Briefmarken und Putins Propaganda

Sie zeigen oft Volkshelden und Menschen, die Geschichte geschrieben haben – und sie können Mittel der Propaganda und Desinformation sein. Ein US-amerikanischer Autor hat sich angesehen, welche Personen auf den Briefmarken verewigt sind, die in Putins Russland herausgegeben wurden.

Von Florian Flade

Niemand weiß, wie lange der Krieg in der Ukraine noch andauern wird. Schon jetzt aber sind manche Ereignisse der vergangenen Wochen zu ikonenhaften Symbolen dieses Konflikts geworden. Das Bild der schwangeren Ukrainerin etwa, die aus dem zerbombten Geburtsklinik von Mariupol getragen wurde und wenig später verstarb, zum Beispiel. Oder die ukrainischen Soldaten, die auf Zmiinyi Ostriv, der Schlangeninsel im Schwarzen Meer vor Odessa, stationiert waren. Und die, als ein russisches Kriegsschiff per Funk mit Beschuss drohte und sie aufforderte, sich zu ergeben, nur entgegneten: „Russisches Kriegsschiff, verschwinde und f*** dich!“

Die Szene der mutigen Soldaten, die sich im Angesicht des Todes nicht einschüchtern ließen, ist inzwischen symbolisch verewigt worden. Das ukrainische Post Ukrposhta hat am 24. April eine Briefmarke zu Ehren der Schlangeninsel-Verteidiger auf den Markt gebracht. Auf dem Bild ist ein ukrainischer Soldat zu sehen, der dem russischen Kampfschiff den Mittelfinger zeigt. Entworfen hat das Motiv der 27-jährige Künstler Boris Groh, der auf der inzwischen von Russland illegal annektierten Krim-Halbinsel aufgewachsen ist und anschließend in Kiew und nun in Lwiw lebt. Die Briefmarke, von der eine Millionen Stück produziert wurden, ist inzwischen vielerorts ausverkauft.

Wer auf einer Briefmarken verewigt und mit ihr gewürdigt wird, hat sich in der Regel verdient gemacht für sein Land. Bei den Motiven gibt es popkulturelle Referenzen, in Deutschland etwa Briefmarken mit den Figuren der Sesamstraße oder dem Porträt von David Bowie. Vor allem aber finden sich auf Briefmarken historisch bedeutsame Persönlichkeiten wie die Widerstandskämpferin Sophie Scholl, Anne Frank oder Alt-Kanzler Helmut Schmidt.

Vergeblich allerdings sucht man auf deutschen Briefmarken nach Spionen. Die Geheimdienste und ihre Spitzel sind hierzulande – aus historisch nachvollziehbaren Gründen – in den vergangenen Jahrzehnten noch nicht in den Genuss einer solchen öffentlichen Würdigung gekommen. Anders in Russland. Schon zu Zeiten der Sowjetunion waren dort Nachrichtendienstler und Agenten, wie etwa jene Wissenschaftler, die Pläne der Atombomben verraten hatten, auf Briefmarken abgebildet. Und auch im neuen Russland unter Wladimir Putin werden Personen aus der Schattenwelt der Dienst auf diese Weise geehrt.

Die Briefmarken zu Ehren des 80-jährigen Jubiläums der sowjetischen Geheimpolizei, 2002

Der US-amerikanische Autor und Hobby-Historiker Mark Pruett war fasziniert von den russischen Briefmarken mit den Motiven dieser vom Kreml hochgelobten Volkshelden. Im Jahr 2002 stellte die russische Post ein Set von sechs Briefmarken mit Motiven von Spionen und Agenten aus, Anlass war das 80-jährige Jubiläum der sowjetischen Spionageabwehr und der Auslandsspionage. Die russische Regierung ließ verlauten, es handele sich um „herausragende, patriotische Spionageabwehr Agenten der Jahre 1922-37“.

Pruett kaufte die Briefmarken und recherchierte zu jeder der abgebildeten Personen. Ausgehend von den Biografien der sechs Männer begab er sich auf die Suche und schrieb schließlich ein Buch (Putin´s Boys: The Stamp Men) über mehr als 160 russische Briefmarken, mit denen Spione und Agenten der sowjetischen Geheimpolizei Cheka geehrt wurden. Darunter einige Briefmarken, die auch in den ost-ukrainischen Separatisten-Regionen Luhansk und Donetsk ausgegeben wurden. 

Pruett ist es gelungen aufzuzeigen, um wen es sich diesen Männern handelt – und für welch dunkles Kapitel russischer Geschichte sie tatsächlich stehen. Für Verschleppung, Folter, Mord und unvorstellbare Grausamkeit. Sie galten als gefürchtete Vertreter des sowjetischen Staatsapparates.

Jan Olsky etwa, der mit 22 Jahren bereits der für Belarus zuständige Tscheka-Kommandeur war und in den 1920er Jahren fast 60 angebliche Spione liquidiert haben soll. Der Mathematiker Vladimir Styrne schloss sich ebenfalls als junger Mann der Tscheka an und soll später in jenem Programm von Josef Stalin gearbeitet haben, bei dem es darum ging, Lebensmittel zu konfiszieren und ganze Landesteile gezielt aushungern zu lassen. Oder Artur Artuzov, Sohn eines italienisch-stämmigen Käsemachers aus dem Berner Oberland, der später nach Russland ausgewandert war. Er diente im sowjetischen Sicherheitsapparat, wurde Chef der Grenzsicherung und später Leiter der Spionageabwehr. In Archangelsk, nahe dem Polarkreis, soll er mit seinem Onkel erste Internierungs- und Gefangenenlager errichtet haben, die als Vorbild für die späteren Gulags dienten.

In seinem Buch beschreibt Pruett, dass der Kreml unter Wladimir Putin offenbar systematisch versucht, mit solchen Würdigungen von Vertretern der gefürchteten Sicherheitsapparate eine schrittweise Umdeutung der Geschichte vorzunehmen. Die Briefmarken sind somit als Teil einer Kultur des Desinformation und Propaganda zu verstehen.

Die sechs Agenten, zu deren Ehren 2002 die Briefmarken-Serie veröffentlicht wurde, sollten offensichtlich post-mortem rehabilitiert werden. Die Männer waren, nachdem sie jahrelang teils mörderische Operationen für die Sowjetführung durchgeführt haben, selbst den Säuberungsaktionen von Stalin zum Opfer gefallen. Der einstige KGB-Major Putin bezweckte offenbar mit den Briefmarken, ihr Andenken und damit stellvertretend die Angehörigen der Geheimdienste, zu würdigen – und somit den Eindruck einer vermeintliche Abgrenzung zwischen dem Regime und den ausführenden Akteuren zu erzeugen.

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Buchempfehlung:

Putin´s Boys: The Stamp Men, von Mark Pruett

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