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„Ich hoffe dass Gaddafi entmachtet wird“

by Florian Flade

Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi tötet nicht nur sein eigenes Volk. Gaddafis Terror kostete 1988 fast 200 Amerikaner das Leben. Ich sprach mit Hinterbliebenen des Lockerbie-Attentats. Sie hoffen nach über zwei Jahrzehnten endlich auf Gerechtigkeit – durch den Sturz Gaddafis.

Am 21.Dezember 1988 startete in London Heathrow der Flug Pan Am 103 in Richtung New York. An Bord des Flugzeugs vom Typ Boing 747 befanden sich 16 Crew-Mitglieder und 243 Passagiere, unter ihnen ein großer Teil Studenten, die ein Auslands-Semester in Großbritannien verbracht hatten und nun Weihnachten mit der Familie in die Heimat feiern wollten.

Die vollbesetzte Passagiermaschine befand sich nur knapp eine halbe Stunde nach dem Start in 9,400 Metern Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie, als sie von einer gewaltigen Explosion zerrissen wurde. Eine Bombe, versteckt in einem Koffer, zerstörte die Maschine in der Luft und ließ einen Trümmerregen auf Lockerbie niedergehen. Insgesamt starben durch das Attentat 270 Menschen, darunter 190 Amerikaner.

Wer für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich war, war zunächst unklar. Der erste Verdacht fiel auf den von Ayatollah Khomeini regierten Iran und das syrische Regime. Erst drei Jahre nach dem Anschlag fanden Ermittler eine Spur nach Libyen und erhoben Anklage gegen den inzwischen in den Niederlanden lebenden libyschen Geheimdienst-Agenten Abdel Basset Ali al-Megrahi. Er soll im Auftrag des libyschen Diktators Gaddafi den Sprengsatz an Bord von Pan Am Flug 103 gebracht haben.

Im Januar 2001 wurde Al-Megrahi wegen des Lockerbie-Anschlages zu lebenslanger Haft verurteilt. Aufgrund einer Krebserkrankung wurde er jedoch im August 2009 vom britischen Justizminister begnadigt und anschließend nach Libyen ausgeflogen, wo er von Staatschef Gaddafi persönlich empfangen wurde. Gaddafi übernahm offiziell nie die Verantwortung für das Attentat vom Dezember 1988, der libysche Despot gilt aber als Drahtzieher und Auftraggebers Al-Megrahis.

Opfer Theodora Cohen – „Gaddafi ist ein Monster“

Eines der Opfer von Lockerbie ist Theodora Cohen. Die 20jährige Theaterstudentin aus Port Jervis (New York), von der die Eltern sagen, sie habe Schauspielerin werden wollen und eine sagenhafte Sopran-Stimme gehabt, hatte wie viele Passagiere des Fluges Pan Am 103 ein Studiensemester in Großbritannien verbracht. Am 21.Dezember 1988 saß Theodora auf Platz 21H der Pan Am Maschine als diese über dem schottischen Lockerbie von einer Bombe zerstört wurde.

An jenem Tag verloren Susan und Daniel Cohen ihre einzige Tochter. In den Folgejahren nach dem Bombenattentat verlor das Paar auch zunehmend die Hoffnung dass die Mörder von Theodora endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Dass die politischen Führer der Welt Gaddafi aus der Isolation holten, hält Susan Cohen für unerträglich.

„Ich erinnere mich noch genau an die Worte von Bush kurz vor dem Jahrestag“, so Cohen gegenüber Welt Online, „Wir hatten unsere Differenzen mit dem libyschen Führer – Diese Worte haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir hatten unsere Differenzen? Eine zivile Passagiermaschine in die Luft zu jagen war der schlimmste Akt des Terrorismus vor dem 11.September 2001 und du redest von Differenzen?“

Damals, kurz nach dem Attentat verlangte Susan Cohen, die sich selbst eher als links-liberal bezeichnet, Militärschläge gegen Gaddafi. „Sie hätten ihn spätestens dann ausschalten sollen, als er Pan Am 103 bombte“, so Cohen, „Meine Tochter war noch ein Kind, gerade einmal 20 Jahre alt. Dieser Mann hat sie einfach so getötet, so wie man einen Käfer auf dem Boden zerquetscht.“

Die Verhaftung und Verurteilung des Geheimdienstagenten Megrahi, war für die Cohens „ein winziger Schimmer Gerechtigkeit“ im Fall Lockerbie. „Letztendlich hatten wir nicht einmal mehr das“, zürnt Susan Cohen, „Gaddafi wollte Megrahi zurück – und er hat ihn bekommen.“ Dass Muammar al-Gaddafi Drahtzieher von Lockerbie war, steht für die Cohens, die eine 5- Millionen US-Dollar Zahlung für den Tod ihrer Tocher ablehnten, außer Frage: „Es geht nicht darum, wer schießt, sondern wer für die Kugel bezahlt.“

Der Westen habe Gaddafi durch seine Öl-Gier erst zu dem gemacht, was er heute ist, meint die 73jährigen. „Ich habe damit gerechnet dass ich sterben werde und er mich überlebt nur aus dem einzigen Grund weil der Westen ihn so nett behandelt“, sagt Susan Cohen. Die westlichen Regierungen, in erster Linie die USA, Großbritannien, Italien und Frankreich, hätten Gaddafi politisch rehabilitiert und ihn völlig falsch eingeschätzt. „Er ist ein Monster, das wir zwar nicht direkt geschaffen haben“, so Cohen, „aber wir haben das Monster möglich gemacht.“

Nun seien die westlichen Regierungen in der Verantwortung das Morden Gaddafis zu beenden und ihn nach Jahren zur Rechenschaft für seine Terrorakte zu ziehen. „Plötzlich – und zwar nicht Dank unserer Regierungen, sondern Dank des libyschen Volkes – sehen wir diese Ereignisse in Libyen“, erklärt Susan Cohen gegenüber Welt Online, „Ich mag diese jungen Libyer wirklich sehr. Sie sind sehr mutig und ganz anders als alle Stereotypen die man von Arabern hat. Ich fühle mich mit ihnen verbunden. Wir sind alle Opfer Gaddafis.“

Präsident Obama habe die Verantwortung, die militärische Operation nun bis zum Sturz des libyschen Diktators durchziehen, sagt die Mutter eines Lockerbie-Opfers, schießlich habe Gaddafi Amerikaner auf dem Gewissen. Diesmal dürfe es keine Spielchen um Öl geben. „Gaddafi ist geisteskrank und gefährlich“, meint Susan Cohen, „Tötet ihn! Es gibt nichts was es rechtfertigen würde, dass es einen Muammar al-Gaddafi auf diesem Planeten gibt.“

Was würde sie tun, sollte Gaddafi bei den Luftangriffen auf Libyen ums Leben kommen? „Ich könnte dann morgens aufstehen und sagen: Gott sei Dank!“, entgegnet die 73jährige Amerikaner, „Es ist furchtbar, all die Jahre zu Leben ohne Gerechtigkeit zu erhalten.“

Opfer Thomas Ammerman – „Gaddafi muss gehen!“

Bert Ammerman aus Northvale (New Jersey) verlor am 21.Dezember 1988 am Himmel über Lockerbie seinen 36 Jahre alten Bruder Thomas J.Ammerman, einen Manager der von einer Geschäftsreise zurückkehrte. Als Gaddafis Verbindung zum Lockerbie-Attentat bekannt wurde, unterstütze Bert Ammermann eine militärische Vergeltungsaktion gegen den libyschen Despoten. „Von jenem Moment, als Gaddafis Verbindungen zum Staats-Terrorismus nachgewiesen wurden, hätten wir alles mögliche versuchen müssen, ihn zu stürzen“, so Ammerman gegenüber „Welt Online“, „Was er getan hat, war ein Akt des Krieges gegen uns. Aber nichts ist passiert.“

Die USA, so Ammerman, hätten nach Lockerbie niemals einen politischen Neuanfang mit einem Libyen unter Gaddafi starten sollen. „Die Feinde von heute, sind unsere Alliierten von morgen, siehe Deutschland und Japan“, erklärt der inzwischen pensionierte Schulleiter, „Aber wir hätten heute doch auch keine Beziehungen mit Deutschland, hätten wir damals gesagt: Hitler du kannst an der Macht bleiben. Aber als er entmachtet war, haben wir Wiederaufbau geleistet und wurden starke Alliierte.“

Das aktuelle militärische Vorgehen der USA und anderer Staaten begrüßt der Bruder eines Lockerbie-Opfers. „Ich bin froh dass die USA und andere Länder begonnen haben zu intervenieren“, sagt Ammerman, „Ich hoffe nur dass Gaddafi tatsächlich entmachtet wird.“ Sobald dies geschehen sei, sollten sich die USA zurückziehen: „Wir sollten aus Libyen kein Irak oder Afghanistan machen.“

Enttäuscht zeigt sich Ammerman von einer passiven Haltung der deutschen Regierung im Fall Libyen: „Sie sollten sich daran beteiligen wie andere Länder auch.“

Angesichts der revoltierenden Massen in Libyen, müssten die USA nun auch über die Bewaffnung der Oppositionsbewegung nachdenken. „Das libysche Volk revoltiert gegen einen brutalen Diktator, einen Mann der Amerikaner in 9,400 Meter Höhe getötet hat“, erklärt Bert Ammerman, „Das Mindeste was wir jetzt tun sollten ist, eine Flugverbotszone einzurichten und den Rebellen militärische Waffen zu geben, damit sie den Kampf fortsetzen können.“

Sollte Gaddafi in naher Zukunft militärisch entmachtet werden, müssten auch seine Söhne sein Schicksal teilen, fordert Ammerman. „Was mich beunruhigt sind diese Kriegsgegner, die sagen: macht mal langsam“, so der 62jährige, „Gaddafi und seine Söhne haben bewiesen, dass sie ihr eigenes Volk massakrieren werden. Und das einzige was man jetzt tun kann, und was Präsident Obama jetzt endlich sagt: Gaddafi muss gehen!“

Ob der libysche Diktator für das Lockerbie-Attentat vor Gericht gestellt wird oder im Zuge einer militärischen Operation getötet wird, ist für Bert Ammerman keine relevante Frage. „Ich würde sowohl das eine, als auch das andere akzeptieren“, sagte er Welt Online, „Wenn Sie ihn lebendig fangen, super. Wenn sein Leben genommen wird, damit das libysche Volk eine Chance auf Freiheit hat, heiße ich das noch mehr willkommen.“

Opfer John Flynn – „Wir wollen Gerechtigkeit“

Der 21jährige Austauschstudenen John Patrick Flynn aus Monteville (New Jersey) war Teil jener amerikanischen Studentengruppe, die in London Auslands-Semester absolvierte. Auch für ihn wurde Pan Am 103 zum Todesflug.

„Mein Sohn studierte als Teil des Syracuse Programms in London und war auf seinem Weg nach Hause zu Weihnachten“, erzählt Johns Mutter Kathleen. Für sie ist es unverständlich, dass die USA den libyschen Auftraggeber des Lockerbie-Attentats so lange ungeschoren davon kommen ließen: „Hätten wir ihn schon vor langer Zeit ausschalten sollen? Ja, aber wir haben es nicht gemacht.“

Ihre Wut sei nach dem Tod ihres Sohnes derart groß gewesen, so Kathleen Flynn, „Ich wäre selbst dorthin gegangen, und hätte Gaddafi getötet.“ Die jüngsten Entwicklungen in Libyen begrüßen die Flynns. Sie hoffen auf Gerechtigkeit. „Wir wollen keine Rache, wir wollen Gerechtigkeit“, sagt der Vater Jack Flynn, „Ich würde ihn gerne vor dem Internationalen Gerichtshof sehen für das war er mit Pan Am 103 gemacht hat.“

Muammar al-Gaddafi bei Staatsempfängen zu sehen, habe über all die Jahre, die Wut nur noch größer gemacht, berichten die Flynns. „Es war eine unfassbare Beleidigung“, so Kathleen Flynn, „Ich wollte mich übergeben, jedesmal wenn ich ein Staatsoberhaupt gesehen habe, das Gaddafi die Hand schüttelte.“ Ziehe man den Diktator jetzt nicht zur Verantwortung für seine Taten, werde es für die Lockerbie-Opfer bis in alle Ewigkeit keine Gerechtigkeit geben. „Es interessiert mich nicht, wer wen bewaffnet“, so die Mutter von Lockerbie-Opfer John Flynn, „Werdet Herr der Lage und holt ihn da raus.“

In der Vergangenheit spielte Gaddafi häufig den Büßer, gab Atomwaffenprogramme auf, entschädigte Opfer von Terroranschlägen. Eine Entschuldigung für Lockerbie, ist für Kathleen Flynn völlig inakzeptabel, sagte sie im Gespräch mit Welt Online. „Ich will keine Entschuldigung von Muammar al-Gaddafi, ich würde ihm eher ins Gesicht spucken.“

http://www.welt.de/politik/ausland/article12970218/Wir-haben-das-Monster-moeglich-gemacht.html

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Arid U. – Der Attentäter vom Frankfurter Flughafen

by Florian Flade

Der Todesschütze vom Frankfurter Flughafen führte ein Doppelleben. Nach außen gab sich Arid U. integriert, im Internet aber war er ein Gotteskrieger, der den Dschihad veherrlichten und Ungläubige hasste .

Arid U. wollte eine Blutbad anrichten, Menschen töten, die er für Ungläubige hält, die Kriege gegen Muslime führen und deshalb aus seiner Sicht sterben müssen. Ausgerüstet mit einer Pistole und einer beachtlichen Menge Munition, machte sich der 21jährige Deutsch-Kosovare gestern morgen auf den Weg zur Arbeit am Flughafen Frankfurt am Main.

Am Nachmittag wartete U. außerhalb des Terminals 2 auf seine Opfer – amerikanische Soldaten. Ein gutes Dutzend Militärpolizisten der US-Luftwaffe, stationiert im britischen Lakenheath, kamen mit einer Maschine aus London. Sie trugen keine Uniformen, sondern zivile Kleidung, und sollten von Frankfurt aus weiter zur US-Militärbasis Ramstein reisen, und von dort in den kommenden Tagen in den Kriegseinsatz im Irak bzw. nach Afghanistan abfliegen.

Noch bevor die Gruppe Amerikaner aus dem Flughafen-Terminal zum wartenden Bus kam, stieg Arid U. in der Fahrzeug. Offenbar konnte er als Flughafenmitarbeiter problemlos Zugang erhalten. Kaum hatten die US-Soldaten im Bus Platz genommen, eröffnete Arid U. mit seiner Waffe das Feuer, trug mindestens einen Amerikaner in den Kopf, einen weiteren in den Oberkörper. Auch der Fahrer des Busses wurde getroffen, sackte schwer verletzt in seinem Sitz zusammen.

Die US-Soldaten, die zum Zeitpunkt des Attentats unbewaffnet waren und überrascht wurden, versuchten panikartig aus dem Bus zu fliehen. Nur dem Umstand, dass die Schusswaffe Arid U.s plötzlich klemmte, ist es zu verdanken, dass es keine weiteren Opfer gab. Der kosovarische Todesschütze lies die Pistole fallen und flüchtete zurück in den Flughafen-Terminal, wo in kurze Zeit später Beamte der Bundespolizei überwältigten und festnahmen.

Zwei US-Soldaten tötete Arid U., mindestens zwei weitere wurden durch die Kugeln des Attentäters schwer verletzt. Hätte er gekonnt, hätte U. die Bluttat vermutlich ohne zu zögern fortgesetzt.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie US-Präsident Barak Obama das blutige Attentat vom Frankfurter Flughafen am Mittwochabend aufs schärfste verurteilten, haben deutsche Sicherheitsbehörden inzwischen die Ermittlungen aufgenommen. Es gilt festzustellen, ob Arid U. ein Einzeltäter war, oder Teil einer Gruppierung. An der islamistischen Motivation des Todesschützen, dürfte inzwischen wohl kein Zweifel mehr bestehen. Arid U. war ein Islamist. Er sah sich im Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen, das belegen Internetspuren, die der 21jährige in den vergangenen Moanten hinterließ.

Arid U., wurde in Deutschland geboren, wuchs in Frankfurt auf – Stadtteil Sossenheim – machte seinen Realschulabschluss. Die Familie stammt aus dem kosovarischen Mitrovica, kam bereits vor 40 Jahren in die Bundesrepublik. Die U.s gelten als religiös, jedoch nicht als fanatisch. Der Vater soll im Kosovo Imam gewesen sein.. Sein Sohn, so der Vater, sei am Mittwoch nicht von der Arbeit gekommen, mehr wisse er nicht. Im Kosovo berichtet der Onkel, Arid sei ein gläubiger Muslim, ein junger Mann der seine Religion ernst nehme.

Im Internet findet sich ein Arid U., der sich als Verteidiger des Islam gab, ein junger Mann, der die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilte, islamistische Rap-Musiker und Youtube-Prediger verehrte. „Abu Reyyan“ nannte sich der 21jährige im Cyberspace, verbreitete Youtube-Links zu Dschihad-Hymnen, kritisierte Deutschlands Nähe zu Israel und propagierte anti-schiitisches Gedankengut.

„Selbst wenn jemand zum Dschihad aufrufen würde“, schrieb Arid U., „Na und? Das ist nunmal Teil dieser schönen Religion. Man darf nunmal Ungläubige bekämpfen wenn man angegriffen wird.“ Der Islam und die Muslime, so Arid, würden angegriffen. Die Deutschen würden sich vor einer Ausbreitung der Religion fürchten. „Die wollen halt lieber dass sich die Muslime anpassen und gefälligst an den Weihnachtsmann glauben“, schrieb Arid U. im Dezember.

Das Land, in dem er lebte und aufwuchs, schien Arid U. in den vergangenen Jahren immer mehr abzulehnen. Deutschland, unter der Führung der „Ungläubigen Merkel“ habe sich mit der Solidarität zu Israel auf die Seite der Juden geschlagen, so der gebürtige Kosovare, „Das ist wie eine Kriegserklärung.“

Am heimischen Computer bereitete sich U. auf den Dschihad vor. „Black Ops“ heißt eines jener Kriegsspiele, die der 21jährige leidenschaftlich gern spielte. „Wie früher, nur am zocken“, kommentierte ein alter Schulfreund. „Ein Profi muss halt immer in Übung bleiben“, so Arids Antwort. Ein Foto von sich beschrieb der Todesschütze von Frankfurt mit den Worten: „Das ist mein Killerblick“.

Interessant dürfte für die Ermittler sein, ob Arid U. am Mittwoch auf eigene Faust handelte, als er loszog um Amerikaner zu töten. Aus den Internet-Spuren lässt sich ablesen, dass der Deutsch-Kosovare zumindest mit der deutschen Salafisten-Szene und ihren Größen Pierre Vogel, Sven Lau, Abou Ibrahim Nagdie und Sheikh Abdullatif, sympathisierte. Letzterer gilt als einflussreicher Prediger im Großraum Frankfurt.

Mehrfach wurden Sheikh Abdullatif Kontakte zur radikalen Szene bis hin in militante Dschihadisten-Kreise nachgesagt, bestätigt wurde dies nie. In der vergangenen Woche durchsuchte die hessische Polizei mehrere Wohnungen in und um Frankfurt, darunter auch die von Abdullatif. Die Beamten beschlagnahmten Material und verhörte den gebürtigen Marokkaner, nahmen ihn jedoch nicht fest. Abdullatif, so die Vermutung der Ermittler, soll junge Muslime für den Dschihad angeworben haben, um sie nach Afghanistan und Pakistan zum Terror-Ausbildung zu vermitteln.

Der Berliner Ex-Rapper Deso Dogg, der zum Islam konvertierte und sich nun „Abu Malik“ nennt, beeindruckte den Frankfurter Attentäter Arid U. augenscheinlich besonders. „Ich liebe dich für Allah!“, kommentierte der Deutsch-Kosovare ein Video des ehemaligen Musikers. „Abu Malik“, der für die salafistische Missionarsbewegung „Einladung zum Paradies“ und „DawaFFM“ Vorträge in Moscheen hält, geriet jüngst aufgrund eines umstrittenen Liedes in die Kritik, in dem er den Dschihad und das Märtyrertum verherrlichte.

Arid U. saugte das islamistische Gedankengut offenbar auf. Aus dem Computerspiele-Fan wurde Schritt für Schritt ein gewaltbereiter Islamist. „Mögen die Augen der Ungläubigen niemals ruhen“ – diesen Ausspruch eines muslimischen Feldherrn, wählte U. als sein Lieblingszitat.

Der Terror hat tausend Gesichter – Und kein Profil

von Florian Flade

Bei Sicherheitskontrollen an deutschen Flughäfen soll ein terroristisches Täterprofil zum Einsatz kommen – so der Vorschlag vom Präsidenten des Deutschen Flughafenverbandes. Wer glaubt dies bringe den gewünschten Erfolg lebt im sicherheitspolitischen Mittelalter.

„Diese neue Generation von Mujahideen wächst mehrsprachig auf. Sie lernen hier in der Regel Arabisch, Türkisch, Englisch, Paschtu, Urdu und die Muttersprache der Eltern“, schrieb der Saarländer Konvertit Eric Breininger in seinen Memoiren, die im April im Internet veröffentlicht wurden, kurz nachdem pakistanische Soldaten den deutschen Islamisten erschossen hatten. „Mit Allahs Erlaubnis wird dieser Nachwuchs zu einer ganz besonderen Generation von Terroristen, die in keiner Datenbank und keiner Liste der Feinde Allahs erfasst ist“, schrieb Breininger weiter, „Sie sprechen die Sprachen der Feinde, kennen ihre Sitten und Bräuche und können sich auf Grund ihres europäischen Aussehens hervorragend tarnen und so die Länder der Ungläubigen unauffällig infiltrieren um dort eine Operation nach der anderen ausführen und so Angst und Terror in ihren Herzen zu sähen.“

Der inzwischen getötete Breininger macht auf mit seiner Autobiografie postmortem ein Phänomen aufmerksam, das Sicherheitsdiensten zunehmend zu schaffen macht. Historische Profile von islamistischen Attentätern beginnen zu bröckeln, phenotypische Terroristenprofile lassen sich neun Jahre nach dem 11.September 2001 nicht mehr aufrechterhalten. Der dschihadistische Terrorismus kommt längst nicht mehr im Gewand eines Mohammed Atta oder Ziad Jarrah daher.

Genau deshalb lässt sich das vom Präsident des Deutschen Flughafenverbandes Christoph Blume vorgeschlagene Profiling von Passagieren an deutschen Flughäfen nicht nur verfassungsrechtlich hinterfragen, sondern darf als wenig effektiv bewertet werden.
Von welchem Profil etwa spricht Herr Blume? Ist es der 20-30jährige Mann nahöstlich oder vorderasiatischer Herkunft? Trägt er Bart oder ist frisch rasiert? Reist er alleine oder mit Familie? Spricht er Arabisch, Türkisch oder Pashtu? In Kategorien zu denken mag hilfreich erscheinen. Es macht Vorurteile vermeintlich real bedeutsam und formt eine Realität, deren Komplexität schlechtweg verkannt oder bewusst ignoriert wird. Wer sich sein Terroristen-Profil bastelt vermittelt Passagieren den Eindruck, Reisen würde dadurch sicherer dass ab sofort Türken und Araber eine separate Sicherheitsschleuse benutzen müssen. Abgesehen von der Frage nach Menschenwürde und Bürgerrechten – ein fataler Trugschluss welcher der sicherheitspolitischen Realität nicht gerecht wird.

Vor fast genau einem Jahr überwältigten Passagiere den dunkelhäutigen Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der eine in der Unterwäsche versteckte Bombe in einem US-Passagierflugzeug über Detroit zünden wollte. Der Sohn eines nigerianischen Bankiers sprach perfektes Englisch, trug ein weißes T-Shirt, hatte keinen Bart. Welchem Täterprofil entsprach Abdulmutallab?

Beispiel Sauerlandzelle. Ihre Mitglieder waren ein blonder Konvertit namens Fritz, ein langhaariger, hellhäutiger Deutscher namens Daniel. Wäre Breininger nicht in etlichen Propagandavideos aufgetreten und hätten deutsche Behörden ihn nicht auf dem Radar gehabt – wem wäre der blonde, blauäugige Saarländer mit spärlichem Oberlippenbart als Terrorist aufgefallen? Was ist mit den dunkelhäutigen Somaliern die dutzendfach die europäischen Exil-Gemeinde von Großbritannien, Schweden und Dänemark verlassen und eventuell als ausbildete Guerilla-Kämpfer zurückkehren?

In den terroristischen Ausbildungslagern Pakistans tummeln sich seit Jahren nicht mehr nur Ibrahims, Mohammeds, Ahmeds oder Omars. Konvertiten dominieren zunehmend die Szene, weiße, europäische oder nordamerikanische Islamisten, die teilweise nur wenige Monaten nach dem Übertritt zum Islam den militanten Weg einschlagen und Märtyrer werden wollen. Ihre Profile sind so variabel wie die Personen selbst. Soll also das Sicherheitspersonal an deutschen Flughäfen nun in Zukunft auf rothaarige Briten, blauäugige Libanesen, hellhäutige Algerier, dunkelhäutige Somalier mit dänischem Akzent achten?

Ein gefährliches Merkmal der al-Qaida-Kultur ist nicht etwa ihre Gefahr oder der schier grenzenlose Fanatismus, sondern vielmehr die Tatsache dass es Bin Laden gelang aus den Wirren des anti-sowjetischen Krieges in Afghanistan eine islamistische Internationale zu formen. Während die militanten Palästinensergruppen kaum einen Monat ohne interne Machtkämpfe und blutige Streitereien verbleiben, hat al-Qaida eine multiethnische, multilinguale Dschihad-Allianz geschaffen, ein terroristisches Netzwerk das die Grenzen von Nationalität, Rasse, Hautfarbe und gar Geschlecht überwindet.

Auf Propagandaebene hat sich das Netzwerk schon lange auf nicht-arabische Rekruten konzentriert. Englischsprachige Videobotschaften und Schriften sollen Muslime im Westen mit dem dschihadistischen Virus infizieren. Sie sollen Einzeltäter dazu bringen ohne Befehl, ohne Netzwerk, ohne Komplizen loszuschlagen. Erreicht werden damit keineswegs nur westliche Islamisten mit arabisch oder pakistanischem Hintergrund. Die Liste jener Terroristen, die in den vergangenen Jahren festgenommen wurden, und in kein Kategorie-Schema passen ist lang und wird immer länger.

„Jihad Jane“ ist der Spitzname der amerikanischen Konvertitin Colleen LaRose, die im Zusammenhang mit einem geplanten Anschlag auf den schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks festgenommen wurde. Nicht einmal israelischen Profilern wäre die blauäugige Frau mit wallender, blonder Mähne aufgefallen. Auch der Amerikaner Bryant Neal Vinas wollte im Namen Allahs töten. Er ist ein Hispanic aus New Jersey, ausgebildet in einem al-Qaida Lager in Pakistan.

Die Einführung eines Profiling nach Aussehen, Geschlecht und ethnischer Herkunft ist demnach nichts anderes als ein Arbeiten gegen den Trend. Ein Blick in die islamistischen Propagandavideos der vergangenen Jahre belegt: der dschihadistische Feind hat viele Gesichter, spricht etliche Sprachen und besitzt westliche Pässe. Neben deutschen Islamisten trainieren Usbeken, Tadschiken, Kirgisen, Tataren, Dagestaner und andere zentralasiatische Ethnien in den Lagern Waziristan. Chinesische Uiguren, Indonesier, Bangladescher und Maledivier tauchen auf, komplett verschleierte Frauen und vermummte unbekannte Gesichter die in akzentfreiem Deutsch Hass predigen – sogar albinotische Personen.

Geheimdienstarbeit und grenzübergreifende Zusammenarbeit von Sicherheitsdiensten und nicht das Fixieren auf ein veraltetes Täterprofil sind der effektivste Weg für eine sichere, terrorfreie Zivilluftfahrt. Das Risiko ist die Dunkelziffer, an deren Minimierung die deutschen Sicherheitsbehörden fieberhaft, und teilweise durchaus erfolgreich, arbeiten. Durch Videopropaganda bekannte Gesichter, wie etwa das von Breininger, Bekkay Harrach oder Mounir Chouka, würden wohl nie wagen per Flugzeug in Richtung Bundesrepublik abzufliegen. Zu bekannt sind sie, als dass sie per Passagierflugzeug versuchen würden einzureisen.

Viel gefährlich sind jene, die im Schatten der Propaganda-Schlachtrösser standen, bislang unbekannte Islamisten, jene Generation der europäisch aussehenden Kosmopoliten dschihadistischer Couleur, die Eric Breininger in seinen Memoiren erwähnte.