Schätze aus Stahl

Die Beschaffung von gegnerischer Wehrtechnik gehört zu den ältesten Aufgaben des Bundesnachrichtendienstes (BND). Vor allem in Kriegsgebieten, wie aktuell in der Ukraine, versuchen die Spione an Rüstungsmaterial zu gelangen. Die bislang wohl größte Beschaffungsaktion fand Anfang der 1990er Jahre statt, es war ein historisch einmaliger Raubzug – die Operation „Giraffe“.

Von Florian Flade

Der ehemalige Stützpunkt der Operation „Giraffe“ in Berlin-Dahlem

Auf dem steinernen Relief über der Eingangstür ist eine mittelalterliche Jagdszene abgebildet. Zwei Männer richten ihre Speere auf ein Wildschwein, daneben bellt ein Hund. Zeitgemäß wirkt das ziemlich in die Jahre gekommene Bild nicht mehr. In dem unscheinbaren Backsteinhaus im Berliner Ortsteil Dahlem befindet sich heute eine Physiotherapie-Praxis. Das Gelände, auf dem das Haus steht, ist noch immer von dem alten Zaun umgeben, der Stacheldraht darauf ist längst verrostet.

Vor dreißig Jahren waren hier, im idyllischen Südwesten Berlins, direkt neben dem Grunewald, tatsächlich Jäger untergebracht. Allerdings hatten sie es nicht auf Wildschweine abgesehen, sondern auf andere Beute. Auf todbringende Trophäen aus Stahl, auf Panzer, Raketen, auf Kampfhubschrauber, Artilleriegeschütze, Panzerfäuste und Munition. Es waren Waffenexperten des Bundesnachrichtendienstes (BND) und der US-amerikanischen Defense Intelligence Agency (DIA). Sie hatten sich Anfang der 1990er Jahre in Berlin für eine streng geheime Mission zusammengetan – Operation „Giraffe“.

Das Ziel der deutschen und amerikanischen Geheimdienstler war es, die neuesten Rüstungsgüter aus der gerade zusammenbrechenden Sowjetunion zu beschaffen. Kurz zuvor war die Mauer gefallen, der Kalte Krieg schien tatsächlich zu Ende zu gehen, da zogen die Westgruppen der Sowjetunion (WTG) aus der ehemaligen DDR ab. Jahrzehntelang hatte Moskau zigtausende Soldaten und sein modernstes Kriegsgerät im Osten Deutschlands stationiert. An mehr als 270 Orten, allen voran in Brandenburg und Sachsen, war die Rote Armee vertreten. Mehr als 330.000 Soldaten zählten die Westgruppen Anfang der 90er Jahre, sie verfügten über 4200 Kampfpanzer, fast 700 Flugzeuge und Hubschrauber, Tausende Geschütze und 180 Raketensysteme.

Genau darauf zielten nun der BND und der US-Militärgeheimdienst. Sie begaben sich auf einen Raubzug, oder besser gesagt: Auf eine heimliche Shoppingtour durch den Osten der nun wiedervereinigten Bundesrepublik. Innerhalb der sowjetischen Streitkräfte in der Ex-DDR grassierte angesichts des Zusammenbruchs des kommunistischen Riesenreiches die Korruption. Für vergleichsweise wenig Geld konnte dort nun Wehrmaterial gekauft werden. In einigen Fällen floß nicht einmal Geld. Im Tausch gegen gebrauchte Autos, Stereoanlagen, Toaster oder andere Haushaltselektronik, wechselte Kriegsgerät sowie allerlei Geheimdokumente unter der Hand den Besitzer.

Die Beschaffung und Analyse von fremder Wehrtechnik ist eine der ältesten und bis heute wichtigsten Aufgaben des BND. Denn der BND ist nicht nur der Auslandsnachrichtendienst, sondern auch Deutschlands militärischer Nachrichtendienst. Er versorgt die Bundeswehr mit nachrichtendienstlichen Informationen zu fremden Streitkräften. Und zwar seit seiner Gründung. Noch immer interessieren sich die Fachleute des Dienstes für die neuesten Panzer, Fluggeräte, Raketen, Munition oder Elektronik aus anderen Ländern, insbesondere aus jenen Staaten, die als Rivalen oder potenzielle Gegner der NATO betrachtet werden: Russland, China, Iran, Nordkorea. Zu wissen, über welche Waffen und Verteidigungssysteme der Feind verfügt, kann im Kriegsfall nun einmal entscheidend sein.

Innerhalb der Abteilung Technik und Wissenschaft (TW) des BND gibt es Referate, die ausschließlich mit der Untersuchung und Erforschung von fremden Rüstungsgütern beschäftigt sind. In streng gesicherten Räumen des BND lagern teils wahre Schätze aus den Rüstungsschmieden rund um den Globus. Nordkoreanische Sturmgewehre etwa oder schultergestützte Luftabwehrraketen. Material, das teils konspirativ, „nachrichtendienstlich beschafft“ wurde, wie es im Dienste-Jargon heißt.

Es sind neben dem Schwarzmarkt vor allem Kriege und Konflikte, in denen solche Rüstungsgüter beschafft werden können. So bietet der derzeitige Krieg in der Ukraine einen bislang wohl beispiellosen Blick in die russischen Waffenkammern. Die ukrainischen Streitkräfte gelangen nahezu täglich in den Besitz von russischen Panzern und anderen Fahrzeugen. Darunter befinden sich gleich mehrere Exemplare des wohl modernsten Kampfpanzers Moskau, des T-90M. Außerdem wird von den gefallenen russischen Soldaten oder den fliehenden Einheiten umfangreiches militärisches Equipment erbeutet, Kommunikationstechnik, Handys, Tablets, schriftliche Unterlagen und Handbücher.

Die Ukraine stellt somit gerade eine schier unerschöpfliche Quelle an russischem Militärmaterial dar. Und längst geht es nicht nur um Russlands Kriegsgerät. Auch die iranischen Drohnen, mit denen kürzlich ukrainische Städte angegriffen wurden, bieten seltene Einblicke in die Rüstungsindustrie des Mullah-Regimes. Die Elektronik und Antriebstechnologie etwa liefert Aufschlüsse darüber, dass das iranische Militär offenbar in der Lage ist die westlichen Sanktionen zu umgehen, um die todbringenden Flugobjekte zu bauen.

Schon in der Vergangenheit zeigte sich der BND besonders umtriebig, wenn es darum ging, heimlich Rüstungsmaterial zu beschaffen, um Bundeswehr und NATO zu einem Wissensvorsprung zu verhelfen – oder Partnerdienste zu unterstützen. Überall dort, wo sowjetische Waffen auftauchten, bestand zumindest die Chance noch unbekanntes Material in die Hände zu bekommen. Wehrtechnik, die ansonsten wohl nur durch riskante Spionageoperationen zu bekommen war.

Der Sechs-Tage-Krieg und der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und arabischen Staaten in den 1960er und 1970er Jahren weckten den Beschaffungseifer der Militärspione aus Pullach genauso wie in den 1980er Jahren die sowjetische Besatzung Afghanistans. In all diesen Konflikten beschaffte der BND begehrtes sowjetisches Rüstungsmaterial, teils mithilfe der Israelis, teils mit Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes oder der afghanischen Mudschaheddin.

Mehr zu diesen BND-Aktivitäten gibt es hier: Der BND und der Jom-Kippur-Krieg und Operation „Sommerregen“

Eine der wohl umfangreichsten Aktionen dieser Art war jedoch die Operation „Giraffe“, die Plünderung der Westgruppe der Sowjetstreitkräfte Anfang der 1990er Jahre. Sie fiel kurioserweise in eine Zeit, in der Aufrüstung, Säbelrasseln oder gar atomare Konfrontation plötzlich fremd und weit entfernt erschienen. Der Kalte Krieg endete, die Sowjetunion zerfiel, Deutschland feierte die Wiedervereinigung und die Zeichen standen auf Frieden – zumindest was die große Blockkonfrontation anging.

Schon kurz nach dem Mauerfall hatten sich westliche Geheimdienstler auf in den Osten Deutschland gemacht. Sie begannen russische Militärs als Informanten anzuwerben, durchwühlten den Müll rund um die Kasernen, beschafften vermeintlich erkenntnisreiche Überbleibsel der sich nun auflösenden ostdeutschen Republik. Viele Russen waren frustriert über den Abzug aus der ehemaligen DDR, nicht wenige fürchteten mittellos im neuen Russland zu enden. So mancher war nun leichte Beute für die Anwerber von BND und Co.

Vor allem die US-Geheimdienste sahen damals eine günstige Gelegenheit gekommen, um innerhalb kürzester Zeit möglichst viel über den Stand der sowjetischen Rüstung in Erfahrung zu bringen. Was war das modernste Material, das Moskaus Waffenschmieden ausgespuckt hatten? In der Ex-DDR lag es nun in den Kasernen, auf den Flugplätzen und in den Lagerhallen. Auch beim BND kam dieses Ansinnen gut an. Schließlich war die Aufklärung der DDR jetzt hinfällig geworden, der deutsche Auslandsnachrichtendienst musste sich umorientieren.

Daher schlossen die westdeutschen Spione im Mai 1991 ein Abkommen, ein Memorandum of Understanding (MoU), mit dem US-amerikanische Militärgeheimdienst DIA. Darin wurde vereinbart, dass man gemeinsam sowjetische Rüstungsgüter beschaffen und auswerten wolle. Auch NATO-Partner, etwa Großbritannien und Frankreich, könnten davon profitieren, hieß es. Es war der Startschuss für eine umfassende, vermutlich historisch einmalige Plünderungsaktion.

Der BND richtete für die Operation „Giraffe“ eine Dienststelle ein, die intern als 12 YA bezeichnet wurde. Untergebracht wurden die Geheimdienstler – Amerikaner und Deutsche unter einem Dach – auf jenem Gelände in Berlin-Dahlem, unweit des Grunewaldsees, das heute noch immer reichlich verwildert von einem rostigen Zaun umgeben ist. Hier zog das „Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung“ ein, so der wenig fantasievolle Tarnname der BND-Außenstelle.

Der Raubzug verlief dann in etwa so: Die Verteidigungsministerien der USA und der Bundesrepublik lieferten Wunschlisten, was genau von Interesse war. Die Spione von DIA und BND aus der geheimen Außenstelle in Berlin-Dahlem machten sich daraufhin auf die Suche. Sie sprachen russische Militärangehörige an, die nun ihre letzten Wochen und Monate in Ostdeutschland verbrachten, und gaben sich zunächst als Trödelhändler, interessierte Historiker, Immobilienmakler oder Gebrauchtwagenhändler aus. Den frustrierten und demotivierten Militärs aus dem Osten kauften sie Kriegsgerät und Ausrüstung ab. Die Taschen der Spione waren damals tief, die Kosten der Einkaufstour sollen allerdings hauptsächlich die Amerikaner getragen haben. Der BND hingegen stellte vornehmlich das Personal.

Beschafft wurde alles Mögliche: Motoren von Kampfpanzern, Bordcomputer von MIG-29-Jagdbombern, Chiffriergeräte, Zielerfassungssysteme oder moderne Spürgeräte für atomare, chemische oder biologische Stoffe, die die Sowjets in Kampfhubschraubern verbaut hatten. Auf den Listen ganz oben standen jedoch auch Codes und grundsätzlich alle Informationen zur Kommunikation der Sowjets. Die Amerikaner hatten zudem besonderes Interesse an einem sowjetischen Raketen-Frühwarnsystem, das damals bei einer Luftwaffeneinheit nordwestlich von Rostock untergebracht war. Die Anlage soll schließlich von korrupten Offizieren zunächst ins Baltikum und dann heimlich vom BND zurück in die Bundesrepublik gebracht worden sein.

Die deutsch-amerikanische Beschaffungsaktion lief mehrere Jahre. In Washington und in Bonn war man offenbar der Ansicht, dass das Geld gut investiert worden war. Denn selbst nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland im Juni 1994 löste sich die gemeinsame Truppe der nachrichtendienstlichen Plünderer nicht auf. Auf einem Bundeswehrgelände in Bayern waren BND und DIA noch länger gemeinsam mit der Auswertung und Erforschung der russischen Militärgüter beschäftigt.

Einen bitteren Beigeschmack aber bekam die Operation „Giraffe“ dann allerdings doch noch. Mehrere beteiligte BND-Mitarbeiter gerieten im Sommer 1995 in den Verdacht sich persönlich bei der Aktion bereichert zu haben. Sie hatten nebenbei Geschäfte mit dem britischen Auslandsnachrichtendienst MI6 gemacht. Die Eigensicherung des BND, zuständig für Ermittlungen gegen die eigenen Mitarbeiter, hatten im Oktober 1995 beobachtet, wie sich der Dienststellenleiter von 12 YA, dem Berliner Stützpunkt der Operation „Giraffe“, in einem Münchner Hotel mit einer britischen Geheimdienstlerin, der stellvertretenden Residentin, traf. Der BND-Mann wurde kurz darauf suspendiert.

Inzwischen war die Sache bereits beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe gelandet. Deutschlands Chefankläger ließ schließlich das BKA den neuen Dienstsitz der BND-Beschaffer in Nürnberg durchsuchen. Im Juli 1998 dann kamen der BND-Dienststellenleiter und zwei weitere Beschaffer vor das Landgericht München II. Der Generalbundesanwalt warf ihnen vor, sowjetische Geheimdokumente für 67.000 D-Mark an den britischen MI6 verkauft zu haben. Einer der BND-Männer soll außerdem 136.000 D-Mark in die eigene Tasche gesteckt haben, Geld, das eigentlich für die Beschaffungsaktion gedacht war. Das Gericht verurteilte die deutschen Spione nach nur wenigen Verhandlungstagen zu Bewährungs- und Geldstrafen.

Nur wenige Jahre zuvor waren in Norddeutschland ebenfalls BND-Mitarbeiter auf der Anklagebank gelandet. Und auch diesmal ging es um beschafftes Rüstungsmaterial. Der Skandal dabei waren allerdings nicht veruntreute Gelder oder illegale Nebengeschäfte. Es ging vielmehr um eine „wehrtechnische Zusammenarbeit“, die still und heimlich ablaufen sollte, und von der weder die Bundesregierung noch das Parlament unterrichtet worden waren.

Am 26. Oktober 1991 kontrollierten zwei Wasserschutzpolizisten im Hamburger Hafen routinemäßig das israelische Containerschiff „Palmah II“. Unter Planen entdeckten sie Ketten- und Radfahrzeuge. Laut Unterlagen sollte das Schiff eigentlich „Landmaschinen“ geladen haben, doch die Fracht auf den Paletten sah verdächtig anders aus. Es handelte sich unter anderem um zwei Flugabwehrpanzer vom Typ ZSU 23/4 und ein Flugabwehrsystem SA-6.

Das Material stammte aus den Beständen der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Der BND hatte es nach Hamburg auf den israelischen Frachter gebracht. Die Hamburger Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz ein. Im BND ist noch heute die Rede von der „Landmaschinen-Affäre“.

Israels Militärattaché hatte kurz nach der Wiedervereinigung eine Bitte an das deutsche Verteidigungsministerium gerichtet: Die arabischen Staaten, die Israel weiterhin feindlich gegenüber standen, verfügten größtenteils über sowjetisches Kriegsgerät. Es war daher von großem Interesse für die Israelis solches Material in die Hände zu bekommen, um es analysieren und die eigenen Waffensysteme entsprechend anzupassen. Mit dem Zusammenbruch der DDR war die Bundesrepublik nun im Besitz von großen Mengen sowjetischer Waffen, viele Staaten bekundeten damals daran Interesse. Allen voran Israel.

Der Bundessicherheitsrat hatte jedoch im März 1991 entschieden, dass keine Waffen, sondern lediglich Gabelstapler und ABC-Schutzausrüstung nach Israel geliefert werden sollten. Daran aber hielten sich offenbar die Pullacher Spione und die Bundeswehr nicht. Es sei, so schrieben die BND-Verantwortlichen damals in einem Vermerk, aufgrund der Bitten der Israelis schließlich zu einer „spontanen Weitergabe von NVA-Material an Israel“ gekommen.

Wie sich herausstellte, war der Aufgriff der „Palmah II“ in Hamburg nicht der erste Transport dieser Art. Mehrfach schon war seit Oktober 1990 DDR-Kriegsgerät nach Israel gebracht worden, oft sogar per Flugzeug über Bundeswehrstandorte. Der BND hatte die Logistik übernommen und meist die wichtigen Stellen vorab über die brisanten Transporte informiert, etwa der Zoll oder die Hafenverwaltung. Im Fall des Schiffs „Palmah II“ aber hatten die Spione ausgerechnet die Wasserschutzpolizei nicht zuvor in Kenntnis gesetzt, der Waffenschmuggel flog auf. Beim BND hatte man sich offenbar zu sicher gewähnt.

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