch der Bevölkerung und einen Rassenkrieg, bei dem es nun darauf ankäme aus demographischen Gründen die Zahl der jüngeren Einwanderer zu verringern. Darüber hinaus beklagte er die Umweltzerstörung, machte dafür Mitmenschen und die Industrie verantwortlich. Und er forderte eine Art Apartheidssystem für die USA. Crusius erwähnte auch das Attentat auf die Muslime von Christchurch und nannte den Täter als Vorbild.

Am 09. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Yom-Kippur, kam es schließlich auch in Deutschland zu einem Attentat, verübt durch einen Rechtsextremisten, der sich als Teil der globalen Bewegung der „Rassenkrieger“ sah – und wohl vor allem online radikalisiert wurde. Mit selbstgebauten Schusswaffen und Rohrbomben, gekleidet in Kampfmontur, versuchte Stephan B. zunächst die Synagoge von Halle zu stürmen. Die Tür aber hielt glücklicherweise stand, er konnte nicht eindringen. Stattdessen erschoss er nächst eine Passantin und später einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss.

Stephan B. stammt aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Er machte seinen Schulabschluss, ging zur Bundeswehr, wollte dann studieren. Ein Darmverschluss riss ihn mehr oder weniger aus dem Leben, er musste das Studium beenden, war immer wieder über längere Zeit in Krankenhaus. In den Jahren danach verbrachte Stephan B. offenbar die meiste Zeit des Tages am Computer in seinem Zimmer in der Wohnung der Mutter. Er war vor allem auf den sogenannten Imageboards unterwegs, auf den Chan-Seiten. 

Der ehemalige Student radikalisierte sich zunehmend – in einer kruden Onlinewelt, in der sich Rassismus, Judenhass und Hass auf Frauen, vermischt. Hinzu kommt eine Faszination für Schusswaffen, fürs Schießen und Töten hinzu. Stephan B. begann sich Teile zum Bau von Waffen zu besorgen, er bestellte fast alles im Internet. Gebaut wurde an der heimischen Werkbank im Haus des Vaters, wenn dieser nicht zu Hause war. Viele Stunden soll Stephan B. damit verbracht haben, aus Metall- und Kunststoffteilen, die teilweise selbst mit einem 3D-Drucker herstellte, Pistolen, eine Schrotflinte und sogar ein Sturmgewehr zu bauen. Außerdem befüllte er selbst seine Patronen und baute Sprengsätze. Auch Stephan B. filmte seine Tat mit einer Action-Kamera und einem Handy, den Link zum Livestream veröffentliche er kurz vorher im Netz, auf der bei Gamern beliebten Plattform Twitch.

Ein „Manifest“ schrieb der Halle-Attentäter auch und stellt es ins Internet. Allerdings ist es nicht besonders lang, nur elf Seiten. Es ist wohl bewusst in Englisch verfasst, um möglichst viele Leute zu erreichen und enthält hauptsächlich Angaben zum Bau seiner Waffen. Als Ziele nennt Stephan B. in dem Dokument unter anderem „töte so viele Anti-Weiße wie möglich, Juden bevorzugt“, aber auch „Erhöhen der Moral anderer unterdrückter Weißer, in dem du das Kampfmaterial verbreitest“.

In dem Dokument und auch in den späteren Vernehmungen führte Stephan B. seine Weltanschauung aus. Er behauptet, die Juden hätten den Feminismus erfunden, der davor Sorge, dass sich Frauen nicht fortpflanzen wollen. Und damit gehe ein Bevölkerungsrückgang einher und es werde von der Politik eine Einwanderung gefördert, die weiter zu einer Überfremdung führe.

Zur Tat entschlossen habe er sich nach dem Anschlag von Christchurch, der habe ihn zusätzlich motiviert, so Stephan B.. Tatsächlich aber gehen die Ermittler davon aus, dass er schon früher damit begonnen hat, an der Produktion der Waffen zu arbeiten.

Dennoch verdeutlicht auch das Attentat von Halle: Es ist mittlerweile wohl eher der Mörder von Christchurch, und weniger Breivik, der diese rechtsextremistische Subkultur beeinflusst. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass die Tat von Brenton Tarrant gefilmt wurde und sich die Aufnahme weiterhin im Netz findet. Es ist das Dokument eines grausamen Verbrechens, ein Massenmord, gefilmt mit einer Kamera, mit der sonst Extremsportler oder Urlauber aufregende und schöne Momente festhalten.

Das Video scheint weiterhin eine äußerst gefährliche Wirkung zu entfalten. Und zwar auch auf eine neue Zielgruppe. Auf junge Männer, die oftmals über keine oder nur wenige Kontakte in die rechte Szene verfügen, die nur selten schon eine Vorgeschichte im organisierten Rechtsextremismus haben, kaum Interesse an politischer Auseinandersetzung, sondern fast ausschließlich an der Gewalt haben. Extremisten, die auf Imageboards, in Chats und Spieleplattformen viel Zeit in Echokammern verbringen, in denen Rassismus, Antisemitismus, die Verehrung von Amokläufern und Frauenhass allgegenwärtig sind. Und die sich so immer weiter radikalisieren bis der Schritt hin zur Tat nur noch verschwindend klein ist.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die Attraktivität der Ideologie abgenommen hat – im Gegenteil. Offenbar treffen die Taten, und die Hinterlassenschaften der Täter, ihre Pamphlete und Videos, noch immer auf fruchtbaren Nährboden. Gerade in den unzähligen Onlineforen, in denen nahezu ohne Kontrollen und Zensur gehetzt und gehasst werden kann, tummeln sich anscheinend noch willige Nachahmer.

Für die Sicherheitsbehörden stellen Breiviks Erben eine besondere Herausforderung dar, weil sie eben über so wenige bis gar keine Verbindungen in rechtsextremistische Strukturen verfügen, die unter Beobachtung stehen. Eine Vernetzung findet vorrangig virtuell statt, und dann auch auf Plattformen, die bislang nicht im Fokus von Verfassungsschutz und Polizei standen. Wie etwa Gaming-Portalen oder Imageboards. Die Kommunikation findet außerdem in Bereichen statt, in denen die üblichen Überwachungsmethoden kaum funktionieren, zum Beispiel über verschlüsselte Messengerdienste.

Das Bundeskriminalamt (BKA) war im Prozess gegen den Halle-Attentäter Stephan B. in die Kritik geraten, weil deutlich wurde, dass sich die Ermittler bis zu der Tat noch nicht eingehend mit dem neuen Phänomen, mit den unterschiedlichen rechten Subkulturen, deren Sprache und Kommunikationswegen befasst hatten. Immerhin bemühte sich das BKA jedoch um erste Definitionen und Beschreibungen, zu Imageboards und zur Incel-Bewegung etwa.

„Rechtsextreme bzw. -radikale Ansichten und Verschwörungstheorien finden in Teilen des Internets weite Verbreitung. Auf Imageboards, Foren u.ä. digitalen Plattformen können sie teilweise anonym dargestellt und diskutiert werden. Zum einen nutzen politisierte Bewegungen wie die .Alt-Right“ und ideologische gleichgelagerte, rechtsextreme bzw. -radikale Bewegungen/Menschen die Plattformen und Verhaltensweisen dieser digitalen Subkultur, zum anderen bilden sich neue Szenen/Subkulturen innerhalb dieses Raumes, wie bsp. die Gruppe der „Incel“ bzw. derer, die sich mit deren Ideologie identifizieren. Hierbei scheint es verschiedene thematische und strukturelle Überschneidungen zwischen den Szenen bzw. Subkulturen zu geben: Neben den festgestellten ideologischen Ausrichtungen, kann eine hohe Gewaltaffinität und -bereitschaft beobachtet werden.

Vor dem Hintergrund einer häufig anonymisierten Kommunikation, sowie der internationalen Nutzergemeinschaft von Imageboards ist anzunehmen, dass es sich um ein größtenteils rein digital stattfindendes Phänomen handelt. Der Austausch und die Verbreitung der gemeinsamen Ideologie und der gegenseitigen Bestärkung scheint der Hauptbeweggrund dabei zu sein. Das gewaltaffine Umfeld, sowie die Anerkennung von, bzw. der Aufruf zu Gewalt fördern möglicherweise die Bereitschaft einzelner Teilnehmer, tatsächlich Gewaltstraftaten zu begehen.“ 

– BKA-Analyse

Selbst wenn zukünftig auch die dunkelsten und krudesten Ecken des Internets verstärkt von den Sicherheitsbehörden in den Blick genommen werden (was teilweise schon geschieht): Der schiere Umfang der Hass-Postings und rassistischen, antisemitischen Inhalte im Netz, noch dazu auf kaum kontrollierten Plattformen wie Telegram, macht es Behörden ohne Zweifel sehr schwierig zwischen Maulheldentum und wahren Gewaltabsichten zu unterscheiden und eine möglichst präzise Einschätzung abzugeben. Die Frage bleibt: Wer scherzt herum, wer prahlt, und wer meint es tatsächlich ernst? Wer plant das nächste Christchurch oder Utøya?

Wie schwierig es mitunter sein kann, solche potenziellen Attentäter frühzeitig zu erkennen und juristisch zu verfolgen, das verdeutlicht der Fall eines Mannes aus Hildesheim, der im Mai 2020 festgenommen worden war. Er hatte sich nach eigenen Angaben nach dem Anschlag von Christchurch mit rechtsradikalem Gedankengut und mit einem eigenen Anschlagsvorhaben befasst. Der arbeitslose Hildesheimer hatte in einem Chat mitgeteilt, er befinde sich bereits mit einer Waffe vor einer Moschee. Er wolle eine „Legende“ werden, so soll er in Chats geschrieben haben, so wie der Attentäter von Christchurch. Mindestens 20 Menschen wolle er töten, als „Rache für die islamistischen Terroranschläge“.

Der Chat-Partner informierte daraufhin die Polizei, die den Mann identifizieren konnte. Ein Spezialeinsatzkommando stürmte seine Wohnung und nahm ihn fest. Bei der Durchsuchung der Wohnung fanden die Ermittler zwei Armbrüste und mehrere Messer sowie rechtsextremes Propagandamaterial, auf Computer und Handys fanden sie mir als 100.000 Bilder und 1800 Videodateien. Auch handschriftliche Hasskommentare wurden entdeckt. Ein Gutachter bezeichnete den Mann später als „psychisch gestörten Einzeltäter“.

Beim Prozess vor dem Landgericht Hildesheim wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sagte der Terrorverdächtige aus, das sei alles nicht ernst gemeint gewesen. „Ich hatte nie den Plan, jemanden zu töten. Ich bin nicht böse“, erklärte der Hildesheimer. „Übers Internet sagt man manchmal Dinge, die man sonst nicht sagt.“ Tatsächlich sah das Gericht keine ausreichenden Belege dafür, dass der Mann konkret einen Anschlag vorbereitet hat. Er wurde daher freigesprochen, die Richterin aber forderte, dass er eine Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung fortsetzen solle. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer drei Jahre Haft für den Mann gefordert.

In einem ähnlich gelagerten Fall aus Nordrhein-Westfalen dauert der Prozess noch an. Im Oktober 2020 hat die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf Anklage gegen einen erst 15 Jahre alten Jugendlichen erhoben. Er soll im Dezember 2019 einen anderen Jugendlichen per Chat dazu animiert haben, einen Anschlag auf eine Moschee oder Synagoge zu verüben. Auch der Angeklagte selbst soll sich „zur Vorbereitung eines Attentats auf Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens zugelassene Feuerwerkskörper
und chemische Stoffe verschafft zu haben, um Sprengvorrichtungen herzustellen“
, so die Staatsanwaltschaft. Auch hier wird das Gericht entscheiden müssen, ob es sich bereits um echte Anschlagsvorbereitungen handelt.

Im Fall von Fabian D. sah es das Gericht als erwiesen an, dass man es hier mit einem angehenden Rechtsterroristen zu tun hatte. Im Sommer 2019 soll der Elektriker aus der Oberpfalz einer Chatgruppe der „Feuerkrieg Division“, eines rechtsterroristischen Netzwerkes, beigetreten sein. Rund 30 weitere Personen sollen darin Mitglied gewesen sein. Er soll sich außerdem zunehmend mit Waffen und mit den „Manifesten“ der Attentäter von Christchurch und Halle befasst haben, die er aus dem Internet heruntergeladen hatte. Die Ermittler fanden sie später auf einer Festplatte, die in der Dunstabzugshaube in der Küche versteckt war. Über das Internet kaufte D. zudem eine Kalaschnikow, allerdings eine nicht schussfähige Deko-Waffe, die sich allerdings wohl mit einigem Aufwand durchaus wieder schussfähig machen lässt.

Am 26. Januar 2020 schrieb Fabian D. in die rechte Chatgruppe, wo er sich „Heydrich“ nannte, er wolle einen Anschlag auf eine Andachtsstätte, offenbar eine Moschee oder eine Synagoge. Er wolle ein „Heiliger werden“, und fragte: „Leute, ich brauche euren Rat. Was wäre ein guter Ort, um berühmt zu werden?“

Der bayerische Verfassungsschutz wurde auf Fabian D. aufmerksam, sie hatten seine Chats mitbekommen. Nach einer kurzen Observation wurde der Rechtsextremist von der Polizei festgenommen und kam in Nürnberg vor Gericht. Er bestritt einen Terroranschlag geplant zu haben, das Gericht aber sah das anders. Zwei Jahre Gefängnis, so lautete das Urteil im Dezember vergangenen Jahres. D. sei fest entschlossen gewesen, möglichst viele Menschen mit einem Sturmgewehr zu töten. Das Attentat von Halle habe ihm als „Blaupause“ gedient.

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Weitere Leseempfehlungen zum Thema sind der sehr gute Beitrag von Belltower News und die wissenschaftliche Arbeit „Breivik´s Long Shadow? The Impact of the July 22, 2011 Attacks on the Modus Operandi of Extreme-right Lone Actor Terrorists“ der Universität von Leiden.

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