Operation „Heimkehr“

Als Anis Amri im Dezember 2016 sein Attentat in Berlin verübte, lief zur gleichen Zeit eine umfangreiche Anti-Terror-Operation von BKA und Verfassungsschutz. Es ging um mehrere Terrorkommandos, die nach Deutschland einreisen sollten. Und um einen geplanten Anschlag auf ein Musikfestival.

Von Florian Flade

Im Herbst 2016 herrschte Alarmstimmung bei den deutschen Sicherheitsbehörden. Die Sorge vor Terroranschlägen war groß. Davor, dass auch hierzulande islamistische Killerkommandos zuschlagen könnten. So wie kurz zuvor in Paris und Brüssel. Die Einschläge jedenfalls, sie kamen näher. 

Im Wochentakt gingen damals Warnhinweise bei der Polizei und den Nachrichtendiensten ein. Mal kamen sie von Behörden aus dem Ausland, oft auch von aufmerksamen Bürgern, die glaubten ein Nachbar plane ein Attentat. Manche Hinweise aber stammten auch aus „eigenem Aufkommen“, wie es im Jargon der Dienste heißt. 

So wie jene Informationen, die das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) im September 2016 erreichten, und die schließlich dafür sorgten, dass die deutsche Terrorismusabwehr eine umfangreiche Operation startete, um zu verhindern, dass es zu einem „deutschen Bataclan“ kommt. Es ging um einen Anschlagsplan, bei dem mehrere Selbstmordattentäter zuschlagen sollten. Ein Ziel war offenbar ein Musikfestival in Norddeutschland.

Doch ausgerechnet während die Terrorabwehr fieberhaft versuchte, ein solches „Paris Szenario“ zu verhindern, kam es zum bislang schwersten islamistischen Terroranschlag in der Bundesrepublik. Nicht mit Sturmgewehren oder Sprengstoffgürteln, sondern mit einem entführten Lastwagen verübte Anis Amri sein Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.

Einen Anschlag wie diesen wollten die Verfassungsschützer und Polizisten eigentlich verhindern, die im Herbst 2016 im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin zusammenkamen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte damals mit, dass man beunruhigende Chatnachrichten aus dem Kriegsgebiet in Syrien festgestellt habe. Es spreche einiges dafür, dass die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) einen Anschlag in Deutschland plane, und dafür gleich mehrere Terrorkommandos eingeschleust werden sollten. Genau wie es zuvor bereits in Frankreich und Belgien geschehen war.

Mehr über das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum gibt es hier: Das GTAZ

Die Absenderin der Nachrichten war Marcia M., eine aus Salzgitter stammende Islam-Konvertitin, die den Behörden als Extremistin bekannt war. Sie war geneinsam mit ihrem Ehemann, dem Hildesheimer Oguz G. nach Syrien ausgereist, beide hatten sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen.

Über Messengerdienste hielt Marcia M. während ihrer Zeit beim IS weiter Kontakt mit Verwandten und Bekannten in Deutschland. So auch zu einer Freundin in Bremen, die angab, ebenfalls in das Kriegsgebiet ausreisen zu wollen. Marcia M. soll sie zunächst in dem Vorhaben bestärkt haben, dann aber riet sie ihr ab. Sie solle lieber in Deutschland bleiben und den IS dort unterstützen. 

Gleich drei Freundinnen kontaktierte Marcia M. im September 2016 mit einem brisanten Anliegen. Sie wollte wissen, ob die Frauen, denen sie offenbar vertraute, bereit wären, islamistische Kämpfer zu heiraten, mit einer Legende auszustatten und bei sich aufzunehmen, die heimlich aus Syrien nach Deutschland reisen würden – um „sehr wichtige Arbeit zu erledigen“.

Was die Islamistin damals wohl nicht ahnte: Eine der Bekannten, der sie sich anvertraute, war inzwischen vom Verfassungsschutz als Quelle angeworben worden. Die V-Frau teilte dem BfV umgehend mit, welch ungewöhnliche Bitte aus Syrien sie erreicht hatte. Bei den Verfassungsschützern wiederum war man nun alarmiert. Was ging da vor sich? Sollten tatsächlich IS-Terroristen heimlich eingeschleust werden? Was genau war der Plan?

Der Verfassungsschutz wies seine Informantin an, auf die Bitte von Marcia M. zum Schein einzugehen. Eine andere Bekannte sagte ebenfalls zu, eine dritte Islamistin hingegen erteilte ihr eine eine Absage.

Am Folgetag, dem 20. September 2016, erhielt die Quelle des BfV erste Anweisungen über das geplante Schleusungsvorhaben. Sie solle für den weiteren Kontakt ein Handy älteren Modells verwenden, so Marcia M., ein nicht GPS-fähiges Mobiltelefon, das nicht durch Navigationssysteme zu orten sei. Auch die andere Kontaktperson, eine Islamistin aus Bremen, wurde entsprechend angeleitet und legte mehrere Nutzerkonten für Marcia M. bei Facebook sowie bei WhatsApp und Telegram an. Auf einem der Telegram-Kanäle kommunizierte sie ausschließlich über die Geheim-Funktion, unter dem Nutzernamen „Banani Vanilli“.

Beiden Frauen – die Verfassungsschutz-Quelle und die Freundin aus Bremen – sollten zudem ein nicht netzwerkfähigen Handy der Marke Motorola bereithalten, um mit jenen Islamisten zu kommunizieren, die nun nach Deutschland geschleust werden sollten. Am 30. September 2016 schrieb Marcia M. der Informantin des BfV, dass es bald losgehe. Doch dann kam wohl irgendetwas dazwischen. Was, das wissen die Ermittler bis heute nicht genau. Jedenfalls kam es zu einer Verzögerung von mehreren Wochen.

Erst am 22. November 2016 schrieb M. schließlich, dass der „Countdown“ gestartet sei. Ab jetzt sollten die beiden Frauen in Deutschland rund um die Uhr erreichbar sein und das Handy, das für den Kontakt mit den reisenden Männern vorgesehen war, immer angeschaltet lassen.

In Berlin-Treptow, wo die Terrorismus-Ermittler von BKA und BfV residieren, war man nun darauf vorbereitet, dass sich nun IS-Schläferzellen vermutlich auf dem Weg nach Deutschland befanden. Nach den Terroranschlägen von Paris am 13. November 2015 hatten die deutschen Sicherheitsbehörden bereits mit Hochdruck nach potenziellen weiteren Attentätern gefahndet, die sich womöglich schon in Europa befanden. 

Der Terrormiliz IS war es gelungen, behördenbekannte Islamisten, von denen die meisten in Frankreich oder Belgien aufgewachsen waren, unbemerkt einzuschleusen. Sie hatten das Chaos an der europäischen Außengrenze genutzt, um als Flüchtlinge getarnt die sogenannte „Balkan-Route“ entlang zu reisen.

Mehrere weitere Terrorzellen, die auf ähnliche Weise nach Europa gekommen waren, konnten durch die Fahnder identifiziert und schließlich festgenommen werden. Darunter drei junge Syrer, die in Norddeutschland als Asylbewerber unterkamen. Sie wurden vom BKA und dem Verfassungsschutz monatelang im Rahmen des Ermittlungsverfahrens „Galaxy“ überwacht und schließlich im September 2016 festgenommen.

Nun also gab es Hinweise darauf, dass weitere mögliche Attentäter wohl nach Deutschland kommen sollten. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz hatte man dazu inzwischen eine nachrichtendienstliche Operation namens „Heimkehr“ ins Leben gerufen, beim BKA wiederum wurde nun die Ermittlungsgruppe (EG) „Falke“ gebildet.

Die Polizisten und Nachrichtendienstler im Berlin versuchten die Informationen aus den Chats der Islamistin Marcia M. zu verdichten. Sie wollten wissen: Wen könnte der IS versuchen nach Deutschland zu schicken? Auf welchen Wegen könnte dies geschehen? Und was genau haben die Terroristen geplant?

Über Marcia M. wussten die Behörden bereits einiges. Sie war zum Islam konvertiert und verkehrte in Kreisen des inzwischen verbotenen „Kultur- und Familien Verein e.V.“ in Bremen, einem Treffpunkt der radikalislamischen Szene. Über das Internet lernte M. ihren späteren Ehemann kennen, den Deutsch-Türken Oguz G. aus Hildesheim.

Oguz G. gehörte zum Umfeld des islamistischen Predigers Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias „Abu Walaa“. Der gebürtige Iraker, der mittlerweile zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde galt als Statthalter der Terrorgruppe IS in Deutschland. „Abu Walaa“ versammelte bei Islam-Seminaren und Predigten in der Moschee „Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim“ (DIK) zahlreiche Islamisten um sich und soll mehrere Personen nach Syrien und in den Irak vermittelt haben.

Auch Oguz G. soll sich im Umfeld des Predigers radikalisiert haben, er war zeitweise der Schriftführer im Hildesheimer Islamisten-Verein und reiste schließlich mit seiner zweiten Ehefrau Marcia M. in den Dschihad. Seine erste Ehefrau hatte sich geweigert, sich der Terrormiliz IS anzuschließen und war mit den Kindern in Deutschland geblieben, sie soll von der Ausreise ihres Ehemannes überrascht gewesen sein, wie sie später in Vernehmungen mit Staatsschützern berichtete.

Im Irak soll Oguz G. ein paramilitärische Ausbildung beim IS durchlaufen und anschließend an Kampfeinsätzen teilgenommen haben. Zudem betrieb er über das Internet Propaganda für den IS. Mehrfach soll er bei Luftangriffen und einem Motorradunfall verletzt worden sein, in Chatnachrichten spielte er seine Rolle beim IS herunter, erklärte, er sei lediglich für Wachdienste eingeteilt worden. 

Was die deutschen Terrorermittler damals noch nicht ahnten: Oguz G. war offenbar kein einfacher IS-Kämpfer, sondern in die Anschlagsplanungen im Ausland verwickelt. Er soll jener berüchtigten Abteilung der Terrorgruppe angehört haben, die von deutschen Behörden „Organisationsstruktur Externe Operationen“, kurz OSEO, genannt wird. Und deren Planer wohl hinter den Attentaten in Paris, Brüssel und anderenorts steckten.

Beim BKA und Verfassungsschutz wusste man, dass Oguz G. zu einer Gruppe von deutschen IS-Kämpfern in Syrien und dem Irak gehörte, die in mehreren Chatgruppen organisiert war. Eine dieser Telegram-Gruppe hieß „Tel Kayf Almani“, benannt nach einem Vorort der irakischen Stadt Mossul. Die Dschihadisten aus Deutschland tauschten sich darin über die aktuelle Situation vor Ort aus. Und die deutschen Ermittler lasen mit.

Was in den Chats im Sommer 2016 geschrieben wurde, klang einerseits nach Verzweiflung und Frustration. Über die Lebensverhältnisse, über den Mangel an Lebensmitteln und Hygieneartikeln und die ständigen Luftangriffe. Andererseits aber waren es auch Nachrichten voller Hass und Zorn. Immer wieder klang durch, dass die Islamisten offenbar weg wollten, zurück nach Deutschland.

Die Frage, die sich die Ermittler stellten war, ob die Extremisten einfach nur die Schnauze voll hatten vom Leben beim IS – oder aber ob zurückkommen wollten, um Anschläge zu verüben. So oder so, man wollte in keinem Fall das Risiko eingehen, dass radikalisierte IS-Kämpfer sich unbemerkt auf den Heimweg machen und irgendwo in Deutschland untertauchen.

Zumal die Ermittler davon ausgingen, dass zu der deutschen Terrorzelle auch zwei Islamisten gehörten, denen sie jederzeit ein Attentat zutrauten: Die Brüder Ömer und Yusuf D. aus dem nordrhein-westfälischen Herne. Schon Jahre zuvor waren die beiden Türken nach Syrien zum IS gereist. Zuvor waren sie bereits in NRW bestens vernetzt in der hiesigen Radikalenszene. Sie sollen unter anderem mit dem Tunesier Sami Ben Mohamed A. in Kontakt gestanden haben, der als „Bin Ladens Bodyguard“ bekannt war und vor einigen Jahren abgeschoben wurde. Auch bei den Ermittlungen gegen die „Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle“ tauchte einer der Brüder auf.

Ömer D. war als erster in den Dschihad nach Syrien gezogen. Er soll seiner Familie im Ruhrgebiet von Kämpfen gegen das Assad-Regime und auch Hinrichtungen berichtet haben. Angeblich wurde er bei Gefechten verletzt. Im Jahr 2014 soll der Islamist kurzzeitig aufgrund einer Schussverletzung nach Deutschland zurückgekehrt sein. Später dann reiste er erneut aus, diesmal begleitete ihn sein älterer Bruder Yusuf.

Beim IS waren Ömer D. alias „Abu Asir“ und Yusuf D. alias „Abu Hamza“ in unterschiedlichen Funktionen tätig. Vor allem Propaganda sollen die Brüder aus Nordrhein-Westfalen betrieben haben, Gleichgesinnte in Deutschland aufgerufen haben auszureisen oder Attentate vorzubereiten. So war Yusuf wohl zeitweise einer der Administrator der dschihadistischen Webseite „Niwelt“ und mehrere Telegram-Kanäle, auf denen IS-Videos und Bekennerschreiben verbreitet wurden.

Ömer D. soll jedoch auch in Anschlagsplanungen in Europa eingebunden gewesen sein. Den Nachrichtendiensten liegen Erkenntnisse vor, wonach der Islamist enge Verbindungen zur IS-Planungseinheit „Externe Operationen“ in der syrischen IS-Hauptstadt Raqqa hielt. Unter den Terrorfahndern war zeitweise vermutet worden, der Dschihadist aus Herne könnte eine wichtige Rolle bei geplanten Attentaten in Deutschland spielen, quasi ein „deutscher Abaaoud“ sein, als Anspielung auf den Belgier Abdelhamid Abaaoud, der maßgeblich die IS-Terroranschläge von Paris koordiniert haben soll.

Die Gemengelage im Herbst 2016 schien also mehr als besorgniserregend: IS-Kämpfer sollten nach Deutschland einreisen, gleichzeitig war bekannt, dass einige als extrem gefährlich eingestufte Islamisten aus Deutschland beim IS wohl schon länger in derartige Anschlagsplanungen eingebunden waren. Und den Ermittlern waren sogar einige Personen bekannt, denen sie derartige Attentate durchaus zutrauten.

Tatsächlich aber geschah nach der Ankündigung von Marcia M., dass nun der „Countdown“ beginne, zunächst nichts. Wochenlang herrschte Funkstille, es gab keine Nachrichten der angeblich losgezogenen Attentäter.

Den Telegram-Account, der von der Verfassungsschutz-Informantin für den Kontakt genutzt worden war, hatte mittlerweile eine verdeckte Ermittlerin des BKA übernommen. Sie sollte nun weiter chatten, die Verbindung halten und zeitnah mitbekommen, wo genau sich die erwarteten Attentäter aufhielten. Zwischenzeitlich stand sogar die Überlegung im Raum, ob die Beamtin nicht vollends in die Rolle einer Islamistin schlüpfen und den Islamisten in einer zuvor bereitgestellten Wohnung empfangen sollte. So weit aber kam es dann nicht.

Ende November 2016 dann hieß es plötzlich ein „Paket“ sei hängen geblieben, am 04. Dezember 2016 dann erfolgte eine etwas verklausulierte Nachricht von Marcia M., dass ein Paket zurückgekommen sei. Einen Monat später schrieb sie, mit dem Paket, das werde wohl nichts mehr. Und am 11. Januar 2017 dann hieß es in einer Mitteilung, das Paket sei „gerade am Ballern“

Die Ermittler interpretierten dies so, dass den Terroristen offenbar die Ausreise nicht gelungen war, möglicherweise weil der syrische Grenzübergang Al-Bab zur Türkei mittlerweile besser geschützt wurde. Stattdessen waren die Islamisten, bei denen es sich um den Muhammad A. und den Konvertiten Dominik W. gehandelt haben soll, wohl wieder an Kämpfen vor Ort beteiligt.

Die Kommunikation zwischen Marcia M. und den Bekannten in Norddeutschland riss nun ab. Zwischenzeitlich hatte der islamistische Terrorismus hierzulande Opfer gefordert. Am 19. Dezember 2016 raste der Tunesier Anis Amri mit einem gekaperten Sattelschlepper über den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, und ermordete zwölf Menschen, ein dreizehntes, schwer verletztes Opfer starb nach Jahren im Koma.

Der „Worst Case“ war eingetreten. Ein behördenbekannter Islamist hatte einen Anschlag verüben können, obwohl er im Fokus der Sicherheitsbehörden stand. Die Aufklärung des Verbrechens und die Suche nach Unterstützern und Helfern hatte nun größte Priorität. Beim BKA wurde die Besondere Aufbauorganisation (BAO) „City“ eingerichtet, zahlreiche Ermittlerinnen und Ermittler waren nun mit dem Fall befasst.

Was damals kaum jemand wusste: Zeitgleich liefen noch immer die Operation „Heimkehr“ und die EG „Falke“, die Suche nach den möglichen Attentätern, die nach Deutschland eingeschleust werden sollten. Auch wenn die Chatnachrichten aus Syrien in den Wochen nach dem Breitscheidplatz-Anschlag verstummt waren, war die Sorge groß, dass sich vielleicht doch noch mehrere Terrorkommandos auf dem Weg befanden.

Viel aber konnten die Ermittler nicht tun, als alle bislang vorliegenden Informationen zusammen zu tragen und zu warten. Bis neue Handynachrichten auftauchen oder vielleicht doch irgendwo auf der Balkan-Route oder anderenorts Terrorverdächtige ins Netz gingen. 

Im Januar 2017 wurde in Niedersachsen die Erstfrau von Oguz G. von Polizisten befragt. Ob sie wisse, wo ihr Mann sei, ob er Syrien oder Irak verlassen habe. Sie hatte mit ihm gechattet, er soll ihr gesagt haben, dass er gerne nach Deutschland zurückkehren würde, aber er ja eine Festnahme fürchten müsse. Viel mehr konnte die Gattin des Gesuchten den Ermittlern nicht berichten. Und sah geschah erst einmal nichts.

Erst im Herbst 2017, rund ein Jahr nachdem die Ermittlungen der Terrorabwehr angelaufen waren, gab es neue Erkenntnisse. Die IS-Hochburg Raqqa fiel nach blutigen Kämpfen in die Hände der nordsyrischen Anti-IS-Allianz. Zahlreiche Dschihadisten fanden den Tod, andere ergaben sich den kurdischen Kampfverbänden. So auch Oguz G. und seine Ehefrau Marcia M..

Wie mehrere Hundert IS-Anhänger aus Deutschland in den kommenden Wochen und Monaten landete auch das Islamisten-Paar aus Niedersachsen in kurdischer Gefangenschaft in Nordsyrien. Oguz G. kam in ein Gefängnis, in dem besonders gefährliche Terrorverdächtige untergebracht sind, Marcia M. kam nach Roj, in ein Auffanglager für Frauen und Kinder.

Kurz nachdem die Kurden die Gefangennahme der beiden Extremisten gemeldet hatten, sollen sie erstmals durch Vertreter des US-Geheimdienstes vernommen worden sein. Später dann bekam das Paar auch Besuch vom Bundesnachrichtendienst (BND).

In den Vernehmungen sollen die Islamisten über ihre Zeit beim IS und auch über die Anschlagsplanungen berichtet haben, an denen sie offenbar beteiligt waren. Oguz G. sagte später, er sei „in diese Sache reingerutscht“, viel wisse er eigentlich nicht, nur, dass Glaubensbrüder nach Deutschland hätten reisen wollen, um „sich irgendwie in die Luft zu jagen“.

Tatsächlich aber erfuhren die Terrorermittler noch einiges mehr über die Hintergründe der geplanten Aktionen – und deren Drahtzieher. So soll eines der Anschlagsziele bei diesen Planungen soll ein Musikfestival nahe Hildesheim gewesen sein. Außerdem soll es drei insgesamt Terrorkommandos, „Pakete“ genannt, gegeben haben. Die ersten beiden potenziellen Attentäter sollen angewiesen worden sein, ihr Aussehen aufwendig zu verändern. Sie sollen an Gewicht zugelegt und sich in der Türkei sogar einer Haartransplantation unterzogen haben.

Sehr weit aber kam dieses erste Paket nicht. Im Oktober 2016 nahmen türkische Sicherheitskräfte die beiden Islamisten fest. Es handelte sich um den Montenegriner Adnan S. und den Mazedonier Zulhajrat S., die beide aus Norddeutschland stammten und in der Bremer Islamisten-Szene verkehrt hatten. Da beide keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, wurde ihnen die Rückkehr in die Bundesrepublik untersagt. Sie wurden wegen Terrorismusvorwürfen in der Türkei zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Zum zweiten Paket wiederum sollen Dominik W. alias „Abu Qaaqa“ aus Hildesheim und Muhammad A. gehört haben. Der Konvertit W. soll angewiesen worden sein, sich Tattoos stechen zu lassen und seinen Bart abzurasieren, um nicht aufzufallen. Dieses Duo soll bereits an der Ausreise in die Türkei gescheitert sein. Wer zum dritten Paket gehörte, ob es sich vielleicht um die Brüder D. aus Herne gehandelt hat, ist bis heute nicht ganz klar.

Auch zu den Hintermännern des Terrorplots konnte Oguz G. dem BND einiges berichten. Eine wichtige Rolle soll dabei ein Islamist gespielt haben, der bis dahin für die Ermittler so etwas wie ein „Geist“ war. Sein Kampfname „Abu Mussab al-Almani“ war bereits öfter aufgetaucht, auch die Amerikaner hatten von dem mysteriösen IS-Kommandeur gehört, der für Anschlagspläne im Westen zuständig gewesen sein soll.

Mittlerweile gehen die Behörden davon aus, dass sich hinter dem irreführenden Kampfnamen „Abu Mussab al-Almani“ kein deutscher Dschihadist, sondern ein Schweizer verbirgt. Es soll sich um Thomas-Marcel C. handeln, geboren 1987 in Zürich, aufgewachsen der Kleinstadt Obersiggenthal im Kanton Aargau und in Südfrankreich. Nach der Trennung der Eltern zog C. mit seiner Mutter nach Deutschland und lebte als Jugendlicher in Frankfurt am Main. Dort kam er mit radikalen Muslimen in Kontakt, konvertierte zum Islam und zog nach Nordrhein-Westfalen.

Thomas-Marcel M. schloss sich bereits früh der Terrorgruppe IS an, er soll bereits im Frühjahr 2013 über die Türkei nach Syrien ausgereist sein. Mit seinen Sprachkenntnissen in Arabisch, Deutsch, Englisch und Französisch soll der Islamist schnell wichtige Positionen innerhalb des IS übernommen haben, etwa beim Geheimdienst der Organisation, der „Amniyat“. 

Sogar mit dem Chefplaner für Anschläge im Ausland, dem IS-Sicherheits- und Propagandaleiter „Abu Mohammed al-Adnani“ soll der Schweizer zutun gehabt haben. Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden handelt es sich bei Thomas-Marcel M. höchstwahrscheinlich um den ranghöchsten Dschihadisten im deutschsprachigen Bereich.

Er soll eine rund 50-köpfige IS-Kampfeinheit (Katiba) namens „Furqan“ geleitet haben, in der angehende Attentäter im Umgang mit Schusswaffen und Sprengstoffen geschult wurden. Nach Erkenntnissen französischer Geheimdienste soll Thomas-Marcel C. auch maßgeblich für die terroristische Ausbildung der späteren Attentäter von Paris und Brüssel verantwortlich gewesen sein.

Über das genaue Schicksal des Schweizers ist bis heute wenig bekannt. Es gibt Berichte, wonach der Terrorplaner bei den Kämpfen um Raqqa ums Leben gekommen sein soll. Gleiches gilt für den Hildesheimer Konvertiten Dominik W., der offenbar Teil des Terrorplans für Deutschland war. Die Brüder Ömer und Yusuf D. wiederum sollen Ende Oktober 2017 bei einem US-Luftangriff nahe der syrisch-irakischen Grenzstadt Al-Qaim getötet worden sein.

Oguz G. und Marcia M. befinden sich weiterhin in kurdischer Gefangenschaft. Bei einer Rückkehr nach Deutschland werden sie sich wohl für ihre Zeit beim IS und die damaligen Anschlagsplanungen vor Gericht verantworten müssen.

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