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Bilanz 2011: Weltweit 66 Journalisten getötet

von Florian Flade

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat einen traurigen Jahresbericht vorgestellt. Im Jahr 2011 wurden weltweit 66 Journalisten aufgrund ihrer Tätigkeit getötet – die meisten in Pakistan, Irak, Mexiko und Libyen. Auch Blogger wurden Opfer von Gewalt und Repression.

María Elisabeth Macías Castro aus Nueva Laredo im nordmexikanischen Bundesstaat Tamaulipas war mutig. So mutig, dass die 39jährige Journalistin ihren Mut mit ihrem Leben bezahlte. Castro, Chefredakteurin der Lokalzeitung „Primera Hora“, wagte in diesem Jahr einen riskanten Schritt. Sie startete ein Internet-Projekt. Über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter berichtete María Castro regelmäßig über die Verbrechen der Drogenkartelle in ihrer Heimatstadt Nuevo Laredo.

Seit die mexikanische Drogenmafia die lokalen Medien mit Drohungen und brachialer Gewalt größtenteils zum Schweigen gebracht hat, erfahren viele Mexikaner oft nur noch über soziale Netzwerke von Morden und sonstige Verbrechen in ihrer Region. Für ihren Einsatz, die seit Jahren anhaltende Gewalt durch die Drogenkartelle in Mexiko im Internet anzuprangern, musste die Journalistin María Castro sterben.

Am 24.September wurde ihre Leiche an der Hauptstraße von Nueva Laredo gefunden. Die Journalistin war enthauptet worden. Ihren abgetrennten Kopf hatten die Mörder in einen Topf gelegt. Darin fanden sich zudem eine Computer-Maus, eine Tastatur, Kopfhörer und Kabel – Symbole für Castros Internet-Aktivitäten. „Ich bin hier wegen meinen und euren Berichten“, stand auf einem Zettel den das Drogenkartell „Zetas“ an der Leiche hinterließ.

María Elisabeth Macías Castro starb für ihren journalistischen Kampf gegen die Gewaltspirale, in der Mexiko seit Jahren versinkt. Sie ist eine von Dutzenden Reportern, Fotojournalisten und Bloggern die in diesem Jahr in der Ausübung ihres Berufes ihr Leben verloren. Insgesamt wurden im Jahr 2011 weltweit 66 Journalistinnen und Journalisten aufgrund ihrer Tätigkeit getötet. Dies geht aus dem diesjährigen Abschlussbericht von „Reportern ohne Grenzen“ (ROG) hervor der am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Laut ROG starben damit neun Journalisten mehr als noch im Vorjahr. Gestiegen ist zudem die Zahl der Entführungen und Festnahmen von Journalisten und Mitarbeitern von Medien. Im Jahr 2011 wurden laut ROG 1044 Journalisten weltweit festgenommen, die meisten in Eritrea, dem Iran und Myanmar. 1.959 Journalisten wurden bedroht oder physisch angegriffen und 71 wurden Opfer von Entführungen.

Die politischen Entwicklungen in Nordafrika und Nahost, genannt der „Arabische Frühling“, seien verantwortlich für den Anstieg von Gewalt gegen Medienvertreter, analysiert ROG. Auch in anderen Ländern, in denen 2011 Demonstrationen und Bürgerprotest stattfand, wurden Journalisten Opfer von Regime-Gewalt und Unterdrückung. So etwa in Weißrussland, Uganda und dem Sudan.

Wie bereits 2010 starben die meisten Journalisten in diesem Jahr in Pakistan (10), gefolgt vom Irak (7), Mexiko (5) und Libyen (5). Zu den gefährlichste Regionen für journalistische Arbeit zählten laut ROG im Jahr 2011 die syrischen Städte Homs, Deraa und Damaskus, die libysche Stadt Misrata, sowie der Kairoer Tahrir-Platz, die pakistanische Provinz Belutschistan, Somalias Hauptstadt Mogadischu und der mexikanische Bundesstaat Veracruz.

Neben den Mitarbeitern offizieller Medien erwies sich 2011 auch als gefährliches Jahr für Blogger und Internet-Aktivisten. Fünf Online-Aktivisten verloren in diesem Jahr ihr Leben, 199 wurden festgenommen.

Eines der prominentesten Opfer der journalistischen Branche, die 2011 ums Leben kamen, ist der britische Kriegs-Fotograf Tim Hetherington. Er starb am 20.April bei einem Granatenangriff in Libyen. Hetherington, dessen Fotostrecken aus Afghanistan und ein Dokumentarfilm aus Liberia weltweit für Aufmerksamkeit sorgten, war im Auftrag des Magazins „Vanity Fair“ in Libyen unterwegs. In der libyschen Stadt Misrata geriet Tim Hetherington mit einigen Kollegen in ein Straßengefecht. An seiner Seite starb Fotograf Chris Hondros von der Agentur „Getty Images“.

Der österreichisch-südafrikanische Fotograf Anton Hammerl wurde in diesem Jahr ebenfalls in Libyen getötet. Hammerl wurde am 5.April nahe der ostlibyschen Stadt Brega von Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi angegriffen. Der freischaffende Journalist erlitt einen Bauchschuss an dem er kurze Zeit später verstarb. 

In Pakistan starb 2011 mit Syed Saleem Shahzad einer der bekanntesten Enthüllungsjournalisten des Landes. Shahzad, der für die „Asia Times“ über die Taliban, Al-Qaida und den pakistanischen Geheimdienst ISI berichtete, verschwand am 29.Mai in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Am Folgetag wurde der Leichnam des Journalisten rund 150km südöstlich von Islamabad in einem Kanal gefunden. Wie die „New York Times“ berichtete, sollen US-Regierungskreise über Informationen verfügen dass Elemente in Pakistans mächtigem Geheimdienst ISI die Ermordung von Syed Saleem Shahzad anordneten.

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Syrische Bloggerin Amina ist reine Fiktion

by Florian Flade

Die Geschichte der lesbischen Syrerin Amina Abdallah Araf rührte Tausende weltweit. Ihr Blog „A Gay Girl in Damascus“ wurde zu einer Stimme der Unterdrückten in Nahost. Jetzt bekennt ein amerikanischer Student, die syrische Bloggerin frei erfunden zu haben.

„A Gay Girl in Damascus“ – so heißt ein englischsprachiges Weblog der seit Monaten für Aufsehen sorgt. Das Internet-Tagebuch soll von einer jungen Syrerin namens Amina Abdallah Araf geführt geführt werden, die sich als lesbisch geoutet hat und seither über ihr Leben und die Unterdrückung sexueller Minderheiten in der syrischen Dikatur schrieb. Amina gehört, seitdem sie die Webseite im Februar ins Leben rief, zu den bekanntesten Bloggerinnen der arabsichen Welt. In Syrien entwickelte sich die homosexuelle Aktivitistin schnell zur einer Ikone des Aufstandes gegen die Assad-Diktatur. Dann verschwand Amina spurlos.

Am 06.Juni verfasste eine angebliche Cousine von Amina einen Eintrag auf „A Gay Girl in Damascus“, den hunderttausende Internetnutzer in den Folgetagen lasen und der seinen Weg auch in internationale Medien fand. Aminas vermeintliche Cousine berichete, die Bloggerin sei während der aktuellen Unruhen in Syrien von Sicherheitskräften verschleppt worden. Ihre Familie habe keinen Kontakt zu Amina und wisse nicht wo sie vom Regime festgehalten werde.

Die Meldung von der Entführung der hübschen Internet-Aktivitistin löste eine Welle der Unterstützung und des Protestes aus. Internet-Nutzer die Aminas Blog verfolgt hatten, gründeten Facebook-Gruppen und riefen dazu auf E-Mails an syrische Botschaften schicken, mit der Aufforderung an das Regime, Amina freizulassen. Der Fall der Bloggerin aus Damaskus wurde zu einem weiteren Symbol für die Menschenrechtsverletzungen der Regime in der Region. Eine Märtyrerin der Internet-Generation war geboren.

Dabei war nicht einmal klar, ob Amina, die Lesbe aus Damaskus, tatsächlich existierte. Alle biografischen Angaben stammten von ihrem Blog, niemand schien der realen Amina Araf persönlich jemals begegnet zu sein, einzig der E-Mail Kontakt konnte nachgewiesen werden. Erste Zweifel an er Geschichte und der Existenz der lesbischen Bloggerin kamen auf.
Eine Reportin des „Guardian“ interviewte die junge Frau lediglich per E-Mail, ein Treffen oder Telefoninterview wurde abgelehnt. Eine Kanadierin tauschte gar über 1,000 E-Mails mit Amina aus, im Glauben die Syrerin sei eine real existierende Person.

In der vergangenen Woche meldete sich schließlich in Großbritannien eine Frau, deren Fotos von der syrischen Bloggerin als die ihren ausgegeben wurden. Jelena Lecic, eine in London lebende Kroatin gab im britischen TV-Sender BBCan, die Fotos aus ihrem Facebook-Profil seien auf „A Gay Girl in Damascus“ als Aufnahmen von Amina al-Araf veröffentlicht worden waren. Renommierte Medienvertreter wie die US-Tageszeitung „New York Times“ äußerten sich skeptisch, ob die Geschichte der lesbischen Bloggerin der Wahrheit entspricht.

Gestern nun flog der Schwindel auf. Der amerikanische Nahost-Aktivist Tom MacMaster gestand, den Blog geführt und Aminas Geschichte frei erfunden zu haben. McMaster, der derzeit an der Edinburgh University in Schottland studiert, veröffentlichte auf „A Gay Girl in Damascus“ eine schriftliche Entschuldigung. Unterzeichnet ist der Eintrag mit „Tom MacMaster, Istanbul, Türkeo, 12.Juli 2011 – Der einzige Autor aller Texte auf diesem Blog“.

„Ich hatte nie mit diesem Maß an Aufmerksamkeit gerechnet“, so MacMaster der sich aktuell im Urlaub in der Türkei aufhalten soll, „die Erzähler-Stimme mag fiktional sein, aber die Fakten auf diesem Blog zur Situation im Land sind wahr und nicht irreführend.“

Er hoffe, so der Blogger, dass den Menschen in Nahost in Zeiten des politischen Umbruchs viel Aufmerksamkeit geschenkt werde. „Die Ereignisse dort werden von den Menschen vor Ort, die sie tagtäglich leben, geprägt“, schreibt der Amerikaner, „Ich habe nur versucht, sie für die westliche Leserschaft zu erleuchten.“

Amina die Bloggerin erfunden zu haben, sieht Tom MacMaster nicht als problematisch. „Ich denke nicht, dass ich irgendwem geschadet habe“, heißt es im gestrigen Blogeintrag, „Ich denke ich habe eine wichtige Stimme geschaffen, für Themen, die mich wirklich bewegen.“

Der britische „The Guardian“ hatte bereits vor dem Entschuldigungs-Eintrag des Bloggers gemeldet, die wahre Identität von Amina sei von findigen Internet-Nutzern ausfindig gemacht worden. Gast-Beiträge auf einem anderen Blog, die angeblich von Amina aus Damaskus verfasst worden waren, seien von einem Computer versendet worden, der in Schottland lokalisiert wurde.

Fotos auf Aminas Blog fanden sich zudem in einem Internet-Fotoalbum von Tom MacMasters Ehefrau, Britta Froehlich, die an der schottischen St.Andrew´s Universität derzeit eine Doktorarbeit über Wirtschaftsentwicklung in Syrien schreibt.

Im Internet reagieren die Leser von „A Gay Girl in Damascus“ empört über das Lügenkonstrukt. „Es macht mich so wütend“, heißt es in einem Kommentar. Die reale Situation in Syrien sei „zu schrecklich für solche Spielchen.“
Der Chef-Redakteur von GayMiddleEast.com, Sami Hamwi, ist zornig über die frei erfundene Geschichte der Bloggerin Amina. „An Herrn MacMaster: Schämen Sie sich!“, so Hamwi, „Was Sie getan haben, hat vielen von uns geschadet, hat uns alle in Gefahr gebracht (…) Bedenken Sie zudem, dass es vielleicht sogar Zweifel an der Authentizität unserer Geschichten ausgelöst hat.“

Britta Froehlicher, die Ehefrau von Tom MacMaster, ließ per E-Mail mitteilen, in den kommenden 24 Stunden würden sie und ihr Ehemann das erste Interview geben. Momentan aber genieße man den Urlaub in der Türkei und wolle eine „nette Zeit“ verbringen.