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Abbottabad und die Düsseldorfer Zelle

von Florian Flade

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„Schatztruhe“,  so nannte die CIA all jene Festplatten, USB-Sticks, DVDs und Dokumente, auf die die „Navy Seals“  bei der nächtlichen Kommandoaktion in Osama Bin Ladens Versteck im pakistanischen Abbottabad stießen. Die Elitesoldaten mussten in jener Nacht innerhalb kürzester Zeit faktisch das Büro des Al-Qaida-Führers konfiszieren.

So viel sie tragen konnten, schleppten sie in die wartenden Hubschrauber. Jede Datei, jedes Blatt Papier könnten schließlich einen Teil der Geschichte Al-Qaidas beschreiben, der bislang unbekannt ist. Terrorpläne, Namen von Geldgebern, Finanzierungssysteme, Helfernetzwerke – all das, so die Hoffnung der CIA, könnte der Berg an Terrabyte enthalten.

Und tatsächlich war zwischen all den Propagandaschriften, den Medienberichten, den Ansprachen des Terrorchefs, Foto- und Videodateien, brauchbares Material zu finden. Bislang unbekannte Korrespondenzen zwischen Bin Laden und seinen Kommandeuren. Briefwechsel, Ideenaustausch und Planungsskizzen, die Al-Qaidas globale Strategie im Detail darlegen.

Mein Kollege Yassin Musharbash von der ZEIT berichtet in einem sehr lesenswerten Stück in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung über einen 17-seitigen Brief des Al-Qaida-Kommandeurs Sheikh Yunis al-Mauretani an Osama Bin Laden. Das Dokument vom März 2010 liefert tiefe Einblicke in das Innenleben des Terrornetzwerkes. Mauretanis Schreiben dokumentiert den Willen Al-Qaidas zu einer weltweiten Terrorkampagne gegen den Westen und dessen Interessen in der arabischen Welt.

Die Fantasie des Mauretaniers scheint schier grenzenlos: von Infiltration, Sabotage auf hoher See bis zur der Entsendung von Terrorkommandos schrieb er in dem Brief an Bin Laden. Aufgetaucht ist das Dokument am Rande des Prozesses gegen die „Düsseldorfer Zelle“. Vier Islamisten stehen derzeit vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht und müssen sich verantworten, Terroranschläge in Deutschland geplant zu haben.

Als juristische Hilfe entsandten die USA den Mauretani-Brief vor kurzem an das Bundesministerium der Justiz. Dies geschah aus einem brisanten Grund: das Dokument erwähnt einen marokkanischen Terrorrekruten und dessen Geburtsdatum. Die Angaben passen überraschend präzise auf den in Düsseldorf angeklagten Kopf der Terrorzelle, Abdeladim el-K..

Ich hatte im August 2011 von einem Brief berichtet, der in Bin Ladens Versteck in Abbottabad gefunden worden war. Meine Quelle berichtete mir damals, das Dokument sei ein nicht fertig gestellter Brief Osama Bin Ladens. Darin erwähne der Terrorchef den im April 2011 in Düsseldorf festgenommenen Marokkaner El-K. namentlich. Offenbar war dies so nicht korrekt. Den Hinweis auf die Erwähnung El-K.s jedoch gab es, wie das jetzt nach Deutschland entsandte Dokument beweist.

Dass die USA etwas in Abbottabad gefunden hatten, was auf Abdeladim el-K. hindeutete, war schon früh klar. El-K. ist nicht der einzige mutmaßliche Islamist aus Deutschland, der in den Ausbildungslagern der Al-Qaida in Pakistan gedrillt wurde. Auch der Frankfurter Deutsch-Syrer Rami M. und der Hamburger Deutsch-Afghane Ahmad Wali S. waren 2009 bis 2010 in den Terrorschulen Waziristans. Beide wurden festgenommen und in Deutschland zu Haftstrafen verurteilt.

Im Gegensatz jedoch zu Rami M. und Ahmad Wali S. klagte die Staatsanwaltschaft New York den Marokkaner Abdeladim el-K. wegen mutmaßlicher Unterstützung der Al-Qaida an. Zwischen November 2009 und April 2011 habe El-K. das Terrornetzwerk unterstützt, heißt es in der kurzen Anklage aus dem November 2011. Die US-Behörden nennen auch den arabischen Kampfnamen des Terrorverdächtigen – „Abi al-Barra“.

Warum sollte die US-Justiz ein derart starkes Interesse an Abdeladim El-K. haben, nicht aber den anderen Mitgliedern der „Düsseldorfer Zelle“ oder den anderen Al-Qaida-Mitgliedern Rami M. oder Ahmad S.?

Die Antwort dürfte womöglich das in Abbottabad gefundene Papier sein. Von Seiten der US-Justiz gibt es dazu keine weiteren Informationen. Man verweist auf das kurze Anklage-Papier.

Der Anwalt von Abdeladim el-K. zweifelt übrigens die Echtheit des Mauretani-Briefes an. Er habe „grundsätzliche Zweifel“ an der Authentizität, sagte Johannes Pausch der ZEIT. Al-Qaida würde wohl kaum derart sorglos mit sensiblen Daten von Terrorrekruten umgehen.

Heute sollen drei Mitarbeiter des FBI in Düsseldorf vor Gericht zur Herkunft des Dokumentes aussagen.

„I Renounce My German Passport“ – Letter by German Jihadi Widow „Ummu Safiyya“

by Florian Flade

Two years ago her husband died fighting the Pakistani military in the tribal region of Waziristan, now she calls upon German Muslim women to join the Jihad in Pakistan – „Ummu Safiyya“ the German widow of Jihadi Javad S. „Abu Safiyya“).

In a new letter signed by the Jihadi widow, Luisa S. from Bonn claims that she and the women and children of the „Islamic Movement Uzbekistan“ (IMU) are doing well and all fine. She explains that returning to Germany is not an option and that the role of the women in Jihad is an important one fulfilled in the villages of Waziristan also by the foreign Mujahidin wives.

„At first I want to say the following about the rumours that I became a shaheeda (female martyr)“, Luisa S. begins her letter, „Unfortunately Allah did not present me with this gift.“

Very often IMU receives letters from women, Luisa S. writes, in which the women ask wether or not it is risky and dangerous for women and their families to join the Jihad and travel to a country like Pakistan.

„Twenty years ago the first members of IMU migrated from Uzbekistan to Tajikistan. The journey went on to Afghanistan and Pakistan. In these 20 years more than 500 men became martyrs but only two women died. The first woman died two years ago in a car crash, the other one only recently from a liver desease that she suffered from even before she came to Pakistan.“

„What is worse than living unarmed, humiliated and abused amidst the enemies of Islam and under these infidel laws with your children?“, Luisa S. asks, „When you are living in Germany as a devout Muslim, you are put under their infidel legislative, executive and judiciary. You pay the tax to the enemies of Islam. A percentage of the taxes goes to the Jews. You buy the products and a part of your payment will be invested in the war against Muslims (…) Your neighbors and colleagues are kuffar.“

„We women live far away from the places where the war is taking place, we live in the conquered and secured areas of the Mujahidin. We spend our time to fulfill our Islamic duties, we seek getting closer to Allah and educate our children and Allah willing the future Mujahidin.“

„I have renounced from our laws, our democratic system and from my German passport“, the letter by the German Jihadi widow reads, „I follow my Prophet Muhammad and call the Taliban and all Muslims wordwide my brothers and sisters. Unity, Law and Freedom (German „Einigkeit, Recht und Freiheit“) I did not find at your place, because Unity, Law and Freedom do exist in the true religion of Allah only.“

Luisa S., converted to Islam several years ago and married a German-Afghan named Javad. The couple left Germany with their baby daughter Safiyya in Spring 2009 and traveled to Egypt first before making the journey to the Pakistan-Afghanistan border region where they joined the IMU.

Javad S.  akas „Abu Safiyya“ was the first German IMU member to die fighting in Afghanistan when he was shot by Pakistani troops in September 2009. IMU praised the Islamist from Bonn as a martyr in a propaganda tape shortly after Javad S.´s death. In the video widow Luisa S. appears all covered in black, speaking about the virtue of martyrdom and her commitment to Jihad.

German intelligence officials know that Luisa S. is alive, still living in the Waziristan region alongside other German and Uzbek women. It is believed she again married another German Jihadi militant shortly after the death of her first husband.

Dein Brieffreund, der Terrorist

von Florian Flade

Die deutsche Islamisten-Szene hat ein Internet-Projekt zur Unterstützung von Gefangenen gestartet. Verurteilte Terroristen sollen so auch hinter Gittern weiterhin auf Linie gehalten werden. Deutsche Sicherheitsbehörden sehen die islamistische Gefangeneninitiative gelassen. Experten warnen jedoch, Aussteigerprogramme seien gefährdet, wenn die islamistische Szene bis ins Gefängnis hinein Einfluss ausüben könne.

Vor einigen Wochen stellte ich eine Interview-Anfrage an den Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias „Deso Dogg“. Der 36jährige hat sich zum musikalischen Sprachrohrer der deutschen Islamisten-Szene entwickelt und rappt regelmäßig über den Dschihad, Märtyrertum und Osama Bin Laden. Cuspert, der sich „Abou Maleeq“ nennt, antwortete mit einer E-Mail, in der er mehrere Bedingungen für ein Interview auflistete – eine davon war besonders ungewöhnlich. Er wolle 9.000 Briefmarken a 55 Cent, schrieb der Islamisten-Rapper.

Wozu braucht ein islamistischer Musiker 9000 Briefmarken? Die Antwort heißt „Ansar ul-Aseer“ (deutsch „Unterstützer der Gefangenen“) und ist eine vor wenigen Monaten ins Leben gerufene Webseite der deutschen Islamisten-Szene. Das neuartige Internetprojekt ist vereinfacht gesagt eine „Gefangeninitiative“, ein Medium, um mit in Haft sitzenden Islamisten in Kontakt treten zu können. Über „Ansar ul-Aseer“ können inhaftierte islamistische Terroristen von ihren Familien, Freunden und Fans per Brief kontaktiert werden.

Die Häftlinge werden einzeln steckbrieflich dargestellt, inklusive der Information, weshalb sie verurteilt wurden und wie lange sie einsitzen werden. Wer möchte, kann Briefe an die islamistischen Extremisten schreiben und ihnen Durchhalteparolen oder Sympathiebekundungen zukommen lassen. Auch Briefmarken und Briefumschläge werden dankbar als Spenden akzeptiert, um den Gefangenen die Möglichkeit zu bieten, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

„Wir haben uns zur Aufgabe gemacht unsere Geschwister, die sich in Gefangenschaft – speziell im deutschsprachigem Raum – befinden, seelisch zu unterstützen“, heißt es in der Selbstdarstellung der Webseite, „Wir bemühen uns unsere muslimsichen Geschwister, die sich in Gefangenschaft befinden – seien es politisch verfolgte oder Straftäter, schuldige oder unschuldige – wir unterstützen unsere Geschwister, seien sie Unterdrückte oder Unterdrücker.“

Das islamistische Medienportal „Salafi Media“, das die Webseite betreibt, ermittelt die Postanschriften der inhaftierten Islamisten und stellt so für Sympathisanten und Unterstützer den Kontakt her – sei es zu verurteilte Dschihadisten oder Häftlinge, die erst im Gefängnis zum salafitischen Islam konvertiert sind. Aktuell befinden sich mehr als 25 Häftlinge auf „Ansar ul-Aseer“, darunter auch Personen, die zur Prominenz der islamistischen Szene gehören, wie etwa die Ulmer Deutsch-Türkin Filiz Gelowicz, die Geld für Terroristen in Pakistan gesammelt hat, der zu 11 Jahren Haft verurteilte „Sauerland-Bomber“ Adem Yilmaz und der 19jährige Konvertit Harry M., der Bombenanleitungen im Internet verbreitet hat.

„Ansar ul-Aseer“ arbeitet blitzschnell und hochaktuell. So fand sich schon wenige Tage nach den jüngsten Festnahmen zweier Berliner Terrorverdächtige der Hinweis auf der Webseite „Wir haben mit der Huld Allahs auch schon die Kontaktdaten der Brüder erlangt“. Und auch die beiden in Großbritannien im Juli verhafteten Solinger Konvertiten Robert B. und Christian E. haben bereits einen Steckbrief auf „Ansar ul-Aseer“, mit dem Verweis jeder an sie gerichtete Brief müsse in Englisch verfasst sein. Beide sitzen derzeit in London in Haft und warten auf ihren Prozess.

Aushängeschild der Plattform ist der Berliner Ex-Rapper „Abou Maleeq“. Sein Konterfei prangt auf der Startseite von „Ansar ul-Aseer“. Regelmäßig rührt der umstrittene Musiker und Prediger, der selbst eine Haftstrafe verbüßte und jüngst wegen illegalem Waffenbesitz verurteilt wurde, für das Projekt die Werbetrommel.

„Ist es soweit dass wir die Geschwister vergessen haben? Dass wir ihre Taten vergessen haben?“, sagt „Abou Maleeq in einem Werbevideo für „Ansar ul-Aseer“, „Allah wird keine Tat von ihnen vergessen. Haben die Geschwister nicht an Dank verdient, an Bittgebeten verdient, an Unterstützung verdient? Vergesst nicht eure Geschwister hinter den Mauern!“

Aus Kreisen des Verfassungsschutzes heißt es, das Projekt „Ansar ul-Aseer“ sei lediglich als „Beginn einer Entwicklung“ einzustufen, habe aber bei weitem nicht die Dimensionen ähnlicher Initiativen aus der rechts- und linksextremistischen Szene. Die Internet-Präsenz der Islamisten wolle den Eindruck erwecken, eine große Zahl von Personen arbeite für die Gefangenen-Initiative. Dies sei jedoch nicht der Fall. Ein Vergleich mit der Neonazi-Organisation „Hilfe für Nationale Gefangene“ (HNG) und der „Roten Hilfe“ aus der linksextremistischen Szene, sei daher noch nicht passend.

Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke hält „Ansar ul-Aseer“ dennoch für einen beunruhigenden Trend. „Inhaftierte Islamisten bleiben so weiter in Kontakt mit der Szene, der Kontakt zu den Personen als auch die Einbindung in die Ideologie werden aufrecht erhalten“, so Dantschke gegenüber Die Welt. „Ähnlich wie bei der rechtsextremistischen Gefangeneninitiative HNG gibt es eine soziale und ideologische Betreuung für die Hälftlinge“, erklärt Dantschke weiter, „Zudem gibt es den Aspekt der propagandistischen Ebene: Die Symbolkraft dass man die Gefangenen nicht alleine lässt. Außerdem sollen Aussteiger als Lügner dargestellt werden.“

Am Mittwoch ließ das Bundesinnenministerium den rechtsextremistische Verein „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene e.V. (HNG)“ verbieten. In einer Pressemeldung des Bundesinnenministeriums heißt es: „Unter dem Motto „Drinnen wie draußen eine Front.“ bestärkt die HNG unter dem Deckmantel einer vermeintlich karitativen Betreuung von Strafgefangenen inhaftierte Rechtsextremisten in ihrer nationalistischen Überzeugung und motiviert sie, in ihrem „Kampf gegen das System“ fortzufahren“.

Innenminister Friedrich erklärte, die circa 600 Mitglieder zählende Organisation HNG habe versucht, rechtsextreme Straftreter in der Szene zu halten. „Mit Solidaritätsbekundungen und finanzieller Unterstützung stärkte und festigte die HNG über den einzelnen inhaftierten Rechtsextremisten hinaus zugleich auch die rechtsextremistische Szene als Ganzes“, so Friedrichs. Über 40 Jahre lang konnte die 1979 gegründete HNG beinahe ungehindert agieren, bis ein Verbot durchgesetzt werden konnte – das islamistische Gegenstück „Ansar ul-Aseer“ hat gerade erst begonnen.