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Tod in Sanaa

von Florian Flade

Im Jemen töten Terroristen einen deutschen Bundespolizisten. Die Ermittlungen laufen schleppend. War es Al-Qaida?

www.auswaertiges-amt.de 2013-10-10 13 43 35

Es gab Zeiten, da konnten sich Ausländer in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa relativ frei bewegen. Entführungen gab es da bereits schon, jedoch meist in den abgelegenen Bergregionen, in denen die Stämme gegen die Zentralregierung kämpften oder untereinander. Doch seit einigen Jahren hat sich die Lage für Ausländer, insbesondere Personen aus dem Westen, dramatisch verschlechtert. Landesweit ist das Risiko von Terroranschlägen und Geiselnahmen gestiegen. Al-Qaidas Gotteskrieger nehmen gezielt Westler ins Visier. Mit Vorliebe unvorsichtige Touristen, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Botschaftspersonal.

So wohl auch am vergangenen Sonntag in Hadda, dem Diplomatenviertel im Südwesten der Hauptstadt Sanaa. Diesmal traf es einen Beamten der deutschen Bundespolizei, die in Krisengebieten für die Sicherheit der Deutschen Botschaften sorgt. Der 39-jährige Bundespolizist Mirco K. hatte gerade in einem Supermarkt im Einkaufszentrum Al-Dschandul, das häufig von Ausländern frequentiert wird, seine Einkäufe erledigt, als die Attentäter zuschlugen.

Während sein Kollege noch im Supermarkt bezahlte, trug K. die Einkaufstüten zum Auto. In diesem Moment raste nach Augenzeugenberichten vermummte Unbekannte in einem dunklen Fahrzeug heran. Es kam wohl zu einem Handgemenge, offenbar sollte der deutsche Polizist entführt werden. Vermutlich weil sich Mirco K. zur Wehr setzte, schossen die Angreifer auf den Oberkommissar und trafen ihn tödlich am Kopf. Anschließend flohen die Attentäter. K.s Kollege kam aus dem Supermarkt gerannt und fand den leblosen Körper des Bundespolizisten auf dem Parkplatz.

„Ich habe leider die traurige Pflicht und muss Ihnen bestätigen, dass gestern ein deutscher Sicherheitsbeamter, der an der Deutschen Botschaft in Sana’a im Jemen tätig war, getötet wurde“, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) am Folgetag. „Wir verurteilen diese grausame Tat und sind in tiefer Trauer um einen engagierten und geschätzten Kollegen. Den Angehörigen und Freunden spreche ich unser tiefes Mitgefühl aus. In dieser schweren Stunde sind unsere Gedanken bei der Familie und bei seinen Freunden.“

Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) untersuchen den tödlichen Vorfall in Sanaa derzeit. Ihre Ermittlungen gestalten sich allerdings schwierig. Fest steht bislang, dass Mirco K. und sein Kollege den Supermarkt ohne die ansonsten obligatorischen Schutzwesten betraten, und diese im Auto ließen. Genau wie entsprechende Bewaffnung, ist das Tragen von kugelsicheren Westen im Al-Dschandul-Einkaufszentrum angeblich verboten.

Bewaffnet waren die beiden Bundespolizisten dennoch. Sie trugen ihre Dienstpistolen im Holster, verdeckt unter der zivilen Kleidung. Mirco K. hatte die Waffe wohl nicht mehr rechtzeitig ziehen können.

Noch ist unklar, ob es sich um einen gezielten Mordanschlag auf deutsches Botschaftspersonal handelt oder nicht. Gerüchte, wonach die Angreifer geplant hatten, die deutsche Botschafterin Carola Müller-Holtkemper zu entführen, dementierten Sicherheitskreise umgehend. Die Diplomatin hatte erst am 30.September ihren Dienst in Sanaa angetreten, hielt sich jedoch zum Zeitpunkt des Angriffs auf den Bundespolizisten nicht im Jemen auf.

Als wahrscheinlich gilt, dass es die Attentäter auf westliche Ausländer abgezielt hatten. Bekennerschreiben zu der Tat, etwa von der Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) liegen aktuell noch nicht vor.

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Deutscher Terrorverdächtiger im Jemen angeklagt

by Florian Flade

Wollte den britischen Botschafter töten – Uthman al-Salawi

Im Jemen wird in der kommenden Woche ein deutscher Staatsbürger als mutmaßliches Mitglied des Terrornetzwerkes al-Qaida angeklagt. Er soll einer terroristischen Zelle angehören, die im Frühjahr ein Attentat auf einen britischen Diplomaten verübte. Dies teilte das jemenitische Justizministerium gestern mit.

Der Deutsche Rami H. sowie ein Iraker und zwei Jemeniten waren im Juni in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa von Sicherheitskräften festgenommen und anschließend verhört worden.
Die Ermittlungen seien nun abgeschlossen, teilte das Justizministerium von Sanaa mit, und die vier Männer würden angeklagt im Auftrag al-Qaidas ein Attentat auf den britischen Botschafter Timothy Torlot geplant und ausgeführt zu haben.

Torlot war am 26.April in einem Konvoi nahe der britischen Botschaft Sanaa unterwegs, als ein Selbstmordattentäter auf die Straße sprang und sich neben seinem Fahrzeug in die Luft sprengte. Der Diplomat überlebte den Anschlag unverletzt.

Al-Qaidas jemenitischer Ableger, „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“, hatte sich im Mai zum missglückten Mordanschlag auf Botschafter Torlot bekannt und ein Fotos des jemenitischen Selbstmordattentäters veröffentlicht.
Der 22jährige Attentäter Uthman al-Salawi war im Jahr 2009 aus dem Gefängnis entlassen worden und wenige Wochen vor dem Anschlag auf den britischen Botschafter verschwunden, erklärte sein Vater.

In einem al-Qaida Bekennerschreiben hieß es: „Großbritannien ist Amerikas engster Verbündeter in seinem Krieg gegen den Islam.“ Das Attentat sei eine Märtyreroperation gegen den britischen Botschafter gewesen, der den „Krieg gegen die Muslime auf der Arabischen Halbinsel für sein Land anführt.“

Bei dem deutschen Terrorverdächtigen, der in der kommenden Woche vor ein Gericht kommen soll, das auf Prozesse gegen Terroristen spezialisiert ist, soll es sich Angaben des jemenitischen Justizministeriums zufolge um Rami H. handeln.
H. sei der Sohn eines deutschen Geschäftsmannes, der seit Jahren im Jemen lebe und mit einer Jemenitin verheiratet sei.

Bislang war nicht bekannt ob und wenn ja wie viele deutsche Staatsbürger sich dem jemenitischen Zweig des al-Qaida Netzwerkes angeschlossen haben. Westliche Geheimdienst stufen die Aktivitäten al-Qaidas im Jemen als zunehmend gefährlich ein und warnen vor Anschlägen.

Viele Muslime aus Europa und Nordamerika, darunter auch immer mehr Konvertiten reisen seit Jahren in den Jemen um sich in den dortigen Sprach- und Koranschulen ausbilden zu lassen. Einige dieser Lehreinrichtungen genießen einen fragwürdigen Ruf und gelten als Brutstätten islamistischer Ideologien.

Im Dezember 2009 versuchte der Nigerianer Umar Farouq Abdulmutallab in den USA eine Passagiermaschine mit einer in der Unterwäsche versteckten Bombe in die Luft zu sprengen. Der gescheiterte Attentäter hatte vor seiner Tat, jemenitische Sprachschulen besucht und wurde dort an al-Qaida angeworden.