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Flucht an den Nil

von Florian Flade

Quelle: Youtube

Prediger Mohamed Mahmoud und Ex-Rapper Denis Cuspert

Mohamed Mahmoud predigt weiter. Nicht im hessischen Erbach, wo der Islamist zuletzt lebte, oder im nordrhein-westfälischen Solingen, wo er der Emir einer Salafisten-Gemeinde war. Mahmoud predigt via Internet aus dem ägyptischen Exil. „Ich werde Deutschland nur in einem einzigen Fall betreten“, warnt der Österreicher, „Als Eroberer, um die Scharia in Deutschland einzuführen! Ich bleibe nicht in einem Land, um unter den Kuffar (Ungläubigen) zu leben!“

Mahmoud alias „Abu Usama al-Gharib“ predigt längst nicht mehr nur ein tugendhaftes Leben im Sinne des fundamentalistischen Islam. Er ruft seine Anhängerschaft zu sich. In Deutschland würden Muslime verfolgt und bekämpft werden, warnt der Extremist. Die „Hijrah“, die Auswanderung in ein islamisches Land wie Ägypten, sei daher die religiöse Pflicht eines jeden Muslims.

Der österreichische Islamist war im Mai aus dem hessischen Erbach abgereist und hatte sich samt Ehefrau nach Ägypten abgesetzt. Tags zuvor hatte das hessische Innenministerium angekündigt, den Extremisten aufgrund seiner Hasspredigten und Gewaltaufrufe notfalls abschieben zu wollen, sollte er die Bundesrepublik nicht freiwillig verlassen.

Jetzt zieht Mahmoud seine Anhänger zu sich ins Exil. Voller Sorge beobachtet der Verfassungsschutz wie in den vergangenen Monaten zahlreiche Salafisten aus Deutschland nach Ägypten ausgewandert sind. In Sicherheitskreisen heißt es, mit der Zahl der Ausreisen steige die Gefahr, dass sich einige Salafisten über Ägypten in ein terroristisches Ausbildungslager absetzen könnten. Diejenigen Islamisten, die eines Tages womöglich nach Deutschland zurückkehren, könnten noch radikaler, noch gewaltbereiter sein.

Insbesondere seit dem Verbot der salafistischen Gruppe „Millatu Ibrahim“ im Juni durch das Bundesinnenministerium setzen sich viele Anhänger der verbotenen Organisation nach Ägypten ab. Nach meinen Informationen hat bis Juli dieses Jahres ein gutes Dutzend Islamisten aus Deutschland am Nil eine neue Heimat gefunden. Darunter sind prominente Köpfe der Szene wie der Kölner Ex-Boxer Pierre Vogel oder der Konvertit Sven Lau alias „Abu Adam“ aus Mönchengladbach. Doch nicht nur die salafistischen Missionare halten sich derzeit in Ägypten auf. Auch als gewaltbereite „Gefährder“ eingestufte Islamisten leben nun in dem nordafrikanischen Land. So etwa der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias „Deso Dogg“.
(INFO: An dieser Stelle möchte ich betonen: Entgegen der Meinung einiger (Twitter)-Kommentatoren, behaupte ich nicht, dass Vogel und Lau dem Ruf Mahmouds gefolgt sind. Sie sind Teil jener Ausreisewellen nach Ägypten, die bereits seit längerem zu registrieren sind. Mir ist sehr wohl bewusst, dass Herr Vogel bereits im vergangenen Jahr nach Ägypten ging, dann wieder kurzfristig nach Deutschland zurückkehrte. Jene Personen, die sich bereits nach Ägypten begeben haben (die Zahl im SPIEGEL ist übrigens zu hoch angesetzt), sind aus unterschiedlichen Beweggründen gegangen – ein Teil folgte den Aufrufen von Mahmoud zur Hijrah.)

Insbesondere die Ausreise von Cuspert sorgte innerhalb der Nachrichtendienste für Unruhe. Trotz Beobachtung durch die Berliner Polizei gelang es dem ehemaligen Rap-Musiker im Juni, zunächst innerhalb Deutschlands unterzutauchen. Eine bundesweite Fahndung inklusive Haftbefehl wurde eingeleitet. Schon kurze Zeit später stand fest: Cuspert ist in Ägypten. Das Verschwinden des Islamisten bleibt nicht ohne Kritik aus den Reihen der Sicherheitsdienste. „Das LKA Berlin war zuständig die Person Cuspert zu sichern“, sagte mir ein Verfassungsschützer. „Aber die Polizei macht ja bekanntlich nie Fehler.“

In der ägyptischen Haupstadt Kairo hat der Berliner Islamist vermutlich Kontakt zu seinem Glaubensbruder und Freund Mohamed Mahmoud gesucht, dessen Familie dort über Immobilien verfügt. Beide Fundemantalisten waren bereits in Deutschland enge Weggefährten. Sie gelten als Gründungsfiguren der verbotenen „Millatu Ibrahim“-Bewegung.

Deutsche Nachrichtendienste sind nun besorgt: Im ägyptischen Exil könnte aus dem „Millatu-Ibrahim“-Netzwerk eine deutsche Salafisten-Kolonie entstehen. Denn viele Millatu-Ibrahim-Anhänger, insbesondere einige Salafisten aus dem Raum Solingen, haben inzwischen ebenfalls die Reise an den Nil angetreten. Die Behörden reagieren deshalb zunehmend auch mit Ausreiseverboten. Nach meinen Informationen wurde einem deutschen Salafisten kürzlich verweigert, ein Flugzeug nach Ägypten zu betreten. Der junge Mann hatte angegeben, ein Sprachstudium absolvieren zu wollen. Die Sicherheitsbehörden hielten jedoch das Risiko für zu groß, dass sich der junge Mann eventuell in ein terroristisches Ausbildungslager absetzen könnte.

Innerhalb der Bundesrepublik fällt es den Geheimdiensten vergleichsweise leicht, gefährliche Islamisten zu observieren. Im Ausland ist die Situation weitaus unübersichtlicher. Daher die Besorgnis über die Ausreisewellen nach Ägypten. Es bestehe die Gefahr, dass Ägypten nur als Durchreiseland dient und sich Islamisten von dort aus in Terrorlager begeben oder an Kampfhandlungen in Konfliktgebieten teilnehmen, heißt es aus Sicherheitskreisen. „Es wird zunehmend schwieriger, die Lage in Ägypten einzuschätzen. Die Frage dort sei, so hört man von den Geheimdiensten: Was ist machbar, mit wem ist Zusammenarbeit möglich? Wer sind unsere Ansprechpartner auf ägyptischer Seite?

Die politische Lage in Ägypten sei attraktiv für radikale Muslime, heißt es. Auf politischer Ebene profizieren salafistische Parteien und Gruppen derzeit vom aktuellen Klima im Land. Die Fundamentalisten wähnen sich seit dem Sturz des Mubarak-Regimes auf dem Weg zum Gottesstaat.

Deutsche Dschihadisten warten im Iran auf Rückreise

von Florian Flade

Die deutschen Dschihadisten Fatih T. und Naamen M. zogen vor Jahren in die Terrorcamps nach Pakistan. Nun sollen die gesuchten Islamisten im Iran untergetaucht sein und auf eine Rückkehr nach Deutschland hoffen.

Untergetaucht im Iran – Islamist Fatih T. aus Berlin

Fatih T. und Naamen M. galten schon als Märtyrer, getötet von Drohnen der CIA im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Jetzt gibt es Lebenszeichen der beiden Islamisten aus Deutschland. Die mutmaßlichen Dschihad-Kämpfer aus Berlin und Hamburg sind quicklebendig, haben Pakistan inzwischen verlassen und sind im Iran untergetaucht. Ihr sehnlichster Wunsch: die Rückkehr nach Deutschland.

Wie die „New York Times“ berichtet, hat sich der Berliner Islamist Fatih T. vor einiger Zeit in den Iran abgesetzt und erhofft sich von dort aus eine Rückkehr nach Deutschland. Der aus Berlin-Steglitz stammende Dschihadist hatte Deutschland im Frühjahr 2009 verlassen und war in terroristischen Ausbildungslagern in der pakistanischen Region Waziristan ausgebildet worden.

Nach dem Tod mehrerer deutscher Islamisten stieg Fatih T. zum Anführer der Terrorgruppe „Deutsche Taliban Mudschaheddin“ (DTM) auf. In Waziristan nannte sich der 27jähriger Berliner „Abdul Fatteh“ und trat in mehreren Propagandavideos auf, in denen er mit Angriffen auf die NATO in Afghanistan prahlte.

Im Oktober 2011 meldete eine islamistische Internetseite der Anführer der Deutschen Taliban in Waziristan sei von einer US-Drohne getötet worden. Eine endgültige Bestätigung für Fatih T.s Tod folgte jedoch nicht. Deutsche Sicherheitsbehörden hegten in den folgenden Wochen starke Zweifel an der Meldung der Islamisten. „Wir gehen davon aus, dass er lebt“, erklärte mir ein ranghoher Geheimdienstler vor wenigen Wochen. Telefonate, die Fatih T. mit Freunden und Familie in Deutschland führte, lieferten den endgültigen Beweis.

Nun scheint klar, dass sich Fatih T., der ehemalige Student aus Berlin, nicht mehr in Pakistan befindet. Er lebt offenbar im Iran. In einem Telefon-Interview mit der „New York Times“ erklärte Fatih T. jüngst, alles was er nun wolle, sei ein „normales Leben in Deutschland mit meiner Frau und meinem Sohn“. Der Berliner Islamist behauptet gegenüber der Zeitung zudem, er sei ursprünglich nicht nach Pakistan gereist um eine Terrorausbildung zu erhalten. „Ich wollte in einem islamischen Land unter Scharia-Gesetzen leben“, so Fatih T.

Ein weiterer totgesagter Dschihadist aus Deutschland soll wie Fatih T. derzeit im Iran auf eine Möglichkeit warten, nach Europa zurück zu kehren – Naamen M. aus Hamburg. Der Franzose algerischer Abstammung hatte Hamburgim Frühjahr 2009 zusammen mit mindestens elf weiteren Islamisten aus Hamburg verlassen. Die Gruppe, darunter auch zwei Frauen, hatte sich in Pakistan der „Islamischen Bewegung Usbekistans“(IBU) angeschlossen.

Naamen M. hatte sich laut Aussagen später festgenommener Islamisten in Waziristan schnell von der Hamburger Gruppe getrennt. Unter dem Kampfnamen „Abu Baraa“ schloss sich der 41jährige angeblich den arabischen Kämpfern der Al-Qaida an.

Im Oktober 2010 meldete der „SPIEGEL“, ein US-Drohnenangriff habe drei deutsche Islamisten in Waziristan getötet, darunter auch Naamen M.. Die Meldung erwies sich als falsch. Wie ich auf „Welt Online“ berichtete meldete sich Naamen M. im September 2011 bei seiner in Hamburg lebenden Ehefrau und sagte er wolle Pakistan verlassen und den Dschihad hinter sich lassen.

Wie die „New York Times“ nun berichtet sollen Naamen M. und Fatih T. aus dem iranischen Exil heraus in Kontakt mit Familienangehörigen und ihren Anwälten stehen. Europäische Sicherheitsbehörden sind von der Leuterung der beiden Dschihadisten nicht überzeugt. Sie sehen in den Islamisten weiterhin ein Sicherheitsrisiko.

Aus Kreisen des Verfassungsschutzes heißt es, man sehe die Desillusionierung, die in den terroristischen Ausbildungslagern Pakistans stattfindet mit einiger Skepsis. Die Situation in den Camps sei derart katastrophal, dass einige Dschihadisten diese Leben vor Ort ganz klar ablehnen. Dies bedeute jedoch keinesfalls eine komplette Abkehr von der dschihadistischen Ideologie. Rückkehrer aus den Terrorcamps seien zunächst einmal als „gefährlich“ einzustufen, der Wille zu Anschlägen „hierzulande, ist womöglich noch vorhanden“.