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Syrische Bloggerin Amina ist reine Fiktion

by Florian Flade

Die Geschichte der lesbischen Syrerin Amina Abdallah Araf rührte Tausende weltweit. Ihr Blog “A Gay Girl in Damascus” wurde zu einer Stimme der Unterdrückten in Nahost. Jetzt bekennt ein amerikanischer Student, die syrische Bloggerin frei erfunden zu haben.

“A Gay Girl in Damascus” – so heißt ein englischsprachiges Weblog der seit Monaten für Aufsehen sorgt. Das Internet-Tagebuch soll von einer jungen Syrerin namens Amina Abdallah Araf geführt geführt werden, die sich als lesbisch geoutet hat und seither über ihr Leben und die Unterdrückung sexueller Minderheiten in der syrischen Dikatur schrieb. Amina gehört, seitdem sie die Webseite im Februar ins Leben rief, zu den bekanntesten Bloggerinnen der arabsichen Welt. In Syrien entwickelte sich die homosexuelle Aktivitistin schnell zur einer Ikone des Aufstandes gegen die Assad-Diktatur. Dann verschwand Amina spurlos.

Am 06.Juni verfasste eine angebliche Cousine von Amina einen Eintrag auf “A Gay Girl in Damascus”, den hunderttausende Internetnutzer in den Folgetagen lasen und der seinen Weg auch in internationale Medien fand. Aminas vermeintliche Cousine berichete, die Bloggerin sei während der aktuellen Unruhen in Syrien von Sicherheitskräften verschleppt worden. Ihre Familie habe keinen Kontakt zu Amina und wisse nicht wo sie vom Regime festgehalten werde.

Die Meldung von der Entführung der hübschen Internet-Aktivitistin löste eine Welle der Unterstützung und des Protestes aus. Internet-Nutzer die Aminas Blog verfolgt hatten, gründeten Facebook-Gruppen und riefen dazu auf E-Mails an syrische Botschaften schicken, mit der Aufforderung an das Regime, Amina freizulassen. Der Fall der Bloggerin aus Damaskus wurde zu einem weiteren Symbol für die Menschenrechtsverletzungen der Regime in der Region. Eine Märtyrerin der Internet-Generation war geboren.

Dabei war nicht einmal klar, ob Amina, die Lesbe aus Damaskus, tatsächlich existierte. Alle biografischen Angaben stammten von ihrem Blog, niemand schien der realen Amina Araf persönlich jemals begegnet zu sein, einzig der E-Mail Kontakt konnte nachgewiesen werden. Erste Zweifel an er Geschichte und der Existenz der lesbischen Bloggerin kamen auf.
Eine Reportin des “Guardian” interviewte die junge Frau lediglich per E-Mail, ein Treffen oder Telefoninterview wurde abgelehnt. Eine Kanadierin tauschte gar über 1,000 E-Mails mit Amina aus, im Glauben die Syrerin sei eine real existierende Person.

In der vergangenen Woche meldete sich schließlich in Großbritannien eine Frau, deren Fotos von der syrischen Bloggerin als die ihren ausgegeben wurden. Jelena Lecic, eine in London lebende Kroatin gab im britischen TV-Sender BBCan, die Fotos aus ihrem Facebook-Profil seien auf “A Gay Girl in Damascus” als Aufnahmen von Amina al-Araf veröffentlicht worden waren. Renommierte Medienvertreter wie die US-Tageszeitung “New York Times” äußerten sich skeptisch, ob die Geschichte der lesbischen Bloggerin der Wahrheit entspricht.

Gestern nun flog der Schwindel auf. Der amerikanische Nahost-Aktivist Tom MacMaster gestand, den Blog geführt und Aminas Geschichte frei erfunden zu haben. McMaster, der derzeit an der Edinburgh University in Schottland studiert, veröffentlichte auf “A Gay Girl in Damascus” eine schriftliche Entschuldigung. Unterzeichnet ist der Eintrag mit “Tom MacMaster, Istanbul, Türkeo, 12.Juli 2011 – Der einzige Autor aller Texte auf diesem Blog”.

“Ich hatte nie mit diesem Maß an Aufmerksamkeit gerechnet”, so MacMaster der sich aktuell im Urlaub in der Türkei aufhalten soll, “die Erzähler-Stimme mag fiktional sein, aber die Fakten auf diesem Blog zur Situation im Land sind wahr und nicht irreführend.”

Er hoffe, so der Blogger, dass den Menschen in Nahost in Zeiten des politischen Umbruchs viel Aufmerksamkeit geschenkt werde. “Die Ereignisse dort werden von den Menschen vor Ort, die sie tagtäglich leben, geprägt”, schreibt der Amerikaner, “Ich habe nur versucht, sie für die westliche Leserschaft zu erleuchten.”

Amina die Bloggerin erfunden zu haben, sieht Tom MacMaster nicht als problematisch. “Ich denke nicht, dass ich irgendwem geschadet habe”, heißt es im gestrigen Blogeintrag, “Ich denke ich habe eine wichtige Stimme geschaffen, für Themen, die mich wirklich bewegen.”

Der britische “The Guardian” hatte bereits vor dem Entschuldigungs-Eintrag des Bloggers gemeldet, die wahre Identität von Amina sei von findigen Internet-Nutzern ausfindig gemacht worden. Gast-Beiträge auf einem anderen Blog, die angeblich von Amina aus Damaskus verfasst worden waren, seien von einem Computer versendet worden, der in Schottland lokalisiert wurde.

Fotos auf Aminas Blog fanden sich zudem in einem Internet-Fotoalbum von Tom MacMasters Ehefrau, Britta Froehlich, die an der schottischen St.Andrew´s Universität derzeit eine Doktorarbeit über Wirtschaftsentwicklung in Syrien schreibt.

Im Internet reagieren die Leser von “A Gay Girl in Damascus” empört über das Lügenkonstrukt. “Es macht mich so wütend”, heißt es in einem Kommentar. Die reale Situation in Syrien sei “zu schrecklich für solche Spielchen.”
Der Chef-Redakteur von GayMiddleEast.com, Sami Hamwi, ist zornig über die frei erfundene Geschichte der Bloggerin Amina. “An Herrn MacMaster: Schämen Sie sich!”, so Hamwi, “Was Sie getan haben, hat vielen von uns geschadet, hat uns alle in Gefahr gebracht (…) Bedenken Sie zudem, dass es vielleicht sogar Zweifel an der Authentizität unserer Geschichten ausgelöst hat.”

Britta Froehlicher, die Ehefrau von Tom MacMaster, ließ per E-Mail mitteilen, in den kommenden 24 Stunden würden sie und ihr Ehemann das erste Interview geben. Momentan aber genieße man den Urlaub in der Türkei und wolle eine “nette Zeit” verbringen.