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Die Jagd nach dem Maulwurf

von Florian Flade

pic100714BND-Zentrale in Pullach – Arbeitsplatz des „Maulwurfs“

Es war ein turbulenter Start für Silvia Reischer. Seit 25 Jahren arbeitet die Juristin beim Bundesnachrichtendienst (BND). Sie war Datenschutzbeauftragte, leitete das Rechtsreferat und war offizielle Vertreterin in Paris. Am 1. Juni übernahm Reischer im deutschen Auslandsdienst eine sensible Aufgabe. Präsident Gerhard Schindler ernannte die 54-jährige zur Leiterin der Abteilung Eigensicherung (SI). Als erste Frau in einer solchen Position ist sie fortan dafür zuständig, Mitarbeiter zu überprüfen.

Ihr Job beginnt gleich mit einer Herausforderung, wie sie größer kaum sein könnte. Ein Mitarbeiter, von dem nur der Vorname Markus bekannt ist, soll zwei Jahre lang als Maulwurf für den amerikanischen Geheimdienst CIA tätig gewesen sein und diesem über 200 geheime und streng geheime BND-Dokumente übergeben haben.

Vieles rund um diesen spektakulären Verrat ist noch nebulös, viele Fragen nicht beantwortet.

Der Verratsfall beginnt für die deutschen Sicherheitsbehörden, kurz bevor Reischer ihr Amt antritt, am 28. Mai. An diesem Tag schickt eine unbekannte Person eine E-Mail an das russische Generalkonsulat in München. Sie bietet den Russen streng geheime BND-Dokumente zum Kauf an. Um zu belegen, dass es sich nicht um einen Bluff handelt, fügt der anonyme Absender seinem Schreiben gleich drei BND-Papiere hinzu. Als „Appetit-Häppchen“ sozusagen.

Der Verfassungsschutz fängt die Mail ab. Russlands Geheimdienste agieren häufig aus den Botschaften und Konsulaten heraus. Deshalb überwacht der Verfassungsschutz regelmäßig den Mail- und Telefonverkehr in und aus den diplomatischen Vertretungen. Und so ging der Abteilung 4 des Verfassungsschutzes, „Spionageabwehr, Geheim- und Sabotageschutz“, auch jene mysteriöse Mail ins Netz, in der BND-Interna zum Kauf angeboten wurden.

Beim Verfassungsschutz ist man sich sicher, auf einen Maulwurf gestoßen zu sein. Umgehend werden der BND und die Bundesanwaltschaft informiert. Am 10. Juni leitet Generalbundesanwalt Harald Range ein Ermittlungsverfahren wegen des „Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit“ ein.

Die Abteilung Eigensicherung des Auslandsgeheimdienstes schließt sich mit dem Verfassungsschutz zusammen. Was dann folgt, wird intern stolz als eine der besten Kooperationen bezeichnet, die es seit Langem zwischen den beiden Diensten, die nicht immer an einem Strang ziehen, gegeben haben soll. So lässt sich inzwischen vieles rekonstruieren.

Da der BND-Verräter aus dem russischen Generalkonsulat keine Antwort erhält, beschließen die Verfassungsschützer, ihm eine Falle zu stellen. Sie kontaktierten den Maulwurf und geben sich als Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes aus. Ob er nicht Interesse an einem Treffen habe, fragen sie. Der mutmaßliche Verräter aus den eigenen Reihen aber ist misstrauisch. Er antwortet nicht.

Die Ermittler wissen allerdings, dass die Mail von einem Privatcomputer über einen Google-Account verschickt worden war. Und noch wichtiger: Er hat BND-Dokumente verschickt.

„Wer hat Zugriff auf genau diese drei Dokumente? Und wer war an jenem Tag nicht an seinem Arbeitsplatz? Diese Fragen mussten wir klären“, erzählt ein BND-Mitarbeiter, der mit dem Fall betraut war.

Zeitgleich mit den internen Ermittlungen des BND bringt der Verfassungsschutz mehr über die Mail-Adresse des Maulwurfs in Erfahrung. Da der Anbieter Google in den USA ansässig ist, liegt es nahe, die amerikanischen Behörden um Mithilfe in dem Fall zu bitten. Es kam zu einer offiziellen Anfrage des deutschen Inlandsgeheimdienstes an die US-Kollegen.

Es folgte: keine Reaktion. „Das war sehr ungewöhnlich. Normalerweise bekommen wir in solchen Fällen schnell Amtshilfe“, berichtet ein Vertreter der Sicherheitsbehörden. Und noch etwas geschieht. Der BND-Maulwurf löscht urplötzlich sein Google-Mail-Konto. Die Spur ist auf einmal tot.

So konzentriert man sich beim BND weiter darauf, ausfindig zu machen, wer den Zugang zu den besagten internen Papieren hat. „Es war eine mühsame Puzzlearbeit“, heißt es im BND. Nach drei Tagen, am 10. Juni, ist der mutmaßliche Verräter schließlich eindeutig identifiziert: der 31-jährige BND-Mann Markus R., in der BND-Zentrale Bürosachbearbeiter in der Technischen Unterstützung der Abteilung EA („Einsatzgebiete/Auslandsbeziehungen“), seit mehr als neun Jahren im Dienst.

Noch klicken keine Handschellen. Man will den Maulwurf weiter beobachten. Seine Telefone werden angezapft, E-Mails und SMS mitgelesen. Dabei erfahren die Ermittler nach Informationen der „Welt“, dass der BND-Mann offenbar am 9. Juli einen Kontaktmann in Prag treffen will. So lange will man dann aber nicht mehr warten.

Am Abend des 2. Juli verhaften Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) Markus R., durchsuchen dessen Wohnung, beschlagnahmen Computer, Dokumente und Datenträger. Die Ermittler glauben zunächst, einen Zuträger für den russischen Geheimdienst geschnappt zu haben.

In einer ersten Befragung des Verdächtigen platzt schließlich die Bombe. „Ich arbeite seit 2012 für die Amerikaner“, soll der BND-Mann gesagt haben. Ein amerikanischer Spion im deutschen Auslandsgeheimdienst? Das wäre ein Tabubruch unter westlichen Nachrichtendiensten. Der ultimative Vertrauensbruch. Und das bei vielen NSA-Veröffentlichungen von Edward Snowden, die auch den BND wegen seiner engen Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten in die Kritik gebracht haben.

Markus R. erklärt in einer mehrstündigen, nächtlichen Vernehmung durch das BKA, dass er im Jahr 2012 per E-Mail Kontakt mit der US-Botschaft in Berlin aufgenommen habe. Er habe den Amerikanern demnach interne BND-Papiere zum Kauf angeboten. Ein Mitarbeiter der CIA habe sich schließlich bei ihm gemeldet und sei auf das Angebot eingegangen. Insgesamt 218 BND-Dokumente habe er im Laufe der zwei Jahre bei drei Treffen in Österreich an den US-Agenten übergeben.

Im Gegenzug soll er rund 25.000 Euro erhalten haben. Das Motiv für seinen Verrat sei Habgier gewesen, so der 31-jährige, der aufgrund einer schweren Erkrankung in seiner Jugend leicht sprach- und gehbehindert ist.

In den Sicherheitsbehörden ist die Skepsis über die Aussagen des enttarnten Verräters zunächst groß. Würden die Amerikaner wirklich derart plump einen deutschen Geheimdienstler anwerben? Wieso zahlte die CIA vergleichbar wenig Geld für die Papiere – umgerechnet 114,70 Euro pro Blatt? Waren diese Papiere tatsächlich den Aufwand konspirativer Treffen im Ausland wert?

„Die Möglichkeit stand im Raum, dass der Mann nur dachte, er würde für die Amerikaner spionieren“, sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden der „Welt“. „Aber in Wahrheit könnten andere Geheimdienste dahinterstecken. Beispielsweise die Russen.“

„Anwerben unter falscher Flagge“, um das Vertrauen von Personen zu erschleichen und sie zur Zusammenarbeit zu bewegen, gehört zu den üblichen Methoden im Geschäft der Spione. Die angeblichen Treffpunkte – Salzburg, Wien, Prag – gelten zudem nicht als traditionelle Aktionsgebiete amerikanischer Dienste. Sondern eher des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR.

Die vielen Fragen sind auch Thema in einer Sondersitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums am vergangenen Donnerstag. Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen und BND-Präsident Gerhard Schindler tragen den Obleuten hinter verschlossenen Türen den spektakulären Spionagefall im Detail vor. Noch sei unklar, ob die Angaben des BND-Mannes der Wahrheit entsprechen. Die deutschen Geheimdienstchefs halten sich mit einer abschließenden Bewertung zurück.

Doch inzwischen gibt es kaum noch Zweifel. Die vergangenen Tage haben die BND-Mitarbeiter genutzt, um sich ein möglichst klares Bild zu machen. Die BND-Papiere, die an die CIA verkauft worden sein sollen, wurden auf einem USB-Stick gefunden. Immer wieder hätten die Amerikaner bei ihm Dokumente regelrecht „bestellt“, erzählte ein BND-Mann. „Mal wollten sie Papiere mit Bezug zu den USA, mal zu Deutschland“, sagt ein Vertreter der Sicherheitsbehörden. Zuletzt habe der Doppelagent einen besonderen Auftrag bekommen. „Sie haben ihm wohl gesagt: Schau doch mal, ob du was zum NSA-Untersuchungsausschuss findest.“

Und dann gibt es da noch einen seltsam präparierten Computer. Über eine Wetter-App konnte der Spion per Mausklick eine Kryptosoftware starten, die eine anonyme Kommunikation ermöglicht. Ein Werkzeug für Nerds – und für Spione.

„Alle Hinweise sprechen dafür, dass der Mann die Wahrheit sagt. Er hat wohl tatsächlich für die Amerikaner gearbeitet“, heißt es in Sicherheitskreisen. In der Vergangenheit hätten die US-Dienste sich mehrfach bei ihren deutschen Kollegen gemeldet, wenn jemand deutsche Geheimdienstinterna an sie verkaufen wollte. In diesem Fall aber sei dies nicht erfolgt.

Im Verhör hat der Maulwurf den Ermittlern zudem gesagt, dass sein amerikanischer Kontaktmann ihn mit einer Notfall-Telefonnummer ausgestattet habe. „Es ist ein Anschluss in New York“, heißt es aus Sicherheitskreisen. Vermutlich tatsächlich zur Kontaktaufnahme mit dem US-Geheimdienst.

Es stellt sich die Frage, warum die Amerikaner derartige Risiken für das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland eingegangen sind. Was wollten sie erfahren? Der Schaden mit Blick auf den Geheimnisverrat ist jedenfalls ziemlich gering. Zwei Dokumente mit Bezug zum Untersuchungsausschuss habe der BND-Mitarbeiter gestohlen und geliefert. Wirklich brisant sind aber offenbar auch diese Unterlagen nicht. „Was wollten die Amerikaner mit diesen Papieren?“, fragt ein BND-Mitarbeiter. „Sie hätten sie vermutlich auf Nachfrage sowieso bekommen.“

 

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Gaddafi, Bin Laden und ein toter deutscher Agent

by Florian Flade

Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi gilt als weltweiter Terror-Unterstützer. Doch er war es, der noch vor den USA den Al-Qaida Chef Osama Bin Laden jagte und festnehmen wollte – als Hauptverdächtigen im Mordfall an einem deutschen Geheimagenten.

Gaddafis Haftbefehl gegen Osama Bin Laden – März 1998

Al-Qaida heißt das Gespenst, das von unterschiedlichster Seite im Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen in Libyen gebraucht und missbraucht wird. Die Dschihadisten der Al-Qaida nutzen den Konflikt zwischen dem Gaddafi-Regime und den oppositionellen Rebellen, um an Waffen wie Luftabwehrraketen zu gelangen, warnten beispielsweise jüngst algerische Sicherheitsbehörden. Der Diktator Muammar al-Gaddafi selbst, hält Osama Bin Laden und sein Terrornetzwerk gar für die Drahtzieher der Protestbewegung. Längst seien die Dschihadisten, Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan, auf Seiten der Rebellen an Kämpfen beteiligt.

Regime-Gegner halten dagegen und entwarnen, Gaddafi spiele die Al-Qaida-Karte in Wahrheit um die Terrorangst im Westen herauf zu beschwören. Er wolle sich als Bollwerk gegen den militanten Islamismus in Nordafrika präsentieren, als Garant für Sicherheit und Stabilität in der Region. In der Realität seien die Terroristen Bin Ladens jedoch wenn überhaupt, nur ein Promille-Anteil der aktuellen Rebellenbewegung und keine echte Gefahr für die politische Zukunft Libyens.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch: Tatsächlich warnte Gaddafi bereits lange vor den Anschlägen am 11.September 2001 vor der Terrorgefahr durch das Al-Qaida Netzwerk. Der libysche Despot war – vor dem US-Präsidenten – der erste Staatschef, der den saudischen Terroristen und Al-Qaida Gründer Osama Bin Laden per Haftbefehl jagen ließ, lange bevor dieser auf der politischen Weltbühne in Erscheinung trat. Die libyschen Bemühungen zur Festnahme Bin Ladens wurden anfänglich allerdings weitestgehend ignoriert.

Am 16.März 1998 stellt das Justizministerium in Libyens Hauptstadt Tripolis den ersten internationalen Haftbefehl gegen Osama Bin Laden aus und leitete ihn an Interpol im französischen Lyon weiter. Dort wurde das Dokument für rechtmäßig befunden und am 15.April 1998 erließ Interpol offiziell den Haftbefehl gegen den Al-Qaida Führer. Osama Bin Laden sei dringend verdächtig, so behaupteten die libyschen Behörden, zwei deutsche Staatsbürger in Libyen getötet zu haben.

Silvan Becker und seine Ehefrau Vera waren Anfang März 1994 im Zuge einer Urlaubsreise per Fähre von Genua über Tunesien nach Libyen eingereist. Gaddafis Reich war für den 56jährigen Deutschen ein Reiseland, in das er eigentlich keinen Fuß setzen durfte. Becker war Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) mit dem Fachbereich Terrorismus. Reisen in die libysche Diktatur waren ihm untersagt.

In Deutschland hatte Silvan Becker die Abteilung 6 des Verfassungsschutzes – „Internationaler Terrorismus“ – geleitet. Jahrelang war der Terrorfachmann leitender Referent für „Arabische Extremisten“, wechselte dann zu einem Referat zur Beobachtung der tamilischen Extremistengruppe LTTE.

Becker und seine Gattin seien am 10.März 1994, kurz nach ihrer Ankunft in Libyen, von vier bewaffneten Dieben überfallen und getötet worden, so erklärten später die libyschen Ermittler. Wie sich herausstellen sollte, wurden die beiden Deutschen zunächst in ein Militärkrankenhaus in die ostlibysche Stadt Surt gebracht, wo Vera Becker offenbar am 28.März 1994 verstarb. Ihr Ehemann soll seinen Verletzungen erst am 10.April 1994 erlegen sein.

Warum die Beckers trotz des Einreiseverbotes in Libyen auftauchten, ist bis heute ein Rätsel. Der deutsche Agent habe seinen privaten Urlaub genutzt, um Kontakte zu libyschen Islamisten herzustellen, wurde gemunkelt. Der Verfassungsschutz dementierte diese Theorie vehement. Es gebe keinen Anlass zu glauben, Becker sei ein Doppelagent gewesen oder habe für einen ausländischen Geheimdienst eine Mission in Libyen durchführen wollen.

Von Seiten des deutschen Verfassungsschutzes wollte man sich auf Nachfrage nicht näher zum Fall Silvan Becker äußern. Auch 17 Jahre nach dem Mord an dem deutschen Terrorexperten und seiner Ehefrau würden keine Informationen über die Arbeit von ehemaligen Mitarbeitern oder deren Angehörige veröffentlicht. „Das war schon damals unsere Politik, und daran hat sich nichts geändert“, so eine Pressesprecherin.

Die Frage nach den Mördern des deutschen Agenten und seiner Ehefrau, sowie die genauen Hintergründe sind weiterhin nicht zweifelsfrei geklärt. Libysche Behörden übergaben den deutschen Kollegen ihre Ermittlungsergebnisse, denen zufolge militante Islamisten, die der Al-Qaida nahe standen, für den Tod der Beckers verantwortlich seien.

Bei den drei Hauptverdächtigen – den Libyern Faraj al-Alwan, Faez Abu Zeid al-Warfali und Faraj al-Chalabi – soll es sich um Mitglieder der Gruppierung „Al-Muqatila“ (auch „Libysch Islamische Kampfgruppe“) handeln, die seit Anfang der 1990er Jahre in Libyen für die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates kämpfte. „Al-Muqatila“, die sich als eine der ersten islamistischen Gruppen der Al-Qaida angeschlossen haben soll, bestand weitestgehend aus libyschen Dschihad-Veteranen, so genannten „libyschen Afghanen“, des Krieges gegen die Sowjet-Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren.

Drahtzieher des mysteriösen Doppelmordes an den Beckers soll der Saudi Osama Bin Laden gewesen sein. Dessen Auslieferung wurde durch die libysche Justiz im März 1998 gefordert, ohne Angaben, wo genau sich Bin Laden aufhielt. Aus jedem Staat, mit Ausnahme Israels, solle Bin Laden an Libyen überstellt werden, heißt es in dem Interpol-Haftbefehl.

Der französische Terrorismus-Experte Jean-Charles Brisard, der in einem Buch erstmals auf den von Gaddafi ausgestellten Haftbefehl für Bin Laden hinwies, hält die libysche Darstellung von der Ermordung des deutschen Ehepaars durch Islamisten für glaubhaft. „Die Behauptung ist sicherlich wahr“, sagte mir Brisard, „Man sollte bedenken dass andere islamistische Kampfgruppen in der Region zur gleichen Zeit Operationen gegen westliche Personen durchgeführt haben. Die GIA (Algerien) hat einige westliche Personen 1993 und 1994 getötet, ein Terroranschlag fand 1994 auf ein Hotel in Marrakesh statt.“ Der Kontext dieser islamistischen Gruppen, erklärt Brisard, sei in den 1990er Jahren gewesen, Terror gegen westliche Touristen in Nordafrika zu verüben.

Kaum zu klären sein wird die Behauptung, ob Osama Bin Laden tatsächlich jemals in Libyen verweilte. Angeblich lebte der Al-Qaida Anführer in der Ortschaft unweit der ostlibyschen Stadt Bengasi und unterhielt dort enge Kontakte zur „Al-Muqatila“-Gruppe. „Es gibt Geheimdiensterkenntnisse, dass Osama Bin Laden in Libyen war“, meint Terrorexperte Brisard, „Es ist aber schwierig zu bestätigen, ob er wirklich physisch in Libyen präsent war.“

Über die Jahre entstanden Verschwörungstheorien um den Mordfall Silvan Becker, die an Agentenkrimis erinnern. Eine Theorie stammt vom ehemalige britische Geheimdienstler David Shayler. Dieser behauptet, der britische Auslandsgeheimdienst MI6 habe in den 1990er Jahren mit den mutmaßlichen Mördern des deutschen Paares Becker, den libyschen Islamisten der „Al-Muqatila“, kooperiert um eine Mordanschlag auf Muammar al-Gaddafi durchzuführen. Die Dschihadisten sollten angeblich behilflich sein, den libyschen Staatschef bei einer Parade in der Stadt Surt zu eliminieren. Silvan und Vera Becker seien den Islamisten dabei in die Quere gekommen und deshalb getötet worden, so die Theorie.

Die britische Zusammenarbeit mit den libyschen Extremisten sei auch der Grund, weshalb der libysche Interpol-Haftbefehl von Großbritannien und den USA ignoriert wurde, behauptet Shayler.

Eine weitere Theorie für die Hintergründe im Mordfall Becker lieferte bereits kurz nach Bekanntwerden des Falles, die Tageszeitung „taz“. Sie spekulierte, Silvan Becker sei hauptverantwortliche Ermittler des Verfassungsschutzes im Fall des Anschlages auf die Berliner Discothek „La Belle“ gewesen, bei dem am 05.April 1986 zwei amerikanische Soldaten und eine türkische Frau getötet wurden. Als Auftraggeber des Attentats wird der libysche Geheimdienst vermutet.

Die Behauptung, Becker sei ein Ermittler im Fall „La Belle“ gewesen, wies ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz gegenüber der „taz“ entschiedenurück. So bleibt weiterhin unklar, was der deutsche Agent 1994 in Libyen vor hatte, und wer ihn letztendlich weshalb ermordete.