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„Wie krass die Abtrünnigen stinken“

von Florian Flade

Fatih T. aus Berlin-Steglitz in den Bergen Waziristans

Ein Gehöft irgendwo in den Bergen zwischen Afghanistan und Pakistan. Ziegelmauern, eine Lehmhütte, verstreut auf der Erde liegen angeblich die Wrackteile eines abgeschossenen Hubschraubers. Vier pakistanische Soldaten sollen durch den Absturz der Maschine angeblich ums Leben gekommen sein. Ein bärtiger Mann läuft durch das Trümmerfeld. Sein Gesicht ist verpixelt, an einem Tragegurt um die Schulter hängt eine RPG-Panzerfaust. Der Mann spricht Deutsch. „Wie krass diese Abtrünnigen stinken“, sagt er in die Kamera, „sie liegen erst ein paar Tage herum und fangen schon an zu stinken. Sie sind kuffar (Ungläubige).“ Der Mann, so verrät es der eingeblendete Text des Videos, heiße „Abdul Fettah al-Muhajir“. Sein richtiger Name: Fatih T. Er ist kein Afghane, er ist Berliner.

Vor drei Jahren zog Fatih T. in den „Heiligen Krieg“ an den Hindukusch. Zuvor lebte er ein recht unauffälliges Leben in Berlin-Steglitz. Der Deutsch-Türke galt als gut integriert, sein Leben unterschied sich kaum von dem anderer Berliner Jugendlicher. Er besaß einen Motorroller, ein iPhone, verbrachte die Wochenenden in Diskotheken und auf Privatparties. Fatih sei einer von ihnen gewesen, berichten ehemalige Schulkameraden heute, ein Partygänger, der Alkohol getrunken habe, HipHop-Musik und Kampfsport liebte. Im Juni 2003 fuhr er mit Freunden nach Hamburg, besuchte dort ein Konzert der Rap-Ikone „Eminem“. Das Interesse fürs Feiern und die Musik war derart stark, dass Fatih T. die Schule immer mehr schleifen ließ. Seine Leistungen ließen nach, noch 2003 wechselte er das Gymnasium. Im Folgejahr bestand Fatih T. das Abitur und jobbte anschließend in einem Fastfood-Restaurant.

Freunden erzählte er damals, er wolle sich eventuell bei der Bundeswehr verpflichten lassen und Berufssoldat werden. Stattdessen aber schrieb er sich an der Technischen Universität in Berlin zum Studium ein. Religion oder Politik hätten ihn zu Schulzeiten nie übermäßig interessiert, erinnern sich Freunde. Kenntnis über den Islam habe er allerdings schon als Jugendlicher gehabt. „Er wusste schon um seine eigenen kulturellen Wurzeln Bescheid“, sagt ein ehemals guter Freund. Irgendwann bemerkte die Clique dass Fatih wohl auf „der Suche nach etwas“ war. Es setzte eine spirituelle Wandlung ein, die nun auch äußerlich sichtbar wurde.

Fatih T. interessierte sich bereits kurz nach Studienbeginn verstärkt für den Islam. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem „Was kommt nach dem Tod?“ haben ihn wohl zunehmend beschäftigt. Am Campus soll er schließlich mit strenggläubigen Muslimen in Kontakt gekommen sein. Die hätten ihn womöglich in die Salafisten-Szene der Hauptstadt eingeführt, mitgenommen in eine Moschee im Stadtteil Wedding, vermutet die alte Clique. Einen „Kaftan, Bart und Schlappen“ habe der einstige Partygänger fortan getragen, erzählen Freunde. Ein Blick auf Fatihs Profilseite eines sozialen Netzwerks bestätigte die religiöse Wandlung des Berliners. Dort zierte nun ein Foto von Mekka das Profilbild von Fatih T.. Als Mitglied in Islam-orientierten Internetgruppen verschickte er Links zu Youtube-Videos von Pierre Vogel an die nicht-muslimischen Freunde.

Die Freunde rätseln heute, wie aus dem kampfsportbegeisterten Hobby-Rapper in so kurzer Zeit ein Glaubenskrieger wurde. Die Antwort, so vermuten sie, liegt in den Hinterhof-Moscheen im Berliner Stadtteil Wedding und am dortigen, radikalen Umfeld. Bei einer Zufallsbegegnung 2009 fragen die Freunde Fatih, von wo er denn gerade komme. Seine Antwort: „Aus´m Wedding, von der Moschee.“ Sein Leben laufe momentan gut. Eines aber bereite ihm Sorgen, so der Student. Es sei schade, dass er seiner älteren Schwester, die damals mit ihm in einer Wohnung wohnte, nicht sagen könne, wie sie sich zu verhalten haben und was sie machen dürfe, und was nicht. Die Freunde wurden stutzig. War das Macho-Gehabe, oder Ausdruck eines immer radikaleren Islam-Verständnisses?

Fatih T., so vermuten Sicherheitsbehörden, baute im Umfeld einer Berliner Moschee einen Freundeskreis auf, der zur salafistischen Szene gehörte. Einer der neuen Freunde war Yusuf O.. O. studierte ebenfalls in Berlin, galt als bestens integriert, driftete dann ab in den Islamismus. Genau wie Fatih hegte auch Yusuf einen sehnlichen Wunsch: Kämpfen für Allah. Damit waren die beiden Deutsch-Türken nicht alleine in der Berliner Szene. Ein gutes Dutzend Islamisten wollte in den „Heiligen Krieg“ im weitentfernten Afghanistan zu ziehen. Fatih und Yusuf wollten die Ersten sein.

Wer aber in den Dschihad ziehen will, der braucht zunächst einmal Geld für die beschwerliche Reise. Das wusste auch Fatih. Über Ebay verkaufte er unterschiedlichste Dinge wie Handys, Goldbarren, Computer. Nichts davon besaß der Student, die Käufer erhielten keine Ware. Fatih aber kassierte 7000 Euro. Als die Betrogenen Anzeige gegen ihn erstatteten, hatte Fatih Deutschland längst verlassen. Mit Yusuf O. und dem Berliner Fatih K. reiste er im April 2009 über die Türkei in den Iran. Von dort führte die Tour ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet Waziristan. In dieser Region, in der nicht der pakistanische Staat sondern Taliban und Al-Qaida herrschen, schlossen sich Fatih und Yusuf einer Terrorgruppe an und absolvieren eine paramilitärische Ausbildung. Aus Fatih T. wurde „Abdel Fettah al-Muhajir“, aus Yusuf O. wurde „Abu Ayyub al-Almani“

Als die Angehörigen nach dem Verschwinden Fatihs Wohnung in Berlin-Steglitz durchsuchten, fanden sie islamistische Literatur. Darunter eine Schrift mit dem Titel „39 Wege den Dschihad zu unterstützen“. Fatihs Eltern leben inzwischen wieder in der Türkei. Genau wie seine Glaubensbrüder in Berlin, bekamen sie ab und an E-Mails aus Pakistan. Telefonieren könne er nicht, schrieb Fatih, die Geheimdienste würden alle Gespräche mithören. In den E-Mails verriet er nur wenige Details über sein Leben als Dschihad-Kämpfer. Meist bettelte er um dringend benötigtes Geld. Man solle ihm sein BaFög schicken, dass der Staat ihm weiterhin überwies. Er war immer noch eingeschriebener Student, da trainierter er bereits an Kalaschnikow und Panzerfaust. Nur an das Geld kam er von Pakistan aus nicht heran.

Mal hieß es in einer E-Mail, Fatih sei „bei Adrenalin“. Die Glaubensbrüder in Deutschland lasen daraus: Fatih war wohl in Kämpfe verwickelt. In einem Internetchef versuchte Fatih einen Gesinnungsgenossen aus Berlin-Kreuzberg zu einem Selbstmordattentat in der deutschen Hauptstadt zu überreden. Der Freund lehnte ab. Einmal schickte ein Kampfgefährte eine E-Mail an Fatihs Vater. Darin stand, Fatih leide an einem Nierentumor und werde wohl bald im Jemen behandelt. Die Transplantation würde 50.000 Euro kosten. Ob die Familie das Geld nicht schicken könne, fragte der E-Mail-Verfasser. Fatih war nie im Jemen. Das Geld brauchte er für Waffen, Munition und Lebensmittel.

Im Herbst 2009 und Frühjahr 2010 verschwanden in mehreren Reisewellen Islamisten aus Berlin. Unter ihnen waren Konvertiten, Araber, Türken, teilweise mit Ehefrauen. Sie stammten größtenteils aus dem Freundeskreis von Fatih T. und folgten ihm nach Pakistan. Dazu hatte Fatih T. in einer Videobotschaft aus Waziristan aufgerufen. „Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns weiterhin im Kampf gegen die Ungläubigen befinden“, sagte er in einer Videobotschaft, „Ich rufe die Muslime auf, für die Religion Allahs zu kämpfen. Ich rufe euch auf, in die besetzten Länder zu kommen und gegen die Ungläubigen zu kämpfen, so wie sie gegen uns kämpfen!“ Die Propaganda zeigte wirkung und so wuchs die deutsche Dschihad-Kolonie in den pakistanischen Bergen durch den Zulauf aus Berlin. Es entstanden die „Deutsche Taliban Mujahideen“ (DTM).

Deren Mitgliederzahl sank jedoch genauso schnell, wie sie gestiegen war. Im April 2010 erschossen pakistanische Soldaten drei deutsche Islamisten der DTM an einem Checkpoint. Einer der getöteten Islamisten, ein Berliner Konvertit, hinterließ eine deutsche Ehefrau. Fatih T. heiratete die Märtyrer-Witwe, die kurz darauf ein Kind ihres verstorbenen ersten Ehemannes zur Welt brachte. Ein weiteres Berliner Islamisten-Pärchen verließ im Sommer 2010 voller Frust das Terrorcamp in Waziristan und wurde bei der Rückreise nach Deutschland in der Türkei verhaftet. Fatihs bester Freund Yusuf kehrte den DTM noch im Frühjahr 2010 den Rücken und schloss sich der Al-Qaida an. Als er kurz darauf im Auftrag des Terrornetzwerkes nach Europa zurückreiste, verhafteten ihn die Sicherheitsbehörden in Wien.

Im Dezember 2010 tauchte ein Schreiben der „Deutschen Taliban“ im Internet auf, in dem verkündet wurde, dass Fatih T. alias „Abdel Fettah al-Muhajir“ fortan der „Emir“ der Gruppe sei. Was heroisch klang, war mehr Scherz und Verzweiflung als alles andere, denn Fatih und seine Berliner Ehefrau hielten zu diesem Zeitpunkt bereits Monaten als letzte Mitglieder der DTM einsam und allein die Stellung in Waziristan. Die Drohnenangriffe der USA und die katastrophalen Lebensbedingungen in den Berghütten setzten den Dschihadisten aus dem Westen hart zu. So sehr, dass Fatihs Frau Amirah samt Kind die Heimreise antrat. Über den Iran reiste die schwangere Berlinerin im Juni 2011 zurück nach Deutschland. Eine beschwerliche Flucht, die Mutter und Kind unbeschadet überstanden.

Zurück blieb Fatih. Er meldete sich noch sporadisch bei der Familie und bei Freunden in Berlin, erzählte, er habe keine Lust mehr auf Dschihad. Dann verschwand er und tauchte kurze Zeit später im Iran auf. Wohl auf Rat seines Anwaltes kontaktierte Fatih T. vom Iran aus Medienvertreter, berichtete die iranischen Behörden würden ihn, den gesuchten Terroristen, nicht ausreisen lassen sondern als Faustpfand gegen Deutschland missbrauchen.

Irgendwie gelang es dem Berliner Ex-Gotteskrieger dann wohl doch Iran auf eigene Faust zu verlassen. Fatih setzte sich in die Türkei ab. Dort verhaftete ihn die Polizei Anfang Juni wegen der illegalen Einreise. Sollte Fatih nach Deutschland ausgeliefert werden, droht ihm wohl ein Prozess wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – und wegen Internet-Betrugs. Das Verfahren wegen der Ebay-Verkäufe sei „noch nicht abgeschlossen“, heißt es von der Berliner Justiz.

 

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Deutsche Taliban „zerschlagen“

von Florian Flade

Die „Deutschen Taliban Mudschaheddin“ war die erste deutsche Dschihad-Gruppierung im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Sie drohte Deutschland mit Terroranschlägen und lockte mehrere Berliner Islamisten nach Waziristan. Jetzt macht es der Verfassungsschutz offiziell: die deutschen Taliban sind „zerschlagen“. Ein Rückblick.

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Auf der Spur eines Berliner Gotteskriegers

von Florian Flade

Im beschaulichen Berlin-Steglitz wuchs ein junger Deutsch-Türke auf, der als gut integriert galt, Parties, Alkohol und Mädchen liebte. Irgendwann wandelte sich Fatih T. zu einem islamistischen Fanatiker – heute ist er der Anführer einer deutschen Dschihadisten-Gruppe in Afghanistan. Die Geschichte eines Berliner Gotteskriegers.

Fatih T. – Vom Partygänger zum Dschihadisten

Ein unscheinbares Haus in Berlin-Lankwitz, Stadtteil Steglitz. Der Deutsch-Türke Fatih T., geboren und aufgewachsen in Berlin, nannte das mehrstöckige Haus jahrelang sein Zuhause. Im Erdgeschoss lebten die Eltern, bis sie vor über einem Jahr wieder in die Türkei zogen. Das Stockwerk darüber teilte sich Fatih mit seiner älteren Schwester. Die Familie galt nicht als besonders religiös, die Mutter trug zwar Kopftuch, die Schwester hingegen nie.

Fatih, geboren 1985, stammt aus einem gut integrierten Elternhaus. Der Vater hatte einen Job, die Familie lebte nicht in der Unterschicht. Der einzige Sohn des Ehepaares lebte das Leben eines typischen Berliner Jugendlichen. Sein Freundeskreis war groß, bestand mehrheitlich aus Deutschen. Die Clique feierte gerne, Parties und Disco-Besuche bestimmten die Wochenenden. Beim Feiern war Alkohol für Fatih kein Tabu, im Gegenteil, oftmals ein Muss. Einmal, so erinnern sich Freunde, organisierte er selbst eine „All you can drink“-Party, einmal bezahlen und trinken ohne Limit. Auch Mädchen soll der Deutsch-Türke viele kennengelernt haben Zeitweise hatte er eine Freundin, dann ging die Beziehung wieder in die Brüche.

Als Teenager sei er nie besonders auffällig gewesen, weiß seine ehemalige Clique zu berichten. Politisch interessiert sei er gewesen, aber nicht übermäßig. Manchmal habe er mit den „Grauen Wölfen“, den türkischen Nationalisten, sympathisiert. Religion habe dabei aber keine große Rolle gespielt, nie waren Koran, Moschee oder Dschihad Thema, von Fundamentalismus keine Spur. Fatih war zwar häufig der einzige, der sich im Kreis von Freunden mit Stolz als Muslim bezeichnete, aber Außenstehende erkannte in ihm nie einen gottesfürchtigen Diener Allahs. Der Glaube aber entwickelte sich zunehmend zu einem Teil von Fatihs Identität.

„Nicht besonders selbstbewusst“ sei er früher gewesen, berichtet ein guter Freund, „nicht von seinem Auftreten her, aber er wirkte innerlich hilflos.“ Er sei, so hört man im Gespräch mit Personen die jahrelang mit ihm befreundet waren, „auf der Suche nach etwas gewesen.“ Häufig habe er die Gruppendynamik gesucht, wollte Teil einer Gemeinschaft sein. Im Kampfsport, den er begeistert ausübte, fand Fatih diese Gruppenzugehörigkeit.

„Vielleicht wegen seines orientalischen Aussehens wurde er einmal nicht in eine Diskothek gelassen“, erinnert sich ein ehemaliger Klassenkamerad. Ob Fatih solche Diskriminierung häufiger erlebte, ist unklar. Unter den eigenen Freunde jedenfalls war er einer von ihnen. Zusammen mit zehn Freunden fuhr er im Juni 2003 nach Hamburg und besuchte ein Rap-Konzert. Von Ausgrenzung war im Freundeskreis nichts zu spüren.

Fatihs Interesse für Parties, Hip-Hop-Musik und das Abhängen in der Clique wurde sogar derart stark, dass er die Schule immer stärker vernachlässigte. Seine schulische Leistungen ließen rapide nach, so dass er noch im Jahr 2003 das Gymnasium wechselte. Auf der neuen Schule bestand Fatih T. im Folgejahr erfolgreich sein Abitur.

Was nach der Schule kommen sollte, wusste Fatih nicht genau. Er jobbte in einer Filiale der amerikanischen Fastfood-Kette „Burger King“ und spielte mit dem Gedanken sich bei der Bundeswehr verpflichten zu lassen. Weiterhin gab es keinerlei Anzeichen, dass aus dem erfolgreichen Abiturienten mal ein radikalislamischer Extremist werden würde. Er hatte weiterhin die Freunde aus seiner Schulzeit um sich, mit einem seiner besten Kumpels machte er Urlaub in der Türkei.

In der Schule waren die naturwissenschaftlichen Fächer Fatihs Stärke, nun wollte er erweitertes technisches Wissen erlernen und anwenden. Er schrieb sich an der Technischen Universität (TU) Berlin ein und begann ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens.

Kommilitonen berichten, eines Tages sei er plötzlich mit Bart und Häkelmütze in der Uni aufgetaucht. Von diesem Zeitpunkt an suchte er regelmäßigen den Gebetsraum der Uni auf und traf sich dort mit Glaubensbrüdern. Innerhalb kurzer Zeit war in ihm eine Religiosität herangewachsen, die er nun offen zur Schau trug. „Der läuft jetzt mit Bart und Kaftan rum“, erzählten sich die Freunde aus Schulzeiten. Ein Fundamentalist sei er aber zu diesem Zeitpunkt nicht gewesen. Der junge Mann war weiterhin nett, höflich und pflegte Umgang mit nichtmuslimischen Freunden. Fatih, so schien es, praktizierte nun den Islam ernsthafter als je zuvor. Für sein Umfeld war er bislang nie „Fatih der gläubige Muslim“ sondern „Fatih der Kampfsportler“ oder „Fatih der Rapper“ gewesen. Nun zierte die Kabaab von Mekka seine Profilseite in sozialen Netzwerken und begann er Videolinks zu Vorträgen des salafistischen Predigers Pierre Vogel an Freunde zu verschicken.

Die Freunde rätseln heute, wie aus dem kampfsportbegeisterten Partygänger in so kurzer Zeit ein Glaubenskrieger wurde. Die Antwort, so vermuten sie, liegt in den Hinterhof-Moscheen im Berliner Kiez und am dortigen, radikalen Umfeld. Als ihn alte Bekannte bei einer Zufallsbegegnung 2009 fragten, von wo er denn gerade komme, antwortete Fatih: „Aus´m Wedding, von der Moschee.“ Sein Leben laufe momentan gut. Eines aber bereite ihm Sorgen, so der Student. Es sei schade, dass er seiner älteren Schwester nicht sagen könne, wie sie sich zu verhalten haben und was sie machen dürfe, und was nicht. Die Freunde wurden stutzig. War das Macho-Gehabe, oder Ausdruck eines immer radikaleren Islam-Verständnisses?

Genau konnten sie es nicht einschätzen, denn die alten Freunde verloren Fatih zunehmend aus den Augen. Oft hing er bei der Moschee rum, baute dort unter Glaubensbrüdern einen neuen Freundeskreis auf, zu welchem wohl auch Yusuf O. gehörte. Der ebenfalls in Berlin geboren und aufgewachsene Yusuf O. verschwand genau wie Fatih T. im Mai 2009 spurlos.

Im April 2010, ein Jahr nach Fatihs Verschwinden aus Berlin, stieß ein Freunde aus Teenager-Tagen im Internet auf ein islamistischen Propagandavideo aus Afghanistan. Produziert hatten es die „Deutschen Taliban Mujaheddin“ (DTM), eine Terrorgruppe aus dem pakistanischen Waziristan der sich in den vergangenen Jahren Islamisten aus Deutschland angeschlossen hatten. Ein bärtiger Dschihadist namens „Abdel Fattah al-Almani (der Deutsche)“ tauchte an mehreren Stellen des Internet-Videos auf. Er hatte eine Panzerfaust geschultert und stapfte durch die Wrackteile eines abgeschossenen Militärhubschraubers im Osten Afghanistans. Angeblich kamen vier Soldaten beim Abschuss des Hubschrauber ums Leben. „Wie krass diese Abtrünnigen stinken“, sagt der deutsche Dschihad-Kämpfer, „sie liegen erst ein paar Tage herum und fangen schon an zu stinken – sie sind kuffar (Ungläubige).“

Das Gesicht des deutschen Islamisten war verpixelt und unerkenntlich, doch sein Berliner Akzent stach hervor. Der Freund schickte das Video über das Internet an die alte Clique. „Ist das nicht Fatih?“, wollte er wissen. Sicher war sich keiner von ihnen, die Stimme aber klang wie die ihres Kumpels – „Abdel Fattah“ aus dem Video war Fatih T. aus Steglitz.

Als die Freunde die Berliner Behörden informierten, wusste man dort längst von den Reisebewegungen Berliner Islamisten in die Ausbildungslager im pakistanischen Waziristan. Muslimischer Migranten der zweiten und dritten Generation und eine Reihe von Konvertiten, sogar einige schwangere Frauen, waren in den letzten Jahren nach Pakistan aufgebrochen, um in den Dschihad zu ziehen. Bis zu 20 Islamisten aus der Hauptstadt sollen sich zeitweise in den Terrorcamps aufgehalten haben – Fatih T. ist einer von ihnen. Zusammen mit Yusuf O. war er offenbar im Frühjahr 2009 über die Türkei und Iran nach Pakistan gereist, hatte sich in den Stammesgebieten Waziristans den Deutschen Taliban angeschlossen und wurde zu einem Kämpfer im Heiligen Krieg. Fatih T. trainierte längst in den pakistanischen Terrorcamps, da erhielt er weiterhin Bafög-Überweisungen. Zuhause in Deutschland war der Berliner weiterhin als Student registriert, nicht als fanatischer Gotteskrieger.

Wie sich herausstellte, hatte Fatih T. seinen ersten Propagandaauftritt bereits im September 2009. Damals bedankte er sich unter dem Kampfnamen „Abdel Fattah“ in einem Video der DTM für die vielen Ramadan-Spenden aus Deutschland. „Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns weiterhin im Kampf gegen die Ungläubigen befinden“, sagte T. mit leiser, zögerlicher Stimme, „Obwohl wir uns im gesegneten Monat Ramadan befinden, geht der Kampf ständig voran.“

Im letzten Videoauftritt des Berliner Deutsch-Türken aus dem Arpil 2010, ruft er deutsche Muslime auf, sich dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen. Auf dem Boden sitzend, vor ihm zwei Maschinengewehre platziert, erklärt Fatih T.: „Ich rufe die Muslime auf, für die Religion Allahs zu kämpfen. Ich rufe euch auf, in die besetzten Länder zu kommen und gegen die Ungläubigen zu kämpfen, so wie sie gegen uns kämpfen“. Auch finanzielle Unterstützung und Missionsarbeit sei willkommen, so der Islamist: „Wir werden auf jeden Fall siegen, die Frage ist nur, ob ihr euren Teil dazu beitragen wollt!“

Zum Zeitpunkt als das Video im Internet auftauchte, war ein großer Teil der „Deutschen Taliban“ bereits nicht mehr am Leben. Eric Breininger, der Berliner Konvertit Danny R. sowie Ahmet M., der ehemalige Anführer der DTM, starben im April 2010 in einem Feuergefecht mit pakistanischen Soldaten. Der ebenfalls aus Berlin stammende Konvertit Thomas U. und seine schwangere Ehefrau verließen die Gruppe im Spätsommer 2010 und wurden im vergangenen September in der Türkei festgenommen. Sie hatten genug vom Leben in Waziristan und wollten zurück nach Deutschland.

Trotz der Verhaftungen und etlicher Todesfälle in den Reihen der deutschen Dschihadisten, wagen deutsche Behörden noch nicht von einem Ende der DTM-Gruppe zu sprechen. Fatih T. und Yusuf O. kämpfen weiter, sie sollen gar an Angriffen auf das US-Militär in Afghanistan beteiligt gewesen sein.
Auch der in Berlin-Neukölln geborene Hayrettin S., vor dem jüngst das US-Militär eindringlich warnte, soll sich in der afghanisch-paksitanischen Grenzregion aufhalten. Abgehörte Chat-Gespräche belegen, dass S. sich der DTM angeschlossen hatte und möglicherweise sogar bereit ist Anschläge in Deutschland durchzuführen.

Nach Monaten ohne ein propagandistisches Lebenszeichen, tauchte vor wenigen Wochen ein Schreiben der „Deutschen Taliban Mujaheddin“ auf einer türkischsprachigen Islamisten-Webseite auf. Darin heißt es, Fatih T. alias „Abdel Fattah al-Almani“ sei zum neuen Emir der Gruppe ernannt worden. Seine Dschihad-Karriere scheint demnach noch nicht beendet zu sein. Eine Rückkehr ins heimatliche Berlin kommt für den heute 26jährigen wohl nicht mehr in Frage. Er ist nun der Anführer der „Berliner Taliban“, gilt als gefährlicher Terrorist und wird per Haftbefehl gesucht.

In der Berliner Heimat sind Fatihs Freunde entsetzt über dessen Werdegang. Nie hätten sie gedacht, der freundliche HipHop-Fan würde eines Tages zu einem islamistischen Terroristen mutieren. Der Prozess seiner Radikalisierung bleibt für sie unerklärlich. Nie hatte er Hass auf den Westen, auf die USA oder auf Deutschland erkennen lassen, oder sein Umfeld in Gläubige und Ungläubige eingeteilt.

Fatihs ehemalig bester Freund hatte es indes vor einigen Jahren auch an den Hindukusch verschlagen – als Soldat der Bundeswehr.