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Die Frage nach dem „Wann?“

von Florian Flade

Nicht mehr in pakistanischen Terrorcamps, sondern mitten in unserer Gesellschaft wächst der radikal-islamistische Nachwuchs heran. Er ist meist unerkannt. Das Attentat von Toulouse zeigt: islamistische Amokläufe haben sich zu einer neuen Strategie der Islamisten entwickelt.

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Per Mausklick zum Terroristen – Symposium des Verfassungsschutzes

von Florian Flade

In Berlin fand gestern das 9.Symposium des Verfassungsschutzes statt, diesmal zum Thema „Extremismus im digitalen Zeitalter“. Im Schatten der Zwickauer Terrorzelle wurde analysiert, gewarnt und immer wieder betont: der Verfassungsschutz hatte Rechtsextremismus immer im Blick. Für die Zukunft im Kampf gegen rechten, linken und islamistischen Terrorismus fühlt sich die Behörde ausreichend gewappnet – aber die Arbeit in Zeiten von Facebook & Co. wird schwieriger.

Ein verregneter, grauer Januar-Morgen in Berlin-Pankow. Der Tagungssaal der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAK) füllt sich. An diesem Montag hat das Bundesamt für Verfassungsschutz zu seinem 9.Symposium geladen. Die Veranstaltung mit dem Thema „Extremismus und Terrorismus im digitalen Zeitalter“ sollte eigentlich schon im Dezember stattfinden. Doch Anfang November flog die Zwickauer Terrorzelle auf. Quasi über Nacht wurde klar, dass ein untergetauchtes Neonazi-Trio unentdeckt von Polizei und Geheimdiensten über 10 Jahre lang ungehindert mordete und raubte. Der Verfassungsschutz verschob angesichts dieser Entwicklung seine geplante Veranstaltung auf den gestrigen Montag. „Nicht zur Tagesordnung übergehen“, hieß es Ende 2011 in einer schriftlichen Erklärung an die geladene Gäste. „Nicht zur Tagesordnung übergehen. Das ist auch weiterhin gültig“, sagt Heinz Fromm, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), zu Beginn des heutigen Symposiums. Das Thema der Tagesveranstaltung wurde aktualisiert aber nicht geändert: Extremismen und ihre Nutzung des Internets.

Vorwürfe an Verfassungsschutz „absurd“

Zu Beginn bemühte sich der Verfassungsschutz aber zunächst um Schadensbegrenzung und ging in die Defensive. Mit Hinblick auf die Zwickauer Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) war die Behörde in den vergangenen Wochen einer Vielzahl von Vorwürfen ausgesetzt. Vom Versagen der Verfassungsschützer war die Rede gewesen, vom Unsinn des V-Mann-Einsatzes, es kam gar der Vorwurf auf, der Verfassungsschutz sei „auf dem rechten Auge blind“.

„Ich spreche im Namen aller Verfassungsschützer von Bund und Ländern: Das war und ist nicht der Fall“, verteidigte Verfassungsschutz-Präsident Fromm in  seine Behörde in der Begrüßungsrede energisch, „Das ist absurd. Ich finde es bemerkenswert dass wir das ausdrücklich betonen müssen.“ An einer Debatte zu Versäumnissen wolle er sich zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht beteiligen, so Fromm. Etwaige Ermittlungsfehler im Fall der modernden Neonazi-Trio müsse der parlamentarische Untersuchungsausschuss klären. Die Weichen für effektivere Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus seien politisch bereits gestellt worden, u.a. mit der Schaffung einer Behörden-übergreifenden Datenbank zur Erfassung von Rechtsextremisten und dem im Dezember eröffneten Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus in Köln und Meckenheim.

Brutalität des Rechtsterrors überraschte Verfassungsschutz

Trotz der Nachwirkungen der Neonazi-Terrorzelle bemühte sich der Verfassungsschutz beim diesjährigen Symposium „Extremismus im digitalen Zeitalter“ um eine breite Abdeckung des gesamten Spektrums – Rechts- und Linksextremismus als auch Islamismus und deren jeweiligen Aktivitäten im virtuellen Raum wurden durch Experten-Vorträge beleuchtet.

Den Anfang machte Matthias Weber von der Verfassungsschutz-Abteilung „Rechtsextremismus“. Der Neonazi-Experte ließ keinen Zweifel daran, dass die Verfassungsschützer im vergangenen Jahr von der Existenz und den Taten des NSU überrascht wurden. Man sei schockiert gewesen über „die unfassbare Kaltblütigkeit und Brutalität“ der Rechtsterroristen. Dabei seien Gewalt und Terrorismus im Zusammenhang mit Rechtsextremismus nicht wirklich überraschend. Die Liste der Beispiele rechtsmotivierten Terroranschlägen sei lang, so Weber, vom Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 über den Bombenanschlag von Oklahoma 1995 bis hin zur Bluttat des norwegischen Islam-Hassers Anders Breivik im Juli 2011.

Dass das Zwickauer Terror-Trio viel zu spät erkannt wurde, sei auch darin begründet, dass es unmittelbar nach den Taten nie Bekennerschreiben gab, so Weber. Die ideologische Motivation des NSU sei inzwischen – unter anderem durch den Fund dreier DVDs – zweifelsfrei erkennbar. In einer während des Vortrags abgespielten Video-Sequenz aus einer bislang unveröffentlichten NSU-Bekenner-DVD heißt es: „Ist nun klar wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist.“

NPD als ideologischer Wegbereiter für militanten Rechtsextremismus

Bislang, so der Schluss des Verfassungsschutzes nach Auswertung auch von Internet-Einträgen, reagiere die Neonazi-Szene in Deutschland mehrheitlich nicht positiv auf die Zwickauer Terrorzelle. Teilweise gäbe es unterschwellige Zustimmung zu den Mordtaten, würden die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos als „Märtyrer eines freien Deutschland“ gefeiert und finde eine Verhöhnung der türkisch- und griechischstämmigen Opfer. Gängiger seien aber Verschwörungstheorien die das Terror-Trio als Teil eines Geheimdienst-Komplotts einstufen.
Die NPD-Führung lehne die Taten des NSU zumindest offiziell strikt und verbal scharf ab. Aus Sicht Verfassungsschutz ist die Partei jedoch mindestens der ideologische Wegbereiter für gewalttätigen Rechtsextremismus. Durch die Betonung der „Erhaltung der Volksgemeinschaft“ erzeuge die NPD auf einige Rechtexstremisten einen Handlungsdruck. Die ideologische Mittlerrolle der NPD dürfe nicht unterschätzt werden, so Fachreferent Weber. „Die NPD blendet ideologische Gemeinsamkeiten mit dem NSU aus“, betont Weber, „die NSU-Mitglieder waren keine vollkommenen Aussenseiter. Sie hatten teils über Jahre Kontakt zu hochrangigen Vertretern der NPD“.

Überraschend sei mit Blick auf aktuelle Entwicklungen im Rechtsextremismus vor allem eines: trotz der Internet-Möglichkeiten und neuer Aktions-Phänomene wie spontaner Fackelmärsche, sei auf ideologischer Ebene keine Innovation zu erkennen. Bei der Neonazi-Ideologie bleibe „vieles beim alten“, so der Experte Weber. Die Gedankenwelt, geprägt von Rassismus, Staatsfeindlichkeit, Anti-Kapitalismus und Anti-Amerikanismus, sei wenig anpassungsfähig.

Linksradikale Szene frustriert

Im Bereich Linksextremismus beobachten die Verfassungsschützer eine „Phase der enttäuschten Hoffnungen“ der militanten Szene. Die knapp 6.800 militanten Autonomen der Bundesrepublik hätten resigniert feststellen müssen, dass aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse nicht zu gewünschten Entwicklungen führen. „Proteste gegen Banken, Occupy Wallstreet, der Arabische Frühling – nichts führt zum Aufstand weiter Teile der Bevölkerung, nicht einmal zum Aufstand bei den Autonomen selbst“, so der Linksextremismus-Referent Stefan Meyer über die Stimmung in der autonomen Szene.

Linksextremisten seien bemüht feste Strukturen zu etablieren, was allerdings nur mühsam gelinge. Die Szene erweise sich als eher traditionsbewusst und wenig transformationsbereit. Zu beobachten sei dass es vermehrt zu einem ideologischen Rückgang komme, einzig die Gewalt sei Bindemittel der Szene. Weiterhin hätten die linksradikalen Extremisten das alte Selbstbild vom schwarzen Straßenkämpfer, so Meyer. Dabei ist nicht einmal klar, ob jeder vermummte Steinewerfer auch ein Revolutionär sei: „Die Proteste zum 1.Mai in Berlin oder das Schanzenfest in Hamburg zeigen: immer öfter wird der Protest von Jugendlichen ohne ideologischen Hintergrund getragen“.“

Autonome nutzen Internet nur sehr begrenzt

Allgemeinhin, so erklärt der Experte, gelten Linksextremisten und Autonome als weitaus Internet- und Medien-kompetent. Doch der Eindruck täusche. Es sei auffällig, so Meyer, dass die autonome Szene – anders als Islamisten – offensichtlich nicht in der Lage ist, das enorme Potential des Internets für sich zu nutzen. In ihren Propaganda-Videos seien die Linksextremisten längst nicht auf dem neuesten Stand. Webforen, Blogs und selbst Facebook würden von den Autonomen primär zur Kommunikation untereinander genutzt, ernst danach – wenn überhaupt – zur ideologischen Schulung. „Die digitale Welt hätte mehr zu bieten“, resümiert der Experte.

Neuer Links-Terror nicht unmöglich

Von einer Relativierung linker Gewalt könne angesichts der gescheiterten Bombenanschläge auf das Bahnnetz in Berlin im vergangenen Jahr dennoch nicht die Rede sein, betont Stefan Meyer. Ob er ausschließen könne, dass es nicht längst schon so etwas wie eine „Linke Terrorzelle“ nach Vorbild der Zwickauer Neonazi-Terroristen gebe, so eine Frage aus dem Publikum. „Sicher kann man sich nicht sein. Wir tun gut daran, von vornherein nichts auszuschließen“, so Meyers Antwort, „Vieles scheint möglich.“

Die größte Gefahr sieht der Verfassungsschutz trotz Diskussion um Rechtsradikalismus und neuen Linksterror weiterhin im islamistischen Terrorismus. Hier beobachten die Nachrichtendienste eine Reihe neuer, besorgniserregender Trends. Die islamistische Szene diskutiere vor allem im Internet intensiv wie beispielsweise durch Hacker-Angriffe ein „Cyber-Dschihad“ geführt werden könne. Bislang seien diese Ideen noch nicht erfolgreich umgesetzt worden. Die Entwicklung von Viren und Trojanern sei allerdings der dringliche Wunsch der militanten Islamisten, heißt es vom Verfassungsschutz.

Islamisten träumen vom „Cyber-Dschihad“

Besorgniserregend sei die zunehmende Bedeutung von sozialen Netzwerken in der Islamisten-Szene. Facebook und Youtube hätten sich zu wichtigen Plattformen für die Verbreitung von Propaganda entwickelt und seien Katalysatoren für Radikalisierungsprozesse, erklärt der Fachreferent des Verfassungsschutzes. Einzelpersonen würden durch Facebook sehr leicht Zugang zu islamistischer Propaganda erhalten und könnten sich dort über Chatrooms mit Gleichgesinnten austauschen.

Islamistische Propaganda habe in den vergangenen Jahren erschreckend an Qualität gewonnen, analysiert der Verfassungsschutz. Insbesondere die Übersetzung von Terror-Videos, Ideologie und Bombenbauanleitungen in westliche Sprachen seien besorgniserregend. Arabisch als Sprache dschihadistischer Propaganda nehme in Deutschland ab, die Bedeutung der deutschsprachigen Propaganda nehme zu – teilweise gezielt auf Konvertiten gerichtet.

Angst vor „einsamen Wölfen“

Im Internet sei die Gewaltideologie Dschihadismus als ein Baukasten-System global, für jedermann, jederzeit zugänglich, so der Vize-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Alexander Eisvogel. „Es war ein solcher Konsument digitalisierter Propaganda, der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss“, erklärte Dr.Eisvogel und sprach damit den Fall des damals 21jährigen Deutsch-Kosovaren Arid Uka an, der sich über Facebook und Youtube-Videos blitzschnell radikalisiert hatte. Sein Attentat gilt als erster erfolgreich umgesetzter islamistischer Terroranschlag in Deutschland.

Islamisten seien – wenn auch teilweise weil reale Netzwerk-Strukturen geschwächt sind – führend bei der Nutzung des Internets für ihre Zwecke. „Links und Rechts haben bis auf einige Hacks, Blockieren von Webseiten, das Netz als Waffe bislang noch nicht entdeckt“, so das Resümee von Dr.Eisvogel am Ende des Symposiums. Die Veranstaltung, so betont er in seiner Schlussrede, sei auch „ein prognostischer Blick auf Entwicklungen“. Eine Neuauflage der RAF werde es höchstwahrscheinlich nicht geben in naher Zukunft, nicht ausgeschlossen werden könne jedoch, dass sich Personen aus der rechtsextremen Szene von der Zwickauer Terrorzelle des NSU inspiriert fühlen.

Gefahren in der virtuellen und reale Welt bekämpfen

Es bestehe die Gefahr dass die unterschiedlichen Extremismen in Zukunft gestärkt durch das Internet wesentlich loser agieren, Inidivuen zu Terror animieren und so die Propaganda der Tat zunimmt. Sicherheitsbehörden müssten dafür umso stärker daran arbeiten den Zeitpunkt frühzeitig erkennen, an dem sich eine Person radikalisiert und anschließend die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. „Die nachrichtendienstliche Analyse muss ganzheitlich geschehen“, so Eisvogel, „die digitale und Echt-Welt können nicht mehr getrennt gesehen werden.“

Auf der Spur eines Berliner Gotteskriegers

von Florian Flade

Im beschaulichen Berlin-Steglitz wuchs ein junger Deutsch-Türke auf, der als gut integriert galt, Parties, Alkohol und Mädchen liebte. Irgendwann wandelte sich Fatih T. zu einem islamistischen Fanatiker – heute ist er der Anführer einer deutschen Dschihadisten-Gruppe in Afghanistan. Die Geschichte eines Berliner Gotteskriegers.

Fatih T. – Vom Partygänger zum Dschihadisten

Ein unscheinbares Haus in Berlin-Lankwitz, Stadtteil Steglitz. Der Deutsch-Türke Fatih T., geboren und aufgewachsen in Berlin, nannte das mehrstöckige Haus jahrelang sein Zuhause. Im Erdgeschoss lebten die Eltern, bis sie vor über einem Jahr wieder in die Türkei zogen. Das Stockwerk darüber teilte sich Fatih mit seiner älteren Schwester. Die Familie galt nicht als besonders religiös, die Mutter trug zwar Kopftuch, die Schwester hingegen nie.

Fatih, geboren 1985, stammt aus einem gut integrierten Elternhaus. Der Vater hatte einen Job, die Familie lebte nicht in der Unterschicht. Der einzige Sohn des Ehepaares lebte das Leben eines typischen Berliner Jugendlichen. Sein Freundeskreis war groß, bestand mehrheitlich aus Deutschen. Die Clique feierte gerne, Parties und Disco-Besuche bestimmten die Wochenenden. Beim Feiern war Alkohol für Fatih kein Tabu, im Gegenteil, oftmals ein Muss. Einmal, so erinnern sich Freunde, organisierte er selbst eine „All you can drink“-Party, einmal bezahlen und trinken ohne Limit. Auch Mädchen soll der Deutsch-Türke viele kennengelernt haben Zeitweise hatte er eine Freundin, dann ging die Beziehung wieder in die Brüche.

Als Teenager sei er nie besonders auffällig gewesen, weiß seine ehemalige Clique zu berichten. Politisch interessiert sei er gewesen, aber nicht übermäßig. Manchmal habe er mit den „Grauen Wölfen“, den türkischen Nationalisten, sympathisiert. Religion habe dabei aber keine große Rolle gespielt, nie waren Koran, Moschee oder Dschihad Thema, von Fundamentalismus keine Spur. Fatih war zwar häufig der einzige, der sich im Kreis von Freunden mit Stolz als Muslim bezeichnete, aber Außenstehende erkannte in ihm nie einen gottesfürchtigen Diener Allahs. Der Glaube aber entwickelte sich zunehmend zu einem Teil von Fatihs Identität.

„Nicht besonders selbstbewusst“ sei er früher gewesen, berichtet ein guter Freund, „nicht von seinem Auftreten her, aber er wirkte innerlich hilflos.“ Er sei, so hört man im Gespräch mit Personen die jahrelang mit ihm befreundet waren, „auf der Suche nach etwas gewesen.“ Häufig habe er die Gruppendynamik gesucht, wollte Teil einer Gemeinschaft sein. Im Kampfsport, den er begeistert ausübte, fand Fatih diese Gruppenzugehörigkeit.

„Vielleicht wegen seines orientalischen Aussehens wurde er einmal nicht in eine Diskothek gelassen“, erinnert sich ein ehemaliger Klassenkamerad. Ob Fatih solche Diskriminierung häufiger erlebte, ist unklar. Unter den eigenen Freunde jedenfalls war er einer von ihnen. Zusammen mit zehn Freunden fuhr er im Juni 2003 nach Hamburg und besuchte ein Rap-Konzert. Von Ausgrenzung war im Freundeskreis nichts zu spüren.

Fatihs Interesse für Parties, Hip-Hop-Musik und das Abhängen in der Clique wurde sogar derart stark, dass er die Schule immer stärker vernachlässigte. Seine schulische Leistungen ließen rapide nach, so dass er noch im Jahr 2003 das Gymnasium wechselte. Auf der neuen Schule bestand Fatih T. im Folgejahr erfolgreich sein Abitur.

Was nach der Schule kommen sollte, wusste Fatih nicht genau. Er jobbte in einer Filiale der amerikanischen Fastfood-Kette „Burger King“ und spielte mit dem Gedanken sich bei der Bundeswehr verpflichten zu lassen. Weiterhin gab es keinerlei Anzeichen, dass aus dem erfolgreichen Abiturienten mal ein radikalislamischer Extremist werden würde. Er hatte weiterhin die Freunde aus seiner Schulzeit um sich, mit einem seiner besten Kumpels machte er Urlaub in der Türkei.

In der Schule waren die naturwissenschaftlichen Fächer Fatihs Stärke, nun wollte er erweitertes technisches Wissen erlernen und anwenden. Er schrieb sich an der Technischen Universität (TU) Berlin ein und begann ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens.

Kommilitonen berichten, eines Tages sei er plötzlich mit Bart und Häkelmütze in der Uni aufgetaucht. Von diesem Zeitpunkt an suchte er regelmäßigen den Gebetsraum der Uni auf und traf sich dort mit Glaubensbrüdern. Innerhalb kurzer Zeit war in ihm eine Religiosität herangewachsen, die er nun offen zur Schau trug. „Der läuft jetzt mit Bart und Kaftan rum“, erzählten sich die Freunde aus Schulzeiten. Ein Fundamentalist sei er aber zu diesem Zeitpunkt nicht gewesen. Der junge Mann war weiterhin nett, höflich und pflegte Umgang mit nichtmuslimischen Freunden. Fatih, so schien es, praktizierte nun den Islam ernsthafter als je zuvor. Für sein Umfeld war er bislang nie „Fatih der gläubige Muslim“ sondern „Fatih der Kampfsportler“ oder „Fatih der Rapper“ gewesen. Nun zierte die Kabaab von Mekka seine Profilseite in sozialen Netzwerken und begann er Videolinks zu Vorträgen des salafistischen Predigers Pierre Vogel an Freunde zu verschicken.

Die Freunde rätseln heute, wie aus dem kampfsportbegeisterten Partygänger in so kurzer Zeit ein Glaubenskrieger wurde. Die Antwort, so vermuten sie, liegt in den Hinterhof-Moscheen im Berliner Kiez und am dortigen, radikalen Umfeld. Als ihn alte Bekannte bei einer Zufallsbegegnung 2009 fragten, von wo er denn gerade komme, antwortete Fatih: „Aus´m Wedding, von der Moschee.“ Sein Leben laufe momentan gut. Eines aber bereite ihm Sorgen, so der Student. Es sei schade, dass er seiner älteren Schwester nicht sagen könne, wie sie sich zu verhalten haben und was sie machen dürfe, und was nicht. Die Freunde wurden stutzig. War das Macho-Gehabe, oder Ausdruck eines immer radikaleren Islam-Verständnisses?

Genau konnten sie es nicht einschätzen, denn die alten Freunde verloren Fatih zunehmend aus den Augen. Oft hing er bei der Moschee rum, baute dort unter Glaubensbrüdern einen neuen Freundeskreis auf, zu welchem wohl auch Yusuf O. gehörte. Der ebenfalls in Berlin geboren und aufgewachsene Yusuf O. verschwand genau wie Fatih T. im Mai 2009 spurlos.

Im April 2010, ein Jahr nach Fatihs Verschwinden aus Berlin, stieß ein Freunde aus Teenager-Tagen im Internet auf ein islamistischen Propagandavideo aus Afghanistan. Produziert hatten es die „Deutschen Taliban Mujaheddin“ (DTM), eine Terrorgruppe aus dem pakistanischen Waziristan der sich in den vergangenen Jahren Islamisten aus Deutschland angeschlossen hatten. Ein bärtiger Dschihadist namens „Abdel Fattah al-Almani (der Deutsche)“ tauchte an mehreren Stellen des Internet-Videos auf. Er hatte eine Panzerfaust geschultert und stapfte durch die Wrackteile eines abgeschossenen Militärhubschraubers im Osten Afghanistans. Angeblich kamen vier Soldaten beim Abschuss des Hubschrauber ums Leben. „Wie krass diese Abtrünnigen stinken“, sagt der deutsche Dschihad-Kämpfer, „sie liegen erst ein paar Tage herum und fangen schon an zu stinken – sie sind kuffar (Ungläubige).“

Das Gesicht des deutschen Islamisten war verpixelt und unerkenntlich, doch sein Berliner Akzent stach hervor. Der Freund schickte das Video über das Internet an die alte Clique. „Ist das nicht Fatih?“, wollte er wissen. Sicher war sich keiner von ihnen, die Stimme aber klang wie die ihres Kumpels – „Abdel Fattah“ aus dem Video war Fatih T. aus Steglitz.

Als die Freunde die Berliner Behörden informierten, wusste man dort längst von den Reisebewegungen Berliner Islamisten in die Ausbildungslager im pakistanischen Waziristan. Muslimischer Migranten der zweiten und dritten Generation und eine Reihe von Konvertiten, sogar einige schwangere Frauen, waren in den letzten Jahren nach Pakistan aufgebrochen, um in den Dschihad zu ziehen. Bis zu 20 Islamisten aus der Hauptstadt sollen sich zeitweise in den Terrorcamps aufgehalten haben – Fatih T. ist einer von ihnen. Zusammen mit Yusuf O. war er offenbar im Frühjahr 2009 über die Türkei und Iran nach Pakistan gereist, hatte sich in den Stammesgebieten Waziristans den Deutschen Taliban angeschlossen und wurde zu einem Kämpfer im Heiligen Krieg. Fatih T. trainierte längst in den pakistanischen Terrorcamps, da erhielt er weiterhin Bafög-Überweisungen. Zuhause in Deutschland war der Berliner weiterhin als Student registriert, nicht als fanatischer Gotteskrieger.

Wie sich herausstellte, hatte Fatih T. seinen ersten Propagandaauftritt bereits im September 2009. Damals bedankte er sich unter dem Kampfnamen „Abdel Fattah“ in einem Video der DTM für die vielen Ramadan-Spenden aus Deutschland. „Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns weiterhin im Kampf gegen die Ungläubigen befinden“, sagte T. mit leiser, zögerlicher Stimme, „Obwohl wir uns im gesegneten Monat Ramadan befinden, geht der Kampf ständig voran.“

Im letzten Videoauftritt des Berliner Deutsch-Türken aus dem Arpil 2010, ruft er deutsche Muslime auf, sich dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen. Auf dem Boden sitzend, vor ihm zwei Maschinengewehre platziert, erklärt Fatih T.: „Ich rufe die Muslime auf, für die Religion Allahs zu kämpfen. Ich rufe euch auf, in die besetzten Länder zu kommen und gegen die Ungläubigen zu kämpfen, so wie sie gegen uns kämpfen“. Auch finanzielle Unterstützung und Missionsarbeit sei willkommen, so der Islamist: „Wir werden auf jeden Fall siegen, die Frage ist nur, ob ihr euren Teil dazu beitragen wollt!“

Zum Zeitpunkt als das Video im Internet auftauchte, war ein großer Teil der „Deutschen Taliban“ bereits nicht mehr am Leben. Eric Breininger, der Berliner Konvertit Danny R. sowie Ahmet M., der ehemalige Anführer der DTM, starben im April 2010 in einem Feuergefecht mit pakistanischen Soldaten. Der ebenfalls aus Berlin stammende Konvertit Thomas U. und seine schwangere Ehefrau verließen die Gruppe im Spätsommer 2010 und wurden im vergangenen September in der Türkei festgenommen. Sie hatten genug vom Leben in Waziristan und wollten zurück nach Deutschland.

Trotz der Verhaftungen und etlicher Todesfälle in den Reihen der deutschen Dschihadisten, wagen deutsche Behörden noch nicht von einem Ende der DTM-Gruppe zu sprechen. Fatih T. und Yusuf O. kämpfen weiter, sie sollen gar an Angriffen auf das US-Militär in Afghanistan beteiligt gewesen sein.
Auch der in Berlin-Neukölln geborene Hayrettin S., vor dem jüngst das US-Militär eindringlich warnte, soll sich in der afghanisch-paksitanischen Grenzregion aufhalten. Abgehörte Chat-Gespräche belegen, dass S. sich der DTM angeschlossen hatte und möglicherweise sogar bereit ist Anschläge in Deutschland durchzuführen.

Nach Monaten ohne ein propagandistisches Lebenszeichen, tauchte vor wenigen Wochen ein Schreiben der „Deutschen Taliban Mujaheddin“ auf einer türkischsprachigen Islamisten-Webseite auf. Darin heißt es, Fatih T. alias „Abdel Fattah al-Almani“ sei zum neuen Emir der Gruppe ernannt worden. Seine Dschihad-Karriere scheint demnach noch nicht beendet zu sein. Eine Rückkehr ins heimatliche Berlin kommt für den heute 26jährigen wohl nicht mehr in Frage. Er ist nun der Anführer der „Berliner Taliban“, gilt als gefährlicher Terrorist und wird per Haftbefehl gesucht.

In der Berliner Heimat sind Fatihs Freunde entsetzt über dessen Werdegang. Nie hätten sie gedacht, der freundliche HipHop-Fan würde eines Tages zu einem islamistischen Terroristen mutieren. Der Prozess seiner Radikalisierung bleibt für sie unerklärlich. Nie hatte er Hass auf den Westen, auf die USA oder auf Deutschland erkennen lassen, oder sein Umfeld in Gläubige und Ungläubige eingeteilt.

Fatihs ehemalig bester Freund hatte es indes vor einigen Jahren auch an den Hindukusch verschlagen – als Soldat der Bundeswehr.