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„Ausbreitung über die ganze Welt“

von Florian Flade

Bundesweit gab es am Mittwoch Razzien gegen Beschuldigte, die ein volksverhetzendes Buch verbreitet haben sollen, in dem offen zum Dschihad aufgerufen wird.

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Copyright Florian Flade

Das Buch lag vor Jahren an einem Informationsstand vor einer Berliner Moschee aus. Seitdem steht es bei mir im Regal. „Missverständnisse über Menschenrechte im Islam“ von Abdul Rahman al-Sheha, zweite Auflage in deutscher Übersetzung.

Gestern gab es wegen diesem 149-Seiten Werk bundesweit Razzien gegen Salafisten. Unter Federführung des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg durchsuchten Polizeibeamte insgesamt 21 Wohnungen und Geschäftsräume in fünf Bundesländern. Mit neun Objekte in Bonn, Köln, Wuppertal und Dortmund lag der Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen. Aber auch in Hessen, Thüringen, Berlin und Baden-Württemberg gab es Durchsuchungen. Dabei stellten die Beamten zahlreiche Computer, umfangreiche Geschäftsunterlagen und Dokumente sicher.

Im Fokus der Ermittlungen stehen elf Personen, die „Missverständnisse über Menschenrechte im Islam“ an Informationsständen und über das Internet verbreitet haben soll.

„Nach Feststellung der Staatsanwaltschaft Stuttgart besteht der Verdacht, dass die Verbreitung der Schrift den Tatbestand der Volksverhetzung verwirklicht“, sagte ein Sprecher des LKA Baden-Württemberg. Das in Saudi-Arabien herausgegebene Buch, könne ein wichtiger Bestandteil bei der Radikalisierung junger Muslime sein.

Es gilt bereits seit Jahren als radikalislamische Ideologie-Schrift, die zum Hass und Kampf gegen Andersgläubige aufruft. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat die Schrift deshalb schon vor Jahren als jugendgefährdend sowie verrohend eingeschätzt und indiziert.

Im Kapitel „Die Göttliche Religion bewahren“ heißt es beispielsweise: „Allah machte den Dschihad, den Kampf für Seine Sache, zu einer belohnten Handlung, an welche die Muslime glauben und welche sie praktizieren (…) Dem Kampf einzig und allein für die Sache Allahs muss sich der ernsthafte gläubige Muslim in diesem Leben hingeben.“

Weiter heißt es, der Dschihad sei als Prinzip festgelegt, um den Ruf zum Islam zu schützen und „seine Ausbreitung über die ganze Welt zu unterstützen.“ Der Dschihad sei nicht mit einem gewöhnlichen Krieg zu vergleichen, schreibt der Autor Abdul Rahman al-Sheha. „Sondern eher ein ehrbarer Kampf gegen die Feinde Allahs.“

An einer anderen Stelle des Buches geht es um „Die Rechte des Ehemannes gegenüber seiner Frau“. Die Ehefrau müsse den Befehlen ihres Mannes gehorchen, heißt es, solange dieser nicht gegen die Anweisungen Allahs und des Propheten Mohammed agiert. „Desweiteren ist der Ehemann als Mann vernünftiger, wenn es darum geht, Dinge, welche die Familie betreffen, zu entscheiden. Die Ehefrau, als Frau, ist im Allgemeinen emotionaler.“

„Ob die Beschuldigten mit der Verbreitung der besagten Schrift Geld verdient haben, müssen die Ermittlungen erst noch zeigen“, sagte mir LKA-Pressesprecher Ulrich Heffner. Vielfach sei das Buch auch kostenlos verteilt worden.

Es ist bereits das zweite Buch des Autoren Abdul Rahman al-Sheha, das in Deutschland auf dem Index landet. Am 15.Januar 2009 indizierte die Bundesprüfstelle die Schrift „Frau im Schutz des Islam“. In der Begründung hieß es damals: „Es steht zu vermuten, dass die Übersetzung mit dem Ziel erfolgte, gerade auf junge Menschen, die zwischen zwei Kulturen stehen, einzuwirken und ihnen Handreichungen bzw. Legitimationen für nicht akzeptables Gewalt- und Diskriminierungsgebaren anzubieten. Damit würden sämtliche gesellschaftlichen Migrationsbemühungen in ganz erheblichem Maße konterkariert.“

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„Menschen wie wir“ – Interview mit Martin Schäuble

von Florian Flade


Der Sozialforscher und Autor Martin Schäuble wagt einen interessanten, längst überfälligen, jedoch nicht unumstrittenen Vergleich: er stellt in seinem neuen Buch „Black Box Dschihad“ die Biografien zweier islamistischer Attentäter gegenüber und fragt, weshalb Menschen zu Terroristen werden.

Der eine heißt Sa´ed, ist ein palästinensischer Jugendlicher aus dem Westjordanland, der sich in Jerusalem in die Luft sprengte und sechs Israelis mit in den Tod riss. Der andere Islamist stammt aus dem Saarland, ist ein Scheidungskind, Gymnasiast, HipHop-Fan. Bevor er zum Islam konvertierte hieß er Daniel, heute nennt er sich „Abdullah“ – die Rede ist von Daniel Schneider, einem Mitglied der „Sauerland-Gruppe“, einer islamistischen Terrorzelle der „Islamischen Dschihad Union“ (IJU), die im September 2007 festgenommen wurde. Die Männer, darunter zwei deutsche Konvertiten, hatten geplant, Anschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen in Deutschland zu verüben.

Was haben Daniel der Deutsche und Sa´ed der Palästinenser gemeinsam? Was verbindet die beiden selbsternannten Krieger Allahs aus so unterschiedlichen Kulturen? Warum wollten beide für ihren Glauben sterben? Martin Schäuble gelingt durch aufwendige, mehrmonatige Recherche in den Palästinensergebieten und der sauerländischen Provinz eine Gegenüberstellung der Lebensgeschichten zweier junger Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch den gleichen Traum hegten – als Märtyrer zu sterben. Der Autor sprach mit ehemaligen Schulkameraden und Freunden des mittlerweile zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilten Daniel Schneider und traf die Familie des palästinensischen Selbstmordattentäters Sa´ed.

Im Interview erklärt Martin Schäuble weshalb Terrorismus oft sehr persönliche Ursache haben kann, warum kein Attentäter ist wie der andere und warum wir immer noch zu wenig über das Phänomen des militanten Islamismus wissen.

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Herr Schäuble, was macht einen Menschen zum Selbstmordattentäter?

Ich hab zwei Einzelfälle untersucht. Von diesen auf alle Fälle zu schließen, ist unmöglich. Im Fall des deutschen Konvertiten Daniel Schneiders Fall sehe ich biografische Elemente, die vielleicht bei anderen Jugendlichen auch auftreten. Wie lief die Sozialisation, gab es Bindungsstörungen, wie offen ist man für Autorität und Autoritätspersonen – all das hab ich diesem Fall hinterfragt. Dass Daniel ein Dschihadist wurde ist auch nicht selbstverständlich, sondern eher zufällig. Durch Basketball kam er mit autoritären Leuten in Kontakt zu denen er sich hingezogen fühlte, und letztendlich schlitterte er hinein. Hätte er in diesem Moment in dem er anfällig war, auch verletzlich, andere Ideologien kennengelernt wäre er auch für die offen gewesen.

Er hätte also auch Neo-Nazi werden können?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt zwar im Saarland eine ausgeprägte rechte Szene, aber das entspricht überhaupt nicht seiner Bildungsschicht. Er ist Gymnasiast, hat zwar abgebrochen, hätte es aber auch zu Ende bringen können, überlegt jetzt auch im Gefängnis sein Abitur nachzuholen. Er ist nicht der klassische Rechtsextreme wie ihn der Verfassungsschutz im Saarland beobachtet. Ins Linksextreme-Spektrum hätte Daniel auch nicht richtig reingepasst.

Warum wurde dann aus Daniel Schneider dem getauften Katholiken, „Abdullah“ der islamistische Gotteskrieger?

Für Daniel war ganz entscheidend, dass er einen muslimischen Freund hatte, einen Deutsch-Iraker. Der hat ihn während des US-Einmarsches im Irak ziemlich instrumentalisiert. Als Daniel in einer Sinnkrise steckte, war dieser Freund da, der zu Hause im Fernsehen sah, wie der Irak angegriffen wurde. Daniel war offen für solche Sachen, er war sehr politisch engagiert und interessiert. In der Schule war er immer an vorderster Front dabei wenn es um politische Dinge ging. Der muslimische Freund hat ihn dann in dieser Situation an die Hand genommen und beeinflusst.

Das heißt Daniel Schneider wurde nicht in irgendeiner Hinterhof-Moschee zum Extremisten?

Es lief nicht über die klassische Dschihadisten-Schiene, d.h. dass man in der Moschee mit radikalen Personen in Kontakt kommt, dann in der Gruppe, sich irgendwo zu Hause trifft und gemeinsam Propagandamaterial anschaut. Daniels Zugang war ein sehr guter Freund, den er vom Basketball und vom HipHop kannte. Da war Vertrauen. Dieser Deutsch-Iraker war zunächst gar nicht religiös, aber durch das US-Engagement in Afghanistan und dem Irak 2002 und 2003 wurden seine politischen Ansichten verschärft und Daniel hat sich dadurch anstecken lassen.

Aber er wurde nicht sofort zum gewaltbereiten Islamisten.

Daniel war dann noch nicht radikal. Er wollte zunächst auswandern, hatte die Nase voll von allem. Als er dann von seinem Auswanderer-Fantasie gescheitert aus Brasilien wieder kam, war der Iraker weg und Hussein war da. Als er Hussein kennengelernt hat, kannte sich Daniel schon etwas mit dem Islam aus. Die groben Strukturen waren ihm bekannt, so dass Hussein ihn da gut abholen und hineinführen konnte. Alles davor war politisch motiviert, durch Hussein kam dann das Religiöse.

Sie schreiben am Anfang Ihres Buches, „Daniel und Sa´ed könnten unterschiedlicher nicht sein“ – warum dann der direkte Vergleich der beiden Islamisten?

Der Vergleich ist sehr spannend, weil man so sehen kann, ob es Gemeinsamkeiten gibt – trotz unterschiedlicher Lebenswege, unterschiedlicher Motivation, unterschiedlicher politischer Situationen. Dennoch haben beide Parallelen, vor allem was die Ideologie angeht.

Mein Anspruch war daher auch zu klären: Was ist eigentlich Dschihad, wenn wir davon sprechen? Wir müssen die Biografien genauer anschauen, vielleicht gibt es da doch Gemeinsamkeiten. Zu sehen was so reizvoll ist an dieser Dschihad-Ideologie und Vorurteile zu bekämpfen. Es gibt vielleicht doch nicht „den Dschihad“, sondern unterschiedliche Motivationen.

Ist das nicht trotzdem ein Vergleich von Äpfeln und Birnen – der eine junge Mann erlebt Krieg am eigenen Leib, hat mit Israel einen klar definierten Feind. Der andere stammt aus dem friedlichen Saarland und kennt keine Kriegserlebnisse und keinen eindeutigen Feind.

Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich wie ein Apfel-Birnen-Vergleich. Aber es gibt in beiden Lebensläufen Gemeinsamkeiten, vor allem in der Ideologie. Es gibt im Dschihadismus ein Gerüst von Weisungen wie man in Situationen handeln soll. Bei Sa´ed ist die Situation ganz anders als bei Daniel: Freunde sterben, das Haus wird zerstört, es gibt den Konflikt zwischen israelischer Armee und palästinensischen Kämpfern, Ausnahmezustand in den Palästinensergebieten. Bei Daniel ist die Lebenssituation keine existentielle im direkten Vergleich. Er war auf der Suche nach Antworten, die ihm sein ganzes Leben keiner geben konnte. Der Dschihadismus gibt einfache Antworten auf komplizierte Fragen – das sehe ich bei Sa´ed und Daniel als eine Parallele.

Ist der Dschihadismus deshalb ein attraktiver Lebensweg für Personen aus verschiedenen Kulturkreisen?

Die Dschihad-Ideologie, weil sie so breit interpretierbar ist, hat einen großen Nährboden. Sie spricht viele verschiedenen Seiten an. Es gibt genaue Vorgaben was man tun muss, welche Rolle das eigene Leben spielen soll. Die Ideologie ist außerdem attraktiv, weil man sehr schnell zu einer Heldenfigur werden kann. Sa´ed beispielsweise ist aus palästinensischer Sicht damals ein Held gewesen und Daniel sah sich auch als Held im seinem islamistischen Freundeskreis.

Warum fiel Ihre Wahl bei der Recherche ausgerechnet auf Daniel Schneider und nicht auf andere deutsche Konvertiten wie Fritz Gelowicz oder Eric Breininger?

Bei Daniel habe ich mir vor Ort angeguckt, an welche Personen aus seinem Umfeld ich herankommen kann. Das wichtigste bei einer solchen Recherche ist, das Vertrauen von Personen aus dem Lebensumfeld zu gewinnen. Ich wusste die Familien der Sauerland-Attentäter waren mir nicht zugeneigt.
Bei Daniel hatte ich ein besseres Gefühl was das Umfeld angeht, also ehemalige Freunde, Bekannte, entfernte Verwandte, Lehrer, Schulkameraden, der Pfarrer, der ihn noch betreut hat als er aktiv in der katholischen Kirche war. Dort konnte man genug Informationen sammeln, das war bei Fritz Gelowicz nicht der Fall. Dazu kommt natürlich dass es nicht so viele deutsche Konvertiten gibt, die Dschihadisten geworden sind und ein solches Medienecho ausgelöst haben. Man konnte den Prozess und die Verurteilung der Sauerland-Attentäter ja in Echtheit beobachten.

Wieso wurde Sa´ed zum palästinensischen Beispiel in Ihrer Doppel-Biografie?

Bei Sa´ed war ich sehr angewiesen auf eine Kontaktperson der Al-Aksa-Märtyrerbrigaden, weil ich wusste dass man als Außenstehender auf sehr großes Misstrauen trifft. Ich habe vor Ort eine Person gefunden, die für mich sprechen konnte und die mir vertraute. Der habe ich meine Prämisse genannt: ich habe einen Selbstmord-Attentäter gesucht, der 1985 geboren wurde, also gleich alt war wie Daniel. Er sollte Kontakte zu einer Organisation gehabt haben, damit man auch wie bei Daniel Schneider die Gruppe untersuchen kann. So hat mich die Kontaktperson an die Familie von Sa´ed herangeführt.

Wie verlief die Recherche in den Palästinensergebieten?

Die Familie, besonders die Eltern und Geschwister von Sa´ed, waren meinem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen. Aber auch Freunde, Onkel, Tante, Großmutter. Leute die ihn wirklich kannten, waren bereit zu reden. Das war sehr komfortabel für mich, eine Situation, die ich so aus dem Saarland her nicht kannte.

Was ist ausschlaggebend bei der Motivation von Attentätern wie Sa´ed und Daniel – Religion, Politik oder das eigene Schicksal?

In Sa´eds Fall war Religion ein Rückzugspunkt, ein Halt. Er war anfänglich gar nicht religiös. Die Moschee war eher Fluchtort. Während der 2.Intifada gab es nicht viele sicherere Orte, und in der Moschee konnte man sich treffen, neue Freunde finden. Später war Religion dann auch Trost. Ich glaube nicht dass Sa´ed durch Religion zum Selbstmordattentäter wurde, aber er hat in der Religion Trost gesucht. Nicht nur um sicher zu gehen, dass man ihn in den Palästinensergebieten als Märtyrer feiert, sondern auch dass das Leben nach dem Tod weiter geht. Ich würde nie behaupten, dass Paradiesvorstellungen in seinem Fall die Motivation waren.

Also doch die politischen Umstände?

Politik war unter dem Mikroskop betrachtet natürlich das Hauptausschlaggebende. Sein Leben wurde dadurch direkt beeinflusst. Die Ausgangssperren betrafen ihn, die Checkpoints, sein Vater war oft nicht da, weil die Reisebedingungen erschwert waren. Freunde starben, im engsten Familienumfeld gab es Konflikte mit israelischen Soldaten. Der Alltag war diese realerlebte politische Situation, die ihn motivierte. Ich habe herausgefunden, dass in Sa´eds Fall, die Organisation, die Terrorgruppe, gar nicht so wichtig war. Er wurde zwar an die Strukturen herangeführt, aber er wäre wohl auch ohne Organisation zur Tat bereit gewesen.

Und der Deutsche Daniel Schneider – war er ein religiöser Fanatiker?

Bei Daniel war Religion sicher auch Zufluchtsort als Sinn stiftendes Element. Er hat versucht Halt zu finden, ein halbwegs vernünftiges Leben zu organisieren. In der Gruppe hat Daniel Wärme gefunden und sie hat ihm Orientierung vermittelt. Dass er sich dann radikalisierte, hat viel mit einzelnen Kontaktpersonen zu tun. Er hätte sich nach seiner Konversion sicher auch ganz anders entwickeln können. Politisch interessiert war er schon immer und hatte auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Der Einmarsch westlicher Staaten in muslimischen Ländern – nach seiner Sicht der Angriff auf Muslime – hat Daniel stark beeinflusst. Er hat sich überidentifiziert. Er ist zwar ein Konvertit, war aber aus seiner Sicht der „Super-Muslim“, der allen anderen den Islam erklärte und ihnen sagte was falsch und richtig ist.

In seinem persönlichen Leben gab es einiges, was seine Entwicklung ungünstig beeinflusste. Natürlich kann man nicht sagen: aus Scheidungskindern werden Terroristen, aber im familiären Umfeld lief einiges schief. Er hätte professionelle Hilfe gebraucht. Daniel hatte keinen Anker, er hatte niemanden der ihn hätte auffangen können.

Glauben Sie Daniel Schneider hätte – wäre „Sauerland-Zelle“ nicht gescheitert – den Anschlag letztendlich durchgeführt und wäre als Selbstmordattentäter gestorben?

Das glaube ich schon. Ich denke er war an einem Punkt, an dem er den Märtyrertod durchaus akzeptiert hätte.

Konnte man Daniels Entwicklung erahnen? Was sagt sein Umfeld?

Viele haben Daniels Abrutschen beobachtet. Ein Lehrer sagte mir, Daniel sei vor aller Augen zum Terroristen geworden aber keiner habe es gesehen. Das trifft es.

Die Sauerland-Zelle um Daniel Schneider scheiterte. Was kann getan werden, damit es gar nicht erst zu Sauerland-Zellen kommt? Wer kann Radikalisierung wie im Fall von Daniel verhindern?

Mein Eindruck war, dass Menschen permanent überfordert waren mit Daniels Schicksal. Lehrer hatten zu wenig Zeit, Sozialarbeiter waren nicht ausreichend vorhanden. Niemand hat nachgefragt, wieso innerhalb eines Jahres aus einem Super-Schüler ein Durchschnittsschüler wurde. Daniel hatte gute Freunde, aber auch diese Leute konnten das Abrutschen nicht mehr verhindern. Professionelle Sozialarbeiter in Moscheen, Schulen und Gefängnissen wären sinnvoll. Dort gibt es Milieus, die vor aller Augen abrutschen. Ich finde man sollte durchaus mehr Geld in solche Betreuungsangebote stecken anstatt in Sicherheitsbehörden.

Aber auf der anderen Seite ist Dschihadismus in Deutschland kein Massenphänomen.

Absolut. Dschihadismus ist nur eine Variante in die Menschen in solchen Lebenssituationen abrutschen. Daher glaube ich Investition in Prävention ist durchaus sinnvoll. Viele Psychoanalytiker haben mir gesagt, dass sie das was man bei Daniel beobachten konnte, tagtäglich auf ihrer Coach sehen. Leute, die offen sind für radikale Strömungen. Spannend ist zu fragen, weshalb einige dann Terroristen werden, die anderen nicht.

Sie haben weder mit Daniel, noch mit Sa´ed sprechen können – kann so überhaupt ein authentisches Bild eines Islamisten gezeichnet werden? Ist eine psychologische Analyse eines Attentäters aus den Aussagen von Freunden, Bekannten, Lehrern überhaupt möglich?

Die Personen, die den Attentäter kannten, wollen diese Person natürlich nur positiv darstellen. Hätte ich mit Daniel gesprochen, hätte er mit mir über seine Übertritt zum Islam gesprochen. Eine Recherche in Daniels Umfeld ist erfolgreicher, weil keiner mehr Probleme damit hat, kritisch über ihn zu sprechen. Während bei Sa´ed das Problem darin besteht, dass er als Märtyrer verherrlicht wird. In den Palästinensergebieten will man diesen Märtyrerstatus erhalten und nicht den Eindruck erwecken, dass seine Tat aus familiären Problemen oder Frustration geschah. Trotzdem habe ich herausgefunden, was in Sa´eds Familie nicht stimmt und mich sehr nah einem realistischen Bild genähert. Ein vollkommen realistisches Bild hätte es auch nicht gegeben, wenn ich mit den beiden Terroristen selbst gesprochen hätte.

Was würden Sie Daniel Schneider fragen, wenn Sie könnten?

Die erste Frage, die ich hätte, stammt von einer Psychologin: „Daniel, was stand in deinem Kinderzimmer und was hat von diesem Spielzeug dir gehört?“ Es ist faszinierend, weil ich wohl eher über seine Konversion zum Islam fragen würde, aber psychologisch ist es wichtiger sich über das Verhältnis zu Geschwistern und Eltern heranzutasten. Ich glaube wenn wir über Religion reden würden, wäre Daniel ratlos. Warum Dschihad gut sein soll und all diese Fragen konnte er schon im Prozess nicht wirklich beantworten. Ich glaube er hat den Koran noch nie so intensiv gelesen wie im Gefängnis.

Was glauben Sie hält Daniel Schneider von Ihrer Biografie über ihn?

Daniel hat sich leider nicht bereit erklärt, mit mir zu sprechen. Er hat allerdings das Buch als erster erhalten. Noch bevor es veröffentlicht wurden, hat sein Anwalt das Buch bekommen. Bis heute hat Daniel mich nicht kontaktiert. Ich hatte gehofft dass – wenn er schon nicht während der Recherche mit mir spricht – wenigstens mit mir redet, nachdem er das Buch gelesen hat. Ich hoffe das klappt noch.

Welche Botschaft hat „Black Box Dschihad“?

Mein Wunsch wäre, dass man aufhört auf komplizierte Fragen einfach zu antworten. Es gibt eben nicht den Terroristen. Es sind Menschen wie wir, die so werden können. Wenn wir darüber sprechen ist es wichtig sich anzuschauen wie diese Menschen dazu geworden sind. Das heißt nicht, dass man ihre Taten relativieren soll, sondern zeigen dass wir uns genau anschauen müssen, was in Kindheit und Jugend ablief anstatt Telefone abzuhören wenn wir etwas tun wollen gegen dschihadistischen Terrorismus. Wenn wir erst dann eingreifen, wenn die Person kurz vor der Tat steht, dann haben wir wenig gewonnen.

Das „Grüne Buch“ – Gaddafis Weltbild

by Florian Flade

Was ist Gaddafis „Grünes Buch“? Bei jeder Gelegenheit liest der libysche Despot aus seinem eigenen Werk – so auch bei einer Fernsehansprache am Dienstag. Doch was steckt hinter der mysteriösen Schrift, für die einst sogar eine deutsche Eishockey-Mannschaft warb?

Das „Grüne Buch“ stets zur Hand – Muammar al-Gaddafi in TV-Ansprache am 22.Februar

Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi trotzt dem Volksaufstand in seinem Wüstenreich. Während in den Straßen Libyens Menschen sterben und das Regime stückweise aufzulösen beginnt, droht Gaddafi, er werde notfalls als „Märtyrer“ sterben. Bei einer Fernsehansprache aus seinem einst von den USA bombardierten Anwesen, verhöhnte er die libyschen Demonstranten am vergangenen Dienstag als „Ratten“ und „Drogenabhängige“.

Wie so oft, nahm Gaddafi bei dieser Gelegenheit ein grünes Buch zur Hand, aus dem er wie ein Pastor während der Predigt, vorlas. Die Schrift, vom Despoten selbst verfasst, bietet einen Einblick in die wirre Gedankenwelt des libyschen Herrschers.

Das legendäre „Grüne Buch“ wird als Revolutionsschrift, als eine Art libysche Mao-Bibel, verstanden. Gaddafi veröffentlichte das dreiteilige Werk zwischen 1976-1979 und ernannte es zum Leitfaden seiner panarabischen Politik. Es sollte über Libyen hinaus zu einer globalen Kampfschrift einer abstrusen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Utopie werden, die ähnlich wie das „Kommunistische Manifest“ Völker weltweit inspirieren sollte.

Das „Grüne Buch“ beschreibt Gaddafis Deutung von politischen Systemen, Gesellschaft und Volkswirtschaft. Es enthält seine Theorien zu einem neuen Ordnungssystem. Der Despot nennt das Werk selbst die „Dritte Universaltheorie“, seine Vorstellung von einer Alternative zu Marxismus und Kapitalismus. „Das Grüne Buch präsentiert die ultimative Lösung des Problems des Instruments Regierung“, so erklärt Gaddafi seine angeblich wegweisende Schrift, „es zeigt den Massen den Weg, den sie einschlagen können, von einer Zeit der Diktator zu der einer wahrhaften Demokratie.“

Gaddafi publizierte das „Grüne Buch“ in drei Teilen. Am 02.Februar 1976 erschien der erste Teil mit dem Titel „Die Autorität des Volkes“, und dann im Abstand von jeweils einem Jahr folgten „Die Lösung des ökonomischen Problems: Sozialismus“ und „Die soziale Basis der Dritten Internationalen Theorie“.

An einigen Stellen beschreibt Gaddafi in seinem Buch tatsächlich politische und ökonomische Ansätze. Beispielsweise heißt es, eine parlamentarische Demokratie sei in Wahrheit eine Diktatur, weil ein Kandidat bei einer Wahl bereits mit 51 Prozent der Stimmen über das Schicksal des Volkes bestimmen könne. Als Alternative führt Gaddafi sein Konzept der „Volkskonferenzen“ und „Volkskommittees“ an, eine Form der Massendemokratie, die er formal in Libyen einführte, jedoch nie praktisch umsetzte.

In seiner Beschreibung einer Ideal-Gesellschaft erläutert der Despot unter anderem die Stellung von Frauen, die Rolle von Sport, Erziehung und Musik. „Der Stamm“ wird in diesem dritten Teil des „Grünen Buches“ von Gaddafi als „besser als die Nation“ beschrieben. Nur Familienbände seien noch wichtiger als die Stammeszugehörigkeit.

Teils wirr und widersprüchlich, führt Gaddafi an mehreren Stellen des „Grünen Buches“ offensichtlich überflüssige und kaum näher erläuterte Feststellungen an. Zum Beispiel heißt es über die Geschlechter: „Frauen sind Weibchen und Männer sind Männchen. Laut der Gynäkologen menstruieren Frauen jeden Monat während Männer, die ja männlich sind, nicht menstruieren oder unter der monatlichen Periode leiden.“

In Libyen wurde dem „Grüne Buch“ Verfassungsrang verliehen. Die Schrift ist Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten. In der Hauptstadt Tripolis rief Gaddafi gar ein „Internationales Institut zur Erforschung und Verbreitung des Grünen Buches“ ins Leben, das mit Staatsgeldern an der globalen Publikation der „Grünen Buches“ mitarbeitete. Eine deutsche Übersetzung der Schrift erschien bereits 1988 und wurde im Jahr 2000 unverändert neu aufgelegt. Im Internet findet sich das „Grüne Buch“ inzwischen in englischer Übersetzung im Volltext frei verfügbar.

Der deutsche Eishockey-Club ECD Iserlohn warb kurioserweise in der Spielseason 1987 auf seinen Trikots für das „Grünes Buch“. Heinz Weifenbach, der Präsident des Clubs, flog mit einer Gruppe ausgewählter Journalisten nach Libyen, um für den von Steuerschulden angeschlagenen Sportverein, einen neuen Sponsor zu gewinnen. Staatschef Muammar al-Gaddafi versprach den deutschen Sportlern über eine Millionen Mark, sollten diese auf ihren Trikots künftig Werbung für das „Grüne Buch“ machen.

Am 04.Dezember 1987 trugen die Spieler des ECD Iserlohn dann auch tatsächlich bei einem Spiel gegen Rosenheim die Revolutionsschrift des libyschen Diktators zur Schau. Was folgte war harsche Kritik, vor allem von Seiten des damaligen Innenministers Friedrich Zimmermann (CSU), der die Neutralität des Sportes mit diesem politischen Statement gefährdet sah. Daraufhin verzichtete der Eishockey-Club im folgenden Spiel auf die Gaddafi gesponserten Trikots. Nur eine Woche, nach dem geglückten PR-Coup, gab ECD Iserlohn bekannt, finanziell am Ende zu sein und keine Spiele mehr bestreiten zu können.

Dr.Heiner Lohmann, Islamwissenschafter und Soziologe aus Münster, übersetzte das „Grüne Buch“ ins Deutsche und verfasste seine Dissertation über das Werk des libyschen Despoten. Er kennt die utopischen Gedanken Gaddafis und hält das „Grüne Buch“ für ein eindeutiges Zeugnis des vorzeitlichen Weltbildes des libyschen Staatschefs.

Das „Grüne Buch“ sei lange fälschlicherweise für eine politische Kampfschrift gehalten worden, sagte mir Dr.Lohmann. Tatsächlich aber sei das Buch nicht vergleichbar mit den Schriften von Marx, Mao oder Hitler. „Was Gaddafi geschaffen hat, ist ein beduinischer Mythos der Herrschaftsfreiheit und der Subsistenzwirtschaft und der gegenseitigen Hilfe unter Verwandten“, so Dr.Lohmann, „Das „Grüne Buch“ ist etwas regionales, ein narrativer, sehr auf Libyen bezogener Mythos.“

Das Buch beinhalte Widersprüche und sei beinahe unverständlich geschrieben. „Es ist wie ein religiöser Text: undurchsichtig und sehr inspirierend“, erklärt der 59jährige Islamwissenschaftler. „Das “Grüne Buch” ist eine illusionäre Weltdeutung. Die Botschaft ist: die ganze Welt besteht aus Stämmen“, so Dr.Lohmann, „Gaddafi kann überhaupt nicht unterscheiden, zwischen einer beduinischen Stammesgesellschaft und den parlamentarischen Demokratien bei uns. Das versteht Gaddafi überhaupt nicht.“

Das als Revolutionsfibel propgagierte „Grüne Buch“ floss letztendlich auch kaum in die reale politische Entwicklung Libyens unter Gaddafi ein. Eine Volksdemokratie, wie er sie im „Grünen Buch“ preist, schuf Gaddafi nie, regierte stets als alleiniges Oberhaupt des libyschen Staates und verteilte Machtpositionen an Mitglieder seines Familienklans.

„Gaddafi hat immer behauptet: was ich in Libyen mache, ist das was ich im „Grünen Buch“ geschrieben habe“, so Dr.Lohmann,, „Aber er hat es auf keinen Fall umgesetzt. Er hat genau das Gegenteil gemacht (..) Die Realpolitik die er betrieben hat, steht im krassen Widerspruch zu seiner Weltanschauung, die im „Grünen Buch“ hinterlegt ist.“

Der libysche Diktator präsentiere das Buch, wie ein „Evangelium, dem man nicht widersprechen kann“, so der Islamwissenschaftler Dr.Lohmann. Gaddafi sei davon überzeugt, das von ihm beschriebene System sei die Heilslehre für die gesamte Menschheit. „Das ist eine illusionäre Weltdeutung, total naiv, auf dem Niveau eines siebenjährigen Kindes“, meint Dr.Lohmann, „Daher kann er das argumentativ auch nicht begründen.“