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Dschihad-Rückkehrer Teil 8 – „Bin im Kalifat“

von Florian Flade

Ein Schüler aus Baden-Württemberg reist zum „Islamischen Staat“ nach Syrien. Bald ist er frustriert und hat genug vom Dschihad. Bei seiner Rückreise gerät er in die Gefangenschaft kurdischer Milizen. Inzwischen ist er wieder in Deutschland.

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Symbolfoto: IS-Kämpfer

Auf den ersten Blick sind es nur Zahlen. 800 Ausreisen, 130 Tote, ein Drittel Rückkehrer. Islamisten die von Deutschland aus in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gezogen sind. Männer und Frauen, Jugendliche, Kinder, manche erst 14 Jahre alt. Einige gingen alleine, andere nahmen ihre Geschwister, ihre Ehefrauen oder die eigenen Kinder mit. Für die Polizei und für den Verfassungsschutz sind die Syrien-Reisenden potenzielle Terroristen. Sie sehen in der Rückkehr der Dschihadisten eine Gefahr für die innere Sicherheit der Bundesrepublik.

Oft aber steht hinter jedem einzelnen Fall ein geradezu traumatischer Schicksalsschlag für Familie und Bekannte. Zahlreiche Eltern sind völlig überrascht, wenn das eigene Kind urplötzlich in ein Flugzeug steigt und in den syrischen Bürgerkrieg zieht. Und nicht wenige ergreifen eigenständig die Initiative und wollen den Sohn oder die Tochter zurückholen. So wie Familie W. aus Waldshut-Tiengen im südlichen Baden-Württemberg.

Am 17. August 2015, einem Montag, durchsuchte das Landeskriminalamt (LKA) die Wohnung von Familie W.. Die Beamten fanden dabei einen Zettel.  „Samy W.“, stand darauf, dazu Daten und auch Uhrzeiten. Das Papier dokumentiert die Kontaktaufnahme zwischen den Eltern in der baden-württembergischen Provinz und ihrem Sohn, der sich nach Syrien aufgemacht hatte. 

Samy war 18 Jahre alt, stand kurz vor dem Abitur, als er verschwand. Das war am 01. März 2015. Da stieg der Gymnasiast in Frankfurt am Main in ein Flugzeug und flog nach Bulgarien. Von dort aus reiste er wohl per Bus in die Türkei und anschließend über die Grenze nach Syrien. Über Twitter soll Samy kurz zuvor einen Dschihadisten kennengelernt haben, der ihm Ratschläge für seine Reise gab.

Nur einen Tag später meldete sich Samy per Skype bei seinen Eltern in Deutschland. Diese dokumentierten die Kontaktaufnahme mit ihrem Sohn. Auf jenem Zettel, den das LKA fand, notierten sie am 02. März 2015: „Meldung Samy: Bin in Kalifat“.

Samy W. war über die türkisch-syrische Grenze gereist. In ein Ausbildungslager der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS). Rund drei Wochen trainierten die Terroristen den 18-jährigen Baden-Württemberger an Schusswaffen. Dann brachten sie ihn nach Raqqa, in die inoffizielle Hauptstadt des IS.

Zu dieser Zeit tobten die Kämpfe in der syrischen Grenzstadt Kobane. IS-Dschihadisten lieferten sich heftige Gefechte mit kurdischen Milizen, die von der US-Luftwaffe unterstützt wurden. Der IS erlitt dabei massive Verluste und musste für einen stetigen Nachschub an Waffen und Kämpfern sorgen. Auch der Neuankömmling Samy W. sollte in Kobane eingesetzt werden. Doch der Baden-Württemberger zögerte. „Samy möchte Gruppe wechseln“, notierten seine Eltern nach einem weiteren Skype-Kontakt, „wegen Sprachproblemen.“

Der IS verlegte Samy W. Anfang Mai 2015 schließlich in eine Einheit, die speziell für englischsprachige Dschihadisten aus Europa und Nordamerika eingerichtet worden war. Die sogenannte „Anwar al-Awlaki Brigade“, deren schwedischer Kommandeur vor kurzem bei einem US-Luftangriff ums Leben kam. Fortan konnte der 18-jährige Samy mutmaßlich keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern aufnehmen. Er sei in einem Trainingslager „ohne Außenverbindungs-Möglichkeit“, hielten die Eltern in ihren Notizen fest.

Nach Erkenntnissen der Ermittler wuchs zu dieser Zeit bei Samy der Unmut über die Situation beim IS. Hinzu kam eine Erkrankung der Mutter, die ihm wohl zusätzlich zusetze. Der Islamist soll daher versucht haben per Anhalter aus Raqqa zu flüchten. Doch die Aktion misslang, Samy soll zwei Wochen in Haft gekommen sein.

Seine Eltern versuchten wohl zu dieser Zeit von der Türkei aus einen Schleuser für ihren Sohn zu organisieren. Anfang Juli 2015 kam Samy tatsächlich in der umkämpften Stadt Kobane mit zwei Männern in Kontakt, die ihn schließlich an die kurdischen Volksbefreiungseinheiten YPG übergaben. Die YPG-Milizionäre sollen den deutschen IS-Dschihadisten zunächst eingekerkert haben. Zehn Tage sei er in einem Erdloch ohne Licht oder Fenster festgehalten worden, teilte Samys Verteidiger der Bundesanwaltschaft mit. Oft hätten ihn die kurdischen Kämpfer stundenlang verhört, ihm dabei die Augen verbunden und ins Gesicht geschlagen.

Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) haben das Verhörprotokoll der YPG eingesehen. Der deutsche Auslandsgeheimdienst erhielt zudem von den kurdischen Milizen noch weitere Beweisstücke: einen Tablet-Computer, auf dem drei Fotos gespeichert waren. Sie sollen Samy W. mit Tarnkleidung und Schusswaffe in Syrien zeigen. Außerdem bekam der BND einen IS-Personalausweis von Samy W. ausgehändigt, auf dem der Kampfname „Abu Ismail“, sowie die Funktion des Deutschen vermerkt ist: „Mudschahid“ (Kämpfer).

Am 29. Juli 2015 schließlich übergaben die YPG-Kämpfer Samy W. über Mittelsmänner in der türkischen Grenzstadt Gaziantep seinen Eltern. Kurz darauf nahmen ihn türkische Sicherheitskräften fest. Es dauerte Monate bis Samy W. nach Deutschland zurückkehrte. Erst am 09. Oktober 2015 brachte ihn ein Flugzeug nach Stuttgart, wo ihn noch am Flughafen die Beamten des LKA Baden-Württemberg in Gewahrsam nahmen.

Seitdem wartet Samy W. auf seinen Prozess wegen Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Er befindet sich mittlerweile nicht mehr in Untersuchungshaft. Gegen Auflagen darf er wieder bei seinen Eltern wohnen. Seinen Reisepass und seinen Personalausweis musste er bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hinterlegen. Außerdem muss sich der Syrien-Rückkehrer seit Anfang Dezember drei Mal wöchentlich bei der Polizei melden.

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Dschihad-Rückkehrer Teil 1 – “Du Blödmann!”

Dschihad-Rückkehrer Teil 2 – Auf Shoppingtour

Dschihad-Rückkehrer Teil 3 – “Etwas erledigen”

Dschihad-Rückkehrer Teil 4 – Kämpfer im Sturm

Dschihad-Rückkehrer Teil 5 – Liebe im “Heiligen Krieg”

Dschihad-Rückkehrer Teil 6 – Der Jäger

Dschihad-Rückkehrer Teil 7 – Die Herforder Clique

 

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Al-Qaida und die Paris-Attentate

von Florian Flade

Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) hat die Verantwortung für die Terroranschläge auf Charlie Hebdo in Paris übernommen. Wie glaubhaft ist die Selbstbezichtigung?

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Es war zu erwarten, dass es ein paar Tage dauern würde, bis sich ein Terrornetzwerk offiziell zu den schrecklichen Anschlägen von Paris äußern würde. Während auf Twitter bereits zahlreiche echte und Möchtegern-Dschihadisten die Bluttaten bejubelten, hielten sich die Terrorgruppen „Islamischer Staat“ (IS) und die diversen Ableger des Al-Qaida-Netzwerkes offiziell noch zurück.

Der Attentäter Cherif Kouachi hatte in einem Telefonat mit einem Journalisten des französischen Fernsehsenders BFMTV kurz vor seinem Tod erklärt, er handle im Namen der jemenitischen Al-Qaida. Der Geiselnehmer im jüdischen Supermarkt Hyper Marche, Amedy Coulibaly, hingegen hatte ebenfalls gegenüber einem TV-Journalisten erklärt, er sei ein Mitglied des „Islamischen Staates“. „Ich will, dass sich die Armee aus dem Islamischen Staat zurückzieht, aus allen Gebieten, wo sie den Islam bekämpft“, sagte der 32-jährige. In einem späteren Bekennervideo schwor er schließlich auch dem IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi den Treueeid.

In wessen Auftrag also mordeten die Kouachis und Coulibaly in Paris?

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Am Mittwoch tauchte ein Video der jemenitischen Al-Qaida (AQAP) auf. Darin behauptet der Dschihadist Nasser Ibn Ali al-Ansi der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sei das Werk von AQAP gewesen. „Wir von der Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel übernehmen die Verantwortung für diese Operation as eine Rache für den Gesandten Allahs“, sagt al-Ansi. „Wir machen der Ummah klar, dass derjenige, der das Ziel ausgewählt hat, den Plan gemacht und die Operation finanziert hat, die Führung unserer Organisation ist.“

Die Anschläge hätten nach einem Befehl von Al-Qaida-Führer Ayman az-Zawahiri und nach dem Willen von Osama Bin Laden stattgefunden. „Die Abmachung mit dem Anführer der Operation wurden von Sheikh Anwar al-Awlaki gemacht, der den Westen sowohl im Leben und als auch nach seinem Märtyrertod bedroht“, erklärt Al-Ansi weiter. „Diese gesegnete Schlacht wurde ausgeführt von zwei Helden des Islam, den Kouachi Brüdern Cherif und Said. Es war ein göttlicher Segen von Allah, dass diese Operation zufällig mit der Operation des Mudschahid-Bruders Ahmed Koulibali zusammenfiel.“

Al-Qaida habe die Mohammed-Karikaturisten weltweit vor den Konsequenzen gewarnt. Im „Inspire“-Magazin der jemenitischen Al-Qaida sei zudem eine Todesliste veröffentlicht worden, auf der sich auf der Charlie-Hebdo-Chefredakteur Charbonnier befand.

„Wir haben euch vorher vor den Konsequenzen dieser Taten gewarnt, dass eure Regierungen erlauben unter dem Kontext von Pressefreiheit und Meinungsfreiheit“, erklärt AQAP-Terrorist Al-Ansi außerdem.

Bislang unbestätigten Berichten zufolge soll es tatsächlich Verbindungen zwischen den Paris-Attentätern und der jemenitischen Al-Qaida gegeben haben. US-Geheimdienste übermittelten ihren europäischen Partnern wohl die Information, dass die Kouachi-Brüder im Jahr 2011 zunächst in den Oman und von dort aus weiter in den Jemen gereist sei. Am 25. Juli 2011 sollen die Islamisten demnach in den Jemen geschleust worden sein, wo sie anschließend in einem Ausbildungslager der Al-Qaida in der Region Marib an Waffen geschult worden sein sollen. Bis zu zwei Wochen sollen sich die Kouachis im Jemen aufgehalten haben, bevor sie am 15. August 2011 wieder über den Oman nach Frankreich zurückreisten.

Rund einen Monat später, am 30. September 2011 tötete eine US-Drohne den US-jemenitischen Prediger Anwar al-Awlaki. Der englisch- und arabischsprachige Extremist hatte Kontakte zu zahlreichen Islamisten in Europa und Nordamerika und rief sie zu Anschlägen in ihren Heimatländern auf.

Es wäre durchaus denkbar, dass Awlaki die Kouachi-Brüder zu ihrem späteren Attentat inspiriert hat. Ähnlich wie bereits zuvor im Fall des Ford-Hood-Attentäters Nidal Hassan oder des Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab, der im Dezember 2009 versuchte eine amerikanische Passagiermaschine mit einer Bombe in seiner Unterwäsche in die Luft zu sprengen.

Cherif Kouachi erklärte im TV-Interview am vergangenen Donnerstag, dass er von der Al-Qaida im Jemen beauftragt und von Anwar al-Awlaki finanziert worden sei. Dies öffentlich zu äußern, schien ihm sehr wichtig zu sein.

Das nun aufgetauchte Video von AQAP ist tatsächlich ein weiteres Indiz, dass es eine starke Jemen-Verbindung der Kouachi-Brüder geben könnte. Und die Organisation womöglich tatsächlich seit einigen Jahren über terroristische „Schläfer“ in Frankreich verfügte.

Wenn Drohnen Amerikaner töten

www.nytimes.com 2013-3-10 18:46:58

Anwar al-Awlaki war aus Sicht der US-Regierung ein Staatsfeind. Der Mann mit dem oft so falsch ausgesprochenen Namen stand weit oben auf den Fahndungslisten der Terrorjäger. Er galt als „Terroristen-Macher“. Als scharfsinniger Ideologe, der mit seinen Predigten zum Dschihad gegen den Westen aufrief.

Was ihn so gefährlich machte, war dabei weder der Inhalt seiner Hass-Predigten sondern vielmehr die Tatsache, dass er sie in Englisch verbreitete. Awlaki war Muttersprachler. Mehr noch: er war amerikanischer Staatsbürger. Geboren am 22. April 1971 in Las Cruces, im US-Bundesstaat New Mexico.

Die USA hatte Anwar al-Awlaki längst verlassen, als er zu einem der meistgesuchten Terroristen der Welt mutierte. Vom Jemen aus warb er Muslime im Westen per Internet an, Terroranschläge in ihren Heimatländern zu verüben. Teilweise mit Erfolg.

Am 30.September 2011 ereilte Awlaki das Schicksal so viele Al-Qaida-Terroristen. US-Drohnen feuerten Raketen auf eine Gruppe Männer, die in der jemenitischen Wüste frühstückten. Anwar al-Awlaki fand an jenem Morgen den Tod.

Mark Mazzetti, Charlie Savage und Scott Shane haben für die „New York Times“ einen faszinierenden Artikel verfasst über die Jagd nach dem Terroristen mit amerikanischem Pass. Wie fand die CIA den Al-Qaida-Prediger? Warum entschied der US-Präsident Awlaki zu töten? Was heißt es, wenn Amerika im Anti-Terror-Kampf nun auch eigene Staatsbürger ins Visier nimmt?

Lesen Sie hier „Anwar al-Awlaki, a U.S. Citizen, in America´s Cross Hair“