Als der BND Moskaus Angriff verpasste

Vor 40 Jahren überfielen Moskaus Truppen das Nachbarland Afghanistan. Der BND wurde vom Zeitpunkt des Angriffs überrascht, wie historische Unterlagen des Dienstes zeigen. Woran scheiterte die Aufklärung damals?

Von Florian Flade

Es sind Sätze, die erschreckend aktuell klingen. „Wir waren – ebenso wie alle anderen Partnerdienste – nicht in der Lage, das exakte Datum der (…) Intervention im Vorhinein zu bestimmen“. Oder auch: „Tatsächlich wissen wir, dass die Entscheidung zur Intervention – wie nicht anders zu erwarten – im engsten Führungskreis (…) gefallen ist.“ Man habe es mit einer „aus nachrichtendienstlicher Sicht perfekten Geheimhaltung einer militärischen Großaktion“ zutun gehabt.

Die Aussagen stammen aus einem Vortrag des Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), gehalten in vertraulicher Runde im Kanzleramt. Allerdings ging es dabei nicht um den derzeitigen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Diese Sätze fielen vor mehr als 40 Jahren, aber auch damals ging es um einen Überfall Moskaus auf ein Nachbarland: Den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979.

Der deutsche Auslandsgeheimdienst hatte vom geplanten Angriff der Sowjets auf das zentralasiatische Land vorab nichts gewusst. Man habe den genauen Zeitpunkt, die „X-Zeit“, nicht vorhersagen können, musste der BND damals gegenüber der Bundesregierung zugeben. Und das obwohl viele Zeichen bereits in den Monaten zuvor auf Krieg standen. Die Aufklärung sei im Vorfeld jedoch nur eingeschränkt möglich gewesen.

Aus historischen Unterlagen geht hervor, dass der BND damals durchaus selbstkritisch mit seiner Aufklärungsarbeit und den Versäumnissen umging, und untersuchte, warum es zu keiner präziseren Prognose kam. Das Ergebnis war ein 60-seitiger Bericht mit dem Titel „Die sowjetische Intervention in Afghanistan im Meldungsbild des BND“, verfasst im Mai 1987. Ein Kapitel darin heißt „Möglichkeiten und Grenzen der Aufklärung des BND vor und während der sowjetischen Intervention in Afghanistan.“

In der Weihnachtszeit, dem 25. Dezember 1979, marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein. Spezialkräfte landeten in Kabul, drangen in den Regierungspalast ein, töteten den Machthaber Hafizullah Amin und installierten eine kommunistische Marionettenregierung. Aus der militärischen Operation zur Sicherung der sowjetischen Einflusszone wurde ein fast zehn Jahre andauernder Abnutzungskrieg zwischen den Besatzern und afghanischen Widerstandskämpfern – und der wohl letzte Stellvertreterkonflikt des Kalten Krieges.

Die sogenannten Mudschaheddin wurden dabei vom Nachbarland Pakistan sowie dem Westen, allen voran den USA, aber auch von der Bundesrepublik unterstützt. Dies geschah größtenteils durch die Geheimdienste, die Waffen, Ausrüstung und Geld an die Kämpfer lieferten, der BND etwa durch die Operation „Sommerregen“.

Dass die Sowjetunion in jenen Tagen Ende Dezember 1979 mit erheblicher militärischer Stärke in Afghanistan einmarschieren würde, hatte der BND, dessen Hauptaufklärungsziel damals der Ost-Block, dessen Militär und Nachrichtendienste waren, nicht vorgesehen. Allerdings hatte der Dienst der Bundesregierung in den Monaten zuvor mehrfach berichtet, dass sich die Lage in Afghanistan offenbar zuspitzt. Darauf verwies der damalige BND-Präsident Klaus Kinkel, als er am 10. Januar 1980, nur rund zwei Wochen nach Beginn der sowjetischen Intervention, den Bundessicherheitsrat unterrichtete.

„Vorliegende Hinweise ließen seit geraumer Zeit erhöhte militärische Aktivitäten der Sowjetunion auf Militärbasen in Afghanistan sowie im sowjetischen Grenzgebiet zu Afghanistan erkennen“, so Kinkel. Seit dem Spätsommer 1979 habe der BND „immer wieder darauf hingewiesen“, dass Moskau das nun gestürzte Regime in Kabul lediglich toleriert, aber nie gestützt habe, dass „bei Lageverschlechterung in Afghanistan Moskau sich eine militärische Option offen hält“, dass die militärische Präsenz der Sowjets „laufend verstärkt“ worden sei, und dass „eine afghanische Ersatzmannschaft“ mit sowjetischer Unterstützung bereit stehe, um die Macht zu übernehmen – „Umstände und exakter Zeitpunkt einer Wachablösung waren nicht genau bekannt.“

Der BND habe zudem festgestellt, dass es in Afghanistan zuletzt zu einer wachsenden Opposition gegen das afghanische Regime und auch gegen das sowjetische Personal im Land gekommen sei. Die afghanischen Streitkräfte seien geprägt durch „zunehmende Auflösungserscheinungen und sinkende Moral“, die personelle Stärke habe durch Desertationen und Verluste stark gelitten. Gleichzeitig sei die sowjetische Präsenz in Afghanistan stark gewachsen, „von 600 (…) auf 4000-5000 Militärberater“ sowie „5000 zivile Berater“.

Schon im Juli und August 1979 habe die Rote Armee mehrere Kampfeinheiten verlegt, in die Grenzregion und auch nach Kabul, zur Sicherung von sowjetischen Einrichtungen. Das zunehmende sowjetische Engagement gehe vermutlich auf die Sorgen der Sowjet-Führung zurück, dass die afghanische Armee immer schwächer geworden sei und die Widerstandskämpfer „insbesondere von Pakistan aus“ einen „weitgehend ungehinderten Nachschub“ erhalten hätten.

Schon 1978 habe die Sowjetunion außerdem die USA, Pakistan und Iran der „Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans“ beschuldigt – und vor den möglichen Folgen gewarnt. Moskau habe die „feste politische Absicht“ gehabt, Afghanistan „nicht fallenzulassen“, berichtete der BND-Präsident. Das Land sei aus Sicht der Sowjets wichtig, um ihre Einflusszone in der Region zu sichern.

Wenn so viele Zeichen demnach auf Krieg standen, warum war dem BND dann entgangen, dass die Sowjetführung tatsächlich plante in Afghanistan einmarschieren und große Teile des Landes zu besetzen?

„Ich darf hier kurz auf das Problem der politischen und militärischen Aufklärung in einer so fernen und bislang gemäß Auftrag mit geringer Priorität versehenen Region wie Afghanistan zu sprechen kommen. Im Wesentlichen wird von uns und allen größeren westlichen Partnerdiensten Aufklärung in dieser Region mittels Fernmelde- und Satellitenaufklärung betrieben. Sie war – trotz des Ausfalls der amerikanischen Aufklärungsstationen im Iran (mehr dazu gibt es hier) – in der Lage, eindeutige Feststellungen zum wachsenden militärischen Engagement der Sowjetunion in und um Afghanistan zu treffen. Allerdings muss ich beteuern, dass die taktische Fernmeldeverbindungen (Fm-Mittel) im Bereich Turkestan/Afghanistan nicht erfasst werden konnten, weil sie auf sowjetischer Seite vorwiegend durch Fm-Mittel mit kurze Reichweite sichergestellt werden. Abgestützt wurden diese Lagefeststellungen durch einzelne Berichte menschlicher Quellen in Afghanistan, Pakistan und Iran. Das aus diesen Hinweisen gewonnene Lagebild, insbesondere im Hinblick auf die sowjetische Optionen und Absichten, wurde laufend zur Verfügung gestellt.“

– BND-Präsident Klaus Kinkel, Unterrichtung des Bundessicherheitsrates, 10. Januar 1980

Laut BND-Führung wurde Afghanistan demnach kaum vom BND aufgeklärt, weil die Bundesregierung dazu keinen Auftrag erteilt hatte. Und die Aufklärung, die betrieben wurde, bezog sich vor allem darauf, sowjetischen Funk abzuhören und die Region mit Satelliten zu beobachten. Hier allerdings stieß der BND wohl an seine technischen Grenzen, denn das Sowjetmilitär kommunizierte offenbar über Kanäle, die im weit entfernten Zentralasien durch den deutschen Dienst nicht überwacht werden konnten.

Hinzu komme, so wurde in der Unterrichtung der Bundesregierung weiter erklärt, dass die letztendliche Entscheidung für den Einmarsch in Afghanistan wohl innerhalb der Sowjetführung äußerst konspirativ erfolgt sei.

„Tatsächlich wissen wir, dass die Entscheidung zur Intervention – wie nicht anders zu erwarten – im engsten Führungskreis der Sowjetunion (= Politbüro des ZK der KPdSU) gefallen ist. Dabei wurde – wie aus Meldungen hervorgeht – nicht mal die Partner des Warschauer Paktes vorweg, sondern erst nach Beginn der Intervention orientiert.

  • Politbüro-Mitarbeiter des ZK der SED mussten aus dem Weihnachtsurlaub nach Ost-Berlin zurückgerufen werden, um ihnen die sowjetische Intervention zu erläutern.
  • Ponomarev entschuldigte gegenüber der ungarischen Führung in einem Ferngespräch die sowjetische Entscheidung mit dem „Druck des Militärs, dem die politische Führung sich habe beugen müssen“ (sicher eine recht fadenscheinige Erklärung).“
– BND-Präsident Klaus Kinkel, Unterrichtung des Bundessicherheitsrates, 10. Januar 1980

Es sei eine „aus nachrichtendienstlicher Sicht perfekte Geheimhaltung einer militärischen Großaktion“ gewesen, heißt es im BND-Untersuchungsbericht. Das Datum des Einmarsches sei vermutlich nicht zufällig gewählt worden: „Obwohl unter Berücksichtigung der Weltlage sofortige militärische Gegenmaßnahmen, insbesondere der USA, von der sowjetischen Führung absolut ausgeschlossen werden konnten, wählte Moskau – ähnlich wie in früheren Fällen – zudem einen Zeitpunkt (Weihnachtsfeiertage), der auch offiziellen Stellungnahmen und zu erwartenden Protesten von westlicher Seite viel von ihrer Wirkung nehmen musste.“

Grundsätzlich habe der BND im Vorfeld des sowjetischen Einmarsches immer wieder zutreffende Berichte über die militärische Lage und strategischen Absichten Moskaus geliefert, heißt es im Untersuchungsbericht weiter. „Was uns betrifft, so lassen Sie mich selbstkritisch damit schließen“, so der BND-Präsident gegenüber der Bundesregierung. „Wir haben seit Sommer 1979 in dichter Folge militärische und politische Lagefeststellungen getroffen, die fast zwangsläufig in die derzeitige Situation einmündeten. Wir waren aber – ebenso wie alle anderen Partnerdienste – nicht in der Lage, das exakte Datum der sowjetischen Intervention im Vorhinein zu bestimmen.“

Am 03. März 1980 gab es eine weitere Besprechung im Kanzleramt. Der BND-Präsident sollte diesmal dem Staatssekretär und Kanzleramtschef Manfred Schüler berichten, warum man vom Angriff der Sowjets auf das zentralasiatische Nachbarland offenbar überrascht worden war.

„Auf die Frage des Staatssekretärs, wann und wie der BND erstmalig von der Invasion der sowjetischen Truppen erfahren habe, stellte der BND fest, dass die erstmalige Kenntnisnahme frühestens 24 Stunden nach Grenzüberschreitung möglich gewesen sei“, heißt es im Protokoll des Treffens. „Der BND sei zwar in der Lage gewesen, Flugzeugbewegungen aus der Tiefe der Sowjetunion in den Grenzbereich zu Afghanistan zu erfassen (…) Dagegen seien Bewegungen aus dem grenznahen Bereich nach Afghanistan hinein und innerhalb Afghanistans aus Gründen der technischen Reichweite nur teilweise erfassbar gewesen. Der erste Hinweis sei vom Deutschen Botschafter in Afghanistan gekommen.“

Der BND solle, so schlug Staatssekretär Schüler laut Protokoll vor, „seine Erkenntnismöglichkeiten auch durch Aufnahme von Beziehungen zu zusätzlichen Partnerdiensten“ erweitern. Dazu solle der Dienst zeitnah Vorschläge unterbreiten. Außerdem habe der Kanzleramtschef „Zweifel bezüglich der Zweckmäßigkeit der im Interessenprofil der Bundesregierung festgelegten Prioritäten“ geäußert. Die „niedrige Prioritäteneinstufung“ Afghanistans hätte früher geändert werden müssen. Der BND-Präsident selbst soll dazu angemerkt haben, die Aufklärung des Ost-Blocks dürfe „nicht mehr alleiniger Schwerpunkt“ der Aufklärung sein.

Darüber hinaus verwies die BND-Leitung darauf, dass aufgrund der Personalsituation eine umfassende Aufklärung der Afghanistan-Krise schwierig zu leisten sei. So sei die „Einrichtung zusätzlicher Residenturen in Afghanistan, Pakistan und anderen Gebieten“ erforderlich.

Der BND könne, so betonte Behördenchef Kinkel bei seinem Treffen mit dem Kanzleramtschef im März 1980 noch, „keine Garantie für eine rechtzeitige und zutreffende Prognose vergleichbarer Krisenentwicklungen“ geben. Der BND brauche sich nicht zu rechtfertigen, soll der Staatssekretär daraufhin laut Protokoll entgegnet haben, „es ginge nur darum, die richtigen Folgerungen zu ziehen.“ 

Die Aufklärungsarbeit des BND rund um Afghanistan nahm mit dem sowjetischen Einmarsch wenig überraschend erheblich zu. Der Dienst bemühte sich im Militär- und Geheimdienstapparat der Sowjets Informanten anzuwerben, was auch teilweise gelang. Etwa bei der Operation „Matterhorn“, durch die Erkenntnisse über die KGB-Aktivitäten in Afghanistan, beispielsweise eine konspirative Basis in unmittelbarer Nähe zur Botschaft der Bundesrepublik in Kabul, gewonnen werden konnten.

„Durch Gewinnung einer Vielzahl neuer Quellen war es möglich, die Bundesregierung insbesondere über die Kampfhandlungen zwischen den sowjetischen Besatzungstruppen und den Freiheitskämpfern in Einzelheiten zu informieren. In zahlreichen Berichten wurde immer von neuem das Dilemma und damit die Belastung aufgezeigt, die das „ungelöste Afghanistan-Problem“ für die Sowjetunion, vor allem auch für Generalsekretär Gorbatschow, bis heute bedeutet. Gleichzeitig wurde jedoch durch Meldungen bestätigt, dass Moskau in absehbarer Zeit nicht in der Lage ist, dem okkupierten Land durch Abzug seiner Besatzungstruppen Freiheit und Selbstbestimmung zu gewähren.“

– BND-Bericht „Die sowjetische Intervention in Afghanistan“, Mai 1987

In den Jahren der sowjetischen Besatzung Afghanistans gelangen dem BND immer wieder einige nachrichtendienstliche Erfolge. So beschaffte der Dienst beispielsweise über die Kontakte zu den Mudschaheddin und dem pakistanischen Geheimdienst ISI teils bislang kaum bekannte sowjetische Rüstungsgüter, die innerhalb der NATO mit großem Interesse analysiert wurden.

Nach dem Abzug der Sowjets im Jahr 1989 und dem anschließenden Zusammenbruch des kommunistischen Riesenreiches verschwand auch Afghanistan wieder aus dem Fokus des BND. Andere Regionen der Welt, andere Herausforderungen, wie der Handel mit Massenvernichtungswaffen, Kriege und Krisen auf dem Balkan, im Nahen Osten, Kaukasus und in Afrika schienen nun von größerer Bedeutung zu sein.

Erst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rückte das Land am Hindukusch erneut in den Blick und mit der Stationierung der Bundeswehr wurde Afghanistan eines der Hauptbetätigungsfelder des BND. Die alten Kontakte, die die deutschen Spione in den 1980er Jahren in der Region knüpften, waren nun wieder von Nutzen.

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