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Der Bombenleger von Bonn

von Florian Flade

„Wir glauben, dass wir ihn haben. Wir können es ihm nur noch nicht nachweisen“, sagte mir ein BKA-Mann vor knapp einem Monat. Gemeint war der Bombenleger vom Bonner Hauptbahnhof. Seit nunmehr fast sechs Monaten jagt die „BAO Tasche“ des Bundeskriminalamtes nach jenem mysteriösen Unbekannten, der am 10.Dezember 2012 am Gleis 1 des Hauptbahnhofs in Bonn eine blaue Sporttasche deponierte, in der sich ein Sprengsatz befand. Die Bombe, bestehend aus einem mit Ammonium-Nitrat gefüllten Metallrohr, mehreren Gaskartuschen, Batterien, einem Plastikwecker und unzähligen Nägeln explodierte glücklicherweise nicht.

Drei Überwachungskameras hatten den Bombenleger gefilmt. Eine in einer McDonald´s-Filiale, zwei im Inneren des Bahnhofs. Zu sehen war ein bärtiger Mann mit Strickmütze und Handschuhen, beigefarbener Jacke, schwarzer Joggingshose und der blauen Sporttasche. Videoanalysen förderten keinen entscheidenden Treffer zu Tage.

War der Bombenleger ein radikaler Islamist? Ein Neonazis? Ein militanter Anarchist?

Zwei verdächtige Deutsch-Somalier, die von Augenzeugen gegenüber der Polizei erkannt worden sein sollen und als islamistische Sympathisanten galten, erwiesen sich schnell als unschuldig. Allgemein konnte die Person auf den Videos der Überwachungskameras keinem bekannten Extremisten irgendeiner Szene zugerechnet werden. Das BKA bat daher die Bevölkerung um Mithilfe bei der Jagd nach dem Bombenleger. Ohne Erfolg. Es gingen Hinweise ein. Keiner jedoch war für die Ermittlungsarbeit entscheidend.

Wichtiger waren die Experten des BKA. Sie nahmen den Sprengsatz in seine Einzelteile auseinander und begannen eine akribische Kleinarbeit. Fingerabdrücke, DNA-Spuren, jeder noch so kleine Hinweis könnte den Durchbruch bringen. Das BKA ging dabei früh der simplen Frage nach: Woher stammen die Bomben-Bestandteile?

Der Wecker, der offenbar als Zeitzünder fungieren sollte, war ein Massenprodukt. Die verwendeten Batterien, so konnte das BKA ermitteln, wurden in maximal 18 Filialen von „Aldi-Süd“, auch in Bonn, verkauft. Dort jedoch zehntausendfach. Die blaue Sporttasche wiederum war als eine Kombo zusammen mit einer Laptop-Tasche über den „Weltbild“-Verlag erhältlich. Wurde allerdings auch tausendfach bundesweit verkauft.

In der Tasche mit dem Sprengsatz stieß das BKA noch im Dezember 2012 auf ein Haar. Das erwies sich allerdings als wenig brauchbar. Nur dass der Bombenleger männlich war, aus Europa oder Nordamerika stammte und seine Haare gefärbt hatte, war klar. Die Videoaufzeichnungen aus dem Bahnhof waren ebenfalls nicht wirklich nützlich. BKA-Experten konnten anhand der Aufnahmen einzig feststelle, dass die verdächtige Person maximal circa 1,72 m groß.

Während die „BAO Tasche“ ihre Ermittlungen vorantrieb, setzte am 13.März in der Nähe von Leverkusen ein Sondereinsatzkommando der Polizei zwei radikale Salafisten fest. Die beiden Männer, der Konvertit Marco René G. und der Albaner Enea B., planten einen Mordanschlag auf Markus Beisicht, den Vorsitzenden der als rechtspopulistisch geltenden Splitterpartei „Pro NRW“.

Zeitgleich verhaftete die Polizei in G.´s Wohnung in Bonn-Tannenbusch den Deutsch-Türken Koray Nicholas D. und in Essen einen weiteren Salafisten, den 23-jährigen Tayfun S.. Die vier Männer, so die Erkenntnis der Ermittler, bildeten eine islamistische Terrorzelle. Schon seit Monaten hatten der Verfassungsschutz und das nordrhein-westfälische LKA das Salafisten-Quartett im Visier.

Der aus Oldenburg stammende Marco René G. lebt seit Juli 2011 in Bonn. Er wurde von den Ermittlern als möglicher Kopf der Gruppe identifiziert. Sie verwanzten sein Auto und beobachteten ihn und seine Glaubensbrüder bei Fahrten zu einschlägigen Moscheen in Bonn und Essen. Ursprünglich vermuteten die Ermittler, G. und die anderen planten womöglich Raubüberfälle. Schnell wurde klar: das eigentliche Ziel der Salafisten war die Ermordung von islamfeindlichen Politikern.

Marco René G. wohnte im Bonner Stadtteil Tannenbusch mit seiner Frau, einer Deutsch-Türkin, und dem gemeinsamen dreijährigen Sohn. Als die Polizei am 13.März die Wohnung am Memelweg stürmte, traf sich dort nur auf Koray D., der eine scharfe Waffe, Fabrikat „Ceska“, bei sich trug. Der 24-jährige Arabistik-Student aus Wülfrath setzte sich nicht zur Wehr und konnte festgenommen werden.

Bei der anschließenden Durchsuchung der Wohnung fanden die Ermittler neben Gaspistolen, einer kugelsicheren Weste und einer Art „Todesliste“ mit neun Namen von Pro-NRW-Aktivisten, auch rund 600 Gramm Ammonium-Nitrat. Jener Sprengstoff, der auch vom Bonner Bombenleger im Dezember 2012 verwendet wurde. War es also durch einen Zufall gelungen, den Attentäter von Bonn festzunehmen?

Laboruntersuchungen ergaben, dass es sich um eine „ähnliche“ aber nicht dieselbe Substanz handelte, wie in der blauen Sporttasche am Bonner Hauptbahnhof. Könnte der Konvertit Marco G. dennoch etwas mit dem missglückten Anschlag vom Dezember 2012 zu tun haben?

Die Hinweise mehrten sich. Ermittler fanden beispielsweise eine Laptop-Tasche, die über den Versandhandel „Weltbild“ zusammen mit der blauen Sporttasche als Kombination verkauft wurde. Auch die Körpergröße von G. passt zu jenem Mann, den Überwachungskameras am Bonner Bahnhof gefilmt hatten. Für die Tatzeit soll der Salafist zudem kein Alibi haben.

Beweise sind all dies jedoch nicht. Die sollen vor kurzem die Laboranten der Kriminaltechnischen Untersuchung des BKA geliefert haben. Wie das Nachrichtenmagazin „Stern“ berichtet fanden die Spezialisten auf dem Metallrohr, das im Sprengsatz von Bonn verwendet wurde, DNA einer männlichen Person. Sie stimmt zwar nicht mit Marco René G. überein, gehört aber zu einer Person, die eng mit dem Salafisten verwandt sein soll – seinem dreijährigen Sohn. Auf dem Plastikwecker aus der Bombe fand sich außerdem eine weibliche DNA-Spur, die zu G.´s Ehefrau führt.

Noch lauten die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gegen Marco René G. und vier Komplizen „Bildung einer terroristischen Vereinigung“, „Verabredung zum gemeinschaftlichen Mord“, „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Tat“ und „Verstoß gegen das Waffengesetz“.

Bald nun dürfte der misslungene Terroranschlag vom Dezember 2012 hinzu kommen.

 

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Die schwierige Jagd nach dem Bombenleger

von Florian Flade

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Drei Tage dauerte die Jagd nach den Bombenlegern von Boston. Dann waren die mutmaßlichen Terroristen ausfindig gemacht. Überwachungskameras hatten die tschetschenischen Brüder Dzohar und Tamerlan Tsarnaev gefilmt, wie sie mit den Bomben-Rucksäcken am Rande des Boston Marathons gewartet hatten. Nur wenige Stunden nachdem die US-Bundespolizei FBI die Aufnahmen am Mittwoch veröffentlichte, konnten die mutmaßlichen Islamisten identifiziert werden.

Boston hat seine Bombenleger zur Strecke gebracht. Das haben die deutschen Sicherheitsbehörden in Bonn bisher nicht geschafft. Am 10. Dezember 2012 hatte ein Unbekannter am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs einen Sprengsatz versteckt in einer blauen Sporttasche abgestellt. Die Bombe explodierte glücklicherweise nicht. Die ehemalige Bundeshauptstadt entkam nur knapp einem Terroranschlag.

Seit nun fünf Monaten sind die Ermittler der Einheit „BAO Tasche“ vom Bundeskriminalamt (BKA) auf der Jagd nach dem mysteriösen Mann mit der blauen Sporttasche. Überwachungskameras hatten einen bärtigen Mann mit Strickmütze, schwarzer Sporthose und Handschuhen in einer McDonald´s-Filiale und im Bonner Hauptbahnhof gefilmt. Die Kameras am Bahnsteig selbst zeichneten keine Bilder auf.

Experten des BKA analysierten in den vergangenen Wochen die spärlichen Videoaufnahmen erneut intensiv. Das Ergebnis ist eher dürftig: Der mutmaßliche Bombenleger ist vermutlich zwischen 1,67 Meter und maximal 1,72 Meter groß. Mehr geben die Aufnahmen nicht her.

Das BKA veröffentlichte die Aufnahmen der Überwachungskameras und bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach dem Bombenleger. Doch entscheide Hinweise gab es nicht. „Die Qualität der Videoaufnahmen ist zu schlecht“, sagte ein Ermittler.

So verfolgen die BKA-Ermittler weiter jede noch so kleine Spur. Durch ein Haar, das in der blauen Sporttasche gefunden wurde, wissen sie, dass es sich bei dem Bombenleger wohl um einen hellhäutigen Mann aus Europa oder Nordamerika handelt. Zum Zeitpunkt der Tat hatte er sich wahrscheinlich die Haare blond gefärbt. Einen Durchbruch bei der Jagd nach dem Täter bedeutet diese Erkenntnis jedoch nicht.

Große Hoffnung setzte das BKA in die einzelnen Bestandteile der Bahnhofs-Bombe. Woher stammen der Plastikwecker, die verwendeten Batterien oder die blaue Sporttasche? Die Ermittler erhofften sich, die Teile würden sie zum Täter führen.

Die Tasche jedoch, so fand das BKA heraus, ist genau wie der Wecker ein Massenprodukt. Sie wurde tausendfach in Deutschland verkauft. Einen eindeutigen Hinweis auf einen möglichen Bombenleger ergab sich bei der Überprüfung nicht. Gleiches gilt für die Batterien, die im Sprengsatz verwendet wurden. Sie werden nach Erkenntnissen des BKA in 16 bis 18 Filialen des Discounters „Aldi Süd“ verkauft, auch in Nordrhein-Westfalen. Doch gekauft haben könnte die Batterien jeder – Neonazis, Salafisten, Islamhasser oder auch Psychopathen.

Mitte März wurden vier mutmaßliche Salafisten in Leverkusen, Essen und Bonn festgenommen. Das Quartett soll nach Ansicht der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Mordanschläge auf Mitglieder der rechtspopulistischen Splitterpartei „Pro-NRW“ geplant haben. In einer gemeinsamen Wohnung im Bonner Stadtteil Tannenbusch stieß die Polizei neben einer scharfen Schusswaffe auch auf zwei Pakete Sprengstoff.

Wie bei dem Anschlagsversuch vom Bonner Hauptbahnhof handelt es sich dabei um eine Mischung aus Ammoniumnitrat. Die Substanz sei ähnlich zu der, die am Bahnhof gefunden wurde, heißt es aus Ermittlerkreisen, jedoch nicht identisch. Dennoch gebe es „relativ auffällige Parallelen“ zwischen der Salafisten-Zelle und den wenigen Erkenntnissen zur Bahnhofs-Bombe.

Aus der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe verlautet bislang lediglich, dass keiner der vier Salafisten als Beschuldigter für den Anschlagsversuch in Bonn vermerkt ist.

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Der Artikel erschien in längerer Form am 21.April bei „Welt Online“

http://www.welt.de/politik/deutschland/article115475160/Die-Qualitaet-der-Videoaufnahmen-ist-zu-schlecht.html

Der Mann mit der blauen Tasche

von Florian Flade

Einen Monat nach dem versuchten Bombenattentat im Bonner Hauptbahnhof tappen die Ermittler im Dunkeln. Es gibt einige Indizien für einen islamistischen Hintergrund. Ermittelt wird jedoch in alle Richtungen.

Wenn dieser Tage im „Gemeinsamen Terror-Abwehrzentrum“ in Berlin-Treptow die Ermittler der Nachrichtendienste und Polizeibehörden zusammenkommen, um in ihrer Morgenrunde über die Gefahr des islamistischen Terrorismus zu beraten, gibt es aktuell nur ein Thema: Wer ist der Mann mit der blauen Tasche?

Vor einem Monat stießen zwei Jugendliche am Bonner Hauptbahnhof zufällig auf eine herrenlose blaue Sporttasche. Aus ihr ragten Drähte und Kabel heraus. Wie die Sprengstoffexperten der Kölner Polizei wenig später herausfanden, handelte es sich um eine funktionsfähige Bombe. Bonn, so scheint es, entging am 10.Dezember vergangenen Jahres nur knapp einem Anschlag.

Seit dem Fund der Bombe vor einem Monat arbeiten Polizei, Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft fieberhaft an der Aufklärung. In Karlsruhe ermittelt der Generalbundesanwalt wegen des Verdachts auf einen terroristischen Anschlag. Er hat das Bundeskriminalamt (BKA) beauftragt, mit Hochdruck zu ermitteln. Nun jagt die 85-köpfige Sonderkommission „Tasche“ die Bombenleger. Aber auch einen Monat nach dem Beinahe-Anschlag sind die Erkenntnisse dürftig. Immer noch ist unklar, wer der oder die Bombenleger sind, aus welchem Milieu sie stammen und was sie mit dem versuchten Anschlag bezwecken wollten.

Die bislang wertvollsten Hinweise für die Ermittler sind die Aufnahmen einer Überwachungskamera der McDonald’s-Filiale am Bonner Hauptbahnhof. Sie filmte gegen 12.49 Uhr einen bärtigen Mann mit Mütze und Handschuhen. Die Ermittler halten ihn derzeit für den möglichen Bombenleger. Die Videomaterial ist nur wenige Sekunden lang, aber es zeigt, wie der Mann jene himmelblaue Sporttasche trägt, die später von Jugendlichen auf Gleis 1 entdeckt wird.

Kurz vor Weihnachten stießen die Ermittler auf eine zweite Videoaufnahme, vom Vorplatz des Bonner Bahnhofs. Sie zeigt zwar denselben Mann, liefert aber keine neuen Informationen. Wie aus Ermittlerkreisen zu erfahren ist, soll auf der Videosequenz sogar noch weniger erkennbar sein als auf der Aufnahme von McDonald’s. Wer also ist der Mann mit der blauen Tasche?

Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass die Person bislang weder vom Verfassungsschutz noch von Polizeibehörden identifiziert werden konnte. Es handelt sich offenbar weder um einen bekannten Islamisten noch um einen Neonazi oder Linksextremisten, der den Sicherheitsbehörden bisher aufgefallen wäre. Ein Abgleich mit den Datenbanken lieferte jedenfalls keinen Treffer.

Große Hoffnung setzten die Ermittler nach meinen Informationen daher in einen Fund kurz vor Weihnachten. Da entdeckten Kriminalisten in der blauen Sporttasche ein Haar, das vermutlich vom Bombenleger stammt. Ersten Analysen zufolge handelt es sich um das Haar einer männlichen, hellhäutigen Person aus Europa oder Nordamerika. Ob sich der Fund für eine DNA-Analyse eignet, ist aber fraglich. Das Haar wurde offenbar blond gefärbt – und ist damit vermutlich für einen DNA-Abgleich wertlos.

Offiziell ermittele man „in alle Richtungen“, heißt es bei den zuständigen Stellen. Eine Formulierung, die nach dem Auffliegen der rechtsextremen NSU-Terrorzelle bewusst gewählt ist. Es ist keineswegs sicher, dass der oder die Bombenleger aus der islamistischen Szene stammen. Überwacht wurden mehrere Dutzend Personen aus verschiedenen Extremismus-Szenen. Auch dass der Täter aus der Szene der organisierten Kriminalität stammt, schließen die Ermittler nicht aus.

Trotzdem scheint es in Ermittlerkreisen wenig Zweifel zu geben, dass man es wohl mit einem missglückten Anschlag radikaler Islamisten zu tun hat. Weiterhin federführend bei den Ermittlungen sind daher auch die Islamismusexperten von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt.

„Es gibt derzeit keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Bombenleger aus dem rechts- oder linksextremistischen Spektrum stammen“, sagt ein eingeweihter Vertreter der Sicherheitsbehörden dieser Zeitung. Für einen islamistischen Hintergrund hingegen gebe es starke Indizien. So wurde die Bombe wohl nach einer Anleitung aus dem „Inspire“-Online-Magazin von Al-Qaida gebaut. Der Sprengsatz, bestehend aus einem 40 Zentimeter langen Aluminium-Rohr, gefüllt mit Ammonium-Nitrat, vier Gaskartuschen, einem Wecker, Nägel und Drähten, ist fast identisch mit dem Al-Qaida-Bausatz.

Anfangs war unklar, ob die Bombe überhaupt gezündet wurde. Mittlerweile aber habe die Experten des BKA herausgefunden, dass der Sprengsatz zwar aus funktionsfähigen Materialien hergestellt wurde, aber über keinen funktionsfähigen Zünder verfügte. Selbst wenn der Wecker bereits gestellt gewesen wäre. Die Bombe wäre vermutlich nicht explodiert.

Was die Ermittler dennoch sehr beunruhigt, ist etwas, das in der Sprache der Nachrichtendienste „Hinweisaufkommen“ genannt wird. Gemeint sind damit Erkenntnisse über Anschlagsplanungen aus nachrichtendienstlichen Quellen. Sprich: abgefangene E-Mails, Telefonate oder Informationen von V-Leuten. Die gab es kurz vor dem Fund der Bonner Bombe und sollen durchweg aus der islamistischen Szene stammen.

Schon in den Wochen vor dem Fund registrierten die deutschen Nachrichtendienste einige Kontakte zwischen radikalen Islamisten aus dem Ausland und Personen in Deutschland. Dabei soll es zwar nicht um konkrete Anschlagsplanungen gegangen sein, aber der Ton der Nachrichten sei alarmierend gewesen, sagt ein Ermittler und fügt hinzu: „Das Hintergrundrauschen war lauter als sonst.“

Seit Jahren warnen Sicherheitsbehörden davor, dass Deutschland weiterhin im Visier von islamistischen Terrornetzwerken und radikalisierten Einzeltätern steht. 2012 kam es mehrfach zu Gewalttaten fundamentalistischer Muslime, vor allem der sogenannten Salafisten. Das Bundesinnenministerium ließ daraufhin im Juni 2012 die islamistische Gruppierung Millatu-Ibrahim mit Sitz im nordrhein-westfälischen Solingen verbieten.

Sollte der Anschlag von Bonn vielleicht ein Racheakt für das Vereinsverbot sein? Auch diese Frage stellen sich die Terrorermittler. „Das wäre denkbar“, bestätigt einer der über die Ermittlungen informiert ist, „Aber sie brauchen nicht unbedingt einen Anlass.“ Sie fänden schon einen Grund, mit dem sie ihre Taten rechtfertigen könnten. Sei es den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, seien es die Mohammed-Karrikaturen oder die Aktivitäten von Pro-NRW.

Salafisten, die sich jüngst aus Deutschland nach Nordafrika abgesetzt haben, riefen in den vergangenen Monaten immer wieder zu Gewalttaten hierzulande auf. Da gab es beispielsweise ein Schreiben eines „Abu Assad al-Almani“. Er gilt als der Verfasser einer Drohschrift mit dem Titel „Abrechnung mit Deutschland“, die im Oktober 2012 im Internet auftauchte. Darin rief der Islamist seine Glaubensbrüder in Deutschland auf, Rache für die Beleidigung des Propheten Mohammed zu üben.

Das radikale „Millatu-Ibrahim“-Netzwerk, zu dem auch „Abu Assad al-Almani“ gerechnet wird, versucht zu Gewalt aufzustacheln. Die Radikalen, die sich inzwischen in Ägypten neu formieren und weiter Propaganda produzieren, hoffen auf terrorwillige Anhängerschaft in Deutschland.

Einen mutmaßlichen Islamisten hat die Polizei bereits kurz nach dem Bombenfund von Bonn festgenommen: den Deutsch-Somalier Omar D. Er ist den Sicherheitsbehörden seit Jahren als Vertreter der salafistischen Szene bekannt. Aber es gibt bisher keinen einzigen Beleg dafür, dass der 28-jährige etwas mit der Bombe zu tun hat. Nach wenigen Stunden in Polizeigewahrsam wurde Omar D. wieder freigelassen.

Bei der Durchsuchung von D.s Wohnung hatte die Polizei mehrere SIM-Karten, eine größere Menge Bargeld sowie Amphetamin gefunden. Utensilien, die alles oder nichts bedeuten können.

Ins Visier der Ermittler war Omar D. durch die Aussage zwei Jugendlicher geraten, die den Sprengsatz am Gleis gefunden hatten. Sie hatten der Polizei von einem groß gewachsenen dunkelhäutigen Mann erzählt, der die Tasche vor ihren Füße abgestellt habe und dann verschwunden sei. Die Teenager erkannten den Mann später auf Fotos der Polizei als Omar D..

Im September 2008 hatte die Polizei D. und einen weiteren Islamisten aus einem startenden Flugzeug am Flughafen Köln-Bonn geholt. Sie seien auf dem Weg in ein Terrorcamp in Pakistan oder Somalia gewesen, vermutete das Landeskriminalamt NRW. Auch damals reichten die Hinweise für eine Anklage nicht aus. Beide kamen auf freien Fuß.

Und auch eine zweite Spur ins islamistische Milieu ist aus Sicht der Ermittler keine heiße. Ein Abgleich von Mobilfunkdaten hatte zunächst einen vielversprechenden Treffer ergeben. Die SIM-Karte eines radikalen Islamisten war am Tag des fehlgeschlagenen Anschlags an der Funkzelle des Bonner Hauptbahnhofs geortet worden. Es ist das Handy von Mounir T..

Der 29-jährige Mounir T. gilt den Sicherheitsbehörden als relevante Person der Islamisten-Szene. Vor vier Jahren wollte sich der ehemalige Maschinenbaustudent in den Dschihad nach Pakistan absetzen. Die Eltern registrierten das Verschwinden ihres Sohnes und informierten damals voller Sorge die Behörden.

Die Nachrichtendienste setzten ihre Kanäle auf Mounir T. an und konnten ihn schließlich im Iran orten. T. war auf dem Weg per Schleuser ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, vermutlich um sich dort einer Terrorgruppe anzuschließen.

Deutsche Sicherheitsbehörden halfen der Familie T. ihren Sohn noch im Iran zu kontaktieren. Die Schwester schärfte dem angehenden Dschihadisten Mounir ein, er solle nach Deutschland zurückkehren. Seine Pläne seien längst bekannt. Anfang April 2009 kehrte Mounir T. schließlich nach Deutschland zurück. Der Traum vom Dschihad war geplatzt.

Wieder in der Heimat löste sich T. allerdings nicht von der radikalen Islamisten-Szene im Rheinland. Im Gegenteil. Seit Herbst vergangenen Jahres ist der in Bonn-Tannenbusch wohnhafte Mounir T. verschwunden. In Sicherheitskreisen wird vermutet, dass sich Mounir T. samt Ehefrau nach Somalia abgesetzt hat. Vermutlich will der Islamist erneut in den Dschihad ziehen.

Wenn Mounir T. in Somalia ist, wer telefonierte aber dann mit seinem Handy am 10.Dezember 2012 am Bonner Hauptbahnhof? Die Ermittler glauben dass eine andere Person nun das Telefon von T. nutzt. Wer, das scheint bislang noch unklar. Auch ob diese Person eventuell mit dem Bombenleger in Verbindung steht.

Noch ermittelt der Generalbundeswalt in Karlsruhe gegen eine inländische terroristische Vereinigung, die für den fehlgeschlagenen Bombenanschlag von Bonn verantwortlich gemacht wird. Vielleicht, so heißt es aus Ermittlerkreisen, werde die Behörde den Fall jedoch schon bald wieder abgeben. Nämlich dann, wenn ersichtlich wird, dass die Hinweise auf eine politische Motivation für die Tat fehlen.