Spionage am Meeresgrund

Am Grund des Meeres verlaufen zahlreiche Kabel und Röhren. Sie dienen der weltweite Kommunikation und der Energie-Versorgung. Und stehen seit vielen Jahren schon im Fokus von Geheimdiensten und Militärs. In den Tiefen des Ozeans finden Spionage-Operationen und Vorbereitungen für Sabotageakte statt.

Von Florian Flade

Das Ochotskische Meer ist ein gefährliches Gewässer. Im fernen Osten Russlands gelegen, eingerahmt von der Kamschatka-Halbinsel. Eine wilde, schroffe Gegend mit hohen Berge, Vulkanen, Bären, riesigen Adlern, Schnee und eisigem Wind. Im Oktober 1971 begab sich ein US-amerikanisches Atom-U-Boot in diese Region, die USS Halibut. Es war eine riskante Fahrt, das wusste die Mannschaft, immerhin ging es in feindliches Territorium, in die Hoheitsgebiete der Sowjetunion.

Wie brisant die Mission der USS Halibut aber war, ahnten die Seeleute an Bord nicht. Man hatte ihnen gesagt, dass es darum gehe, die Überbleibsel einer im Ochotskischen Meer niedergegangenen sowjetischen Anti-Schiff-Rakete vom Typ „Sandbox“ zu bergen. Nur einige wenige Eingeweihte im U-Boot wussten vom wahren, streng geheimen Auftrag, der am Meeresgrund erledigt werden sollte. 

Operation „Ivy Bells“, wie die Aktion hieß, war vom damaligen US-Präsidenten persönlich angeordnet worden. Es ging darum, klammheimlich ein sowjetisches Unterseekabel anzuzapfen und so die Kommunikation von Moskaus atomarer Pazifikflotte abzuhören.

Der Meeresgrund und die dortige technische und wirtschaftliche Infrastruktur – dazu zählen Glasfaserkabel, Pipelines aber auch Sensoren und Messgeräte – gehört seit Jahrzehnten zu den Aufklärungszielen von Geheimdiensten. Nicht nur die heimliche Überwachung von Kommunikation steht dabei im Fokus, sondern auch Vorbereitungshandlungen für militärische Aktionen.

Als „Seabed Warfare“ wird dies im Militär genannt, gemeint ist sowohl der Schutz und die Verteidigung kritischer Infrastruktur in den Tiefen des Ozeans, von Kommunikationsnetzen, Öl- und Gasförderung sowie Transport von Energie – als auch die Möglichkeiten die gegnerische Infrastruktur im Kriegsfall anzugreifen.

Mit der wachsenden Zahl von Kabel, die weltweit am Meeresgrund verlaufen und der zunehmenden Bedeutung von vernetzter Kommunikation, gewinnt auch die Ausspähung der entsprechenden Systeme an Bedeutung. Die bis heute wohl bekannteste Aktion dieser Art ist amerikanische Operation „Ivy Bells“.

US-Geheimdienste hatten Anfang der 1970er Jahre erfahren, dass im Ochotskischen Meer ein sowjetisches Kommunikationskabel verlegt worden war. Das U-Boot USS Halibut sollte es nun finden. Kapitän James Bradley vom Office of Naval Intelligence soll dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Er vermutete, dass die Sowjets über das Unterseekabel wertvolle Informationen über die Aktivitäten ihrer Marine übermitteln würden. Zunächst aber galt es das Kabel in der eisigen See zu finden – und dabei nicht von den Sowjets entdeckt zu werden, die zahlreiche Warnsysteme in der Gegend installiert hatten, um unliebsame Schiffe ausfindig zu machen.

Es sollen Schilder an der Küste gewesen sein, die letztendlich verraten haben, wo das Unterseekabel verlief. Sie sollen Schiffen davor gewarnt haben, an dieser Stellen nicht zu ankern. Die USS Halibut setzte nun ein kleines Spionage-U-Boot ab, das die Bucht absuchte. An Bord waren speziell für diesen Einsatz trainierte Tiefseetaucher der US-Navy, die tatsächlich das rund acht Zentimeter dicke Unterseekabel in knapp 120 Metern Tiefe am Meeresgrund entdeckten.

Der US-amerikanische Abhördienst NSA und die US-Navy hatten ein Gerät entwickelt, das von den Tauchern direkt an dem sowjetischen Kabel befestigt wurde. Es war ein rund sieben Meter langer und sechs Tonnen schwerer Zylinder, gewissermaßen eine „Unterwasser-Abhörwanze“, in der allerlei Technik verbaut war. Damit konnte das Unterseekabel angezapft und Signale mitgeschnitten werden werden, ohne dass das Kabel beschädigt oder umgeleitet werden musste.

Die Mission war ein Erfolg. Was über das sowjetische Kabel lief, konnte fortan von den US-Geheimdiensten mitgeschnitten, entschlüsselt und ausgewertet werden. Allerdings war es auch eine sehr teure und aufwendige Spionageaktion, denn die Überwachung fand nicht in Echtzeit statt. U-Boot und Taucher mussten regelmäßig zur Abhöranlage tauchen, die Datenspeicher abholen und oftmals auch Reparaturarbeiten durchführen.

Einmal pro Monat, später nur noch zwei Mal jährlich holte ein amerikanisches U-Boot – später war es nicht mehr die USS Halibut, sondern die USS Parche – in geheime Mission die Daten des sowjetischen Kabels ab. Es waren Speichermodule entwickelt worden, die Kommunikation über Monate aufzeichnen konnten, betrieben durch einen Mini-Reaktor.

Wie ergiebig die Informationen letzten Endes waren, die durch Operation „Ivy Bells“ generiert wurden, ist umstritten. Der US-Seite soll jedoch durch die abgefangene Kommunikation der sowjetischen Atom-Flotte im Nordpazifik klar geworden sein, dass man in Moskau offenbar keineswegs auf Eskalation aus war, sondern einen Atomkrieg ebenfalls fürchtete. So sollen die Informationen aus der Spionageoperation am Meeresgrund schließlich dazu genutzt worden sein bei US-Sowjetischen Verhandlungen Ende der 1970er Jahre eher auf Entspannung zu setzen.

1981, rund zehn Jahre nachdem die ersten Taucher das Kabel angezapft hatten, war dann Schluss mit Operation „Ivy Bells“. Durch Satelliten stellten die US-Geheimdienste fest, dass ein sowjetisches Bergungsschiff, eskortiert von Kriegsschiffen, im Ochotskischen Meer unterwegs war. Als kurz darauf ein amerikanisches U-Boot die Abhöranlage ansteuerte, war das Gerät verschwunden.

Die Spionageaktion der Amerikaner war aufgeflogen. Wie das passieren konnte, das wurde den US-Diensten erst Jahre später klar. Im Juli 1979 hatte der Analyst Ronald William Pelton seinen Job bei der NSA gekündigt. Er war hoch verschuldet und hatte kurz zuvor Privatinsolvenz angemeldet – wovon der US-Geheimdienst nichts wusste. Pelton, der während seiner Zeit bei der US-Airforce Russisch gelernt hatte, soll dann den Kontakt zur sowjetischen Botschaft in Washington D.C. gesucht haben. Er gab an, geheime Informationen verkaufen zu wollen.

Der Ex-NSA-Mitarbeiter hatte zwar keine geheimen Unterlagen, die er den Sowjets aushändigen konnte, aber er gab sein Wissen über amerikanische Überwachungsprogramme preis, die auf die sowjetische Militärkommunikation abzielten – darunter auch die Abhöraktion „Ivy Bells“ am Unterseekabel vor Kamtschatka. Rund 35.000 US-Dollar soll der Verräter dafür von sowjetischer Seite bekommen haben.

Erst 1985 konnte Pelton wohl durch den Hinweis eines KGB-Überläufers von den US-Behörden aufgespürt werden. Er wurde schließlich wegen Spionage für die Sowjetunion zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Erst im November 2015 kam er frei. Anfang September starb Pelton im Alter von 80 Jahren.

Die Abhöraktion am sowjetischen Unterseekabel war nicht die einzige Spionageoperation dieser Art, die von den US-Diensten durchgeführt wurde. Im Kalten Krieg soll es an anderen Orten auf der Welt zu solchen Maßnahmen gegen die Sowjetunion gekommen sein, die allesamt Teil der Operation „Ivy Bells“ waren.

Bis heute interessieren sich Geheimdienste für die Kabel, die am Grund des Meeres verlaufen. Nicht nur, weil sich dadurch Möglichkeiten der Überwachung bieten, sondern auch weil dadurch folgenschwere Sabotage betrieben werden kann.

Nur etwa 1-2 Prozent aller Kommunikation weltweit verläuft heute noch über Satelliten. Internetkommunikation findet mehrheitlich über Glasfaserkabel statt. Sie umspannen nahezu den gesamten Globus, mehr als 450 davon gibt es, manche sind so dick wie ein Oberschenkel, andere nur etwas dicker als ein Gartenschlauch. Kabel, insbesondere Tiefseekabel, vernetzen die Welt.

Durch die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden wurde bekannt, dass insbesondere die Nachrichtendienste der „Five-Eye-Allianz“ die Kabel im Fokus haben. Aber auch der Bundesnachrichtendienst (BND) setzt bei seiner strategischen Aufklärung auf die Überwachung von Kabelstrecken. Dies geschieht meist an Land, an jenen Stellen, an denen die Kabel ankommen, den „landing sights“, oder an sogenannten Knotenpunkten. Dort werden die Datenströme gespiegelt und von den Diensten gefiltert und ausgewertet.

Was aber ist mit den Tiefseekabeln? Sie anzuzapfen gilt heutzutage zwar theoretisch als machbar. Jedoch gibt es inzwischen Mechanismen, die genau das verhindern sollen. Etwa Sensoren, die Alarm geben sollen, wenn sich jemand an dem Kabel zu schaffen macht. Die meisten Datenkabel werden von privaten Unternehmen verlegt und betrieben, sie sind auch für Wartung und Reparaturen zuständig. Ein durchaus aufwendiges Verfahren, denn weltweit existiert nur etwas mehr als ein Dutzend Schiffe, das dazu in der Lage ist.

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren vor, dass Glasfaserkabel versehentlich beschädigt oder gar vollständig gekappt wurden. Durch Anker von Schiffen beispielsweise, die am Meeresgrund entlang gezogen wurden. Oder auch durch Erdboben. Meist können die Internet-Ausfälle, die dadurch entstehen, schnell kompensiert werden.

Teilweise aber sind dadurch ganze Länder für einen oder mehrere Tage vom Internet abgeschnitten. Wobei inzwischen – wie zuletzt etwa in Tasmanien geschehen – oft innerhalb weniger Stunden wieder Daten übertragen werden können, auch weil mittlerweile viel mehr Kabel verlegt wurden.

Dennoch stellen die Glasfaserkabel ein attraktives Ziel für Sabotageaktionen dar. Im Kriegsfall könnten sie angegriffen und zerstört werden und damit zumindest für eine gewisse Zeit die Internetabdeckung einer Region stören oder gänzlich unterbinden. Bislang sind solche nachweislich kriegerischen Handlungen mit Bezug zu Tiefseekabeln nicht bekannt geworden. Dass einige Staaten aber über entsprechenden Mittel wie militärische Unterwasserdrohnen, Spionage-U-Boote und Tiefsee-Roboter verfügen, scheint unstrittig. Und dass die kritische Infrastruktur und Technologie auf dem Meeresgrund umfassend ausspioniert wird, gilt ebenfalls als sehr wahrscheinlich.

Insbesondere russische U-Boote und Kriegsschiffe sollen sich in den vergangenen Jahren auffällig oft in der Nähe von Tiefseekabeln aufgehalten haben, die zwischen Europa und Nordamerika verlaufen. Oder auch in der Ostsee und der Karibik. In den Fokus westliche Dienste rückte dabei immer wieder das russische Schiff „Yantar“, das offiziell als „Research Ship“ registriert ist, allerdings als „Spy Ship“ gilt und mit allerlei Technik ausgestattet sein soll. Zum Beispiel kleinen U-Booten, die in extremen Tiefen von 6000 Metern operieren können.

Die „Yantar“ ist eines von mehreren Schiffen, die zum Main Directorate of Deep-Sea Research of the Russian Federation Ministry of Defense (GUGI) gehören, einem der geheimsten Bereiche des russischen Militärs. GUGI untersteht direkt vom russischen Verteidigungsministerium und entstammt der im Oktober 1976 gegründeten Einheit 45707 der sowjetischen Marine, deren Aufgabe geheime Missionen in der Tiefsee waren. Zu den weiteren Schiffen, die heute mutmaßlich von Russland für Aufklärungsmissionen, Spionage oder auch die Bergung von Rüstungsmaterial genutzt werden, gehören die „Evgeny Gorigledzhan“ (Project 02670) und die „Almaz“ (Project 22010) sowie zahlreiche kleinere U-Boote und unbemannte Drohnen.

Sogar Luxusyachten russischer Oligarchen gerieten bereits in den Verdacht, dass sie möglicherweise für verdeckte Sabotageaktionen genutzt werden könnten. So strandete ein solches Schiff im März, kurz nach Kriegsbeginn, in Norwegen, weil die örtlichen Stellen sich weigerten, die Yacht zu betanken. Das Schiff gehört einem Russen, der früher im KGB diente und ein Vertrauter von Putin sein soll, allerdings nicht unter Sanktionen lag.

In norwegischen Medien wurde spekuliert, das 68 Meter lange Schiff, das angeblich sogar als Eisbrecher eingesetzt werden kann und über mehrere kleine Beiboote, Jetskies und andere Ausstattung verfügen soll, könnte möglicherweise auch dazu dienen Datenkabel am Meeresgrund auszuspionieren.

Im Januar erst warnte Tony Radakin, Chef der britischen Streitkräfte, in einem Interview, man werde eine absichtliche Beschädigung von Internetkabeln durch Russland als einen „kriegerischen Akt“ betrachten. Es bestehe die Gefahr, dass Moskau versuchen könne, das weltweite Informationssystem durch solche Aktionen zu beschädigen. Die russische Marine habe dazu ihre Fähigkeiten bereits ausgebaut.

Nur einen Tag zuvor, am 07. Januar, hatte es einen Ausfall beim Svalbard Undersea Cable System (SUCS) gegeben, einem der wichtigsten Tiefseekabel im arktischen Raum, das die Inselgruppe Svalbard, auf der sich eine Satellitenstation befindet, mit dem norwegischen Festland verbindet – und das auch von der NATO genutzt wird.

Das Abhörgerät, das Anfang der 1970er Jahre am sowjetischen Kabel im Ochotskische Meer von den Amerikanern installiert worden war, befindet sich heute übrigens im Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau. Der ehemalige Chef des sowjetischen Militärnachrichtendienstes, Alexander Vladislavovich Zhardetsky, soll dazu einmal erklärt haben, in dem Gehäuse habe man zahlreiche elektronische Bauteile entdeckt, darunter Computerchips. Auf denen habe „Made in the USA“ gestanden.

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