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„Wandert aus, wandert aus…“ – Deutsche Salafisten-Kolonie in Ägypten

von Florian Flade

Vor knapp drei Monaten wurde das islamistische Netzwerk „Millatu Ibrahim“ verboten. Aus Sicht der Sicherheitsbehörden ein Erfolg im Kampf gegen die Radikalen. Doch nun formieren sich deutsche Salafisten in Ägypten neu – und rufen zur Rache an der Bundesrepublik auf.

Mohammed M. alias „Abu Usama al-Gharib“ in Ägypten

Sie kamen im Morgengrauen. Hunderte Polizeibeamte durchsuchten am 14. Juni zahlreiche Vereinsräume und Privatwohnungen in sieben Bundesländern. Ziel der bundesweiten Aktion war die Zerschlagung des islamistischen Netzwerkes „Millatu Ibrahim“.

Ein halbes Jahr trieb die Gruppierung zwischen Berlin, Solingen, Bonn und dem hessischen Erbach ihr Unwesen. Ihre Anhänger attackierten Polizisten bei Demonstrationen in Bonn, hetzten gegen Andersgläubige und riefen unverhohlen zum „Heiligen Krieg“ in und gegen Deutschland auf.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ließ ein Verbotsverfahren gegen „Millatu Ibrahim“ einleiten. Seit dem Verbot des sogenannten „Kalifatstaates“ im Dezember 2001 hatte es keine großangelegte Aktion gegen organisierte Vertreter des islamischen Extremismus in der Bundesrepublik mehr gegeben.

Die Schließung der Solinger „Millatu Ibrahim“-Moschee habe mehr Symbolcharakter als tatsächlichen Nutzen, betonten Kritiker der Aktion. Mit dem Verbot eines Vereins verschwänden weder dessen Anhänger noch deren Ideologie.

Innenminister Friedrich verteidigte jedoch die Maßnahme als notwendig und richtig. Die Ideologie von „Millatu Ibrahim“ richte sich „gegen den Gedanken der verfassungsrechtlichen Ordnung und der Völkerverständigung“, so der Minister. Laut dem Innenministerium rief „Millatu Ibrahim“ zum Kampf gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung auf.

Wer sich in Sicherheitskreisen umhört, stellt fest: Verfassungsschutz und Polizei werten die Verbotsaktion im Fazit mehrheitlich als Erfolg. Allein die beschlagnahmten Computer und Festplatten seien von nicht zu unterschätzendem Wert, heißt es.

Zudem sei bei den Durchsuchungen Material konfisziert worden, das darauf schließen lasse, dass die salafistische Szene offenbar weiter eine Eskalation der Straßengewalt bei Demonstrationen anstrebe. So seien beispielsweise Knieschoner, Schlagstöcke und andere Ausrüstungsgegenstände gefunden worden. „Kampfmonturen für Straßenkämpfe“, wie ein Staatsschützer sagt.

Verschwunden aber ist „Millatu Ibrahim“ keineswegs. Die Bewegung lebt fort. Und zwar genau wie vor dem Verbot vor allem im Internet. Diverse salafistische Internetauftritte wie salafimedia.de und millatu-ibrahim.com gingen zwar offline, doch die „Millatu Ibrahim“-Anhänger sind weiterhin online vernetzt. In Sicherheitskreisen weiß man um die Kommunikation untereinander.

Der Emir von „Millatu Ibrahim“, der Österreicher Mohammed M., war im Mai einer Abschiebung zuvorgekommen und hatte Deutschland verlassen. Er lebt heute in Ägypten, hält aber über das Internet weiter Kontakt zu seinen Getreuen in Deutschland. M. alias „Abu Usama al-Gharib“, so das Fazit der Behörden, versucht aus dem ägyptischen Exil heraus, „Millatu Ibrahim“ am Leben zu halten.

Videoauftritte des Österreichers sind seltener geworden. Die Propagandafront ruht allerdings nicht. Ein Beweis für die anhaltenden Bestrebungen des Exil-Salafisten ist ein PDF-Dokument, das erstmals vor zwei Wochen in arabischsprachigen Internetforen auftauchte.

Das deutschsprachige Schreiben mit dem Titel „Abrechnung mit Deutschland“ thematisiert die Mohammed-Verunglimpfungen durch ein YouTube-Video aus den USA und stachelt gläubige Muslime in Deutschland an, blutige Rache an all jenen zu üben, die den Propheten beleidigen oder Beleidigungen gutheißen.

Sicherheitsbehörden werten das Schreiben als direkten Mordaufruf. Und sie glauben, den Verfasser identifiziert zu haben: Mohammed M.. Man geht davon aus, dass die Hassbotschaft, die von einem „Abu Assad al-Almani“ unterzeichnet ist, entweder im Auftrag M.s entstanden oder vom Österreicher selbst verfasst wurde.

Die Absicht der achtseitigen Schrift scheint eindeutig: islamistische Attentäter in Deutschland aktivieren. Seien es radikale Islamisten, die bereits seit Längerem Anhänger von „Millatu Ibrahim“ und dem militanten Salafismus sind – oder emotionalisierte Einzeltäter nach dem Vorbild von Arid U., dem Attentäter vom Frankfurter Flughafen.

„Abrechnung mit Deutschland“ fällt derzeit nicht auf fruchtbaren Boden, analysieren die Nachrichtendienste. Nach wie vor gebe es zwar gewaltbereite Islamisten in einer nicht unerheblichen Zahl. Die salafistische Szene zeige jedoch aktuell keine terroristischen Bestrebungen. Die Gefahr von Anschlägen, so heißt es von Seiten des Bundeskriminalamts, sei zwar „konstant hoch“, aber „abstrakt“.

Ein Grund dafür, weshalb keine Gewalttaten von Seiten der Salafisten in den vergangenen Wochen zu verzeichnen waren, liegt auch im scheinbaren Erfolg der Razzia in Solingen. Statt aus Deutschland heraus zu agieren, sammeln sich deutsche Salafisten nun in Ägypten. Etwa 20 Personen aus der radikalislamischen Szene sollen inzwischen an den Nil ausgewandert sein.

Weitere 30 Salafisten, darunter ganze Familien, säßen „auf gepackten Koffern“, bestätigte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. „Millatu Ibrahim“ habe in Ägypten einen „Brückenkopf“ errichten können, sagte Maaßen der „Rheinischen Post“.

Unter den Auswanderern finden sich einige der bekanntesten Vertreter des radikalen Islams in Deutschland. Allen voran Denis Cuspert.

Der Berliner Ex-Rapper (Künstlername „Deso Dogg“) verschwand im Juni klammheimlich in den Untergrund. Trotz Überwachung durch die Sicherheitsbehörden und der Tatsache, dass Cuspert schon vor längerer Zeit der Reisepass entzogen wurde, gelang es dem Islamisten, sich zunächst nach Südeuropa und anschließend nach Ägypten abzusetzen.

„Wir wissen nicht, wo sich Herr Cuspert aufhält“, hieß es noch im Juli offiziell in Sicherheitskreisen. Tatsächlich aber lokalisierte man den Ex-Rapper zu diesem Zeitpunkt schon in Ägypten. Cuspert zog es – trotz Ehefrau und Kindern in Deutschland – zu seinem Glaubensbruder Mohammed M.. Im Land der Pharaonen kam es zur Wiedervereinigung der „Millatu Ibrahim“-Gründungsfiguren.

Bevor er sich ins Ausland absetzte, hinterließ Cuspert noch eine Abschiedsbotschaft in Videoform. Darin droht der Ex-Rapper mit Terroranschlägen in Deutschland. „Ihr werdet nicht mehr in Sicherheit leben. Ihr setzt Millionen und Milliarden ein für den Krieg gegen den Islam“, so Cuspert. Aufgenommen wurde das Video, das knapp eine Stunde lang ist, in Köln im Mai.

Inzwischen folgten Cuspert eine Reihe von Gesinnungsgenossen, die sich durch das „Millatu Ibrahim“-Verbot unter verstärktem Druck von Seiten des Staates sehen. Insbesondere aus der Solinger Szene wanderten mehrere Salafisten kurz nach der Umsetzung des Vereinsverbotes und der Schließung der „Millatu Ibrahim“-Moschee aus.

Einer der Auswanderer ist Hasan K. alias „Abu Ibrahim“. K. galt als Führungsfigur der Solinger Szene, und seit dem Wegzug von Mohammed M. ins hessische Erbach als dessen Stellvertreter.

Der Deutsch-Türke stammt aus dem salafistischen Milieu im Rheinland. Früher soll Hasan K. im Umfeld des sogenannten „Kalifatstaates“ aktiv gewesen sein. Dann entwickelte er sich zum salafistischen Hardliner.

In den Monaten vor dem Verbot von „Millatu Ibrahim“ verging kaum eine Woche, in der keine neue Videopredigt von Hassan K. im Internet auftauchte. Mal in den Solinger Moscheeräumen, mal vor plätschernden Bächen in einem Waldstück oder Park, meist aber vor der schwarzen Flagge mit dem Siegel des Propheten, hetzte K. gegen den deutschen Staat, Demokratie, Integration und Andersgläubige.

Neben Hasan K. hat noch eine Person aus der salafistischen Prominenz in Ägypten ihre Zelte aufgeschlagen – Reda S. Der passionierte Kameramann galt als Schlüsselfigur der salafistischen Szene in Berlin. Laut Verfassungsschutz ist er einer der Veteranen des radikalen Islam in Deutschland. „Er hat eine gewisse Märtyrer-Rolle“, sagt eine Sprecherin des Berliner Verfassungsschutzes.

Was der in Berlin-Charlottenburg wohnhafte Salafist in Ägypten treibt, ist nicht bekannt. „Wir denken nicht, dass Herr S. zum Urlaub machen in Ägypten ist“, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Bislang ist allgemein unklar, wie eng die deutsche Exil-Salafisten am Nil tatsächlich vernetzt sind. Differenzen, die innerhalb der Szene in Deutschland existieren, sind wohl in Ägypten nicht schlagartig überwunden. Einige Personen seien gezielt dem ausgewanderten Führungsköpfen der Szene, sprich M., gefolgt. Andere hingegen hätten völlig unabhängig davon und aus anderen Beweggründen ihren Lebensmittel in das arabische Land verlagert.

Von den Reisebewegungen der Radikalen erfahren die Dienste meist nur zeitverzögert. In vielen Fällen sind deutsche Sicherheitsbehörden auf die Hilfe der Geheimdienste am Ort angewiesen. Das größte Problem ist, die Absicht der ausgereisten oder ausreisenden Islamisten zu erkennen. Wer will langfristig in Ägypten bleiben? Wer wird zurückkehren? Wer radikalisiert sich im Exil? Wer sehnt sich nach Dschihad und Märtyrertod?

Die überwiegende Mehrheit der Extremisten hofft wohl schlichtweg auf ein besseres, sprich islamischeres Leben in Ägypten oder besucht eine Sprachschule oder islamische Universität. Sie fühlen sich beflügelt vom politischen Klima Ägyptens, das derzeit gemeinhin als pro-salafistisch betrachtet wird.

In einem arabischen Land, in dem jüngst salafistische Parteien gestärkt aus Wahlen hervorgingen und schrittweise schariagerechte Rechtsprechung durchsetzen, fühlen sich auch die Korangläubigen aus Deutschland augenscheinlich wohler als unter der Beobachtung und Repression der Dienste und Behörden hierzulande.

Für gewisse Einzelpersonen aus dem „Millatu Ibrahim“-Umfeld besteht jedoch die Gefahr, dass sie Ägypten nur als Zwischenstation sehen. „Wir können nur sehr vage einschätzen, wer in Ägypten bleiben wird und wer vermutlich weiterreisen wird“, sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden der „Welt“. „Die Reise ist für einige in Ägypten womöglich nicht zu Ende.“

Für den harten Kern der Szene gebe es noch wesentlich attraktivere Reiseziele, zum Beispiel Syrien, Somalia oder Mali. Für einige sei der Dschihad die einzig akzeptable Endstation der sogenannten „hijrah“ (Auswanderung).

Trotz der Befürchtungen, deutsche Islamisten könnten womöglich bald schon auf den Schlachtfeldern in Nord-Syrien, im Süden Somalias oder in Westafrika auftauchen, zeichnet sich bereits auch eine rückläufige Entwicklung ab. „Es gibt erste Rückkehrer aus Ägypten“, heißt es in Sicherheitskreisen. So mancher Fundamentalist sei offenbar enttäuscht vom Lebensstandard in Ägypten. Andere sehnten sich nach ihren Familien, die sie in Deutschland zurückgelassen hatten.

Der Anführer von „Millatu Ibrahim“, Mohammed M., scheint hingegen eine Rückkehr nach Deutschland nicht mehr zu erwägen. „Ich werde Deutschland nur in einem einzigen Fall betreten“, sagte der Islamist in einer Tonbandbotschaft aus Ägypten. „Als Eroberer, um die Scharia in Deutschland einzuführen.“

Der Islamist von der Flughafenbaustelle

von Florian Flade

Reda Seyam ist der wohl bekannteste Islamist der Hauptstadt. Der bullige Deutsch-Ägypter mit dem mächtigen Bart gilt laut Verfassungsschutz als einer der einflussreichsten Vertreter der Berliner Salafisten-Szene. Junge Islamisten sehen in ihm einen Veteranen des Dschihad. Im Umfeld der„As-Sahaba-Moschee“ in der Torfstraße im Stadtteil Wedding schart Seyam seit Jahren seine Anhängerschaft um sich, vor allem junge Männer. So wie Florian Andreas L.. Der 21-jährige Berliner ist vor Jahren zum Islam übergetreten. Zuerst nannte er sich „Ibrahim“, jetzt nennt er sich „Abu Azzam, der Deutsche“. Und er weicht kaum von Reda Seyams Seite.

Seyam, der als Kameramann den Dschihad in Bosnien in den 1990er Jahren und später in Indonesien filmte, ist der ideologische Ziehvater des jungen Konvertiten. Florian L. lernte bei Seyam das Kamerahandwerk. In Sicherheitskreisen heißt es, es wirke wie das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler.

Florian L. alias „Abu Azzam“ ist eng in die salafistische Szene Berlins eingebunden ist. Er steht seit heute prominent in den Schlagzeilen. Wie das Nachrichtenmagazin „Stern“ berichtet, wurden am 2.August bei einer Razzia des Hauptzollamtes Potsdam illegale Arbeiter auf der Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld aufgegriffen. Es handelte sich um Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma. Insgesamt 20 Schwarzarbeiter sollen für den Unterauftragnehmer der Sicherheitsfirma „Securitas“ den Zugang zur Baustellenverwaltung kontrolliert haben. Einer von ihnen: Florian L..

Die Nachricht ist brisant. Denn der Berliner Konvertit gilt als radikaler Islamist. Deutsche Sicherheitsbehörden stufen L. seit Juni als „relevante Person“ der islamistischen Szene und seit Juli sogar als „Gefährder im islamistischen Spektrum“ ein. Als eine Person, der jederzeit ein Terroranschlag zugetraut wird. Die Tätigkeit von L. auf der Flughafen-Baustelle wird in einem Schreiben des LKA Brandenburg als „Anlass zur Sorge“ bezeichnet.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) bestätigte den Vorgang. Die Polizei habe mit ihren Informationen einen „erheblichen Beitrag zur Aufdeckung“ geleistet, sagte er. Der Vorgang zeige, so Henkel, dass „die Sicherheitsbehörden in der Hauptstadt gut aufgestellt sind und unser Frühwarnsystem funktioniert“.

Offenbar galt die Razzia an der Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens nicht alleine möglichen Schwarzarbeitern. Nach einem Hinweis der Berliner Kollegen soll das LKA Brandenburg am 2.August gezielt die Personalien von Florian L. überprüft haben. Es lagen Informationen vor, wonach sich der Konvertit samt Ehefrau möglicherweise bald schon nach Ägypten absetzen wollte.

Mehrere Islamisten aus dem Großraum Berlin sind in den vergangenen Wochen in das arabische Land ausgewandert. Die Ausreisewellen bereiten deutschen Sicherheitsbehörden zunehmend Sorge. Vielleicht deshalb entschieden die Behörden, in diesem Fall frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen. Inzwischen soll Florian „Abu Azzam“ L. ein Ausreiseverbot erteilt worden sein.

Der Konvertit arbeitete seit einigen Monaten neben seiner Tätigkeit an der Flughafenbaustelle auch für das islamistische Medienportal „Ar-Risalah“ von Reda Seyam. Dort stellte er regelmäßig Texte und teilweise selbst gedrehte Videobeiträge ins Netz. Darunter sind Aufnahmen, bei denen Florian L. Passanten an Koran-Verteilständen am Potsdamer Platz nach deren Meinung zum Islam befragt. Andere Aufnahmen zeigen die gewaltsamen Salafisten-Proteste von Bonn und Solingen, bei der Berliner Konvertit seinen Mentor Seyam begleitet hatte.

Im April schrieb Florian L. einen „Offenen Brief an Claudia Schmid“, die Präsidentin des Berliner Verfassungsschutzes. Darin beklagte er den angeblichen Kampf der Bundesregierung gegen die Muslime. „Abschließend möchte ich Ihnen versichern, dass sämtliche Bemühungen seitens der Bundesregierung, dem Islam und den Muslimen durch Diffamierungen und Hetzkampangen zu schaden, ins Leere laufen und nicht den von Ihnen erhofften Erfolg mit sich bringen werden“, heißt es in dem Brief.

Unterzeichnet wurde das Papier mit „Abu Azzam der Deutsche (Deutscher Muslim & Redakteur der Al Risalah Medienproduktion)“. Unter diesem Pseudonym veröffentlichte Florian L. jüngst auch ein islamistisches Kampflied mit dem Titel „Wir werden siegen“. „Nimm unser Leben, wenn der Tod besser ist als dieses“, heißt es darin, „Lass uns die Feinde Allahs wegfegen. Sie wollen uns spalten, in Deutschland halten. Gib uns Gewalt über sie…Der Sieg ist unser!“

Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke vom „Zentrum Demokratische Kultur“ in Berlin traf Florian L. mehrfach am Rande von Gerichtsprozessen und an den Koranverteil-Ständen. Sie beschreibt den jungen Konvertiten als eine Art „Azubi des Salafismus“. Reda Seyam habe sich Florian L. wohl gezielt ausgewählt und für die Propagandaarbeit ausgebildet, so Dantschke.

Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren ist, verkehrte Florian L., der in Berlin-Reinickendorf zur Schule ging, in den vergangenen Monaten immer häufiger in Kreisen polizeibekannter Extremisten. Er soll befreundet sein mit den beiden Islamisten Hani N. und Samir M., die im September 2011 als Terrorverdächtige kurzzeitig festgenommen worden waren.

Der Libanesen und der Palästinenser waren verdächtig, einen Bombenanschlag in Berlin geplant zu haben. Die Hinweise erhärteten sich allerdings nicht, so dass Hani N. und Samir M. freigelassen wurden. Es kam nicht zur Anklage.

Das Umfeld des Konvertiten Florian L. steht seit geraumer Zeit im Blick von Verfassungsschutz und Staatsschutz. Allzu häufig haben sich in diesem Milieu junge Muslime radikalisiert. Rund um die „As-Sahaba-Moschee“ im Wedding verkehren regelmäßig als gewalttätig eingestufte Salafisten. In dem ehemaligen Gemüseladen an der Torfstraße predigt der gebürtige Palästinenser Ahmad Amih alias „Abul Baraa“ eine strenge Islam-Auslegung. Zu seiner Zuhörerschaft gehören junge Araber, Türken, Bosnier, Afrikaner und Konvertiten wie Florian L..

Für das kommende Wochenende kündigte die rechtsextreme Partei „Pro Deutschland“ eine provokante Protestaktion in Berlin an. Vor drei Moscheen im Wedding und Neukölln wollen die Islamhasser unter dem Motto „Hasta la Vista Salafista“ demonstrieren. Dabei sollen islamkritische Karikaturen gezeigt werden.

Berliner Sicherheitsbehörden sind besorgt über eine mögliche Gewalteskalation zwischen radikalen Salafisten und Islamhassern. Die Polizei kündigte an, entsprechende Maßnahmen treffen zu wollen. Aus Sicherheitskreisen heißt es, noch gebe es keine konkreten Hinweise darauf, dass sich die islamistische Szene der Hauptstadt gezielt auf eine gewalttätige Gegenaktion vorbereite.

Deutscher Islamist Peter B. in Türkei verhaftet

von Florian Flade

Er ist einer jenen deutschen Gotteskrieger, die kaum in Medienberichten der vergangenen Jahre Erwähnung fanden. Und doch spielte er wohl eine führende Rolle in der radikalen Salafisten-Szene in Süddeutschland. Der Konvertit Peter B. aus Ulm. Vor drei Jahren reiste er samt Ehefrau und Kindern nach Pakistan und schloss sich im Stammesgebiet Waziristan vermutlich einer Terrororganisation an. Jetzt wurde Peter B. in der Türkei verhaftet und nach Deutschland abgeschoben.

Wie das Nachrichtenmagazin SPIEGEL berichtet, wurde der 31-jährige Peter B. inzwischen nach Deutschland ausgeliefert. Beamte des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg verhafteten den Islamisten bei seiner Ankunft am Frankfurter Flughafen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führte ein Ermittlungsverfahren gegen den Deutschen wegen Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und der Anwerbung für den bewaffneten Dschihad.

Der gebürtige Ulmer Peter B. ist nach Informationen von „Welt Online“ der Sohn eines Litauers und einer Deutschen. Er konvertierte im Alter von 22 Jahren zum Islam und nannte sich fortan „Ammar“. Auf einer Abendschule holte er das Abitur nach. Sein Vater und eine Cousine konvertierten wenig später ebenfalls zum Islam.

Bereits kurz nach der Konvertierung verkehrte Peter B. in radikalen Salafistenkreisen des „Multikulturhauses „in Neu-Ulm, später dann auch in Nordrhein-Westfalen insbesondere in Bonn. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden gibt es teils lose, teils engere Verbindungen von Peter B. zu islamistischen Terroristen wie Daniel S. (Mitglied der „Sauerland-Zelle“), dem Saarländer Konvertiten Eric Breininger, dem Bonner Javad Sediqi (getötet in Pakistan im Herbst 2009) oder Emrah E. aus Wuppertal (als Al-Qaida Mitglied inzwischen verhaftet).

Vor sechs Jahren durchsuchten Polizeibeamte des LKA Baden-Württemberg nach Informationen von „Welt Online“ erstmals die Wohnung von Peter B.. Die Ermittler hegten den Verdacht, er gehöre zu den Unterstützern und Werbern für den Dschihad in der Ulmer Islamisten-Szene. Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart leitete Ermittlungen gegen den Konvertiten und weitere Islamisten ein, darunter auch gegen den Prediger Omar Y., der ins Ausland geflohen ist.

Mehrfach soll der Konvertit Peter B. zum Arabisch-Studium und zur Pilgerfahrt nach Ägypten und Saudi-Arabien gereist sein, bevor er mit seiner Familie nach nach Alexandria auswanderte. Im Oktober 2009 setzte sich Peter B. mit seiner algerischen Ehefrau und seinen zwei Kindern nach Pakistan ab. Angeblich wollte der deutsche Salafist in den Bergen an der afghanischen Grenze gemeinsam mit seiner Familie ein Leben nach islamischen Regeln führen. Deutscher Ermittler vermutet hingegen dass ich der Konvertit im Stammesgebiet Waziristan der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ (IBU) angeschloss. Ob er eine paramilitärische Ausbildung in einem Terrorlager erhielt, ist bislang unklar. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelte gegen Peter B. wegen des Verdachts der Mitgliedschaft und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung.

Wie jetzt bekannt wird, verließ B. vor kurzem Pakistan und reiste über Iran in die Türkei. In einer Wohnung in einem Vorort von Istanbul wurde er am 27.Juni wegen illegaler Einreise festgenommen. Nun befindet sich Peter B. in Deutschland in Haft und wartet auf seinen Prozess.