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Mutmaßlicher IS-Unterstützer aus Duisburg muss vor Gericht

von Florian Flade

Ein Artikel aus dem IS-Magazin Dabiq 4, den Mikail S. ins Deutsche übersetzt haben soll.

„Übersetzer und Korrekturleser gesucht“, stand auf der Webseite. Es ging nicht um Werbebroschüren, Gebrauchsanleitungen für Elektrogeräte oder Hausarbeiten von Studenten, sondern um islamistische Propaganda. Um Texte über Sklaverei, über Dschihad, die Errichtung des Kalifats und den Mord an westlichen Geiseln. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) suchte nach deutschsprachigen Helfern für ihre Medienarbeit.

In Duisburg wurden die Dschihadisten fündig. Der Gymnasiast Mikail S. soll mehrere Texte für die IS-Terroristen übersetzt beziehungsweise korrigiert haben, bis ihn die Bundesanwaltschaft am 14. Juli 2016 schließlich festnehmen ließ. Mittlerweile wurde Anklage gegen den Duisburger erhoben. Am 22. März soll der Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnen.

Laut Bundesanwaltschaft soll der heute 19 Jahre alte Mikail S. zwischen dem 01. Juni und dem 03. Juli 2016 insgesamt neun Dateien mit englischen und deutschen Texten für die IS-Propagandisten in Syrien bearbeitet haben. Einen Text soll er ins Deutsche übersetzt haben, die anderen Dokumente laß er wohl nur Korrektur. Darunter waren Beiträge aus der vierten Ausgabe des IS-Online-Magazins „Dabiq“ und dem IS-Newsletter „Naba“.

Der Ansprechpartner von Mikail S. soll der Österreicher Mohamed Mahmoud („Abu Usamah al-Gharib“) gewesen sein. Mit ihm kommunizierte der Duisburger offenbar per Telegram-Chat und bekam so auch die Dokumente zugeschickt, um die er sich kümmern sollte.

Zumindest ein Teil der Texte, die Mikail S. für Mohamed Mahmoud im Sommer 2016 bearbeitet hat, sollen später auf der deutschsprachigen IS-Propagandawebseite baqqiya.wordpress.com (inzwischen gelöscht) veröffentlicht worden sein.

Der Österreicher Mahmoud soll nach Erkenntnissen der Ermittler in den vergangenen Jahren als eine Art geistiger Mentor der deutschsprachigen Islamisten im syrischen Raqqa agiert haben. Ob der Österreicher noch am Leben ist oder inzwischen bei Gefechten oder Luftangriffen in der Region getötet wurde, ist unklar.

Mikail S. spielte laut Anklage wohl auch selbst mit dem Gedanken, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Das soll zumindest aus Chatprotokollen hervorgehen, die sichergestellt werden konnten. Es stehe ein Urlaub mit seinen Eltern in der Türkei an, soll Mikail S. dem Österreicher Mahmoud mitgeteilt haben. Ob er ihm nicht dabei behilflich sein könne, die Grenze nach Syrien zu überqueren. Mahmoud erklärte, er könne dies arrangieren und vermittelte sogar den Kontakt zu einem angeblichen Schleuser. Zur Ausreise aber kam es nicht mehr.

Wohnzimmer-Prediger im Visier

von Florian Flade

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Hildesheimer Prediger „Abu Walaa“ – Quelle: Youtube Screenshot

Eine Razzia in einem Reisebüro gibt es nicht oft. Und wenn, dann meist eher wegen Wirtschafts- oder Schleuserkriminalität. Am Mittwochmorgen aber rückte die Polizei in Duisburg-Rheinhausen wegen etwas anderem an. Es ging nicht um das Türkei-Reisen spezialisierte Reisebüro an sich, sondern um ein Hinterzimmer. Und die Aktivitäten dort. 

Der Besitzer des Reisebüros, Hasan C., ein Mann mit hoher Stirn, langem dunklem Haar und Vollbart, soll ein salafistischer Prediger sein, glaubt der Staatsschutz. Jemand der junge Muslime in privaten Sitzungen mit extremistischem Gedankengut indoktriniert. Es gibt keine Youtube-Videos von ihm, er hat auch keine Facebook-Seite wie andere Prediger der radikalislamischen Szene. Hasan C. ist unauffällig. Im Hinterzimmer seines Reisebüros soll er regelmäßig Arabisch- und Koranunterricht gegeben haben. Junge Salafisten aus dem Ruhrgebiet sollen dafür zu ihm gekommen sein.

Jetzt rückte die Staatsmacht an. Mehr als 150 Polizisten waren an den Razzien am Mittwoch beteiligt. Durchsucht wurde im Auftrag der Bundesanwaltschaft nicht nur das Duisburger Reisebüro von Hasan C., sondern auch Wohnungen in Dortmund, Düsseldorf, Tönisvorst und Hildesheim. Die Aktion richtete sich gegen drei mutmaßliche islamistische Hassprediger. Männer, von denen Sicherheitsbehörden glauben, dass sie für die Radikalisierung von Muslimen verantwortlich sind – und vielleicht sogar für die Terrororganisation IS anwerben. Haftbefehle allerdings gab es keine.

„Wer meint, hier unbehelligt hetzen und junge Männer für den bewaffneten Kampf in Syrien und im Irak rekrutieren zu können, liegt daneben“, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) nach der Polizeiaktion.

Im April verübten Yusuf T. und Mohamed B., zwei jugendliche Salafisten, mit einem selbstgebastelten Sprengsatz einen Anschlag auf einen Tempel der Sikh-Religionsgemeinschaft in Essen. Drei Menschen wurden bei der Explosion verletzt. Die Bombenleger sollen regelmäßig an den religiösen Unterrichten von Hasan C. in Duisburg teilgenommen und sich durch die Vorträge maßgeblich radikalisiert haben, heißt es aus Sicherheitskreisen.

In einem Fall, so glauben die Ermittler, soll der Koran-Lehrer Hasan C. einem Islamisten, der zuvor zur Terrormiliz IS in den Irak ausgereist war, Geld geschickt haben. Der Reisebüro-Inhaber wird daher der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verdächtigt.

In Dortmund durchsuchten Polizisten am Mittwoch die Wohnung von Boban S. alias „Abdurrahman“, einem serbisch-stämmigen Islam-Konvertit und Chemieingenieur, der ebenfalls in seiner Privatwohnung religiöse Unterrichte erteilt haben soll. Von „islamistischen Verhaltenskursen“ ist in Ermittlerkreisen die Rede.

Bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen bekam der Hildesheimer Salafisten-Prediger Ahmad Abdulaziz A. von der Polizei Besuch. Der gebürtige Iraker, der in der salafistischen Szene als „Abu Walaa“ bekannt ist, predigt laut Sicherheitsbehörden einen fundamentalistischen Islam. Er ist sowohl in der Moschee des „Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim e.V.“ (DIK) als auch über Youtube, Facebook und einen eigenen Telegram-Kanal aktiv. Manchmal predigt er sogar per Live-Unterrichte per Audioübertragung im Internet. Sein Gesicht zeigt der Salafist nie.

Ende Juli durchsuchte die niedersächsische Polizei den salafistischen Moscheeverein in Hildesheim, in dem Ahmad Abdulaziz A. regelmäßig predigte. Dabei wurden Unterlagen, Laptops, Telefone und mehr als 20.000 Euro in Bar beschlagnahmt. Auch die Wohnungen führender Vereinsmitglieder wurden durchsucht. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD), der ein Vereinsverbot anstrebt, nannte die Hildesheimer Moschee einen „Hotspot“ der salafistischen Szene. Mehr als 20 Personen aus dem Umfeld des DIK-Vereins sollen in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gereist sein. Viele schlossen sich vor Ort dem IS an. Mit den IS-Terroristen will Prediger „Abu Walaa“ offiziell nichts zu tun haben, immer wieder wehrte er sich gegen den Vorwurf, die Gruppierung zu unterstützen.

„Weil sie das Gesetz Allahs nicht akzeptieren“

von Florian Flade

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Asif N.  aus Hamburg – Selbstmordattentäter in Syrien

Die Nachricht kam zuerst über Twitter. „Märtyrer-Operation gegen die abtrünnigen Kurden in Süd-Ost-Shaddadi“ – hieß es in der Mitteilung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), die im März verbreitet wurde. „Der Ritter Abu Umar al-Almani hat sein mit Sprengstoff beladenes Gefährt in einer Ansammlung abtrünniger Kurden (…) gesprengt. Dies führte zur Tötung und Verletzung mehrerer.“

Ein Foto, dass der IS wenig später verbreitete, zeigt einen jungen Mann mit strengem Blick, kariertem Tuch um den Kopf und Sturmgewehr in der Hand. Das Bundeskriminalamt (BKA) identifizierte den deutschen Selbstmordattentäter „Abu Umar al-Almani“ kurze Zeit später: Es handelte sich um Asif N., 20 Jahre alt, Islam-Konvertit aus einer deutsch-polnischen Familie in Hamburg.

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Propagandaabteilung des IS nun auch ein Video zum Tod des deutschen Selbstmordattentäters. „Du gehst auf den Feind zu, in einem Auto, oder ohne Auto. Hast nur ihn vor dir, hinter dir ist niemand. Und tötest so viele wie möglich“, beschreibt Asif N. in dem Clip seinen bevorstehende Anschlag. Und liefert zugleich eine menschenverachtende Begründung für seine Tat: „Nicht weil sie Kurden sind. Nein, weil sie das Gesetz Allahs nicht akzeptieren. Wir gaben ihnen die Chance.“

Der IS lässt in dem Video keine Gelegenheit aus, syrische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa zu diffamieren. Im Gegensatz zu ihnen habe sich „Abu Umar“ aus Deutschland aufgemacht, das „Land der Ungläubigen“ verlassen, um den Dschihad zu führen.

Asif N. war im September 2014 nach Syrien ausgereist – als einer von bislang 38 Islamisten aus Hamburg. Zuvor sollen Angehörige des jungen Mannes dessen Radikalisierung dem Hamburger Staatsschutz gemeldet haben. Eine Ausreise allerdings konnte nicht verhindert werden. Die Staatsanwaltschaft Hamburg aber leitete umgehend ein Ermittlungsverfahren gegen Asif N. ein, das dann sogar an die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe abgegeben wurde. Der Verdacht: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat.

In abgehörten Telefonaten nach Deutschland soll der Dschihadist im vergangenen Jahr nicht nur vom Leben in „Dawla“, dem „Islamischen Staat“, geschwärmt haben. Er sprach auch davon, sich „für Allah“ opfern zu wollen. Nach Erkenntnissen deutscher Behörden erlitt der Hamburger Dschihadist im Gefecht mehrere Schussverletzungen an Rücken und Beinen. Anschließend soll er sich für ein Selbstmordattentat gemeldet haben.

Das BKA warnte daher im Dezember 2015 mit Plakaten in Bundeswehr-Lagern im Nordirak vor einem möglichen Anschlag durch Asif N.. „Die abgebildete Person ist verdächtig, terroristische Anschläge zu planen“, stand darauf. Nur drei Monate später, am 16. März, verübte Asif N. offenbar tatsächlich ein Selbstmordattentat. Jedoch nicht gegen Bundeswehr-Soldaten, sondern gegen die Milizionäre der kurdischen YPG-Einheiten.

Vom Anschlag selbst veröffentlichte der IS allerdings kein Video sondern lediglich eine Animation. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Eventuell filmten die Terroristen das Attentat des Hamburger Dschihadisten nicht. Oder aber das Material eignet sich schlichtweg nicht für Propagandazwecke: Die kurdischen YPG-Kämpfer filmten Anfang März einen misslungenen IS-Anschlag nahe der Ortschaft Shaddadi. Mit einem Panzer zerstörten sie offenbar die Autobombe des Attentäters, bevor dieser die YPG-Stellungen erreichen konnte.